01. November 2003

Verfrühter Abgesang

Zwischenstaatliche Kriege sind kein Auslaufmodell

Die Politik folgt nach wie vor weitgehend den Regeln des politischen Realismus, nämlich dem Kampf um die Macht. Nur zu oft steigert sich dieser Kampf zum offenen Krieg. Vor diesem Hintergrund versuchen die Verfasser, Wissenschaftler an der Universität Zürich, eine Antwort zu geben auf die Frage, wie der jüngste Irak-Krieg aus der Sicht der Kriegsursachenforschung zu beurteilen ist.

Für die Forschung ist jeder neue Fall von Krieg ein Grund, über die Bücher zu gehen. Aus aktuellem Anlass stellt sich wieder einmal diese Frage. Wie ist der Golf-Krieg aus Sicht der Kriegsursachenforschung zu beurteilen? Zunächst eine Vorbemerkung, die nach aller Kriegsberichterstattung der letzten Monate fast schon verwegen anmutet: Kriege sind zum Glück relativ seltene Ereignisse. Die Forschung hat herausgefunden, dass zwei Drittel aller zwischenstaatlichen Nicht-Routine-Interaktionen kooperativer und nur ein Drittel konfliktiver Natur sind – letztere kommen in die Medien („bad news is good news“).

Wiederum nur ein kleiner Teil davon wächst sich zu handfesten Krisen aus, und von diesen enden erneut nur etwa zehn Prozent im Krieg. Die Menschheit hat es offenbar gelernt, den allergrößten Teil ihrer Konflikte auf friedliche Weise beizulegen. Wenn es dennoch zum Krieg kommt, sind offenbar einige Fehler gemacht worden. Die Motive der Konfliktparteien sind meist rasch eruiert – sicherheitspolitische Vorsorge (Präemption) der Vereinigten Staaten im Fall des jüngsten Golf-Krieges. War dazu aber ein Krieg notwendig? Der Verweis auf die Motive klärt bei der Suche nach den Ursachen und Gründen generell nur wenig. Man muss schon tiefer graben.

Dies tut seit geraumer Zeit die Forschung. Groß angelegte, quantitativ-vergleichende Untersuchungen werden seit den sechziger Jahren durchgeführt, etwa das Correlates-of-War-Projekt (COW) an der Universität von Michigan in Ann Arbor.1 Hoffnungen, durch eifriges Korrelieren entsprechender Variablen rasch jene Merkmale aus den Daten zu sieben, die Staaten kriegsanfällig machen, erfüllten sich nicht. Diktaturen wie jene Saddam Husseins sind offenbar nicht per se kriegerisch; Demokratien wie die USA sind nicht per se friedliebend. Nur ein Befund scheint relativ stabil und fast so etwas wie ein sozialwissenschaftliches „Gesetz“ zu sein: Demokratien führen mit anderen Demokratien keine Kriege.

Wer in Europa Angst vor der amerikanischen Militärmacht haben sollte, kann also beruhigt sein: Im Umgang mit ihren Verbündeten werden die USA auch in Zukunft nur jene sanften Formen der Überzeugung einsetzen, die Joseph S. Nye, der Harvard-Politologe und stellvertretende Verteidigungsminister der ersten Regierung Bill Clintons, als „soft power“ bezeichnet hat.2 Die These vom demokratischen Frieden verdankt ihre Gültigkeit allerdings nicht den Sympathien der Demokratien füreinander – die wurden auch im Vorfeld des Irak-Kriegs arg strapaziert –, sondern der engen wirtschaftlichen Verflechtung, der gemeinsamen langfristigen Mitgliedschaft in internationalen Organisationen und der militärischen Bündnistreue.

Uni- oder multipolar?

Die faktische Übermacht der „einsamen Supermacht“ (Samuel Huntington) und ihre Neigung zum Alleingang3 hat im Vorfeld des Irak-Kriegs in der internationalen Politik bekanntlich heftige Diskussionen darüber ausgelöst, ob die internationale Ordnung eine uni- oder eine multipolare sein sollte, so als ob man dies einfach beschließen könnte. Frankreich, Deutschland und Russland treten dezidiert für eine multipolare Ordnung ein, als Gegengewicht zur amerikanischen Übermacht.

Für Politiker wie den britischen Premierminister, Tony Blair, ist dies ein Irrweg. Wie er in seiner Rede vom 17. Juli 2003 vor dem amerikanischen Kongress4 betonte, gibt es „keine gefährlichere Theorie in der internationalen Politik als jene, die Macht der USA mit anderen konkurrierenden Mächten ausbalancieren zu müssen; andere Pole, um die sich Staaten gruppieren.“ Faktisch ist die Welt zurzeit unipolar, ob man dies mag oder nicht. Und die amerikanische Regierung glaubt an die Kraft des „unipolaren Schwunges“ (Charles Krauthammer), den ihr das Ende des Kalten Krieges beschert hat.

Welche Ordnung aber ist friedlicher? Die Forschung hat gezeigt, dass es nicht so sehr auf die polare Struktur ankommt, also die Zahl der Staatengruppierungen an sich, sondern auf die Verteilung der Macht im internationalen System. Multipolare Systeme mit dezentraler Machtverteilung wie vor dem Zweiten Weltkrieg sind höchst gewaltanfällig; bipolare Systeme mit starker Machtkonzentration hingegen stabil. Der „lange Friede“ (John Lewis Gaddis) der bipolaren Ordnung des Kalten Krieges gilt als Beispiel. Aber niemand wünscht sich das prekäre Gleichgewicht des Schreckens zurück, auch wenn Propheten wie John J. Mearsheimer5 glauben, das Gegenteil behaupten zu müssen. Unipolare Systeme mit starker Konzentration der Macht („power preponderance“) zeigen gemäß Forschungsresultaten die geringste Kriegswahrscheinlichkeit, weil kriegerische Konflikte mit der Hegemonialmacht potenziellen Herausforderern allzu teuer zu stehen kämen und deshalb vermieden werden.

Die USA haben viel drangesetzt, Saddam Hussein genau diese Logik plausibel zu machen – ohne Erfolg. Wenn man den Irak-Krieg also erklären will, der gemäß der Theorie der „power preponderance“ nicht hätte passieren dürfen, muss man auf die Ebene der Entscheidungsprozesse heruntergehen. Hier gibt es nun zwei Richtungen. Die eine analysiert die Logik von Entscheidungen, zu den Waffen zu greifen. Tatsächlich hatten sich die USA und Irak im Nervenkrieg zu Jahresbeginn in eine diplomatische Sackgasse manövriert, die einen gesichtswahrenden Rückzug praktisch ausschloss; Kompromisslosigkeit wurde zur dominanten Strategie.

Die andere Richtung konzentriert sich auf Mängel in Entscheidungsprozessen. Hier gibt es eine Fülle von Belegen, dass gerade bei Entscheidungen in Krisen die Qualität leidet. Die Ursachen sind psychologische Gruppenprozesse („groupthink“), die mangelhafte Information, Flucht in Stereotype, Feindbilder, fixe Ideen und vieles mehr zur Folge haben und letztlich zu schlechten Entscheidungen führen.6 Hinweise auf „groupthink“ gibt es für beide Seiten: Bei Präsident George W. Bush in der Gruppe der neokonservativen Heißsporne, die seit 1991 einen Regimewechsel in Irak forderten; bei Hussein in seiner Clique von Höflingen, die dem gefürchteten Chef genau das erzählten, was er hören wollte.

Krieg als Fortsetzung der Politik

Die Kriegführung in Irak wird Stoff für die Diskussion der Militärwissenschaft auf Jahre hinaus liefern. Bestätigt sehen sich jene, die Luftüberlegenheit („air power“) für bedeutsam, aber nicht kriegsentscheidend halten. Die angekündigte „Schocktherapie“ („shock and awe“), das heißt die Anwendung von Macht und Gewalt in brutaler Art und Weise, wie von den Erfindern dieser Doktrin propagiert,7 wurde zur Vermeidung inakzeptabler Kollateralschäden glücklicherweise nicht umgesetzt; die Öffentlichkeit hätte dies auch nie akzeptiert. Die eingesetzte „intelligente“ Präzisionsmunition erfüllte weitgehend die in sie gesetzten Erwartungen, konnte aber natürlich nur so gut sein wie die Nachrichtenlage, die zu ihrer Programmierung diente (und diese war zum Teil wohl eher dürftig), es zuließ. Am größten war das Vertrauen in die Präzision amerikanischer Waffen wohl zunächst in der irakischen Bevölkerung. Auch bei starken Bombardements ging diese zunächst ihren Geschäften nach, in der Meinung, nur das Regime sei im Visier der Amerikaner und nur dieses werde auch getroffen – eine trügerische Annahme, wie sich bald herausstellte.

Krieg ohne Opfer gibt es nicht, aber man kann diese natürlich herunterspielen oder verschweigen. Der zweite Golf-Krieg (Irak–Kuwait) wurde dem staunenden Publikum in Videosequenzen als rollender Einsatz ferngesteuerter Präzisionswaffen präsentiert, der keine Helden und keine (sichtbaren) Opfer produzierte, ein erster Fall postheroischer Kriegführung, wie sie Mitte der neunziger Jahre u.a. auch Edward Luttwak forderte:8 „Minimal casualties, partial results, and patience. Every war need not be a heroic national crusade“.

Der Irak-Krieg war anderer Art und musste es auch sein, weil er als Teil des Kampfes gegen den Terrorismus und eingedenk des 11. Septembers 2001 schon emotional in einer anderen Kategorie rangierte. (Der amerikanische Präsident und seine Regierung sprachen ganz arglos von einem „Kreuzzug“, bis ihnen klar wurde, dass dieser Begriff im muslimischen Teil der Welt eine ganz andere Bedeutung besitzt.) Es gab Opfer, auch amerikanische, wobei die Zahl der Kriegsopfer auf allen Seiten im Vergleich mit anderen Kriegen und angesichts des eingesetzten Zerstörungspotenzials als relativ klein erscheint (was keinesfalls das persönliche Leid jedes einzelnen Kriegsopfers und seiner Familie in irgendeiner Weise verharmlosen will). Und es gab Helden und Heldinnen wie jene Soldatin Jessica Lynch, deren Befreiung von der amerikanischen Presse ebenfalls zur Heldentat hochstilisiert wurde, bis sich das Gegenteil herausstellte. Die zivile Infrastruktur Iraks wurde weitgehend verschont und blieb auch im Großen und Ganzen intakt (soweit sie dies zu Kriegsbeginn noch war), nur um dann durch Plünderungen zerstört zu werden.

Entschieden wurde der Krieg durch relativ wenige, aber rasch vorrückende, mobile Verbände, ein Konzept, das komplett im Gegensatz zur so genannten Powell-Doktrin überwältigender und disproportionaler Machtanwendung stand, und das die militärische Führung der USA als Lehre aus dem zweiten Golf-Krieg eigentlich favorisierte. Stattdessen setzte sich der amerikanische Verteidigungsminister, Donald Rumsfeld, gegen seine Generäle und die Bedenken des vormaligen Stabschefs, Colin Powell, durch und ließ nur etwa die Hälfte der Truppen des zweiten Golf-Kriegs gegen Bagdad marschieren. Der Erfolg gab ihm zunächst Recht, ein Sieg allerdings mit doch beträchtlicher Fortune, wenn man an die Probleme langer Nachschublinien denkt, die auch ohne viel Gegenwehr irakischer Truppen zu einem zeitweiligen Halt des Krieges führten.

Danach aber wurde jenes Szenario eines „katastrophalen Erfolgs“ Realität, das man eigentlich vermeiden wollte: Statt einer ordentlichen Kapitulation des Gegners wie im zweiten Golf-Krieg der unkontrollierte Kollaps des irakischen Staates und ein Ende im allgemeinen Chaos. Das sparsame Truppenaufgebot hat sich im Nachhinein als kapitaler Fehler erwiesen. Interne Berichte des amerikanischen Militärs beklagen dies sehr deutlich, besitzen aber noch nicht den „Segen“ der Spitzen des Verteidigungsministeriums für ihre Veröffentlichung, womit bereits ein anderer Aspekt dieses bislang letzten Krieges der USA angesprochen ist, nämlich die Dominanz der politischen Führung.

Politik über Militär

Schon im Kosovo-Krieg 1999 diktierte die politische Führung bis in taktische Entscheidungen hinein die Kriegführung. Die Klagen des damaligen Oberkommandierenden Wesley Clark, er kämpfe einhändig, „with one hand tied behind my back“, ist noch in guter Erinnerung (angesichts der Weigerung des damaligen Präsidenten Bill Clinton, den General über die zur Drohung herbeigeschafften Apache-Helikopter auch wirklich verfügen zu lassen). Krieg sei Ultima ratio und „nichts als die Fortsetzung des politischen Verkehrs mit Einmischung anderer Mittel“, betonte schon Carl von Clausewitz.9

Die politische Philosophie kann also in zumindest dieser Hinsicht mit dem Irak-Krieg zufrieden sein: Er wurde von der Politik beschlossen und von ihr auch bis in taktische Fragen hinein gesteuert. Beide Kriege, Kosovo 1999 und Irak 2003, zeigen aber auch deutlich die Probleme, wenn sich die Politik intensiv in die Details der Kriegführung einmischt, ein Thema, das Clark auch in seinem aktuellen Buch am Beispiel von Bosnien und Kosovo aufgreift.10 Kriegführung mit einer politischen Führung am längeren Hebel ist schwierig, mit 19 Regierungen wie in der NATO dann schon ein Kunststück. Dennoch plädiert Clark aus den Erfahrungen in Kosovo heraus für die Zusammenarbeit mit den Alliierten. Und folgerichtig hat der General die Metapher vom einhändigen Kampf inzwischen gegen die Bush-Regierung gekehrt: „Because the Bush administration has thus far refused to engage our allies through NATO, we are fighting the war on terrorism with one hand tied behind our back“.11

Bürgerkriegsrisiken

Ein vorläufiges Fazit wäre das Folgende: Die USA haben gezeigt, dass sie große Kriege rasch führen und gewinnen können, nach der Überzeugung ihres gegenwärtigen Verteidigungsministers auch deren zwei zur gleichen Zeit. Die wichtigere Frage ist jedoch, in wie vielen „Protektoraten“ gleichzeitig die USA Pazifizierung und Wiederaufbau betreiben können, was sie sich diesen Aufwand kosten lassen wollen und welche Konzessionen sie an die Verbündeten zu machen bereit wären, um diese ins Boot zu holen. Auch wenn die Suche nach Osama Bin Laden weitergeht, scheint Afghanistan für die USA keine Priorität mehr zu besitzen: Bekanntlich wurde ein Budgetposten betreffend humanitäre Hilfe im Haushaltsplan zu Beginn 2003 „vergessen“; der amerikanische Kongress musste 300 Millionen Dollar anderweitig auftreiben. In Irak sind die USA zum Bleiben quasi verurteilt. Selbst wenn es gelingen sollte, nach und nach befriedete Gebiete verbündeten Truppen zur Kontrolle zu übergeben, wie in Südirak den polnischen Verbänden, blieben den USA die Polizeiaufgaben in jenen schwierigen und gefährlichen Gegenden, die fast tagtäglich schwere Zwischenfälle produzieren.

Die Last einer Besetzung und Befriedung eines militärisch geschlagenen Iraks wurde offenbar in krasser Weise unterschätzt, obschon man es hätte besser wissen können. Nach aller Erkenntnis musste man Irak zu den für Bürgerkriegsszenarien besonders anfälligen Staaten rechnen. Der Grund liegt weniger an den immer wieder gerne betonten ethnischen Gegensätzen zwischen Sunniten, Schiiten und Kurden, sondern an wirtschaftlichen Faktoren. Staaten, deren Wirtschaft im Niedergang begriffen ist und die vor allem stark vom Export von Bodenschätzen abhängen (alles Kriterien, die auch für Irak gelten), weisen ein alarmierendes Bürgerkriegsrisiko auf.12 Hierbei scheint statistisch gesehen die Gier eine größere Rolle als die Not zu spielen.13

Verstärkt wird das Bürgerkriegsrisiko, wenn es schon in jüngerer Vergangenheit zu Auseinandersetzungen kam, was direkt nach dem zweiten Golf-Krieg in Irak bekanntlich der Fall war. Die amerikanische Regierung scheint inzwischen ihre Lehren gezogen zu haben, d.h. trotz aller Rhetorik kaum Neigung zu verspüren, im „Krieg“ gegen den Terrorismus – wie man die Operation immer noch nennt – neue Schauplätze zu eröffnen, auch wenn Kritiker wie der Afrika-Experte der Reagan-Regierung, Chester A. Crocker, ein größeres Engagement der USA in so genannten gescheiterten Staaten fordern.14 Man ist in diesem Zusammenhang sofort an jene drei Regeln für die Intervention in Bürgerkriegen erinnert, die der englische Historiker Sir Michael Howard aufgestellt hat: „First, do not. Second, if you do, pick a side. Third, pick the side that will win and make sure that it does.“ Wie das sehr vorsichtige Taktieren im Falle Liberias zeigt, halten sich die USA gegenwärtig vor allem an Regel Nr. 1.

Zukunft des Krieges

Die wichtigste Frage für die Forschung ist wohl die nach der Zukunft des Krieges. Hier hat der Irak-Krieg jenen Teil der Wissenschaft überrascht, der den zwischenstaatlichen Krieg für überholt hält und den Fokus auf die so genannten neuen (innerstaatlichen) Kriege legt. Bereits zu Beginn der neunziger Jahre prophezeite der israelische Militärhistoriker Martin van Creveld15 der Welt eine neue Form des Krieges. Dieser neue Krieg heiße Somalia, Angola, Kurdistan, Libanon, Sri Lanka und auch Rio de Janeiro. Der herkömmliche, zwischenstaatliche Krieg sei ein Auslaufmodell. Der zweite Golf-Krieg 1991 wurde noch als Anachronismus hinwegerklärt.

Der Zerfall Jugoslawiens steigerte sich dann vom Bürgerkrieg zu einer wahren Orgie der Gewalt, halb alter, halb neuer Krieg: Im jahrelangen Ringen zwischen Kroatien und Serbien trafen hoch gerüstete, große Armeen aufeinander und lieferten sich in Ostslawonien einen erbitterten Stellungskrieg. Im ethnisch heterogenen Bosnien-Herzegowina wütete ein jahrelanger Bürgerkrieg mit schlimmsten Gräueltaten, angefacht durch die Einmischung Serbiens und Kroatiens, der nach dem Versagen der UNPROFOR (namentlich in der „Schutzzone“ Srebrenica) erst durch die Luftstreitmacht der NATO beendet werden konnte. 1999 führte die NATO zum ersten Mal in ihrer Geschichte einen großen konventionellen Krieg, und zwar gegen das Rest-Jugoslawien Slobodan Miloöevibs. Sofort wurde auch dieser Krieg zu einem „neuen“ Krieg erklärt, zum ersten und Modellfall humanitärer Intervention, eine etwas vorschnelle Folgerung, wie man inzwischen weiß. Diese Kriege, vor allem dann der Krieg in Afghanistan und der Irak-Krieg, zeigen zumindest eines: Ein Auslaufmodell ist der zwischenstaatliche Krieg nicht.

Innerstaatliche Kriege sind häufiger, aber sie waren es auch im 19. Jahrhundert. Auch Staatszerfall, eine der Ursachen der aktuellen Kriege auf dem Balkan, im Kaukasus und in Afrika, ist ebenfalls kein neues Phänomen. Dennoch: Zwischenstaatliche Kriege sind im gesamten 20. Jahrhundert seltener geworden; dies hat mit dem Strukturwandel in der internationalen Politik zu tun. Zur Begründung am tauglichsten ist wohl das Argument der komplexen Interdependenz, das die amerikanischen Politologen Robert O. Keohane und Joseph S. Nye bereits in den siebziger Jahren entwickelt haben und neuerlich16 bekräftigen: Die Staatenwelt ist heute in einer Weise verflochten, die Krieg zum sinnlosen Schuss in das eigene Bein macht.

Die Verflechtung verhindert keine Konflikte, aber die geschaffenen Institutionen wirken als Leitplanken bei der friedlichen Abarbeitung dieser Konflikte. Immanuel Kant hatte dies in seinem Traktat zum Ewigen Frieden vor gut 200 Jahren vorausgesehen: „Es ist der Handelsgeist, der mit dem Kriege nicht zusammen bestehen kann, und der früher oder später sich jedes Volkes bemächtigt. Weil nämlich unter allen der Staatsmacht untergeordneten Mächten (Mitteln) die Geldmacht wohl die zuverlässigste sein möchte, so sehen sich Staaten (freilich wohl nicht eben durch Triebfedern der Moralität) gedrungen, den edlen Frieden zu befördern, und wo auch immer in der Welt Krieg auszubrechen droht, ihn durch Vermittelungen abzuwehren.“17

Mehr als ein Schönheitsfehler dieser neuen Welt ist allerdings die Tatsache, dass der den Krieg eindämmende globale Markt zwar weltumspannend, aber nicht flächendeckend ist. Er umfasst nur etwa 20Prozent der Menschheit, konkret die Industriestaaten, die in der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) an einem Tisch sitzen. Im Rest der Welt folgt die Politik weitgehend den Regeln des politischen Realismus, wie sie vor gut 50 Jahren Hans Morgenthau18 beschrieben hat, nämlich als Kampf um die Macht, inner- und zwischenstaatlich. Dies sagt etwas aus über den Zustand dieses Teiles der Welt.

Es erlaubt auch eine Prognose: Der Kampf um die Macht wird sich inner- und zwischenstaatlich in manchen Fällen weiterhin zum offenen Krieg steigern. Und mehr noch: Angesichts des Endes der Geographie durch Schrumpfung der Welt zum globalen Dorf kann sich die entwickelte Welt ein bloßes Zuschauen kaum mehr leisten.

Anmerkungen

1  Daniel S. Geller und J. David Singer, Nations at War. A Scientific Study of International Conflict, Cambridge 1998.

2  Joseph S. Nye. Das dreidimensionale Schachbrett. Über amerikanische Macht im Zeitalter der Informationsrevolution, in: Neue Zürcher Zeitung (NZZ), 10.3.2003, S. 25.

3  Ruloff, Die Neigung der USA zum Alleingang. Spielräume und Grenzen des amerikanischen Unilateralismus, in: NZZ, 9./10.3.2002, S. 87.

4  Vgl. die Webseite der britischen Botschaft in Berlin: <http://www.britischebotschaft.de/en/news/items/030718.htm>.

5  John J. Mearsheimer, Why We Will Soon Miss the Cold War, in: The Atlantic Monthly, 1990, Nr. 2, S. 35–50.

6  Vgl. Irving L. Janis, Groupthink. Psychological Studies of Policy Decisions and Fiascoes, Boston 1982 (2. Aufl.).

7  Harlan Ullman und James P. Wade, Shock and Awe. Achieving Rapid Dominance, Washington 1996.

8  Edward N. Luttwak, Toward Post-Heroic Warfare, in: Foreign Affairs (FA), Jg. 74, 1995, Nr. 3, S. 109–122. (Zitat aus der Zusammenfassung von S. 11).

9  Carl von Clausewitz, Vom Kriege, Bonn 1966 (1. Ausgabe Berlin 1832–34), S. 888.

10Wesley K. Clark, Waging Modern War. Bosnia, Kosovo, and the Future of Combat, New York 2001.

11Vgl. ders., An Army of One? In the war on terrorism, alliances are not an obstacle to victory. They’re the key to it, in: Washington Monthly, September 2002 <http://www.washingtonmonthly.com/features/2001/0209.clark.html>.

12Paul Collier, et.al., Breaking the Conflict Trap. Civil War and Development Policy, Washington, Oxford und New York 2003.

13Mats Berdal und David Malone (Hrsg.), Greed & Grievance. Economic Agendas in Civil Wars, Boulder und London 2000; Paul Collier und Nicholas Sambanis, Understanding Civil War: A New Agenda, in: The Journal of Conflict Resolution, Jg. 46, 2002, Nr. 1, S.3–12.

14Chester A. Crocker, Engaging Failing States, in: FA, Jg. 82, 2003, Nr. 5, S.32–44.

15Martin L. van Creveld, The Transformation of War, New York 1991.

16 Vgl. Joseph S. Nye, Power and Interdependence in the Information Age, in: FA, Jg. 77, 1998, Nr. 5, S. 81–94.

17Vgl. Immanuel Kant, Zum Ewigen Frieden, SV-Schriftenreihe zur Förderung der Wissenschaft, Basel 1958/4, S. 29.

18Hans J. Morgenthau, Politics Among Nations. The Struggle for Power and Peace, New York 1948 (5. Aufl. 1978).