01. November 2007

»Viele kleine Bächlein werden zu einem großen Fluss«

Warum China die regionale Kooperation in Ostasien weiter vertiefen will

Die Integration der ostasiatischen Staaten ist ein historischer Prozess, der seit zehn Jahren in kleinen Schritten voranschreitet. Große Hürden sind noch zu überwinden; aber wenn die Partner einander auf gleicher Augenhöhe begegnen und auch Systemunterschiede tolerieren, dann werden alle beteiligten Länder von dieser Entwicklung enorm profitieren.

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Zehn Jahre sind seit dem ersten Gipfel der Staatschefs der ASEAN-Staaten sowie Chinas, Japans und der Republik Korea im Jahr 1997 vergangen. Damals nahm die regionale Zusammenarbeit der ostasiatischen Staaten ihren Anfang. Seither ist sie stetig vertieft und erweitert worden.

Sie hat den Austausch und die Kooperation zwischen den Ländern befördert und dadurch zu Stabilität und Wohlstand der Regon beigetragen.

Meiner Ansicht nach lässt sich das schnelle Wachstum innerhalb des ost-asiatischen Bündnisses auf die folgenden Faktoren zurückführen: Erstens folgt es dem historischen Trend der Globalisierung. In den neunziger Jahren haben die enormen Fortschritte der wirtschaftlichen und regionalen Integration gute Rahmenbedingungen für die Entwicklung des ostasiatischen Zusammenschlusses geschaffen. Zur selben Zeit haben globale Herausforderungen wie Terrorismus, Naturkatastrophen, Pandemien oder die Umweltverschmutzung auch in den Ländern dieser Region dazu geführt, die Zusammenarbeit in einigen Bereichen zu erweitern. Aus der historischen Perspektive betrachtet ist es unvermeidlich, dass die ostasiatischen Staaten diesen Prozess nun beschleunigen.

Zweitens wollen alle ostasiatischen Staaten die Entwicklung und den Wohlstand in der Region vorantreiben. Das erfreuliche Wachstum der regionalen Kooperation war entscheidend für die schnelle Markterholung nach der asiatischen Finanzkrise. Mit ihrer Erwartung auf eine stetig weiter wachsende regionale Kooperation trieben die Länder die wirtschaftliche Dynamik in -Ostasien an.

Drittens haben die Menschen Ostasiens die Weisheit und den Mut, den Weg einer regionalen Zusammenarbeit zu gehen, die in dieser Form in der Welt einzigartig ist. Unsere gemeinsamen ökonomischen und kulturellen Wurzeln reichen bis in lange vergangene Zeiten zurück. Als sich eine neue historische Gelegenheit bot, befassten wir uns mit der neuen Situation auf realistische und flexible Art. Die Entschlossenheit der ostasiatischen Staaten, sich zu verbünden, wird ergänzt durch die traditionelle ostasiatische Kultur, andere wie unseresgleichen zu behandeln. So werden Gleichheiten hervorgehoben und Unterschiede zurückgestellt, Offenheit und Integration stehen im Vordergrund.

Was das nächste Jahrzehnt angeht, haben wir in Sachen Kooperation noch einen langen Weg vor uns. Wir müssen das politische Vertrauen vergrößern, uns mit den zunehmenden neuen Sicherheitsbedrohungen beschäftigen, die Kooperation im sozioökonomischem Bereich ausbauen und insgesamt die Wettbewerbsfähigkeit und den Entwicklungsgrad der Region erhöhen. Um die Schwungkraft der regionalen Kooperation zu erhalten, müssen die ostasiatischen Länder einen offenen und harmonischen Regionalismus in die Tat umsetzen und das materielle, institutionelle und kulturelle Fundament unserer Zusammenarbeit verfestigen. In Zukunft sollten wir unsere Zielsetzungen genau bestimmen. Zu diesem Zweck müssen wir in den folgenden Bereichen zusammenarbeiten:

Harmonische zwischenstaatliche Beziehungen, also der gegenseitige Respekt und die Suche nach Gemeinsamkeiten, müssen angestrebt und Unterschiede ausgeklammert werden. Vielfalt ist die vorherrschende Realität in Ostasien. Darin liegt auch die Dynamik seiner prosperierenden Zivilisation. Harmonische Verschiedenheit und Wachstum werden in der östlichen Kultur geschätzt. Vor zehn Jahren, also kurz nach dem Ende des Kalten Krieges, begann eine große Mehrheit der ostasiatischen Staaten zusammenzuarbeiten, um gemeinsam Schwierigkeiten zu überwinden. Seitdem hat sich dieses ostasiatische Bündnis als sehr fruchtbar erwiesen. Der Schlüssel zu den Errungenschaften der ostasiatischen Kooperation liegt in der Fähigkeit der Länder, Unterschiede zu überwinden, die speziellen Anliegen ihrer Partner nachzuvollziehen, die Entscheidungen der anderen zu respektieren, Gemeinsamkeiten zu suchen und auszubauen und die Koexistenz parallel zu ihrer eigenständigen Entwicklung voranzutreiben.

Der Weg der Entwicklung eines jeden Staates in Ostasien hängt von seiner besonderen Verfassung und seinem historischen und kulturellen Hintergrund ab. Was sich in der Vergangenheit als richtig erwiesen hat, besitzt auch für die Zukunft Gültigkeit, nämlich dass es ein Fehler wäre, einem anderen Land ein bestimmtes System aufzuzwingen oder sogar unter diesem Vorwand eine Spaltung zu riskieren. Wir sollten uns weiterhin nach der hervorragenden Tradition der östlichen Zivilisation richten und den Geist der ostasiatischen Kooperation aufrechterhalten, die von gegenseitigem Respekt, Gesprächen auf gleicher Augenhöhe, der Anerkennung von Verschiedenheit und dem Streben nach gemeinsamer Entwicklung gekennzeichnet ist. Dies hat sich im letzten Jahrzehnt als effektiv erwiesen.

Zur selben Zeit sollten wir eine regionale Sicherheitsordnung aufbauen, die mit dem neuen Sicherheitskonzept von gegenseitigem Vertrauen und Nutzen, von Gleichheit und Kooperation einhergeht, um ein intaktes, sicheres Umfeld zu schaffen. Nur so wird die ostasiatische Zusammenarbeit vorankommen und im nächsten Jahrzehnt weitere Fortschritte erzielen können.

Das Prinzip einer ergebnisorientierten und für alle Seiten vorteilhaften Kooperation sollte beibehalten, ja sie sollte auf sozialem und ökonomischem Gebiet vertieft und ausgeweitet werden. Dabei dürfen die drastischen Entwicklungsunterschiede zwischen den Staaten in dieser Region nicht vergessen werden. Die ostasiatischen Länder sollten die praktische Kooperation in allen Gebieten verstärken. Der Schwerpunkt sollte dabei auf der Entwicklung der Freihandelszone und der Kooperation bei Finanzen, IT, Infrastruktur sowie Humankapital liegen. Wir sollten auch Themen der nachhaltigen Entwicklung, wie Klimawandel, Umweltschutz und Energiesicherheit, mehr Aufmerksamkeit widmen und dafür unseren Einsatz erhöhen. Dies alles sollte die Entwicklungsdifferenzen zwischen den Staaten verringern und eine gemeinsame Entwicklung ermöglichen.

Es muss auch darum gehen, im Prozess der ostasiatischen Zusammenarbeit wichtige Themen ganz offen anzusprechen. Es gibt mehrere Mechanismen dieser Kooperation. Sie haben unterschiedliche Vorteile und ergänzen sich gegenseitig. Die Transparenz und die Offenheit des Prozesses sollten erhalten bleiben, während gleichzeitig Verbindungen mit Staaten außerhalb der Region sowie andere regionale und überregionale Mechanismen ausgebaut werden. Derzeit haben die Menschen die unterschiedlichsten Ansichten über die Ausrichtung und die Ziele des ostasiatischen Bündnisses. Meiner Auffassung nach sollten alle verschiedenen Vorstellungen offen diskutiert werden, anstatt voreilig die falschen Schlüsse zu ziehen. Die Lage in Ostasien ist komplex und einzigartig. Die regionale Kooperation steht noch am Anfang ihrer Entwicklung. Das Fundament der Zusammenarbeit und die praktische Ausgestaltung sind insgesamt noch wenig ausgereift. Wie der chinesische Philosoph Xun Zi bereits vor 2000 Jahren sagte: „Erst viele kleine Schritte zusammengenommen ermöglichen es, dass eine tausend Kilometer lange Reise bewältigt werden kann; und erst viele kleine Bächlein zusammengenommen werden zu einem großen Fluss oder einem Meer.“

Es empfiehlt sich, an den Erfahrungen und Methoden festzuhalten, die sich als effektiv erwiesen haben, sich etwa im wirtschaftlichen Bereich auf die praktische Zusammenarbeit zu konzentrieren, diese kontinuierlich auszubauen und die Institutionen weiter zu entwickeln. Auf diese Weise wird das gegenseitige politische Vertrauen gefördert, es kommt zu einer Annäherung der Interessen, und die Kooperation zwischen den ost-asiatischen Staaten erreicht eine neue Ebene. So lässt sich eine produktive Atmosphäre erzeugen. Eine solide Grundlage entwickelt sich, und in der Praxis kann eine höhere Stufe der regionalen Integration erreicht werden. Außerdem führen wir eine umfassende Diskussion und analysieren die unterschiedlichen Vorstellungen über die ostasiatische Kooperation. Dies ist ein bewährtes Verfahren, das sowohl den Begebenheiten in der Region entspricht als auch den Bedürfnissen der verschiedenen Gruppierungen.

Die ostasiatische Kooperation ist ein historischer Prozess. Ich bin der Meinung, dass die ostasiatischen Staaten und Völker diese historische Entwicklung fortführen und durch ihre Weisheit und Kreativität die Stabilität, den Wohlstand, die Solidarität und die Kooperation in der Region vorantreiben werden.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 11, November 2007, S.42 - 45.

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