01. November 2015
Schlusspunkt

Überleben durch Anpassung

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In Krisen gibt es zwei Optionen. Man besieht sich klaren Kopfes die neue -Situation, lernt und versucht, wieder den Kopf über Wasser zu bekommen. Oder man verweigert sich den Realitäten und hält verbissen am Althergebrachten fest, weil es doch angeblich immer schon gut war. 

Zur Gruppe der Anpassungsfähigsten – Krisen bringen doch immer wieder erstaunliche Phänomene hervor – gehören nicht wenige Konservative und andere, die heute wacker mahnen, dass die Flüchtlinge aus „patriarchalisch strukturierten Ländern“ (sprich: Muslime) „unsere Werte“ wie Gleichberechtigung schätzen und Homosexualität tolerieren sollen. 

Das zeigt eine bemerkenswerte Lernfähigkeit. Bislang sind uns ja nicht -allzu viele dieser Mahner durch feministisches Engagement oder den Kampf für die Homoehe und den Verzicht auf mehr oder weniger schale Schwulenwitze aufgefallen. Zugegeben: Manchmal vermuten wir schon, dass in der Anmahnung „unserer Werte“ ein klitzekleines Vorurteil mitschwingen könnte. Aber sei’s drum. Worte sind nicht einfach Schall und Rauch. Wer demnächst also wieder Frauenquote und Homoehe doof findet, der darf als „Integrationsverweigerer“ zitiert werden. 

Besser halb gelernt als gar nichts begriffen, möchte man der Gruppe der -Realitätsverweigerer zurufen. Populisten und Einfache-Lösungen-Anbieter: Es ist ja völlig in Ordnung und sachlich ganz richtig, sich Sorgen um die Aufnahme- und Integrationsfähigkeit unserer Gesellschaft zu machen. Aber es wäre schon schön, wenn man sich mal der vertrackten internationalen Lage widmen würde, anstatt „Aufnahmestopp“ und „Lösung des Problems an den Wurzeln“ zu fordern und damit die Stimmung so richtig anzuheizen, ohne aber die leiseste Ahnung zu haben, wie genau man das hinkriegen will. 

Und schließlich Ihr Pegidisten und Pegidisten-Sympathisanten, „Wir sind das Volk“-Brüller und AfD’ler, die Ihr euch über die „Übergriffe auf blonde Frauen“ (jaja, und auch die rot-haarigen und brünetten) durch diese dunklen Männer Sorgen macht: Vergewaltigungen finden statistisch nachweisbar hauptsächlich innerhalb von Freundes- und Familienkreis und sexuelle Belästigungen vor allem am Arbeitsplatz statt. Vielleicht sollte man sich mal um das Verhalten der eigenen „Volksgenossen“ sorgen? Das „Abendland“ ist übrigens auch nicht einfach was anderes als das „Morgenland“, also die Region, in der hauptsächlich Muslime leben. Universale Werte? Aufklärung? Weltliches Recht vor religiösem Recht, relative Wahrheiten anstelle von absoluten? Noch nie gehört? Wundert uns nicht. Und schließlich: Demokratie und Meinungsfreiheit bedeuten nicht, dass ich jedes blöde Vorurteil posten oder rausbrüllen darf. 

Vielleicht hilft ja ein Integrationskurs in Sachen Grundgesetz. Wenn nicht, dann bleibt uns nur eine Hoffnung: Rein evolutionär betrachtet, hat sich kluge Anpassung an neue Situationen schon immer als die erfolgreichere Überlebensstrategie erwiesen.

 
Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2015, S. 144

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