Wo bleibt das Positive … ?

29. Juni 2026

Wo bleibt das Positive, 
Frau Bressan?

Sarah Bressan
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Bild: Porträt von Sarah Bressan
Sarah Bressan 
ist Head of Futures & Strategic Foresight am Global Public Policy Institute (GPPi) und lehrt Zukunftsforschung an der FU Berlin.
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In einer unsicherer werdenden Welt wächst die Versuchung, sich an scheinbare Gewissheiten zu klammern, mögen sie auch unerfreulich sein. Der liberale Westen, heißt es etwa, habe seine besten Jahre hinter sich. Die gesellschaftliche Polarisierung mache Kompromisse unmöglich, die Bevölkerung sehne sich nach einfachsten Antworten. Und wenn Autokraten und Tech-­Bosse erst einmal ihre nihilistischen Bot-Farmen anwerfen, dann rette sich, wer kann!

Abstrakte Zukunftsängste lähmen uns mehr als die Gewissheit über das scheinbar unausweichliche Konkrete. Deshalb schlägt das Stimmungspendel leicht in gegenteilige Vereinfachung um. Wenn das „Ende der Geschichte“ als Siegeszug des liberalen ­Westens nicht gestimmt hat, dann muss es wohl das Gegenteil sein: Die Demokratie ist verloren.

Doch zum Glück passiert ab und an etwas, das uns innehalten lässt. So etwa, als Péter Magyar in Ungarn Viktor Orbán aus dem Weg räumte, die Lichtgestalt des Illiberalismus. J. D. Vances klägliche Wahlkampfhilfe für Orbán ließ die globale Rechte alt aussehen. Und: Mit Orbán verlor auch ein Narrativ, das sich Russlands Imperialismus lieber ängstlich anbiedert, statt ihm die Stirn zu bieten.

Der Statistiker Nassim Taleb hat einmal folgendes Prinzip formuliert: Wer die verbleibende Lebensdauer einer Institution wie der Demokratie abschätzen wolle, der solle davon ausgehen, dass sie noch so lange weiter bestehe, wie sie bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt existiert hat. Quasi die mathematische Version von „Totgeglaubte leben länger!“

Die Demokratie ist über 2000 Jahre alt, die Ideen der Französischen Revolution mindestens 250 Jahre. Das bedeutet nicht, nachlässig bei der Verteidigung der Demokratie zu werden, die EU vorschnell als gerettet zu betrachten oder Magyar unkritisch als Heilsbringer zu feiern. Stattdessen gilt es, aus Ungarn die richtigen Lehren zu ziehen. Dazu gehört der Glaube an demokratische Mobilisierung, an die Macht vereinender Narrative und die Einsicht, dass sich eine stolze Bevölkerung nicht ewig von korrupten Eliten auf der Nase herumtanzen lässt.

Ja, Demokratie ist anstrengend. Zuweilen macht sie Fehler, Leute verlieren die Geduld und die Stimmung kippt. Aber statt Trends zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu erheben, bietet es sich an, den Blick zu weiten – und die Nerven zu behalten. Denn dieselben Leute sehnen sich auch immer nach Positivem. In einer Demokratie haben sie glücklicherweise eine Wahl: Sie können anders entscheiden.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Mai/Juni 2026, S. 128

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Sarah Bressan 
ist Head of Futures & Strategic Foresight am Global Public Policy Institute (GPPi) und lehrt Zukunftsforschung an der FU Berlin.

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