01. November 2019

Steingewordene Systemvisionen

In Asien entstehen immer mehr Megastädte und -projekte. Oft sind sie Machtinstrumente autoritärer Systeme, die Gestaltungs- in Deutungshoheit ummünzen.

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Prognosen der Vereinten Nationen zufolge werden 2050 etwa 2,5 Milliarden mehr Menschen in Städten leben als heute; dieses Wachstum wird zu 90 Prozent in Asien und Afrika stattfinden. Sieben der zehn Staaten mit den intensivsten urbanen Transformationsprozessen liegen auf einem Kontinent: China, Indien, Indonesien, Thailand, Bangladesch, Vietnam und Myanmar. Lebten 1950 in Asien nur 18 Prozent der Bevölkerung in Städten, werden es 2030 voraussichtlich 56 Prozent sein; die UN schätzen den jährlichen Zuwachs auf 35 Millionen Menschen.

Eine herausragende Rolle bei der Urbanisierung Asiens spielen Megastädte. Sie sind komplexe Globalisierungsphänomene von je nach Definition fünf oder zehn Millionen Einwohnern mit zumeist weiträumig vernetzten Infrastrukturen und teils extremen Wirtschafts- und Migrationsdynamiken. Gab es 1950 erst zwei Megastädte – New York und Tokio –, wird ihre Zahl von 71 (2015) voraussichtlich auf 104 (2030) weltweit steigen. Lebten 2015 etwa 20 Prozent der weltweiten Bevölkerung in ihnen, sollen es bis 2030 mehr als 23 Prozent werden.

Neben einer extremen räumlichen Ausdehnung bei kleinräumiger Differenzierung, einem oft rasanten Wirtschaftswachstum und teils modernsten Infrastrukturen sind Megastädte von zahlreichen Problemen gekennzeichnet: Massive Umweltverschmutzung und infrastrukturelle Überlastung, enormer Ressourcenverbrauch sowie tiefgreifende sozioökonomische Disparitäten und Fragmentierung sind zu beobachten.


Hochkomplexe Systeme

Auch sind Megastädte besonders anfällig für Naturkatastrophen, soziale Konflikte und Kriege. In diesen komplexen sozial­ökologischen Systemen können Probleme schnell eskalieren. Jüngere Beispiele sind die vielschichtigen Folgen der verheerenden Überschwemmungen in Mumbai (2005, 2017), Jakarta (2007) oder Bangkok (2011). Auch die so genannte Asienkrise zog einen dominohaften Zusammenbruch megaurbaner Immobilien- und Finanzsysteme nach sich. Die komplexen Zusammenhänge von Naturkatastrophen, Urbanisierungsdynamik, Migrationswellen und politischer Krise zählen dazu, wie sie bei den tropischen Zyklonen Sidr (Bangladesch, 2007), Nargis (Myanmar, 2009) und Haiyan (Philippinen, 2013) zu beobachten waren – oder weitreichender noch die Erdbeben-, Tsunami- und Nuklearkatastrophe in Fukushima (2011).


Megastädte, Megaprojekte

In den vergangenen drei Jahrzehnten wurden im Zuge massiver Urbanisierungsprozesse in Asien zahlreiche neue Stadtteile, teils sogar neue Städte und Hauptstädte errichtet; tatsächlich erwägen aktuell mehrere Staaten den Bau neuer Regierungssitze. Derartige Großvorhaben entstanden oft im Kontext von Megaprojekten, mit denen Regierungen Prosperität, Handlungsentschlossenheit und modernisierungsgetriebene Gestaltungskraft demonstrieren. Frühe Beispiele sind die Satellitenstadt Muang Thong Thani in Bangkok oder Malaysias 1995 gegründete neue Hauptstadt Putrajaya mit dem 1999 gefolgten Cyberjaya als Knotenpunkt des Multimedia-Super-Korridors des Landes. Sie waren von vornherein als neue Steuerungszentralen der Innovations- und Wissensökonomie und globaler IT-Hub mit luxuriösen „gated communities“ und Shopping-Centern konzipiert, um ausländische Direktinvestitionen und Fachkräfte aus aller Welt anzuziehen.

Zahlreiche Neugründungen von Städten und Stadtvierteln entstanden in China im Zuge staatsgetragener Urbanisierungspolitik; so wurden bis 2013 mehr als 200 „New Towns“ in 144 Städten gebaut beziehungsweise geplant, darunter das heute zwölf Millionen Einwohner zählende Shenzhen, die Satellitenstädte Fuling und Wanzhou in Chongqing, Kunshan in Jiangsu oder die „Geisterstadt“ Ordos Kangbashi in der Inneren Mongolei. Während die ersten Stadtmodelle noch im Dienste der ökonomischen Modernisierung standen, traten später Demonstrationsmodelle „grüner Stadtpolitik“ wie etwa „Eco City“, „Low Carbon City“ und „Low Carbon Eco City“ hinzu. In der Umsetzung bleiben diese Initiativen, stärker noch die aktuelle Propagierung von „Smart Cities“, auf Vermarktung und ökonomische Ziele orientiert.

Magarpatta im indischen Pune entstand seit Mitte der 1990er Jahre als rein privatwirtschaftliches Großvorhaben einer „Stadt in der Stadt“ mit dem Ziel, einen kompletten „Business process outsourcing“-Komplex für multinationale Unternehmen bereitzustellen. Die Errichtung einer neuen Hauptstadt von Myanmar, Nay Pyi Taw, verfolgte das Ziel, ein funktionsfähiges Verwaltungszentrum in der Landesmitte zu schaffen und das bestehende Städtesystem zu dezentralisieren. Mit ähnlichen Ambitionen wird überlegt, die indonesische Hauptstadt von Jakarta nach Kalimantan zu verlagern. Mit der neuen Stadt Nusajaya sowie der seit 2012 im Aufbau begriffenen Smart City Iskandar Malaysia mit dem Flagship-Projekt „Forest City“ entstehen derzeit nördlich von Singapur riesige urban-industrielle Komplexe.

Besonders effektiv für wirtschaftliches Wachstum und überregionale Vernetzung sind infrastrukturelle Großvorhaben – allen voran neue Megaflughäfen wie Beijing-Daxing (Peking), Chek Lap Kok (Hongkong), Suvannabhumi (Bangkok) oder Indira Gandhi Airport (Delhi), außerdem neue Großbahnhöfe wie in Fengtai (­Peking), Hongqiao (Schanghai) oder Bang Sue (Bangkok). Industriekomplexe und Sonderwirtschaftszonen im Umfeld von Großstauseen (wie etwa der Bakun-Damm in Malaysia oder der Bhakra-Nangal-Damm im Norden Indiens) gehören ebenso dazu wie gigantische Hafenareale – wie die von Schanghai, Guangzhou (beide China), Singapur, Busan (Südkorea) oder Nagoya und Yokohama (beide Japan).

Die Entwicklungen in Asien gehen indes über Megastädte und mit ihnen verknüpfte Megaprojekte hinaus: Gigantomanische Visionen verbinden die megaurbanen Knotenpunkte und Steuerungszentralen über international ausgreifende Entwicklungsachsen und -korridore. Chinas Belt and Road Initiative (BRI) ist lediglich die am konsequentesten durchdachte Variante dieser Kontinente umspannenden Visionen.

Deutlich früher entwickelte, ebenfalls international ausgerichtete Konzepte wie die Achsenentwicklungen entlang des panasiatischen Highway-Netzes, das ­Greater-Mekong-Korridorsystem oder die indonesischen Um- und Neuansiedlungs- sowie Dezentralisierungspolitiken sind prinzipiell ähnlich, wenn auch bescheidener in ihren räumlichen Dimensionen. Bei allen geht es um die Entwicklung von Städten, Städtenetzwerken und Städtesystemen als strategische Instrumente innen- wie außenpolitischer Steuerung und ­Zukunftsgestaltung.


Gebaute Macht

In der Geschichte der weltweiten Urbanisierung finden sich zahlreiche Beispiele dafür, wie Machthaber und herrschende Klassen von anderen Städten inspiriert wurden. Markante Wahrzeichen und ikonische Architektur – etwa monumentale Triumphbögen, Schachbrettgrundrisse oder die Gestaltung öffentlicher Plätze – wurden seit ihrer „Erfindung“ über Jahrtausende zahllose Male kopiert. Damit verband sich neben ökonomischer Effizienz und demografischer Steuerung zumeist der Wunsch, Status und Legitimation zu mehren. Der eigene Machtanspruch wurde buchstäblich in Stein gemeißelt. In vielen postkolonialen Gesellschaften entstanden später neue Architekturstile, welche die Überwindung kolonialer Vergangenheit demonstrieren, neue Identität vermitteln oder politischen Imagegewinn erzielen sollen.

In den Megastädten Asiens wurde in den vergangenen drei Jahrzehnten eine neue Dimension dieses „Modeling“ erreicht. Die „Städte der Zukunft“ dienen oft nicht mehr primär der Demonstration von Macht und Einfluss, sondern als Machtinstrument. Dies gilt insbesondere in autokratischen, autoritären und totalitären Staaten: Gestaltungs- wird zur Deutungshoheit, Stadtumwelt zu gebauter Macht und Gewalt.

Zum tieferen Verständnis der Urbanisierung in Asien sollten wir stärker als bisher ihre Motive und treibenden Kräfte beachten. Nicht selten stehen weniger die Bedürfnisse der Stadtbevölkerung – etwa hinsichtlich der Wohnraum-, Wasser- oder Gesundheitsversorgung –, als vielmehr die ökonomischen und machtpolitischen Motive und Treiber im Vordergrund. Staats- und Stadtregierungen, Regierungs- und Parteikader, staats- und privatwirtschaftliche Regierungsgünstlinge, nationale und internationale Immobilienkonzerne sowie multinationale Beratungsfirmen versuchen über gezielte Ansprache, Modelle und Strategien eigennützige Ziele zu erreichen. Sie bedienen sich dabei wissenschaftlicher Erkenntnisse – wenn auch teils in hohler Verwendung von Fachterminologien.

Grundlegende Inhalte, Prinzipien oder Leitbilder – etwa Nachhaltigkeit, Teilhabe oder Gerechtigkeit – spielen bestenfalls nachrangig eine planungs- und entwicklungsleitende Rolle. Erkenntnisse und Prinzipien werden oft allein rhetorisch verwendet – auch mit dem Ziel, Entwicklungsgelder zu erschließen und pro forma den Anforderungen von Mittelgebern internationaler Kooperationsprojekte zu entsprechen.


Nebensache Nachhaltigkeit

Die lange international verhandelten, auf nachhaltige Urbanisierung zielenden Leit­ideen – allen voran die New Urban Agenda als zentrales Dokument der UN-Habitat-Konferenz in Quito 2016 – sind bei näherer Betrachtung oft von marginaler Bedeutung. Dabei wären eine Übertragung erfolgreicher, nachhaltiger Stadtentwicklungsmodelle und ihre Weiterentwicklung das Gebot der Stunde: Denn die weltgeschichtlich einmalige Chance, die transformatorische Kraft der Städte ernsthaft zu nutzen, um Metropolen und Megastädte auf einen nachhaltigeren Entwicklungspfad zu bringen, wird gerade aufs Spiel gesetzt. Das ASEAN Smart Cities Network etwa, 2018 gegründet, ist eine der ersten länderübergreifenden Kooperationen bei der Stadtentwicklung, das auch nachhaltige Entwicklung als Ziel nennt, im Kern jedoch sehr technologiezentriert ist.

In Asiens Megastädten gelten vielfach ganz andere Maßstäbe: Nicht das „Klein-Klein“ der schrittweisen Veränderungen – wie Quartiersmanagement, soziale Stadt, integrative Nachbarschaften oder Bürgerpartizipation – zählt. Übergeordnete strategische beziehungsweise politische Ziele dominieren. Es geht um das „große Ganze“, die steingewordenen, gebauten Systemvisionen sowie geopolitische Führungsansprüche.

Zukunftsgestaltung erfolgt nicht durch Aushandlungsprozesse, sondern durch Zukunftssetzungen. Entsprechend sind Megastädte, Megaprojekte und Megavisionen in einem sehr weiten Verständnis Laboratorien der Moderne.

 

Prof. Dr. Tabea Bork-Hüffer leitet am Institut für Geographie der Universität Innsbruck die interdisziplinäre Forschungsgruppe Transient Spaces & Societies.

Prof. Dr. Frauke Kraas lehrt Anthropogeographie und leitet die Arbeitsgruppe für Stadt- und Sozialgeographie am Geographischen Institut der Universität zu Köln.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2019, S. 38-41

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