Kommentar

28. Aug. 2023

Was ist schon ein Name?

Vereinfachungen und Kategorisierungen sind allgegenwärtig, siehe „der Westen“ – nur beim Globalen Süden soll das nicht gelten? Warum man an diesem Begriff festhalten sollte. Eine Reaktion auf das IP-Titelthema im Juli/August. 

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Bild: Grafische Illustration eines Schwertes dessen Spitze in einen Stift übergeht
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Eine breite Diskussion und eine Reihe von Texten haben zuletzt die Nützlichkeit des Begriffs „Globaler Süden“ bestritten. Sobald jemand die Vielfältigkeit der Staaten betont und darauf beharrt, dass jedes Land aus jeder Weltregion vor dem Hintergrund seiner eigenen, unabhängigen Interessen betrachtet werden sollte, sind Jubel und Beifall gewiss, meist aus dem Globalen Norden.

Sogar wir als Wissnschaftlerinnen, die über die und mit den Regionen arbeiten, die der Begriff bezeichnen soll, gebrauchen ihn nur in Anführungsstrichen, um jegliches Mansplaining – beziehungsweise Westsplaining – zu vermeiden; das ist aber vergebliche Liebesmüh, lassen sich die Granden aus Politik und Thinktank-Welt doch kaum je davon abschrecken, uns über die Redundanz des Ausdrucks zu belehren.  

Vor dem G7-Gipfel in Hiroshima berichtete die Japan Times, der Ausdruck Globaler Süden würde im Abschlusskommuniqué der Staats- und Regierungschefs nicht verwendet werden. Man sei in Regierungskreisen der Auffassung, „die Bezeichnung, die sich auf Schwellen- und Entwicklungsländer hauptsächlich in der südlichen Hemisphäre bezieht, könnte den Eindruck erwecken, sehr unterschiedliche Staaten würden in einen Topf geworfen“. Diese Entscheidung dürfte Musik in den Ohren der deutschen, europäischen und nordamerikanischen außenpolitischen Communities gewesen sein.

Wir kennen ja die Kritik! Der Begriff hat seine Wurzeln im Kalten Krieg und wird daher für obsolet gehalten. Er schert Staaten über einen Kamm, die dafür heute viel zu verschieden sind – sei es wegen ihrer Volkswirtschaften unterschiedlichster Größe oder mit Blick auf ungleiche militärische Fähigkeiten. Wir verstehen auch, warum diese Argumente lauter denn je vorgetragen werden: Den Globalen Süden zu teilen, ermöglicht es uns im Westen, Unterstützung für die Ukraine zu mobilisieren. Nur wird das nicht funktionieren. Dafür sehen wir vier Gründe: einen intellektuellen, logischen, politischen und ethischen.

Erstens ist kaum etwas an dieser Debatte intellektuell neu oder interessant – trotz des selbstbeweihräuchernden Tonfalls, der häufig angeschlagen wird, wenn die Grenzen des Begriffs des Globalen Südens „aufgedeckt“ werden. Ähnliche Bedenken wurden gegen Konzepte wie Dritte Welt, Entwicklungsländer und andere angemeldet. Kategorien sind immer Vereinfachungen und dienen normalerweise als nützliche Abkürzungen. Ob „Mittelmächte“, „Regionalmächte“, „der Rest“, „regionale, bereitwillige oder gleichgesinnte Partner“ (um die G7 zu zitieren) oder „globale Swing States“ – neue Begriffe einzuführen, wird das Problem der Uneinheitlichkeit nicht lösen. Eher wird es zu einem zusätzlichen Problem beitragen: Jedenfalls einige der Begriffe, etwa globale Swing States oder Mittelmächte, verkennen eine wirkliche Handlungsfähigkeit anderer Staaten und betrachten sie ausschließlich in Bezug auf die Großmächte und deren eigene, eng verstandene Interessen. Diese Sichtweise versäumt es, die Staaten des Globalen Südens als das zu betrachten, was sie sind, und blendet ihre je eigenen Erfahrungen und Ideen aus. Die Suche nach neuen Begriffen ist nicht die Lösung.

Die Debatte offenbart, zweitens, logische Inkonsistenzen. Schließlich nutzen auch Menschen in Wissenschaft und Politik Vereinfachungen und Kategorisierungen, wenn es um den Westen oder (immerhin tatsächlich eine Rechtsperson) die EU geht. Der sogenannte Westen setzt sich aus Staaten mit völlig verschiedenen Lebensstandards, Entwicklungsmodellen, Militärausgaben und Kulturen zusammen. Man denke nur an die Abweichung einiger Mitgliedstaaten der EU von den vorgeblich gemeinsamen Werten; oder an das Vereinigte Königreich, das lange EU-Mitglied blieb und dann (auch) wegen auseinanderklaffender Interessen und Werte austrat.

Ein weiteres Beispiel ist der französische Präsident Emmanuel Macron, der kürzlich dafür warb, die europäische Abhängigkeit von den USA zu reduzieren und sich im Konflikt zwischen China und Taiwan neutral zu verhalten. Solche Trennlinien im transatlantischen Verhältnis werden sich, unabhängig von einer etwaigen Neuauflage der Trump-Präsidentschaft, nicht einfach in Luft auflösen. Wir meinen, es riecht verdächtig nach Doppelstandards, wenn westliche Staaten oder die G7 als Gruppe trotz aller Unterschiede für sich eine geschlossene Identität reklamieren, dies dem Globalen Süden aber verwehren. Uneinigkeit in Einzelfragen schließt Einigkeit über eine gemeinsame Identität nicht aus.

Drittens ist es ein politisch problematisches Unterfangen des Westens, in allen Weltregionen einzelne Partner als isolierte, von allen anderen Identitäten losgelöste Einheiten zu gewinnen. Teils liegt das an der fehlenden Kohärenz des Westens als Gruppe, teils daran, dass dem Globalen Süden auf diesem Weg die Möglichkeit genommen wird, kollektiv in Koalitionen zu agieren. Womöglich ist es sogar gut gemeint, einen kleinen Inselstaat als solchen isoliert betrachten zu wollen. Aber nicht nur steht der Ansatz, den ganzen Globalen Süden in seine Einzelteile zu zerlegen, intellektuell auf wackligen Beinen: Will sich der Westen nach dem Motto „teile und herrsche“ den individuellen Akteuren als starkes Gegenüber präsentieren, liegt der Verdacht nahe, man wolle den Globalen Süden seiner Handlungsfähigkeit berauben. Auch sei darauf hingewiesen, dass China die genau umgekehrte Strategie fährt, und das meist recht erfolgreich. Es betrachtet die Entwicklungsstaaten als eine Gruppe, behauptet selbst zur Gruppe dazuzugehören und bietet scheinbar günstige Infrastruktur, Investitionen und sogar diplomatische Unterstützung an. Man sollte nicht überrascht sein, dass viele Länder des Globalen Südens sich gegenüber dem Werben Chinas mit seiner Billigung ihrer Identität und seinen Investitionen weit aufgeschlossener zeigen als europäischen Versuchen, sie zu spalten.

Und, viertens, haben sich die Länder des Globalen Südens den Begriff zu eigen gemacht; der Westen hat nicht das moralische Recht, ihnen dies vorzuenthalten. Ob es dem Westen gefällt oder nicht: Viele Staaten aus diesen Weltregionen teilen tatsächlich Erinnerungen, Mythen, Vorstellungen und gelebte Erfahrungen von Kolonialismus, Entbehrung und Marginalisierung. Obwohl manche von ihnen aufstreben, sind fast alle nicht damit einverstanden, aus den wichtigsten Entscheidungsgremien (wie der Gruppe der fünf ständigen Mitglieder des UN-­Sicherheitsrats) ausgeschlossen zu sein. Außerdem reklamieren Staaten des ­Globalen Südens den Begriff selbst dann für sich, wenn westliche Politikerinnen, Politiker und Akademiker ihn ablehnen.

 

Die Kritik an der Kritik

Indien hat eine lange Geschichte der Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern und will daran, trotz der Zunahme der eigenen Macht, nichts ändern. Es hätte das Potenzial, eine Brücke zwischen dem Westen und anderen Partnern aus dem Globalen Süden zu sein. Dieses Potenzial findet in politischen Kreisen Deutschlands und Europas wachsende Beachtung. Doch indem sie den Begriff so rundheraus ablehnen, wirkt es, als würden deutsche und andere Spitzenpolitiker Indiens Entschlossenheit negieren, „die Stimme des Globalen Südens zu verstärken“, womit sie sich letztlich ins eigene Knie schießen.

Welche Konsequenzen sollten deutsche außenpolitische Gestaltende und Beobachter aus unserer Kritik an der Kritik ziehen? Wir schlagen vor, den Begriff Globaler Süden als das zu nehmen, was er ist – eine praktische Abkürzung in der Auseinandersetzung mit Staaten, die zu häufig und zu leichtfertig als „der Rest“ abgetan werden. Er sollte mit Vorsicht verwendet werden, um eine Überbetonung ebenso zu vermeiden wie die Reproduktion von Klischees. Insofern ist die Debatte über den Begriff vielleicht nicht ganz so problematisch wie Josep Borrells Narrativ, wonach Europa einem Garten und der Rest der Welt einem Dschungel ähnelt; in beiden Fällen wird aber im Ergebnis versäumt, die Handlungsfähigkeit anderer anzuerkennen. Die gemeinsame Identität des Globalen Südens muss ernst genommen werden, als eine der vielen Identitäten und Ebenen, mit denen Staaten arbeiten.

Wenn also etwa Indien oder Brasilien mit Frankreich oder Deutschland kooperieren, tun sie dies im Bewusstsein ihrer Identitäten als individuelle Staaten (etwa in bilateralen strategischen Partnerschaften), aber auch als Mitgliedstaat der EU. In ähnlicher Weise sollte berücksichtigt werden, dass Brasilien und Indien zum Globalen Süden gehören (von dem einige Vertreter in manchen Bereichen mit China kooperieren), BRICS-Mitglieder sind (womit die Zusammenarbeit mit zwei autoritären Staaten einhergeht) und als individuelle Staaten womöglich fundamentale Werte mit dem Westen ­teilen.

Die übergeordnete Identität des Globalen Südens anzuerkennen, bei gleichzeitiger individueller Differenzierung, würde der westlichen Diplomatie zwei wichtige Schritte ermöglichen: Zunächst könnten sie die Anziehungskraft autoritärer Staaten besser verstehen. Die immensen Dimensionen etwa, in denen China kurzfristig Mittel bereitstellen kann, bietet Vorteile für Länder, die sofortige und billige Infrastruktur benötigen. Um dem etwas entgegenzusetzen, wird es nötig sein, an die eigenen Interessen der Mitglieder des Globalen Südens zu appellieren.

Europa muss sich mehr anstrengen

Das Global-Gateway-Projekt der EU wird deutlich ambitionierter werden müssen, ebenso wie die De-risking-Anstrengungen der Biden-Regierung mit Blick auf China. Darüber hinaus wären westliche liberale Regierungen besser in der Lage, sich die Unterschiede zwischen den Staaten zunutze zu machen.

Das würde bedeuten, sich vom politisch korrekten Kulturrelativismus zu entfernen, dem Deutschland häufig zuneigt, und stattdessen anzuerkennen, dass es im Globalen Süden durchaus Staaten geben kann, deren Werte mit denen des Westens auf einer Linie liegen – oder die den Westen sogar in ihrer Verbundenheit zu einem neuen Liberalismus übertreffen. Bei der Nachhaltigkeit gibt es etwa Gemeinschaften im Globalen Süden, die Tierwohl und Tierrechte ins Zentrum des Umweltschutzes rücken. Auch hier ist Deutschland mit seiner milliardenschweren Fleischindustrie und seiner großen Bauernlobby kein Vorbild. Gleichzeitig gibt es jedoch im Globalen Süden auch Staaten, deren Werte denjenigen, für die die meisten westlichen Spitzenpolitiker sich einzusetzen behaupten, diametral entgegenstehen. Hier wird man sich auf die eigenen roten Linien verpflichten müssen. Für Deutschland, dem die Loslösung von seiner Politik „Wandel durch Handel“ schwerfällt, bedeutet dies auch, die Kooperation mit autoritären Staaten nicht zu vertiefen, indem kritische Infrastruktur wie der Hamburger Hafen an sie verkauft oder die industrielle Fertigung in diesen Staaten hochgefahren wird. Die Sicherheitsdimension jedes wirtschaftlichen Austauschs muss anerkannt werden.

Viel zu lange haben westliche Staaten weite Teile des Globalen Südens mit anderen Maßstäben gemessen als denjenigen, die sie an sich und ihre Freunde anlegen. Wir haben uns gefreut, dass Bundeskanzler Olaf Scholz das Problem der Doppelstandards in seiner Rede beim „Global Solutions Summit“ anerkannt hat (vielleicht hat er oder sein Redenschreiber ein Interview gelesen, das im Januar in dieser Zeitschrift veröffentlicht wurde). Der nächste Schritt wird sein, sich diesen Doppelstandards schonungslos zu stellen. Das bedeutet, die kleingeistige Diskussion über Bezeichnungen und Begriffe zu überwinden. Weit wichtiger ist es, den Staaten des Globalen Südens endlich auf Augenhöhe zu begegnen; das heißt auch, sich ihnen als Kollektiv oder, wenn von ihnen erwünscht, als Koalition zu stellen. Es ist Zeit, den Worten Taten folgen zu lassen.

Aus dem Englischen von Matthias Hempert

(Dieser Artikel ist Teil des Forschungsprojekts Transfer for Transformation T4T, gefördert durch den Leibniz-Wettbewerb.)

Aus IP 4/2023

Die Titelstrecke der jüngsten IP hat eine Reihe von Perspektiven zum Thema Globaler Süden versammelt; u.a. ging es um das Verhältnis Europas zu aufstrebenden Ländern und die Frage, woher dieses Label kommt und wie tauglich es ist. In der IP 3/2023 hatte Jörg Lau („In 80 Phrasen um die Welt“) den Globalen Süden als einen Sehnsuchtsbegriff bezeichnet, als politisches Subjekt sei er eine Chimäre.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2023, S. 110-113

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Mehr von den Autoren

Nora Kürzdörfer promoviert beim German Institute for Global and Area Studies (GIGA) und studiert an der Berlin Graduate School for Global and Transregional Studies an der Hertie School sowie der Freien Universität Berlin.

Prof. Dr. Amrita Narlikar beendet dieser Tage nach neun Jahren ihre Tätigkeit als Präsidentin des GIGA. Sie ist zudem Honorary Fellow am Darwin College an der University of Cambridge und Senior Fellow bei der Observer Re­search Foundation in Delhi.

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