„Weiter zu kürzen, wäre nicht klug“
Sinkende Mittel, steigende Herausforderungen: Die deutsche Entwicklungspolitik steht vor einer schwierigen Ausgangslage. Eine Reform soll Abhilfe schaffen – mit klarem Fokus auf regionale Interessen und sicherheitspolitische Emanzipation. Ein Interview mit der Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan
IP: Frau Ministerin, Sie haben das BMZ im Mai 2025 übernommen und acht Monate später einen Reformplan vorgelegt. Warum war ein „Weiter so“ in der deutschen Entwicklungspolitik für Sie keine Option?
Reem Alabali Radovan: Hintergrund der Neuaufstellung ist vor allem die aktuelle Weltlage. Wir erleben epochale Umbrüche und eine zunehmend multipolare Welt. Alte Allianzen halten nicht mehr. Wir befinden uns in einer Weltordnung, in der neue oder teils gar keine Regeln mehr herrschen. Gleichzeitig gibt es Kürzungen im Bundeshaushalt, insbesondere auch in meinem Etat. Deshalb war für mich von Anfang an klar: Wir müssen uns reformieren, um mit weniger Mitteln dieser neuen Weltlage gerecht zu werden.
Welche Rolle haben neben dem Sparzwang und der veränderten Weltlage die Forderungen und Bedürfnisse der Partnerländer in den Reformüberlegungen gespielt?
Eine große Rolle. Viele Partnerländer wünschen sich eine engere Zusammenarbeit mit Deutschland. Während sich andere zurückziehen, machen wir deutlich, dass wir ein verlässlicher Partner sind. Das wird wahrgenommen. Gleichzeitig habe ich in meinen Gesprächen schnell gemerkt, dass man sich mehr Ehrlichkeit wünscht, wenn es um Interessen geht. Es ist klar, dass auch wir Interessen haben. Zu einer Partnerschaft auf Augenhöhe gehört, diese klar zu benennen.
Das traditionelle Ziel von Entwicklungspolitik ist es, globale Ungerechtigkeiten zu verringern. Mit der Reform verfolgen Sie nun auch das Ziel, nationale Wirtschaftsinteressen stärker in den Blick zu nehmen. Wie passt das zusammen?
Es geht um deutsche Interessen – nicht um reine Wirtschaftsinteressen. Und die Bekämpfung von Ungleichheit liegt selbstverständlich in unserem Interesse. Mit der Reform verbinde ich werte- und interessengeleitete Entwicklungspolitik. Das schließt sich nicht aus. Im Gegenteil: Es ist in unserem ureigenen Interesse, globaler Ungleichheit und den Auswirkungen des Klimawandels etwas entgegenzusetzen, Krisen vorzubeugen und Menschen in Krisengebieten zu unterstützen. Das gehört zur Kern-DNA der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Und diese Interessen, die Deutschland mit seiner Entwicklungspolitik verfolgt, wurden bisher unzureichend benannt?
Natürlich ging es auch früher um Interessen. Mit der Reform nehme ich eine strategische Fokussierung vor – thematisch und regional. Wir schauen klarer darauf, wo wir am wirksamsten sind, und benennen das auch so.
Mit welchem Ergebnis?
Ein Schwerpunkt meiner Entwicklungspolitik bleibt die Überwindung von Armut, Hunger und Ungleichheiten. Mit der Reform werden wir dafür sorgen, dass vor allem die Länder, in denen die Not am größten ist, stärker unterstützt werden. Gleichzeitig helfen wir diesen Ländern dabei, langfristig finanziell handlungsfähig zu werden. Eine dauerhafte Abhängigkeit ist keine zukunftsorientierte Lösung.
Wenn es um Frieden und Stabilisierung geht, hat unsere Nachbarschaft oberste Priorität. Das liegt im deutschen Interesse und trägt zu unserer Sicherheit bei. Der regionale Fokus liegt dabei auf der EU-Nachbarschaft, auf Nordafrika und Nahost sowie auf der Sahelzone und dem Horn von Afrika. Bei aufstrebenden Volkswirtschaften wie Indien, Mexiko oder Südafrika liegt der Fokus stärker auf wirtschaftlicher Zusammenarbeit und Klima. Hier werden wir im Rahmen der finanziellen Zusammenarbeit hauptsächlich mit Krediten und nicht mehr mit Zuschüssen arbeiten.
Eine Folge dieser regionalen Fokussierung ist, dass das Engagement im Bereich Frieden und Stabilisierung in Lateinamerika eingestellt werden soll. Heißt das, dass sich Ihr Ministerium etwa in Kolumbien nicht mehr an den laufenden Friedensbemühungen beteiligt?
Dabei handelt es sich in erster Linie um diplomatische Bemühungen. Wir werden weiterhin mit unseren Partnerländern in Lateinamerika zusammenarbeiten und ziehen uns aus keinem Land zurück. Allerdings fokussieren wir unser Engagement in dieser Region auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Was wir perspektivisch nicht mehr leisten können, ist unser Engagement im Bereich Flucht, also die Unterstützung von lateinamerikanischen Ländern bei der Aufnahme von Geflüchteten.
„Die Entwicklungspolitik ist ein integraler Bestandteil unserer deutschen Sicherheitsarchitektur“
Mit der Reform wollen Sie gezielt multilaterale Prozesse stärken. Im Gegenzug sollen einige bilaterale Kooperationen zurückgefahren werden, etwa im Bereich Gesundheit. Warum diese Entscheidung?
So pauschal stimmt das nicht. Wir setzen auf alle Instrumente. Die bilaterale Zusammenarbeit bleibt zentral; sie ist unsere größte Stärke – auch im Vergleich zu anderen Geberländern. Gleichzeitig haben wir geprüft, in welchen Bereichen wir über große multilaterale Allianzen, wie etwa die globale Impfallianz Gavi oder den Globalen Fonds zur Bekämpfung von AIDS, Tuberkulose und Malaria, mit weniger Mitteln mehr erreichen können als in unserer bilateralen Kooperation.
Sie haben den sinkenden Etat angesprochen. Während dem BMZ 2020 noch 12,4 Milliarden Euro zur Verfügung standen, waren es 2025 nur noch 10,3 Milliarden. In Ihrem Reformplan heißt es, dass „Vorsorge kostengünstiger ist als die akute Hilfe in Reaktion auf eine Krise“. Sind Kürzungen da überhaupt zu rechtfertigen?
Natürlich wünsche ich mir mehr Mittel angesichts der aktuellen Herausforderungen. Aber auch das BMZ blieb von Einsparungen nicht verschont. Ich sage aber in aller Deutlichkeit: Ich habe meinen Beitrag dazu geleistet. Noch weiter zu kürzen, wäre nicht klug.
Fühlt sich die Bundesregierung der international vereinbarten ODA-Quote, also dem Ziel, 0,7 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung für öffentliche Entwicklungsleistungen aufzuwenden, noch verpflichtet?
Ja. Allerdings wurde im Koalitionsvertrag eine angemessene Absenkung der ODA-Quote vereinbart. Das macht die Situation herausfordernd, weil es unterschiedliche Interpretationen dazu gibt, was „angemessen“ bedeutet. Daher sage ich auch: Mit den bereits erfolgten Etatkürzungen habe ich meinen Beitrag geleistet. Wichtig ist außerdem: Nur ein Drittel der ODA-Mittel liegt im Haushalt des BMZ. Ich glaube, da gibt es manchmal ein Missverständnis. Ein großer Teil der ODA-Mittel wird aus anderen Bereichen angerechnet, etwa von den Bundesländern oder auch von anderen Ressorts.
In der Reform ist von einem Dreiklang aus Entwicklung, Diplomatie und Verteidigung die Rede. Welche neue Rolle sehen Sie für Ihr Ministerium?
Entwicklungspolitik muss eine stärkere Rolle in diesem Dreiklang spielen. Sie ist ein integraler Bestandteil unserer deutschen Sicherheitsarchitektur. Deshalb ist es folgerichtig, dass wir im Nationalen Sicherheitsrat vertreten sind. Wir möchten unsere Rolle aber auch hier ausbauen und uns noch wirkungsvoller aufstellen. Im Rahmen der Reform schaffen wir etwa eine dezidierte Einheit im BMZ, die sich auf strategische Vorausschau fokussiert.
Das BMZ ist mit seinen Partnern in Regionen unterwegs, in denen teilweise niemand mehr ist. Die Bundeswehr musste sich beispielsweise aus Mali zurückziehen. Wir unterstützen dort weiterhin die Menschen vor Ort. Diese Präsenz wollen wir viel stärker nutzen, um Krisen vorzubeugen und schneller eingreifen zu können.
Das heißt, dass die Zusammenarbeit mit anderen Ministerien vor allem im Nationalen Sicherheitsrat stattfindet?
Wir arbeiten eng mit den anderen Ministerien zusammen. Im neuen Nationalen Sicherheitsrat bündeln wir die Koordination im Sicherheitsbereich. Das ist gerade jetzt sehr notwendig.
Die Abteilung für Stabilisierung und humanitäre Hilfe, die sogenannte Abteilung S, wird im Zuge der Umstrukturierung des Auswärtigen Amtes aufgelöst. Heißt das für Ihr Ministerium, dass man noch stärker gefragt ist?
Reorganisationen führt jedes Ministerium eigenständig durch. Wir arbeiten eng mit dem Auswärtigen Amt zusammen und schauen, wie wir die Übergänge zwischen humanitärer Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit besser gestalten können. Gerade im Krisenkontext, etwa in Gaza, ist das sehr relevant.
„Als Abgeordnete mit eigenem Wahlkreis weiß ich, wie die Stimmung zu Entwicklungszusammenarbeit ist“
Angesichts dieser inhaltlichen Überschneidungen wird immer wieder eine Zusammenlegung beider Häuser gefordert. Was sagen Sie dazu?
Das BMZ besteht seit 60 Jahren – jahrzehntelange Expertise. Gerade jetzt brauchen wir diese Kompetenz für neue Partnerschaften und Allianzen. Die aktuelle Bundesregierung hat sich genau aus diesem Grund gegen die Zusammenlegung der beiden Häuser entschieden. Eine Abschaffung steht also gar nicht zur Debatte.
Sie bezeichnen das BMZ auch als „Wiederaufbau-Ministerium“. Wie wollen Sie diesen Anspruch untermauern?
Menschen eine Perspektive zu geben, ist für die deutsche Entwicklungspolitik ein Grundprinzip und Leitidee für unser Engagement. Das gilt ganz besonders in Ländern, die von Krieg und Krisen zerstört wurden. Dort unterstützen wir die Menschen beim Wiederaufbau ihres Landes und wollen ihnen damit eine Zukunft geben. Konflikte haben gerade in unserer unmittelbaren Nachbarschaft in erschreckendem Maß zugenommen. Um hier effektiv zu unterstützen haben, richten wir eine eigene Abteilung für Wiederaufbau ein – mit Blick auf die Ukraine, Syrien und perspektivisch Gaza.
Stichwort Gaza: Welche Rolle spielt Donald Trumps „Board of Peace“ in Ihren Plänen?
Deutschland ist nicht Teil davon. Das hat der Bundeskanzler deutlich gemacht. Richtig ist aber: Wir sind bereit, eine wichtige Rolle beim Wiederaufbau zu übernehmen. Dazu bleiben wir mit allen Akteuren, auch mit den Mitgliedern dieses Gremiums zum Wiederaufbau Gazas, im Gespräch.
Welche Formen der Zusammenarbeit gibt es mit den Amerikanern nach dem Ende von USAID und dem generellen Rückzug der USA aus der Entwicklungspolitik überhaupt noch?
Die Zusammenarbeit ist schwieriger geworden. Die USA waren beim G20-Entwicklungsministertreffen im Juli 2025 in Südafrika nicht vertreten. Unter der aktuellen amerikanischen G20-Präsidentschaft wird es keinen Entwicklungsstrang geben. Ich bedauere auch sehr, dass die USA aus der globalen Impfallianz Gavi ausgetreten sind. In Sierra Leone, wo ich im Januar dieses Jahres zu Besuch war, bedeutet das rund 6o Prozent weniger Impfungen für Kinder unter fünf Jahren – in einem Land, in dem knapp 10 Prozent aller Kinder vor ihrem 5. Geburtstag sterben, hiervon jedes fünfte Kind an Malaria. Beim G7-Entwicklungsministertreffen im Oktober 2025 habe ich das erste Mal einen Kollegen aus dem State Department getroffen, der für den Entwicklungsstrang zuständig ist. Ich möchte dranbleiben, weil wir trotz großer Differenzen mittlerweile sehen, dass die USA sich nicht vollständig zurückziehen: Im Kongo oder in Gaza sind sie noch vor Ort. Deshalb bleibe ich mit ihnen im Gespräch.
Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen, kurz UNDP, hat vor Kurzem angekündigt, große Teile seines Hauptsitzes von New York nach Bonn zu verlegen. Ist das ein Zeichen dafür, dass man mittel- und langfristig nicht mehr mit den Amerikanern plant?
Es ist vor allem ein Zeichen dafür, dass Deutschland das multilaterale System unterstützt und zu den Vereinten Nationen steht. Auch ich persönlich habe mich dafür eingesetzt, dass viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des UN-Entwicklungsprogramms in Bonn eine neue Heimat finden. Als zuständige Ministerin des größten UNDP-Gebers ist es mir ein Anliegen, den UN-Standort Bonn zu einem zentralen Ort für nachhaltige Entwicklung auszubauen. Bereits im November habe ich ein Büro der UN-Frauenorganisation UNWOMEN am Standort Bonn zusammen mit dem Bonner Oberbürgermeister eingeweiht. Partei-, länder- und -kommunenübergreifend ist das ein großer Erfolg.
Sie betonen immer wieder, dass Deutschland den Wegfall der USA nicht allein auffangen kann. Wen sehen Sie in Europa als wichtigsten Partner?
Die Zusammenarbeit mit der EU-Kommission ist wichtig, vor allem mit den für Entwicklungszusammenarbeit und Krisen zuständigen Kommissaren Jozef Síkela und Hadja Lahbib. Außerdem bin ich im guten Austausch mit der EU-Außenbeauftragten Kaja Kallas, die auch für den Entwicklungsbereich zuständig ist. Gleichzeitig gibt es viele gleichgesinnte Staaten, wie zum Beispiel Frankreich, Spanien, Großbritannien, Norwegen oder Irland, mit denen ich regelmäßig in Kontakt bin.
Und außerhalb Europas?
Neben den G20-Ländern Kanada und Australien sind es vor allem die Golfstaaten, etwa Saudi-Arabien. Als erste deutsche Entwicklungsministerin war ich in Riad, weil Länder wie Saudi-Arabien insbesondere in Afrika vor Ort aktiv sind und ihre Entwicklungszusammenarbeit dort immer stärker ausbauen.
Ist China, das auch in der Entwicklungspolitik vor allem eigene Ziele verfolgt, ein Partner für Deutschland? Oder ist es sinnvoller, sich abzugrenzen?
Wir müssen anerkennen, dass China auf dem afrikanischen Kontinent und verstärkt auch in Südamerika immer präsenter wird. Und natürlich geht es bei vielen globalen Fragen auch nicht ohne China. Die Bewältigung der Klimakrise ist ein Beispiel. Gerade bei globalen Fragen müssen wir auf multilateraler Ebene versuchen, gemeinsame Lösungen zu finden, etwa im Rahmen der G20 oder der Weltbank. Mit China gibt es allerdings keine staatliche bilaterale Entwicklungszusammenarbeit.
Die Akzeptanz der Entwicklungspolitik innerhalb der deutschen Bevölkerung ist seit Jahren rückläufig. Laut dem „DEval-Meinungsmonitor“ waren 2022 noch 68 Prozent für die Beibehaltung oder Erhöhung der Ausgaben für Entwicklungszusammenarbeit, zwei Jahre später waren es nur noch 47 Prozent. Wie gehen Sie damit um?
Ziel muss es sein, Entwicklungspolitik besser zu erklären. Ich bin Abgeordnete mit eigenem Wahlkreis und weiß, wie die Stimmung zum Thema Entwicklungszusammenarbeit in Zeiten sinkender Mittel ist.
Gleichzeitig sehen wir, dass die Zustimmungswerte deutlich steigen, wenn die Menschen konkret gefragt werden, ob sich Deutschland bei der Bekämpfung von Hunger und Armut engagieren sollte – insbesondere, wenn es um Kinder und Jugendliche geht. Mut macht mir auch, dass uns zivilgesellschaftliche oder kirchliche Organisationen sagen, dass die Deutschen weiterhin sehr viel spenden. Genau daran knüpft auch mein Reformansatz an: Die Zukunft zusammen global gestalten, mit einem klaren Fokus auf den Kernauftrag des BMZ – und deutlich machen, warum das auch in unserem Interesse ist.
Werfen wir zum Abschluss einen Blick ins Jahr 2029: Bundestagswahlkampf, Ihre Amtszeit neigt sich – zumindest vorläufig – dem Ende entgegen. Woran machen Sie fest, dass Ihre Amtszeit erfolgreich war?
Daran, dass wir zeigen konnten, warum internationale Solidarität und Verantwortung gerade jetzt so wichtig sind.
Das Interview führten Max Gotthans, Henning Hoff und Tim Hofmann.
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 68-73