Vom Wert der Dokumentation
80 Jahre alt ist die IP in diesem Jahr geworden. Welche Rolle hat ihr Vorgänger gespielt, das Europa-Archiv? Eine seiner Redakteurinnen blickt zurück.
Auch ich möchte der IP zum Jubiläum und vor allem zum hervorragenden Qualitätsstandard gratulieren, den die Zeitschrift in den letzten Jahren erreicht hat. Zum 80. Jubiläum bot die IP nun eine rückblickende Betrachtung von Jörg Lau sowie eine Zeitschiene mit ausgewählten Schwerpunkten. Letztere finde ich sehr gelungen. Dagegen hat mir der Beitrag von Jörg Lau Probleme bereitet – in der dreifachen Rolle als einfache Leserin, als EA-Zeitzeugin und als Historikerin.
Blättert man Berge alter Hefte oder Bände des Europa-Archiv (EA) nur durch, dann wirkt diese Zeitschrift sicher nicht „erfrischend“, sondern erscheint eher altbacken oder abgestanden. Ein pauschaler Blick rückwärts mit der Aufreihung von Themen ist allerdings auch wenig geeignet, zu veranschaulichen, wie bewegend, ja brisant und aufregend das im EA behandelte Geschehen der internationalen Politik jeweils für die damalige Leserschaft gewesen ist.
Das ließe sich ganz einfach an einem Ereignis beispielhaft demonstrieren: etwa am Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 und der Ölkrise als einer der schwerwiegenden Folgen. Anhand von Zeittafel, Dokumenten und Beiträgen kann man nicht nur die damalige Bedeutung dieses Ereignisses erfassen, sondern darüber hinaus auch einen Bogen und sogar eine Entwicklungslinie bis in die heutige Zeit schlagen.
Bedauerlicherweise erkennt Jörg Lau den Wert der Dokumentationen nicht, auf die im EA von Anfang an großes Gewicht gelegt wurde – daher auch der Name Archiv. Wie wichtig war es doch, nach dem Krieg die Leserschaft – nach zwölf Jahren von Chauvinismus und Fremdenhass gespeister Propaganda bei gleichzeitiger medialer Abschottung – direkt mit Originaltexten zu versorgen. Aber auch in späteren Jahrzehnten wurden auf diesem Weg wesentliche Dokumente internationaler Politik problemlos zugänglich.
In der heutigen Zeit, in der man sich alle gewünschten Dokumente von überall her online auf den Bildschirm holen kann, hat sich dies natürlich erübrigt, ebenfalls eine Zeittafel. Als zeithistorisches Archiv internationaler Politik jedoch haben die Dokumentationen im EA ihren Wert nicht verloren.
Zur Würdigung von Personen
In seinem Beitrag würdigt Jörg Lau ausführlich die Tätigkeit der 2017 so tragisch verstorbenen IP-Chefredakteurin Sylke Tempel. Er schildert ihr Wirken in den Jahren 2008 bis 2017 als pionierhaft und außerordentlich belebend für die IP. Es fällt auf, dass Jörg Lau außer Tempel, die er persönlich kannte, und dem EA-Gründer Wilhelm Cornides keiner weiteren Person Beachtung schenkt. Dabei hat Tempels Vorvorgängerin Angelika Volle, die erste Frau in ihrer Position, auch wahre Pionierarbeit geleistet: mit der Umwandlung des EA in die IP, mit dem in mehrfacher Hinsicht ungeheuer herausfordernden Umzug von Bonn nach Berlin und mit der Durchsetzung einer ersten englischsprachigen Ausgabe.
Unbedingt aber hätte Hermann Volle, 40 Jahre lang Chefredakteur des EA, erwähnt werden müssen. Ohne ihn, davon bin ich fest überzeugt, hätte das EA nie so lange bestanden, waren doch im Laufe der Jahrzehnte so viele Klippen zu umschiffen und finanzielle Durststrecken zu überwinden. Von der ersten Stunde des EA an stand Hermann Volle an Cornides‘ Seite und bildeten beide Männer ein sich ergänzendes Team. Mit der ihm eigenen Bescheidenheit bezeichnete Hermann Volle sich selbst als „der Organisator und der Kaufmann“, während Cornides die Rolle „des geistigen Vaters und des geistigen Motors“ der Zeitschrift zugekommen sei.
Ohne diesen Mitstreiter, auf den er sich 100-prozentig verlassen konnte, hätte Cornides zusätzlich zum EA nicht auch noch das Forschungsinstitut und die DGAP ins Leben rufen sowie an vielen internationalen Konferenzen teilnehmen können. Cornides‘ früher Tod im Jahr 1966 hat für Hermann Volle einen schweren Schlag bedeutet. Es war beeindruckend zu erleben, wie erfüllt er von der Mission war, die Zeitschrift in dessen Sinne weiterzuführen. Er tat dies mit großem Einsatz als Chefredakteur weitere 20 Jahre.
Das Luhmann-Zitat und Cornides in der NS-Zeit
Auf S. 50 bringt Jörg Lau – ohne erforderlichen Zusammenhang mit dem EA – ein Zitat von Niklas Luhmann über die intellektuelle Entwicklung in der direkten Nachkriegszeit. Dieses Zitat wirkt (zumindest ohne Kontext) verharmlosend, wurde in der NS-Zeit bekanntlich doch weit, weit mehr und Schlimmeres zerstört als „spezifisch deutsche Traditionen“. Fragen wirft zudem Luhmanns Feststellung auf: „Es blieb nur die eifrig zu manifestierende Scham.“ Verhielt es sich wirklich so? War in der Nachkriegszeit nicht eifrig manifestierte Verdrängung vorherrschend? Auch wenn Theodor Heuss den Deutschen Kollektivscham verordnet hatte, ist es doch überaus fraglich, inwieweit der Forderung nachgekommen wurde bzw. woran man Scham erkennen konnte. Und wen meint Luhmann eigentlich mit „wir“? Unterschieden sich die Intellektuellen, die nach 1945 hervortraten, im Hinblick auf ihre Rolle in der NS-Zeit nicht erheblich?
Obwohl man Luhmann zugutehalten muss, dass er selbst bei seinem Eintritt in die NSDAP noch sehr jung war, hat er mit Cornides wenig gemeinsam. Wilhelm Cornides war zwar kein Widerstandskämpfer, aber seine Nähe zu solchen ist bemerkenswert. Neben den Brüdern Molden ist vor allem der Jesuitenpater Alfred Delp zu nennen, Mitglied des Kreisauer Kreises, der im Februar 1945 hingerichtet wurde. Auffällig ist auch, dass es später eine enge Zusammenarbeit von Cornides mit Theodor Steltzer, einem der wenigen Überlebenden des Kreisauer Kreises, gegeben hat.
Die Notwendigkeit einer grundlegenden geistigen Erneuerung und einer europäischen Ausrichtung – beides Ziele des Kreisauer Kreises – erkannte Cornides schon Jahre vor 1945, so jung er auch war. Einen entscheidenden Impuls erhielt er bereits 18-jährig während eines Aufenthalts im Londoner Chatham House, dem Royal Institute of International Affairs. Somit „entsprang sein Engagement“ für das Zeitschriftenprojekt EA, anders als Jörg Lau meint, eben nicht „dieser [d.h. der von Luhmann berufenen] Scham“. Seiner Feststellung lässt Jörg Lau Hinweise auf den von Cornides während des Krieges verfassten Zeitzeugenbericht über die Judenvernichtung folgen. Der sogenannte Cornides-Bericht hat mit dem EA eigentlich nichts zu tun, über den Verfasser sagt er jedoch viel aus. Umso wichtiger wäre es gewesen zu erwähnen, wie dieser Bericht zustande kam.
Der 22-jährige Unteroffizier Cornides hielt sich im August/September 1942 zwar dienstlich im sogenannten General-Gouvernement auf, die Zugfahrt in Galizien – von Rzeszow aus über Rawa-Ruska nach Chelm, die ihn am Vernichtungslager Belzec vorbeiführte – aber unternahm er auf eigene Faust, um der angeblichen „Umsiedlung“ von Juden auf den Grund zu gehen. Das, was er sah und sich von anderen Augenzeugen berichten ließ, hielt er damals schriftlich fest. Es verdiente hier unbedingt, hervorgehoben zu werden, welch ein Kontrast Cornides‘ Verhalten zu dem der überwältigenden Mehrheit der Deutschen bildete, die den Holocaust seinerzeit und noch weit in die Nachkriegszeit hinein ignorierten, verdrängten und leugneten.
Intrnationale Politik, Online-Veröffentlichung, 19. August 2026
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