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01. Juli 2016

Weniger Glanz

Israels Rüstungsindustrie, deren Güter zu 80 Prozent für den Export bestimmt sind, feiert auch weiterhin im Ausland Erfolge. Daheim jedoch gerät die Armee immer stärker unter Druck: Ihr Image ist angekratzt, im Offizierskorps steigt der Anteil der Religiösen – und das könnte in der Zukunft zu einer Zerreißprobe führen.

Der jüngste Rekrut der israelischen Armee heißt Dogo. Er wiegt nur zwölf Kilo, verfügt aber über alle Eigenschaften, die von einem Kampfsoldaten erwartet werden. Die 9-mm-Glock-Pistole hält er schussbereit, wenn er in Bunker oder in Verstecke von Terroristen eindringt, allein oder im Team mit anderen. Dogo, benannt nach dem argentinischen Jagdhund, kann mit tödlichen Instrumenten umgehen, die den Gegner außer Gefecht setzen. Er gehorcht aber auch auf den Befehl „Pfefferspray“ und weiß dann, wie man es einsetzt. Selbstverständlich ist er in der Lage, Hindernisse zu überwinden und die Umgebung auszukundschaften. Dogo sieht alles: Sein Blickfeld beträgt 360 Grad, statt zweier Augen hat er acht HD-Kameras. Zudem soll er eines Tages fähig sein, mit Geiselnehmern Verhandlungen über die Freilassung von Gefangenen zu führen.

Dogo ist der Inbegriff eines Traumes, den Arnold Schwarzenegger Mitte der achtziger Jahre verkörperte. Drei Jahrzehnte später ist ein „Terminator“ aber nicht mehr Science-Fiction, sondern das Produkt der israelischen Rüstungsindustrie. Anti-Terror-Einheiten der Polizei und die Forschungsabteilung des Verteidigungsministeriums haben dazu beigetragen, dass die Firma General Robotics den „Retortensoldat“ Dogo bauen konnte. Er soll bald serienmäßig hergestellt werden. Handlich und auch bei widrigen Bedingungen einsetzbar, ist der kleine Kriegsroboter der ideale Kämpfer, der Soldaten und Offizieren lebensgefährliche Einsätze abnimmt. Der kleine Terminator ist eines der jüngsten Beispiele für Innovationskraft, die Ingenieure und Erfinder aus neuen Herausforderungen gewinnen. Jeder Krieg führe bei der Rüstungsindustrie zu einem Kreativitätsschub, meint Barbara Opall-Rome, die in Israel das Büro von Defense News leitet. Die Reihe der neuen Prüfsteine ist unendlich. „Die heutigen und künftigen Schlachtfelder sind vollkommen anders als das, was wir in der Vergangenheit gekannt haben“, schrieb der ehemalige Verteidigungsminister Mosche Yaalon auf Facebook. Panzer, einst das Rückgrat der Armee, sind im Kampf gegen Dschihadisten oder zur Abwehr von Raketenangriffen nutzlos.

Seit den Verwerfungen des Arabischen Frühlings sieht sich Israel mit einem neuen strategischen Umfeld konfrontiert. Die Armeen der Nachbarländer sind kaum eine Bedrohung; Israel ist von gescheiterten Staaten und gefährlichen Terroristen umgeben. Statt Panzer sind jetzt verstärkt die Luftwaffe, Geheimdienstinformationen und der Einsatz von Cyber-Warfare gefragt.

Keine Berührungsängste zwischen Industrie, Militär und Forschern

Rüstungsindustrie, Start-ups, Armee, Forschung: In Israel sind sie Teil desselben Systems, funktionieren wie durchlässige Gefäße. So hat Carmi Gillon während der neunziger Jahre den ShinBet, den internen Sicherheitsdienst Israels, geleitet. Jetzt bietet seine Firma Cytegic ein System an, das an seinen alten Beruf als Spion anknüpft, wenn auch mit anderen Mitteln. Cytegic sorgt dafür, dass Firmen rechtzeitig Vorsorge gegen Cyberbedrohungen treffen können.

In Räumen, in denen früher der Mossad untergebracht war, hat die Start-up-Firma Modelle entwickelt, die Unmengen von Daten aus öffentlich zugänglichen Quellen analysieren. Damit sollen bedrohliche Trends erkannt und zu einem nützlichen Informationssystem verarbeitet werden, um eine dynamische Bedrohungsanalyse anzubieten. In einem kleinen Zimmer sitzt eine junge Cytegic-Angestellte vor einem Bildschirm, auf dem in Echtzeit Cyberangriffe auf Israel flimmernd dargestellt werden. Die Informationen, die die ehemalige Offizierin des militärischen Geheimdiensts sammelt, liefern Grundlagen für die Beurteilung, wo ein System gefährdet ist. Sie zeigen, wo Lücken und Risiken bestehen, und sie machen deutlich, wo Investitionen in die Sicherheit angezeigt sind. Seit den Terrorangriffen von Paris und Brüssel sei die Dringlichkeit dieser Informationen auch dem Westen bewusster, sagt Gillon, der den potenziellen Maximalschaden von Cyberattacken mit dem eines nuklearen Angriffs vergleicht.  

Zwischen Industrie, Militär und Forschern gibt es keine Berührungsängste. Sie arbeiten eng zusammen, bilden eine Symbiose. Das persönliche Netzwerk, das Soldaten und Offiziere während ihres Armeediensts knüpfen, führt nach dessen Beendigung oft zur Gründung von Start-ups. Begehrt sind heute weder der Dienst als Fallschirmspringer oder Kampfpilot, sondern in Computer- und Cybereinheiten. Unter ihnen ist diejenige mit dem Kürzel 8200 die bekannteste – und mittlerweile auch die größte.

Die notwendige permanente Verteidigungsbereitschaft, die periodisch wiederkehrenden Kriege und jetzt der Kampf gegen Terroristen fordern Israel immer wieder heraus. Auf 3,2 Milliarden Dollar schätzte der damalige Finanzminister den Schaden, der mit den Raketenangriffen Saddam Husseins auf Israel im Jahr 1991 entstand. Der Libanon-Krieg von 2006, bei dem auch in Israel Tausende Häuser zerstört wurden, Hunderttausende in sichere Landesteile flüchten mussten und Zehntausende Reservisten eingezogen wurden, verursachte einen direkten Schaden auf die Wirtschaftsleistung von etwa 1,3 Prozent.

Doch nach jedem Krieg füllen sich bei den Waffenherstellern die Auftragsbücher. An den Innovationen der Rüstungsindustrie lassen sich die neuen Risiken ablesen, mit denen Israel konfrontiert ist – und die bei seinen Kunden auf Interesse stoßen. So wurde zum Beispiel das Raketenabwehrsystem „Iron Dome“ entwickelt, das während des Gazakrieges von 2014 eine Reihe von Katastrophen verhindert hat. Das israelische Militär gibt an, dass es mit Hilfe der „eisernen Kuppel“ rund 90 Prozent aller vom palästinensischen Gebiet aus abgeschossenen Raketen abgefangen habe. Sicherheitsspezialisten arbeiten derzeit zudem mit Hochdruck an einer Technik, welche die Angriffstunnel im Grenzgebiet zum Gazastreifen entdecken kann. In zwei bis drei Jahren erwarten sie die ersten Erfolge.

Israel ist heute fünftgrößter Waffenexporteur der Welt. Fast 80 Prozent der im Land hergestellten Rüstungsgüter werden ans Ausland verkauft. Damit stellt Israel sicher, dass sich die Produktion lohnt. Die „Israel Defense Forces“ (IDF) nehmen lediglich 20 Prozent der Produktion ab. Dabei gibt es zahlreiche Hindernisse für die israelischen Waffenausfuhren. Einer der umsatzstärksten Märkte für Rüstungsgüter, Saudi-Arabien, will keine Produkte aus Israel. Länder wie China oder Russland wären zwar potente Abnehmer. Doch die USA verhindern den Verkauf von hochtechnischen Produkten aus Angst, dass geheime Militärtechnologie in die falschen Hände geraten oder eine unerwünschte Konkurrenz für US-Hochtechnologie entstehen könnte. Immer wieder öffnen Israels Waffenverkäufer aber neue Märkte. Vor Kurzem kaufte der Ministerpräsident Singapurs einen Multi-Missions-Radar, im nächsten Jahr, hofft man in Tel Aviv, werde ein Auftrag für Drohnen hinzukommen. Zu den wichtigsten Abnehmern gehören Indien und auch das NATO-Land Polen, wo Israels Rüstungsindustrie mit Frankreich und den USA allerdings scharfe Konkurrenten hat.

Kritik an der Armee ist kein Tabu mehr

„Im Laufe der Jahre hat die Armee an Prestige eingebüßt,“ sagt der Jerusalemer Militärhistoriker Martin van Creveld. Sie muss sich auf ein neues Umfeld einstellen und, anders als früher, Kritik gefallen lassen. Auf den neuen Schlachtfeldern, gegenüber den Terrorarmeen kann sie zwar ab und an Erfolge vorweisen; aber ein endgültiger Sieg ist nicht mehr möglich. Die Knesset stellt keinen Blankoscheck mehr aus, das Militär muss sparen. 41 Prozent der Bevölkerung sind der Ansicht, dass der Staat zu viel für die Verteidigung ausgebe, so eine Umfrage der Universität Tel Aviv und des Democratic Institute 2015.

Waren Soldaten und Offiziere in den neunziger Jahren noch die unangefochtenen Helden der Gesellschaft, müssen sie sich heute kritische Fragen zur Besatzungspolitik in der Westbank oder zur Abriegelung des Gazastreifens gefallen lassen. So publiziert die Nichtregierungsorganisation „Breaking the Silence“ regelmäßig Zeugnisse von Soldaten und Offizieren, die kritisch über Einsätze in den besetzten Gebieten berichten. Ein Soldat, der in Hebron einen bereits niedergestreckten palästinensischen Terroristen mit einem Kopfschuss tötete, hat eine öffentliche Debatte ausgelöst. Und die Schriftstellerin Shani Boianjiu stellt in ihrem Roman „Das Volk der Ewigkeit kennt keine Angst“ den Alltag von drei jungen Frauen im Wehrdienst illusionslos dar: Sie langweilen sich, sind depressiv und vertreiben sich die Zeit mit kindischen Gemeinheiten.

Die kritisch gewordene gesellschaftliche Wahrnehmung hat Folgen. Nur noch 73 Prozent der wehrpflichtigen Männer und 58 Prozent der Frauen gehen in die Armee. „Ein historischer Tiefpunkt“, so Amos Harel, Militärkorrespondent der Tageszeitung Haaretz. Ultraorthodoxe Männer weichen dem Armeedienst mit der Begründung aus, dass sie ihre religiösen Studien fortsetzen wollen, und Frauen können sich ebenfalls befreien lassen, wenn sie religiös sind. Das ist zwar nicht neu. Was früher aber von der Mehrheit der Bevölkerung zumindest toleriert wurde, wird jetzt von vielen als ungerechtes und ungerechtfertigtes Privileg der Gottesfürchtigen heftig kritisiert.

Der Einzug neuer Technologien könnte den Übergang zu einer „schlanken“ Armee ermöglichen, in der viele Funktionen von Robotern wie Dogo übernommen werden. Aber die Besatzung palästinensischer Gebiete mache das unmöglich, meint Militärhistoriker van Creveld, weil man „an jeder Ecke einen Soldaten braucht“. Doch die Einstellung liberaler Israelis gegenüber der Armee hat sich gewandelt. Die einstige Begeisterung ihrer Väter und Großväter, in Kampfeinheiten zu dienen, hat deutlich nachgelassen.

In diese Lücke stoßen jüdische Israelis mit national-religiösem Hintergrund. Von 1990 bis 2010 ist der Prozentsatz religiöser Jungoffiziere von 2,5 auf 35 bis 40 Prozent emporgeschossen. Die neue Zusammensetzung des Armeekaders hat politische Konsequenzen. Bei den religiösen Offizieren handelt es sich in aller Regel um Anhänger rechter Parteien. Sollte die Politik eines Tages die Räumung von Siedlungen in der Westbank beschließen, würde die Durchsetzung für diese Offiziere, die oft aus den Siedlungen stammen, zu einer Zerreißprobe ihrer Loyalität.

Pierre Heumann ist Nahost-Korrespondent des Handelsblatts.

Bibliografische Angaben

IP Länderporträt 2, Juli - Oktober 2016, S. 48-51

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