Titelthema

26. Juni 2023

Untauglicher Universalismus

Die Narrative westlicher Eliten werden vom „Rest“ der Welt nicht mehr akzeptiert. Warum Europa neue Strategien für ein internationales System im Umbruch braucht.

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Bild: ein zerrissenes Porträt Al-Gadaffis zwischen anderen Papierfetzen
In Libyen hat die Militärintervention des Westens das autoritäre Regime Muammar al-Gaddafis beseitigt; gleichzeitig beschleunigte sie den Zerfall des Landes.
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Der westliche Universalismus und die mit ihm verbundenen Narrative haben die geopolitischen Überlegungen des Westens beschränkt – und sie tun es bis heute. Das hat nicht nur dazu geführt, dass westliche Eliten die Komplexität der gegenwärtigen internationalen Beziehungen oft weniger gut entschlüsseln können; es hat auch ihre strategische Weitsicht limitiert.

Die gültigen Narrative machen es weslichen Ländern schwer, Ereignisse zu antizipieren und langfristige Visionen zu entwickeln. (Der hier verwendete Begriff des Westens bezieht sich hauptsächlich auf die USA und Westeuropa, die beiden Säulen der transatlantischen Gemeinschaft.)

Vor diesem Hintergrund stellt sich zum Beispiel die Frage, ob die Annäherung Chinas an Russland, die in erheblichem Maße aus der US-amerikanischen Eindämmungsstrategie gegenüber Russland resultiert, wirklich den langfristigen geopolitischen Interessen der USA entspricht; oder ob die Abkopplung Kontinental­europas von Russland und seiner reichen Rohstoffbasis tatsächlich im Interesse der europäischen Volkswirtschaften liegt. Die wichtigsten westlichen Ideologien werden vom Prinzip des Universalismus beeinflusst, also von der weit verbreiteten Überzeugung, dass Gesellschaften in der nichtwestlichen Welt nach westlichen Normen, Werten und Strukturen funktionieren können und sollten.

Diese westliche Weltsicht schließt eine ernsthafte Auseinandersetzung mit kultureller Vielfalt, zivilisatorischen Eigenheiten und der Funktionsweise nichtwestlicher Gesellschaften aus. Kritisiert wurde diese „ethnozentrische“ Haltung in der Vergangenheit unter anderem von dem französischen Anthropologen Claude Lévi-Strauss.

Westliche Eliten konzentrieren sich auf westliche Narrative wie Demokratisierung, regelbasierte internationale Ordnung, Schutzverantwortung, demokratischer Frieden und „freie Welt versus Autoritarismus“. Die damit verbundene Weltsicht zeichnet sich durch ein enges binäres Denken aus und durch die Tendenz, die Dinge als absolut zu betrachten: als gut oder böse, als richtig oder falsch. Eine eher schädliche Manifestation dieser westlich-demokratischen Weltanschauung ist die Zuweisung von „Karma-Punkten“ an Staaten und Regierungen beziehungsweise die Denke, dass „gute“ Länder eine Politik betreiben, die westliche Normen unterstützt, während „schlechte“ Länder, die sich nicht an westliche Normen und Werte halten, unter wirtschaftlichem oder humanitärem Vorwand beeinflusst und attackiert werden können.

Diese verzerrte Dichotomie wird durch die monokausale Denke untermauert, dass es für die meisten Konflikte nur eine einzige Ursache gibt — etwa das Fehlen einer liberalen Demokratie oder Marktwirtschaft — und dass eine breitere Unterstützung für westliche Formen des politischen und wirtschaftlichen Lebens die Welt befrieden würde. Der gleichen Argumentation zufolge würde die Beseitigung eines Diktators im Namen der Demokratisierung, beispielsweise durch eine militärische Intervention und einen anschließenden Regimewechsel, für Stabilität, Wohlstand und Glück sorgen. Solche westlichen Narrative werden insbesondere von neokonservativen Eliten in den Vereinigten Staaten propagiert, die den USA eine quasi missionarische Rolle als Anführer der freien Welt zuweisen, der alle Demokratien gegen autokratische Regime und vor allem gegen China, Russland und den Iran vereinen muss.

Nur: Der „Rest“ der Welt, der den Großteil der Weltbevölkerung repräsentiert, akzeptiert das westliche Primat nicht. ­Vielmehr werden die westlichen Narrative in der nichtwestlichen Welt oft als Heuchelei wahrgenommen; insbesondere, weil sie früher nicht selten als moralische Rechtfertigung für verschiedene Arten von militärischen Interventionen verwendet wurden, die auf die Kontrolle von Ressourcen oder geostrategisch wichtiger Territorien abzielten. So zum Beispiel die von den USA angeführte Invasion im Irak 2003 oder der Regimewechsel in Libyen 2011.

Gescheiterter Demokratie-Export

Darüber hinaus ist die Welt mehrfach Zeuge der negativen Ergebnisse des „Demokratie-Exports“ geworden und hat das Scheitern neoliberaler Wirtschaftsmodelle erlebt, die nichtwestlichen Gesellschaften trotz ihrer völlig unterschiedlichen soziokulturellen, demografischen und historischen Merkmale aufgezwungen wurden. Die chaotische Situation in Libyen ist ein schlagendes Beispiel für das Scheitern westlicher Einmischungsversuche. Die westliche Militärintervention von 2011, bei der Frankreich und Großbritannien eine Schlüsselrolle spielten, führte nicht nur zu einem Regimewechsel, sondern auch zu einem Teilzusammenbruch des libyschen Staates. Zwar beseitigte der Westen so das autoritäre Regime von Muammar al-Gaddafi. Gleichzeitig beschleunigte man jedoch den Zerfall des Landes, der unter anderem dazu führte, dass der sogenannte Islamische Staat an eine beträchtliche Anzahl von Waffen aus Libyen gelangte. Das daraus resultierende Chaos führte zu einer viel größeren Sicherheitsbedrohung für Europa als die Bedrohung durch das frühere Gaddafi-Regime. Libyen war vor der Intervention einer der am weitesten entwickelten Staaten in Afrika.

Ein Ausflug in die Theorie: Der Begriff Geopolitik beschreibt die Untersuchung der Wechselwirkungen politischer Prozesse und geografischer Räume, in denen diese Prozesse stattfinden. Die geopolitische Analyse zielt darauf ab, die Wechselwirkungen zwischen soziopolitischen Situationen und ihren territorialen Dimensionen zu untersuchen. Um eine geopolitische Rivalität zu verstehen, ist es notwendig zu untersuchen, welche Ideen und Vorstellungen die Denkweise der Akteure beeinflussen. Diese Vorstellungen, die man in der Geopolitik auch als „Repräsentationen“ bezeichnet, beziehen sich oft auf einen bestimmten Ausschnitt der kollektiven Mentalität einer menschlichen Gruppe, die wiederum eng mit nationalen Mythen, Symbolen, Religion und einer spezifischen Interpretation der Geschichte verbunden ist. Bei der geopolitischen Analyse sollte man über die eigenen kulturellen Vorstellungen und Vorurteile hinausgehen und sich in die Lage eines Landes oder einer Bevölkerung versetzen, um zu verstehen, wie lokale Bevölkerungen und ethnische Gruppen ihr eigenes geopolitisches Umfeld wahrnehmen und wie diese Wahrnehmungen ihrerseits von geografischen Merkmalen, historischen und wirtschaftlichen Faktoren und der kulturellen Identität beeinflusst werden.

Zurück in die Praxis: Wenn die Spannungen zwischen Taiwan und China im größeren Kontext der wachsenden geopolitischen und geoökonomischen Rivalität zwischen den USA und China diskutiert werden, konzentrieren die meisten westlichen Experten ihre Analysen auf mögliche Kriegsszenarien. Ein bewaffneter Konflikt kann als mögliches Szenario zwar nicht ausgeschlossen werden, ein Krieg liegt jedoch nicht im Interesse Chinas und gilt dort auch nicht als die favorisierte strategische Option. Um die strategische Denke der Chinesen besser zu verstehen, muss man einige der Hauptmerkmale der strategischen Kultur Chinas berücksichtigen – einem Land, das in seiner langen Geschichte eine vergleichsweise geringe Anzahl von Kriegen geführt hat, insbesondere im Vergleich zu westlichen Mächten wie den USA. Eines der Hauptmerkmale der chinesischen Strategie ist die Verwendung indirekter Ansätze anstelle von direkten militärischen Konfrontationen. Wie schon Sun Tzu in seinem Buch „Die Kunst des Krieges“ (ca. 500 v.Chr.) schrieb: „Die höchste Vollkommenheit in der Kriegskunst besteht darin, den Widerstand des Feindes ohne Kampf zu brechen.“

Ende der 1990er Jahre veröffentlichten zwei hochrangige chinesische Beamte ein Buch mit dem Titel „Uneingeschränkte Kriegsführung“, in dem sie für eine große Strategie Chinas plädieren, bei der alle Mittel der Kriegsführung miteinander kombiniert werden. Der Schwerpunkt liegt dabei jedoch auf nichtmilitärischen Mitteln, also vor allem auf Diplomatie, Wirtschaft, Technologie, Kultur, Information und Psychologie im Rahmen indirekter Strategien zur Erreichung außenpolitischer Ziele.

„Go“ als Schlüsselspiel der Strategie

Eine weitere interessante Referenz, um zu verstehen, wie die Chinesen über Strategie denken, ist das Spiel Go. Dieses Spiel ist im Westen nicht sehr bekannt, obwohl es als lebendiges Spiegelbild der chinesischen Philosophie, Kultur, des strategischen Denkens, der Kriegsführung, der militärischen Taktik und des diplomatischen Feilschens betrachtet werden kann und seinerseits ebenfalls mit den Lehren von Sun Tzu verbunden ist. Im Gegensatz zum Schachspiel, bei dem sich zwei Armeen auf dem Brett gegenüberstehen und das Ziel darin besteht, den Gegner auszuschalten, geht es beim Go-Spiel nicht darum, den Gegner zu eliminieren, sondern sich mehr Platz auf dem Brett zu sichern. Die Spieler tun dies, indem sie mehr Felder auf dem Spielbrett einschließen als ihr Gegner. Das Spiel beginnt mit einem völlig offenen Spielbrett. Dieses spezielle Design ermöglicht kreatives strategisches Denken und Interaktion. In der Folge verwandelt sich das Go-Spiel in einen Wettbewerb zwischen zwei Gegnern um mehrere ­Interessen.

Die Strategie Chinas gegenüber Taiwan repräsentiert die wichtigsten Elemente der chinesischen Strategiekultur und zeigt, wie wirtschaftliche und diplomatische Mittel zur Erreichung umfassenderer geopolitischer Ziele eingesetzt werden können. Dies wird vor allem durch die immer größere Bedeutung der Geoökonomie verdeutlicht. Im Juni 2010 wurde zwischen China und Taiwan ein Rahmenabkommen über wirtschaftliche Zusammenarbeit, das Economic Cooperation Framework Agreement (ECFA), unterzeichnet, um wichtige Bereiche der Wirtschaftsbeziehungen zu liberalisieren. In der Folge wurde China zum größten Handelspartner Taiwans, wobei sich das Handelsvolumen zwischen den beiden Ländern im Jahr 2016 auf rund 160 Milliarden US-Dollar belief und sich bis 2021 fast verdoppelt hat. Damit ist China zum größten Exportmarkt Taiwans und auch zum wichtigsten Markt für taiwanische Investitionen geworden. Darüber hinaus machten sich vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie jährlich rund vier Millionen chinesische Touristen auf den Weg nach Taiwan. Auf diese Art und Weise wächst die wirtschaftliche ­Interdependenz.

Gleichzeitig nutzt Peking seinen geoökonomischen Einfluss, um Taiwan diplomatisch zu isolieren, indem es Ländern, die bereit sind, ihre diplomatischen Beziehungen zu Taiwan abzubrechen, wirtschaftliche Vorteile gewährt. Mit solchen Strategien versucht Peking, seinen Nachbarn enger an das chinesische Festland zu binden. Und das nicht ohne Erfolg: Taiwan hat heute nur 13 diplomatische Verbündete auf der ganzen Welt. In Anbetracht der amerikanischen Unterstützung für Taiwan ist es wichtig zu erwähnen, dass China zweitgrößter Auslandsgläubiger der USA ist: Für Peking stellt das ein beträchtliches Druckmittel dar.

Das internationale System ist durch einen Übergang von einem westlichen Hegemonialsystem unter Führung der USA zu einem multipolaren System gekennzeichnet. Die relative wirtschaftliche und politische Macht verlagert sich von der euro-atlantischen Zone nach Asien, aber auch in andere Weltregionen. Prognosen für das Jahr 2050 deuten darauf hin, dass asiatische Staaten die Weltwirtschaft dominieren werden: China wird zum führenden Wirtschaftsakteur aufsteigen, Indien der zweitgrößte Akteur sein, Indonesien der viertgrößte und Japan wird an fünfter Stelle stehen. Die USA werden derweil nur noch die drittgrößte Volkswirtschaft sein. Kein einziges europäisches Land wird sich unter den Top Ten der Volkswirtschaften wiederfinden.

Notwendige Neupositionierung

Was den Bevölkerungsfaktor betrifft, so ist der relative demografische Abwärtstrend in Europa und den Vereinigten Staaten zu erwähnen. Die Bevölkerung Asiens ist bereits jetzt etwa viermal so groß wie die Bevölkerung Nordamerikas und Europas zusammen. Zudem könnte der Krieg in der Ukraine die Machtverschiebung im internationalen System beschleunigen. Ein wichtiger Indikator dafür ist die Tatsache, dass die Mehrheit der Welt die Sanktionspolitik des Westens gegenüber Russland nicht mitträgt und eine immer größere Zahl von Ländern nicht mehr in US-Dollar handeln möchte.
Die Doppelmoral und Heuchelei der sogenannten regelbasierten internationalen Ordnung, die die westliche Welt als Hüter von Recht, Ordnung und Gerechtigkeit im internationalen System darstellt, können der in der Entstehung befindlichen multipolaren Welt nicht mehr aufgezwungen werden. Deshalb ist es an der Zeit, dass die westlichen Eliten versuchen, die kulturellen und zivilisatorischen Unterschiede zwischen dem Westen (dem Globalen Norden) und dem „Rest“ (dem Globalen Süden) besser zu verstehen und sich tiefgreifenden geopolitischen Analysen zuzuwenden, um effiziente Strategien für eine erfolgreiche Neupositionierung der westlichen Welt zu entwickeln. Dies ist insbesondere für Europa von großer Bedeutung. Der alte Kontinent riskiert, durch sein strategisches Mitläufertum im Schatten der USA sich in die Bedeutungslosigkeit zu manövrieren.

Aus dem Englischen von Kai Schnier

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2023, S. 31-35

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Dr. Gyula Csurgai ist Mitbegründer und Direktor des Genfer Instituts für geopolitische Studien und akademischer Direktor des Genfer Hochschulprogramms der School for International Training in Multilateral Diplomacy and International Studies.

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