Weltspiegel

27. Febr. 2023

Wende ja, aber wohin? Warum wir eine Renaissance der Strategie brauchen

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Bild: Grafische Illustration eines Schwertes dessen Spitze in einen Stift übergeht
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Zeitenwende – Wort des Jahres 2022 und so ziemlich kein Vortrag, kein Text mehr ohne dieses Wort. Wie Kindergarten oder Rabenmutter wird es exportiert, weltweit erkannt und verwendet. Jetzt geht es darum, was das bedeutet. Wohin wenden sich die Zeiten und vor allem wohin wenden wir uns? Was will Deutschland, was ist unsere Strategie?

Meine Kernthese: Wir haben in Deutschland Strategie verlernt./p>

Das Wort ist griechischen Ursprungs, kommt aus dem Militär und heißt „Feldherrentum“. Militärs waren auch die ersten, die Strategien entwickelt haben. Heute gibt es unzählige Strategiedefinitionen. Ich selbst habe in meiner Karriere einige praktische Charakteristika einer guten Strategie lernen dürfen.

Strategie hat ein Ziel und dient dem eigenen Vorteil. In der Wirtschaft geht es in der Regel um Wettbewerb, Marktanteile, Wachstum. Doch worum geht es in der Politik? Um Interessen? Idealerweise nicht die von Menschen, sondern um die Deutschlands, wirtschaftlich, sicherheitspolitisch. Wie kann Wohlstand in Deutschland gesichert werden? Wie können wir souverän werden und bleiben? Hier aber fängt in der Politik das Problem an: deutsche Interessen? Zum eigenen Vorteil? Also zum Nachteil von anderen? Interessen verfolgen und durchsetzen? Ja, vermutlich all das, und das fällt uns unfassbar schwer. Noch vor 13 Jahren trat ein Bundespräsident deswegen zurück, weil er recht selbstverständlich sagte, dass wir Interessen in der Welt haben, die wir notfalls auch militärisch vertreten müssten. Gut – militärisch ist sicher das letzte Mittel, aber Missionen wie Active Endeavour, die Seewege kontrollieren und offenhalten sollen, sind lange Tradition und haben sich bewährt. Was das Thema eigene Interessen anbelangt, verhalten sich andere Länder vollkommen anders – und nicht nur die USA, auch Frankreich oder Großbritannien, eigentlich die allermeisten Länder, wenn nicht alle. Das muss man nicht mögen und hoffen, alle würden mehr das große Ganze sehen.

Ohne Strategie ist man Teil der Strategie eines anderen

Eine gute Strategie formuliert das Ziel klar und ambitioniert, gibt Richtung vor, will etwas erreichen, ist unmissverständlich. Deshalb ist eine Strategie auch keine Sammlung von Initiativen – im Gegenteil, ein Portfolio von Initiativen ist genau das, aber eben auch nicht mehr. Sorry, das gilt auch für die sogenannte „Digitalstrategie“.

Strategie fängt mit einer Zahl an. Sie soll konkret sein, die definierten Ziele sollen quantifizierbar sein und messbar. Damit geht in der Politik das Problem weiter: Messbarkeit und quantifizierbare Ziele – das bedeutet, sich einer objektivierbaren Realität zu stellen. Damit wird allerdings für alle nachvollziehbar, ob strategische Ziele erreicht werden oder nicht. Das ist ein totaler Bruch mit dem derzeitigen System, wo es mehr um Worte geht, keinesfalls um Messbarkeit – in der Politik ist eine Ampel zur Statuskennzeichnung schon gewagt. So bleiben politische Strategien oft vage, maximal Absichtserklärungen, in der Regel gibt es keine Zahlen, dafür viele Worte, die dann umso hitziger diskutiert werden – oft genug ohne jede Folge.

Strategie ist festzulegen, was man tut und was nicht. Strategie bedeutet auch, die Ressourcen, die zur Verfügung stehen, zu priorisieren. Festzulegen, was man nicht tut, bedeutet in der Regel, schwierige, ja schmerzhafte Entscheidungen zu treffen, es bedeutet, Aktivitäten oder auch Menschen und ihre Themen zu depriorisieren, Nein zu sagen. In der ­Politik ist das Depriorisieren ganz schwierig, geht es doch darum, möglichst vielen gerecht zu werden, keine Gegner zu haben, besonders nicht in den eigenen Reihen, sondern alle mitzunehmen. Solche strategische Priorisierung ist Führungsarbeit, die zwar bottom-up vorbereitet wird, aber dann top-down beschlossen und verantwortet werden muss. Dies ist mit unserer Form der Ministerialbürokratie, in der die Referate die tragende Einheit sind, nur sehr schwer zu vereinbaren. Und wer will sich schon exponieren mit unbequemen Entscheidungen?

Strategie bedeutet bewusstes Gestalten der Zukunft und längerfristiges Denken. Strategische Veränderungen sind oft Richtungsänderungen, und diese brauchen Zeit. Je größer das System, desto mehr. Oft sind große Systeme wirklich kompliziert: Gesundheit, Rente, Rüstung, das ist mit herkömmlichem politischem Verhalten unvereinbar. Nicht nur haben Wahlen in der Regel kürzere Zyklen als strategische Systemveränderungen, viel mehr noch ist Politik reaktiv, inklusive oft aktionistischer Reaktionen auf Medien.

Mehr Volatilität – und kaum Optionen

Zu diesen vier Charakteristika kommen zwei neuere Entwicklungen mit erheblichem Einfluss auf Strategieentwicklung. Erstens hat die Volatilität enorm zugenommen: Ob ökonomische oder geopolitische Faktoren, ob Klimawandel oder Fachkräftemangel, langfristige Planung ist nicht mehr immer möglich oder sinnvoll. Doch auch hier gibt es Ansätze, damit umzugehen: mit bewussten Spielräumen in der Umsetzung, mit schnellem Feedback und Anpassen, keinem linearen, sondern iterativem Vorgehen, Agilität, Resilienz.

Das zweite große Dilemma unserer Zeit ist, dass wir in vielen Bereichen kaum Optionen haben. Zum Beispiel stecken wir in einem Energietrilemma aus Versorgungssicherheit, Finanzierbarkeit und Nachhaltigkeit fest oder in unseren wirtschaftlichen Abhängigkeiten von den USA und von China. Dafür gibt es keine einfachen und schon gar keine kurzfristigen strategischen Antworten. Vielleicht gibt es diese zurzeit gar nicht und wir müssen Zukunft gestalten, in dem wir das tun, was möglich ist und die Voraussetzungen schaffen für neue Optionenräume, die sich vielleicht erst in Zukunft ergeben werden. Hier hilft vor allem eines: Anerkennen, dass dem so ist und damit raus aus der Ohnmacht zu kommen, die oft zu einer Mischung aus Liegenlassen und Aktionismus führt.

Was also ist zu tun? Wie kommen wir raus aus der Strategielosigkeit? Zunächst die gute Nachricht: Ich glaube, die klugen Köpfe, um Strategien zu formulieren, die haben wir – auch und gerade in den Bundesministerien. Ich glaube allerdings, es fehlt das Bewusstsein (und die Erfahrung), was Strategie eigentlich ist, wozu sie gut ist, und warum wir sie brauchen. Und es fehlt am politischen Willen, gegen all die beschriebenen Kräfte und Widerstände anzugehen. Es braucht die oberste Führungsebene, die Leitplanken vorgibt, Ziele formulieren kann und so führt, dass die klugen Köpfe ihre Fähigkeiten einsetzen können. Und es gehört Haltung dazu, insbesondere gegen den öffentlichen Widerstand, wenn die ersten Ideen durchgestochen werden, wie es nun mal der Fall ist und immer sein wird. Und es braucht Überzeugungskraft, den Willen, dass klare Strategien nicht den Tod durch Mitzeichnung im eigenen Haus sterben dürfen oder der absoluten Aufweichung durch Ressortabstimmungen unterworfen werden. Es braucht übrigens auch einen anderen gesellschaftlichen Diskurs, insbesondere wenn wir über Strategien der Sicherheits- und Verteidigungspolitik sprechen. Wir müssen uns ehrlich damit auseinandersetzen, was wir wollen, was unsere Interessen sind in der Welt, und dann müssen wir aushalten, dass es keine einfachen Lösungen gibt und erst recht kein Schwarz-Weiß. Politik wird niemals solch große Systemveränderungen angehen, wenn nicht zumindest im Ansatz ein gesellschaftlicher Boden dafür da ist. Eigentlich sollte er das mit der Zeitenwende sein. Auf jeden Fall ist es an der Zeit für Strategien. Wir brauchen sie, wenn wir zukunftsfähig sein wollen.

 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2023, S. 78-79

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Katrin Suder ist Senior Advisor und Aufsichtsrätin; als Staats­sekretärin arbeitete sie von 2014 bis 2018 im Verteidigungsministerium. Suder ist gelernte Physikerin und promovierte Neuroinformatikerin.

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