Vereinigt im Glauben ans Rechte
Christlicher Nationalismus ist der ideologische Kitt der religiösen Rechten in den USA – und das Bindeglied für Bündnisse, die über Landesgrenzen hinausreichen.
Am 21. September 2025 verwandelte sich das vollbesetzte Football-Stadion von Glendale, Arizona in eine Bühne für das Who is Who der amerikanischen Rechten. Bei der mehrstündigen Trauerfeier für den ermordeten rechtsextremen Aktivisten Charlie Kirk wurde das tödliche Attentat auf ihn als Wendepunkt in einem existenziellen Kampf um die „westliche Zivilisation“ stilisiert. Die Rednerinnen und Redner – darunter auch US-Präsident Donald Trump – verglichen Kirk mit einem Heiligen, einem Märtyrer, gar mit Jesus Christus selbst.
Dass christlicher Nationalismus das Herzstück der Trauerfeier für Charlie Kirk war, passte zu seiner politischen Marke: „In seinen Anfängen hatte er mit seiner Organisation Turning Point USA (TPUSA) noch für die Trennung von Kirche und Staat argumentiert“, so der Religionswissenschaftler Bradley Onishi. Während der Pandemie habe Kirk seinen Aktivismus von Universitäten auf Kirchen ausgeweitet. Seine Unterorganisation TPUSA Faith sollte in Gemeinden für Trumps MAGA-Bewegung mobilisieren. Weißer christlicher Nationalismus, die Verschmelzung nationaler und rechtsreligiöser Identitäten zu einem ethnokulturellen Rahmen, wurde immer mehr zu Kirks Markenkern. Christlicher Nationalismus ist zudem der gemeinsame Nenner, der die verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen der religiösen Rechten in den USA unter einem gemeinsamen Banner vereint, ungeachtet der durchaus existierenden theologischen Differenzen.
„Ökumene des Hasses“
In einem Essay warnten der katholische Theologe und Jesuit Antonio Spadaro und der presbyterianische Theologe Marcelo Figueroa 2017 vor einer „Ökumene des Hasses“ – einem internationalen Bündnis aus rechtsextremen Katholiken und Evangelikalen, das über Ländergrenzen hinweg die Fundamente von Demokratien angreife. Diesem internationalen Netzwerk der religiösen Rechten widmet sich der Sammelband „Topoi und Netzwerke der religiösen Rechten“. Die Autorinnen und Autoren zeigen in ihren Untersuchungen dieser Verbindungen die „länder- und konfessionsübergreifende Allianz aus Evangelikalismus, Katholizismus und Orthodoxie (manchmal auch Judentum und Islam), die nicht auf Übereinstimmung in dogmatischen Fragen beruht, wohl aber auf einem Hegemonieanspruch“, gerichtet gegen Migranten, Muslime, Juden, queere Menschen, reproduktive Rechte und die ökologische Wende.
Die internationale christliche Rechte kämpft gegen gemeinsame Feindbilder: Sie ist ideologisch vereint gegen das Recht auf Abtreibung sowie gegen Rechte, die sexuelle Orientierung oder Gender-Identität schützen, beispielsweise die gleichgeschlechtliche Ehe oder geschlechtsangleichende Gesundheitsversorgung für Transpersonen. Sie vertritt ein strikt hierarchisches Gesellschafts- und Geschlechterverständnis, in dem die Familie – definiert als christliche Ehe zwischen heterosexuellen Partnern und ihren biologischen Kindern – den patriarchalen Kern ihrer Weltordnung bildet. Die Gleichheit der Geschlechter und den Feminismus betrachtet sie deshalb als unmittelbare Bedrohung.
Die internationale christliche Rechte betrachtet den Feminismus als unmittelbare Bedrohung
Forschende datieren den Beginn einer organisierten europäischen christlichen Rechten auf den Beginn der 1990er Jahre. Laut dem Politikwissenschaftler Gionathan Lo Mascolo und der Soziologin Kristina Stoeckl entstand sie als Reaktion auf die Ausweitung und Festschreibung von Menschenrechten unter anderem in Bezug auf Gender und sexuelle Orientierung im UN-Kontext. Der heute in rechtspopulistischen und rechtsextremen Diskursen allgegenwärtige Begriff der Gender-Ideologie wurde ab den 1990er Jahren vom Vatikan und rechtskatholischen Kreisen verwendet, um eine griffige Sammelbezeichnung für die aus ihrer Sicht inakzeptablen Fortschritte im Bereich der Menschenrechte bezüglich sexueller Orientierung und Gender-Identität zu schaffen. Beeinflusst wurde die europäische Bewegung der religiösen Rechten zudem durch die Internationalisierung der amerikanischen Kulturkämpfe, die erheblichen Anteil am Aufstieg und Machtgewinn der religiösen Rechten in den USA hatten.
Konferenzen und Komplimente
Die globale christliche Rechte pflegt dank einer ganzen Reihe von Organisationen umfassende internationale Beziehungen, die bei regelmäßigen Konferenzen und Zusammentreffen ständig ausgebaut werden. Eine besondere Rolle spielt dabei der World Congress of Families (WCF), der 1997 von dem US-Historiker Allan Carlson und dem russischen Soziologen Anatoli Antonow gegründet wurde. Der WCF fungiert als eine Art Dachverband der internationalen christlichen Rechten und bringt Gleichgesinnte aus aller Welt zusammen. Heute wird er von der International Organisation for the Family (IOF) geleitet, die ihren Sitz in den USA hat. Auf den WCF-Konferenzen treffen und vernetzen sich Persönlichkeiten der internationalen christlichen Rechten – deutsche Gäste waren in der Vergangenheit Gloria von Thurn und Taxis und die rechtskatholische Publizistin Gabriele Kuby.
Während die Konferenzen des WCF nicht im Geheimen stattfinden, operiert das Netzwerk „Agenda Europe“ jenseits der Öffentlichkeit mit dem Ziel, eine „natürliche Ordnung wiederherzustellen“ – eine direkte Kampfansage an sexuelle und reproduktive Menschenrechte. Es handelt sich um einen Zusammenschluss rechter christlicher Personen und Organisationen aus über 30 europäischen Ländern, die enge Kontakte zur christlichen Rechten in den USA pflegen. Die „Agenda Europe“ versammelt katholische, protestantische und orthodoxe Traditionalisten – auch hier zeigt sich die „Ökumene des Hasses“, vor der Spadaro und Figueroa warnten.
Diese Treffen verdeutlichen zudem die Bündnisse zwischen der religiösen Rechten und rechtspopulistischen beziehungsweise rechtsextremen Parteien und Bewegungen. So waren 2025 bei einer Veranstaltung des Mathias Corvinus Collegiums, das als Kaderschmiede von Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán gilt, auch US-Vertreter des katholischen Integralismus geladen – eine Ideologie, die die Unterwerfung des Staates unter die Autorität der katholischen Kirche fordert. Sie lobten Orbáns autoritär und antidemokratisch agierende Fidesz-Regierung als leuchtendes Beispiel für rechte Bewegungen der ganzen Welt. Diese Vorbildfunktion wurde ebenso von weiteren internationalen Gästen wie dem US-Tech-Milliardär Peter Thiel hervorgehoben.
Auch auf Konferenzen der US-Rechten wie der Conservative Political Action Conference (CPAC) oder der neueren National Conservatism Conference (NatCon) trifft man internationale Gäste, darunter den ehemaligen deutschen Verfassungsschutzchef Hans-Georg Maaßen und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Seit 2022 hat CPAC einen europäischen Ableger. Auf der CPAC Hungary traten bereits bekannte Gesichter der deutschen Rechten auf: 2022 hielt die rechtskatholische Publizistin Birgit Kelle dort eine Rede und 2025 trat AfD-Chefin Alice Weidel auf, die Orbán als „Leuchtfeuer der Freiheit“ lobte. Beim US-Original im selben Jahr verbreiteten Redner wie Vizepräsident J. D. Vance das Bild eines Europas, in dem die Rechte von Christinnen und Konservativen unterdrückt würden – eine Behauptung, die Vance schon im Februar 2025 bei der Münchner Sicherheitskonferenz vertreten hatte. Im Anschluss an seinen Auftritt traf sich Vance mit Weidel.
Was Charlie Kirk und die AfD eint
Neben den personellen und institutionellen Verbindungen verwendet die internationale Rechte weltweit ähnliche Erzählungen, wenn auch mit unterschiedlichen nationalen Nuancen. Der Grundtenor lautet: Konservative und christliche Werte seien durch Säkularisierung und die Ausweitung der Menschenrechte auf marginalisierte Gruppen bedroht und dem Untergang geweiht. Verknüpft wird diese Behauptung mit einer nationalen, nativistisch geprägten Untergangserzählung.
So werden etwa im Kampf gegen das Recht auf Abtreibung Begründungszusammenhänge für einen christlich verstandenen „Lebensschutz“ – ein Schutz des Embryos oder Fötus, nicht der Schwangeren – mit rassistischen Untergangserzählungen verbunden. Dabei wird behauptet, dass Abtreibungsverbote notwendg seien, um die Geburtenzahl des Nationalstaats anzuheben und so einen Anstieg nichtchristlicher migrantischer Familien auszugleichen.
Von Storchs Botschaft war klar: Christlicher Nationalismus macht vor Landesgrenzen nicht halt
2014 sagte der erzkonservative Kölner Kardinal Meisner vor Vertretern der katholischen Organisation Neokatechumenaler Weg: „Eine Familie von euch ersetzt mir drei muslimische!“ Die rechtskatholische Publizistin Gabriele Kuby erklärte 2011 in einem Interview, die „Kultur des Todes“, die Abtreibungen mit sich brächten, hätte demografische Folgen: „Für das Einwanderungsland Deutschland bedeutet das, dass der islamische Bevölkerungsanteil rasant wächst.“
Pronatalismus, Migrationsfeindlichkeit, Ablehnung von Abtreibung und Nativismus sind ideologischer Kern der modernen religiösen Rechten auch in den USA. Der ermordete Aktivist Kirk, der sich in den letzten Jahren verstärkt christlich-nationalistisch ausgerichtet hatte, verbreitete die Verschwörungserzählung des „Great Replacement“ – dass weiße christliche Menschen durch gezielte Masseneinwanderung muslimischer Migrantinnen und Migranten „ausgetauscht“ und ersetzt werden sollten – eine Weltsicht, die sich auch in Manifesten rechtsextremer Massenmörder wie Anders Breivik findet und zum Narrativ von AfD-Politikern gehört, dort unter dem Schlagwort „Umvolkung“.
Kirk war ein glühender Gegner des Feminismus. Dieser habe Frauen geschadet und zum „Kollaps des Westens“ geführt. Eine Erzählung, die hierzulande auch von der AfD verbreitet wird. An die Stilisierung der Ermordung Kirks als Tod eines Märtyrers, die viele Redner bei der Trauerfeier in Glendale immer wieder beschworen hatten, knüpfte die AfD-Politikerin und prominente Figur der deutschen religiösen Rechten Beatrix von Storch in einer Bundestagsrede an, in der sie von einem religiösen Revival sprach, einer christlichen Erweckungsbewegung, die durch Kirks Tod ausgelöst worden sei: „Der Westen“ stehe vor einer „spirituellen Erneuerung“, die ein Ende der vermeintlichen Dominanz „linker Ideen“ bedeute.
Von Storchs Botschaft war klar: Christlicher Nationalismus, der das Fundament der Trauerfeier für Charlie Kirk gebildet hatte, macht vor Landesgrenzen nicht halt – und sie und ihre Verbündeten haben vor, mit denselben Erzählungen hierzulande zu punkten.
Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 46-49
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