01. Juli 2008

Weltbürger Migrant

Über die Vorzüge, mit mehr als einem Land verbunden zu sein

Und warum die Nationalstaaten Europas lernen müssen, damit umzugehen

Die Menschen kommen heute nicht mehr als Eroberer in fremde Länder wie in früheren Zeiten, sondern als Händler, Touristen, Flüchtlinge, auf der Suche nach Entspannung oder aber auch nach Sicherheit und Wohlstand. Wer auf Dauer bleibt, beginnt ein neues Leben, ohne seine Erinnerungen, seine Herkunft vollkommen zu vergessen. Migrant ist jeder, der eine Grenze passiert hat und sich in einem fremden Land zurechtfinden muss. Die Grenze hat er jedoch selten zum letzten Mal und nur in eine Richtung passiert. Die Brücken in das Herkunftsland werden häufig nicht abgebrochen. Das Pendeln zwischen den Ländern gehört zum Alltag des Migranten. Die vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten und die schnellen Reiserouten ermöglichen inzwischen ein fast gleichzeitiges Leben an verschiedenen Orten. Viele Menschen haben eine gespaltene Zugehörigkeit. Oft wird dieser Zustand krisenhaft beschrieben. In den Zwischenräumen, den Grauzonen und Rändern der nationalen Identitätsentwürfe scheint es nur Konflikte und schizophrene Einzelschicksale zu geben. Über die Vorzüge, mit mehr als einem Land verbunden zu sein, hört man jedoch wenig.

Ich fühle mich mit drei Ländern verbunden. Mit Deutschland, der Türkei und den Vereinigten Staaten von Amerika. In der Türkei bin ich geboren. Sie ist die Heimat meiner Eltern, der Großteil meiner Familie lebt dort. Ich reise gerne und oft in dieses Land. Meine Bücher erscheinen auch dort. Einige habe ich direkt auf Türkisch geschrieben. Aber Türkisch ist nicht die einzige Sprache, in der ich schreibe. Noch mehr Bedeutung kommt der deutschen Sprache zu, auch wenn diese nicht meine Muttersprache ist. Deutsch ist keine Fremdsprache für mich. In Deutschland bin ich aufgewachsen, in die Schule gegangen, habe hier in diesem Land meine Laufbahn als Schriftsteller begonnen. Die deutsche Sprache ist mir so nahe wie ein lebenswichtiger Körperteil. In den USA, wo ich seit den neunziger Jahren häufig bin, habe ich Neugier für meine Arbeit und Großzügigkeit erfahren, ich möchte die Weite und die Innovationskraft dieses Landes nicht missen. Die Verbundenheit mit diesen Ländern ist für mich kein Widerspruch. Ich lebe nicht in einem Bermudadreieck der Identitätslosigkeit. Ebenso wenig irritiert mich der Besitz von zwei Pässen.

In Deutschland aber wird die Doppelstaatlichkeit nach wie vor gesetzlich ausgeschlossen. In den letzten Jahren sind die Gesetze sogar verschärft worden. Die Menschen werden zu einer Entscheidung gezwungen, die ihrer Lebenswirklichkeit nicht entspricht und in unserer vernetzten Welt kaum noch aufrechtzuerhalten ist. Menschen sind mehr als ihre Pässe. Sie sind nicht so leicht auszufüllen wie Identitätspapiere. Sie haben ihre Prägungen, ihre Hintergründe und Neigungen. Der Versuch, sie auf eine bestimmte Identität zu fixieren, folgt einer anachronistischen Denkweise. Die Grenzen zwischen Innen und Außen, zwischen dem Eigenen und dem Anderen brauchen kein Schengen-Abkommen. Sie werden im Alltag ständig passiert. Damit wird man im 21. Jahrhundert leben müssen. Warum aber löst dieser Zustand der multiplen Zugehörigkeit weitaus mehr Sorge als Begeisterung aus? Ist die Mehrzahl von Heimat wirklich undenkbar? Ist ein Fußballfan, der zwei Fahnen an seinem Auto angebracht hat, ein schlechter, unzuverlässiger oder gar illoyaler Bürger? Hat irgendein Staat, der freiheitlich und nicht totalitär ist, das Recht, die Identität seiner Bürger zu formen? Der Staat hat das Recht, von seinen Bürgern Gesetzestreue einzufordern. Die nationale Polygamie unserer Tage aber ist ein Fakt, mit dem die Nationalstaaten leben müssen. Diese bekämpfen zu wollen, bringt keinen Vorteil. Im Gegenteil: Solcher Widerstand wirft die Staaten im globalen Wettbewerb zurück. Die Demokratien leben von Menschen, die mündig und vielseitig sind. Die moderne Wirtschaft fordert Flexibilität von jedem Einzelnen. Längst sind fast alle Menschen, die in ihren Berufen erfolgreich sind, vielsprachig.

Die nationale Zugehörigkeit kann in modernen Bürgergesellschaften nur über Umwege stimuliert werden. Mit Fahnenappell und Nationalhymne allein ist es nicht mehr getan. Militärische Heldentaten lösen in fortgeschrittenen Demokratien erfreulicherweise keine Massenhysterie mehr aus. Sportplätze, Bildungsinstitutionen und Produktionsstätten sind weitaus bedeutender. Die Demokratien sind reifer geworden. Ohne einen solchen Reifeprozess, der auf bitteren Erfahrungen beruht, hätte die Einheit Europas keine Chance gehabt. Was jedoch im internationalen Kontext zu gelingen scheint, nämlich ein bescheidener Auftritt des Nationalstaats, Kompetenzaufteilung und Kooperation mit anderen Staaten, ist im Inneren viel schwieriger durchzusetzen. Der Staat fordert von seinem Bürger Eindeutigkeit und die Fixierung auf eine bestimmte nationale Identität. Es gibt nach wie vor einen starken Widerstand gegen eine multiple, gemischte nationale Identität. Sie wird als ein Widerspruch angesehen. Die Innenpolitik der meisten Nationalstaaten auf dem europäischen Kontinent folgt den Denkmustern des 19. Jahrhunderts.

Dabei hätte gerade Europa eine große Chance. Nord und Süd, Ost und West wachsen zusammen. Das Zusammenleben verschiedener ethnischer Gruppen und Religionen kann nicht spannungsfrei ablaufen. Unterschiedliche Mentalitäten und Rituale treffen aufeinander. Eine gemeinsame Grundlage ist unverzichtbar. Diese gemeinsame Grundlage aber sollte ein universeller Wertekanon sein und kein nationaler. Erst dann umfasst sie auch jene Menschen, die sich nicht nur mit einem Land oder einer Nation identifizieren.

ZAFER SENOCAK, geb. 1961 in Ankara, lebt seit 1970 vorwiegend in Deutschland. Er studierte hier Germanistik, Politologie und Philosophie und hat sich seither als Schriftsteller international einen Namen gemacht. Seine Werke gehören in den USA inzwischen zum Kanon der Germanistik und Cultural Studies.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 7-8, Juli/August 2008, S. 138 - 139

Teilen