IP Special

23. Febr. 2026

Vernetzung schafft Vertrauen

Wer Menschen und Orte verbindet, profitiert wirtschaftlich wie strategisch. Konnektivität wird zum Test für die Handlungsfähigkeit der EU in der östlichen Nachbarschaft.

Anastasia Pociumban
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Bild: Kartenausschnitt mit "Mittlerem Korridor von Istanbul bis Peking

Es ist nicht nur der Krieg Russlands gegen die Ukraine, der die technische und infrastrukturelle Vernetzung, kurz: Konnektivität, zum strategischen Thema gemacht hat. Dazu kommen die wachsende Unzuverlässigkeit traditioneller Handelswege und der geopolitische Trend, Infrastruktur, Energie und digitale Netzwerke als Druckmittel zu nutzen. 

Aus Sicht der EU geht Konnektivität über Verkehrskorridore hinaus: Sie umfasst digitale Netzwerke, Energie, Handelserleichterungen und die menschliche Dimension. Mit dieser Agenda will die EU ihr Engagement im Südkaukasus, in Zentral­asien und der Türkei vertiefen und sich als relevanter geopolitischer Player positionieren – und das in einer fragmentierten Region, in der die Konkurrenz durch China, die Türkei oder den Iran groß ist, und in der ein geschwächtes Russland nach wie vor eine ausgesprochen destabilisierende Rolle spielt.

Konnektivität ist zu einem Test für die Handlungsfähigkeit der EU in der weiteren östlichen Nachbarschaft geworden. Ihr Erfolg wird davon abhängen, ob die EU es schafft, Ressourcen zu mobilisieren und eine wirksame Koordinierung zwischen Institutionen, Mitgliedstaaten und Partnern hinzubekommen. Gleichzeitig muss sie pragmatisch mit verschiedenen Akteuren zusammenarbeiten, ohne ihre eigenen Werte aufzugeben.


Europas Seidenstraße

Die EU bemüht sich in der Region um den Aufbau stabiler und nachhaltiger Netzwerke. Infrastrukturinvestitionen stehen im Zeichen der Achtung der Rechtsstaatlichkeit, der Menschenrechte und internationaler Standards. Im Jahr 2021 startete die EU die Initiative „Global Gateway“ als Strategie zur Förderung intelligenter, sauberer und sicherer Verbindungen in den genannten Bereichen sowie in Bildung und Forschung. In der Praxis allerdings bündelte „Global Gateway“ weitgehend bestehende Instrumente, und es haperte an der Umsetzung und an Finanzmitteln. So tat man sich schwer, mit Chinas Seidenstraßen-Initiative zu konkurrieren.

Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat die Konnektivität neuen Schwung erhalten. Die EU ist gezwungen, ein effektiveres Gleichgewicht zwischen Pragmatismus und Werten zu suchen.

In der östlichen Nachbarschaft wurde das Engagement der EU durch die Politik der östlichen Partnerschaft geprägt, in der Vernetzung eine immer wichtigere Rolle spielt. Der Krieg hat die regionalen Unterschiede vertieft. Die EU-Beitrittskandidaten Moldau und die Ukraine integrieren sich auf der Grundlage gemeinsamer Normen und Werte immer enger in die EU. Im Unterschied dazu schließen sich die Länder im Südkaukasus und in Zentralasien nicht alle gleichermaßen dem normativen Rahmen der EU an, sind aber weiterhin an einer Zusammenarbeit mit der EU in ausgewählten Sektoren interessiert.

Innerhalb weniger Tage nach dem vollständigen Einmarsch Russlands in die Ukraine wurden sowohl die Ukraine als auch Moldau an das ENTSO-E-Netz (Europäisches Netz der Übertragungsnetzbetreiber) für die Verbindung von Hochspannungsstromnetzen angeschlossen. Darüber hinaus trat Moldau 2025 dem einheitlichen Euro-Zahlungsverkehrsraum SEPA bei, die Ukraine folgte. Seit Januar dieses Jahres sind sowohl die Ukraine als auch Moldau Mitglieder der Initiative „Roam like at home“ und so in den Roamingbereich der EU integriert.

„Roam like at home“: Die Ukraine und Moldau sind seit Anfang 2026 Mitglieder des EU-Roamingbereichs

Beide Länder richteten ihren Handel neu auf die EU aus, was durch die vertieften und umfassenden Freihandelsabkommen (DCFTA) erleichtert wurde. Die EU ist der größte Handelspartner der Ukraine und machte 2024 über 50 Prozent ihres Warenhandels aus, während die Ukraine der 16.-größte Handelspartner der EU und die drittgrößte Quelle für Agrar- und Lebensmittelimporte der EU ist. Die EU war 2024 mit 54 Prozent des gesamten Warenhandels auch Moldaus größter Handelspartner. Zum Vergleich: Der Handel mit Russland macht derzeit nur 2,5 Prozent des gesamten Handels Moldaus aus.

Im Falle dieser beiden Länder ist die Konnektivitätsagenda der EU eng mit der Erweiterungspolitik verbunden und baut auf bestehenden Mechanismen auf. Das trägt dazu bei, die Länder im Rahmen des EU-Beitrittsprozesses in der Union zu verankern. Das zeigt, wie die durch das ­DCFTA erleichterte und durch geopolitische Ereignisse erzwungene wirtschaftliche Konnektivität die Volkswirtschaften der Länder neu ausgerichtet und sie stärker an die EU gebunden hat.


In der Glaubwürdigkeitsfalle

Im Südkaukasus sieht die Lage anders aus, gerade was das Thema Werte angeht. Georgien, derzeit nur formal ein Kandidatenland, hat ein autoritäres Regime. Die derzeitige Politik der EU ist eine Art Nicht-Engagement, ohne Sanktionen oder andere starke gezielte Maßnahmen. 

Derweil engagiert sich die EU wieder verstärkt in Aserbaidschan, obwohl die Menschenrechtslage sich dort verschlechtert hat. Als Energielieferant ist das Land zu einem wichtigeren Partner für die EU geworden, was zu einer pragmatischeren Gestaltung der Beziehungen geführt hat. Wenn die EU glaubwürdig bleiben will, muss sie ihr Engagement hier deutlich besser definieren und erklären. 

Auf der Habenseite ist der neue Normalisierungsprozess zwischen Armenien und Aserbaidschan, der durch die Wa­shing­toner Abkommen und das geplante TRIPP-Projekt (Trump Route for International Peace and Prosperity) gekennzeichnet ist, ein erster Schritt zur Wiederaufnahme der regionalen Verbindungen. Das Projekt sieht einen 43 Kilometer langen Korridor vor, der Aserbaidschan mit seiner Exklave Nachitschewan verbindet, und bietet Raum für ein Engagement der EU.

Mit dem Projekt „Cross­roads for Peace“ will man Armenien mit Aserbaidschan, Georgien, dem Iran und der Türkei verbinden

TRIPP ist nur ein kleiner Teil einer umfassenderen Vision in Sachen Konnektivität. Es ist Teil des armenischen Projekts „Cross­roads for Peace“, das darauf abzielt, Armenien mit Aserbaidschan, Georgien, dem Iran und der Türkei zu verbinden. Armenien wird die Unterstützung der EU benötigen, um die Konnektivität über TRIPP hinaus auszubauen. 

Für Eriwan ist es entscheidend, dass die Streckenverlängerungen auch Verbindungen wie Gyumri (Armenien) – Kars (Türkei) und verbesserte Verbindungen zu Aserbaidschan und Georgien umfassen. Das bietet der EU die Möglichkeit, sich als wichtiger Partner Armeniens zu profilieren. Allerdings wird die Umsetzung dadurch erschwert, dass die armenischen Eisenbahnen weiterhin von einem russischen Unternehmen betrieben werden.


Die Konkurrenz schläft nicht

Ein Blick auf das europäische Engagement in Zentralasien zeigt zweierlei: das große Potenzial, das Konnektivität bietet, aber auch die Grenzen des derzeitigen EU-Ansatzes. Aus Sicht Brüssels sind Ereignisse wie der dritte Wirtschaftsgipfel EU-Zentralasien oder das Connectivity Investors Forum neben Infrastrukturmaßnahmen entlang des Transkaspischen oder Mittleren Korridors Ausdruck des großen regionalen Interesses an Konnektivität.

Aus zentralasiatischer Sicht jedoch wird das Vernetzungsangebot der EU oft als zu schwerfällig und normativ geprägt wahrgenommen – gerade im Vergleich zum Tempo und Pragmatismus, die mit Partnern wie China oder Russland möglich sind. Das schwächt die Verhandlungsposition der EU in einer Region, in der die Regierungen eine mehrdimensionale Außenpolitik verfolgen und den Wettbewerb der großen Player nutzen, um strategisch autonomer zu werden.

Die Koexistenz mit Russland und China ist hier unvermeidlich und in Infrastruktur, Handelswegen und Energiesystemen verankert, die oft im Besitz oder unter Kontrolle russischer und chinesischer Unternehmen sind. Gleichzeitig bemühen sich die zentralasiatischen Staaten in wachsendem Maße um Investitionen aus der EU, um Abhängigkeiten zu diversifizieren.
Aserbaidschan positioniert sich als Teil eines erweiterten Konnektivitätsraums, der den Südkaukasus und Zentralasien verbindet. Um hier relevant zu bleiben, muss die EU Projekten Vorrang einräumen, die konkrete Vorteile für die Menschen vor Ort bringen und gleichzeitig mit den strategischen Interessen der Union im Einklang stehen.

Zum zentralen Testfeld für die Konnektivitätsagenda der EU in Zentralasien und im Südkaukasus hat sich der Mittlere Korridor entwickelt, eine Logistikroute, die unter Umgehung von Russland Asien mit Europa verbindet. Beschleunigt durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine und die sinkende Zuverlässigkeit der nördlichen Routen ist die strategische ­Bedeutung des Korridors gewachsen – jedoch erfordert er noch erhebliche Investitionen und die Koordinierung zwischen mehreren Akteuren. Hier verbinden sich „weiche“ Konnektivitätsmaßnahmen – wie die Digitalisierung des Zollwesens, die Angleichung der Rechtsvorschriften und die Verbesserung der Logistik – mit harten Infrastrukturprojekten. Das hat zu einem Wettbewerb um Standards, Zeitpläne und Ressourcen geführt. Das Handelsvolumen entlang des Mittleren Korridors ist rapide gewachsen und könnte sich nach Schätzungen der EU-Kommission bis 2040 verdreifachen oder sogar verfünffachen.

In ihrer Schwarzmeer-Strategie schließlich strebt die EU einen Ausbau der Verkehrs-, Digital-, Energie- und Handelsnetze in der Region an. Der kommende „mehrjährige Finanzrahmen“ bietet die Gelegenheit, mehr Ressourcen für die Schwarzmeer-Region zu mobilisieren, unter anderem durch das Finanzierungsinstrument „Connecting Europe“.

Konnektivität bietet der EU Marktzugänge, Sicherheit und die Gelegenheit, in einem umkämpften geopolitischen Raum Führungsstärke zu zeigen. Fortschritte hängen jedoch von mehr ab als von politischen Erklärungen. Die Schaffung von Konnektivität erfordert nachhaltige finanzielle Ressourcen, eine bessere Koordinierung zwischen Regierungen, Finanz­instituten, Privatunternehmen und der Zivilgesellschaft sowie eine klarere Priorisierung von Projekten, die beiden Seiten nutzen. Da die EU in ihrer Projektarbeit in wachsendem Maße auf kreditbasierte Finanzierung umstellt, werden Risiko­teilungsmechanismen und nachvollziehbare Projektpipelines immer wichtiger. 

Gleichzeitig kann Konnektivität die Grundlagen nicht ersetzen. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte bleiben für nachhaltige Investitionen und langfristige Stabilität von zentraler Bedeutung. Übertriebener Pragmatismus birgt die Gefahr, die Glaubwürdigkeit der EU zu untergraben und autoritäre Regierungsformen zu stärken.

Russland und China bleiben in Zen­tralasien und im Südkaukasus präsent. Wenn die EU nicht möchte, dass die Konnektivität in der Region von anderen gestaltet wird, muss sie ein eigenes Modell anbieten, das Zuverlässigkeit, Standards und langfristiges Engagement vereint. Dafür muss sie schneller handeln, sich besser koordinieren und ihre Ambitionen mit Ressourcen untermauern, ohne ihre Grundsätze aufzugeben.


Übertragen aus dem Englischen von Joachim Staron   

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 3, März 2026, S. 60-63

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Anastasia Pociumban ist Research Fellow sowie Projektmanagerin des Think Tank Network on the Eastern Partnership im Zentrum für Ordnung und Governance in Osteuropa, Russland und Zentral
asien der DGAP.