15. September 2021

Schuld und Versagen in Afghanistan

Ein Abzug ist keine Exit-Strategie. Gedanken über einen 20-jährigen Einsatz, der zum Scheitern verurteilt war. Das lag allerdings nicht an den viel gescholtenen afghanischen Sicherheitskräften, sondern am Vorgehen der USA und der NATO-Verbündeten.

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Bild: Deutsche und Afghanische Soldaten beim Appell
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Als deutscher Oberst der Bundeswehr war ich 2007 unter dem Mandat „Operation Enduring Freedom“ im US-Kommando CSTC-A (Combined Security Transition Command – Afghanistan) zunächst zuständig als Planer und Berater für die Streitkräfteplanungsabteilung des afghanischen Generalstabs, anschließend direkter Verbindungsstabsoffizier zum afghanischen Verteidigungsministerium und Generalstab in Kabul. Ich empfinde Respekt und Dankbarkeit für die Menschen in Afghanistan, besonders für die afghanischen Sicherheitskräfte, die mich in der Zeit als deutscher Soldat in ihrem Land freundschaftlich in vielen positiven Begegnungen unterstützt haben. Ohne ihre Warnungen vor möglichen Bombenanschlägen hätte ich mich in Kabul nicht unabhängig von bewaffneten Konvois bewegen können. Doch ausgerechnet den afghanischen Sicherheitskräften wird nach der Machtübernahme der Taliban immer wieder „Schuld“ in die längst abgelaufenen und zerrissenen Schuhe geschoben.

 

Was folgt nach dem Scheitern?

Soldatinnen und Soldaten sowie alle, die ihr Leben voller Vertrauen für eine wichtige Phase ihres Dienstes zu opfern bereit waren und noch sind, Verwundete, Traumatisierte und Hinterbliebene, Einsatzveteranen und unzählige afghanische Weggefährten und Freunde müssen seit der Machtübernahme der Taliban peinliche Zumutungen ertragen: vor allem die Behauptung, dass mit dem Abzug der ausländischen Truppen nun der komplette Kriegsdienst seit 2001 gescheitert sei.

Der politische Appetit, sich den Fehlentwicklungen der vergangenen Jahrzehnte zu stellen, dürfte sich schnell verflüchtigen. Die allzu menschliche Einsicht, dass gegenseitige Schuldzuweisungen unter gescheiterten Akteuren nicht hilfreich sind, dürfte obsiegen. Wer also hat wirklich ein Interesse an schonungsloser Darlegung und strukturierter Auswertung?

 

Bequeme Schuldzuweisungen

NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg hat am 17. August 2021 während einer Pressekonferenz der früheren afghanischen Regierung die Schuld für die Niederlage gegen die Taliban gegeben; er wiederholte damit die dürftigen Aussagen von US-Präsident Joe Biden vom Vortag. Die Fundamentalkritik lautet: Die angeblich 300.000 verfügbaren Soldaten der Afghan Security Forces hätten sich willen- und kampflos den zahlen- und ausrüstungsmäßig weit unterlegenen Taliban ergeben.

Diese definitiv wirkende Zuschreibung von Schuld, Versagen und Verantwortungslosigkeit ist gewagt, unreflektiert und zynisch. Vor allem aber verkleistert sie den Blick auf strategische Fehleinschätzungen in Washington, Brüssel und anderswo.  Jegliche eigene Verantwortung verflüchtigt sich jetzt im Raum dieser nebulösen Haftung. Die derart Beschuldigten werden dagegen gejagt und erschossen, sind auf der Flucht oder sammeln sich im Pandschir-Tal. Die internationale Gemeinschaft und die Experten-Welt hat sie abgeschrieben. All das zeugt von erstaunlicher Selbstgefälligkeit.

 

Ein Truppenabzug ist keine Exit-Strategie

Denn die katastrophalen Ereignisse vom Juli und August waren Folge eines „Zusammenbruchs mit Ansage“. Beim Blick auf das eigene Versagen sticht vor allem die ignorante Lagebeurteilung vor und nach dem Deal heraus, den die USA unter Präsident Donald Trump mit den Taliban im Februar 2020 in Doha geschlossen hatten.

Ohne Beteiligung der afghanischen Regierung und ohne offizielle Beteiligung der NATO-Führung und -Verbündeten wurden vollendete Tatsachen für den nun zeitlich berechenbaren US-Truppenabzug geschaffen. Darauf konnten sich die Taliban als Gegner der afghanischen Regierung bestens einstellen. Sollte Deutschland (wie gelegentlich behauptet wird) an den Verhandlungen beteiligt gewesen sein, würde dies den Eindruck von Verantwortungslosigkeit nur noch verstärken; denn so oder so hätte Deutschland bereits vor dem Deal zwingend eine Exit-Strategie mitgestalten sollen.

Auch die im Rahmen des Ministertreffens der NATO im April 2021 getätigte Zusage der Alliierten eines „in together/out together“ kann nicht über den Kardinalfehler hinwegtäuschen: Es gab schlicht keine zivil-militärische Exit-Strategie. Vielmehr war der Abzug der US-Streitkräfte mit wesentlichen Fähigkeiten da bereits in vollem Gange, während andere internationale Kontingente noch über den passenden Zeitpunkt des Abzugs sinnierten.

Der Exodus nach dem Doha-Deal, der erst schleichende, dann hastige bis fluchtartige Abzug zunächst von US-Truppen und deren zugeordneten Subunternehmern – Schlüsselpersonal mit Waffenbedienungssoftware und Wartungsgeräten, Aufklärungsmitteln, Transport- und anderen Unterstützungsleistungen – sowie das Zurücklassen von prallgefüllten US-Waffen- und Munitionslagern an Stützpunkten und Behelfsgarnisonen hatte katastrophale Folgen. Die afghanischen Soldaten, in ihrer Handlungsfähigkeit reduziert, wurden ohne Orientierung ihrem Schicksal überlassen. Es grenzt an ein Wunder, dass die afghanischen Sicherheitskräfte in einzelnen Provinzen noch bis zur Einnahme Kabuls durch die Taliban sich verlustreich den Operationen der Taliban entgegenzustemmen versuchten. 

Ein Folgenkalkül mit Risikobewertungen und Notfallplanungen hätte gezeigt, dass so der Übergang im Ausstieg nicht stabil und nachhaltig gestaltet werden konnte. Diejenigen, die dafür Verantwortung tragen, sind nicht die auftragsgemäß in der Staub- und Schlammzone an der Seite der afghanischen Kameraden unmittelbar kämpfenden US- und NATO-Soldaten. Warum aber aktive Generale oder Admirale in dieser Situation nicht couragiert aufgetreten sind und sich diesem Wahnsinn an zerstörerischen Befehlen und Versäumnissen nicht widersetzt haben, ist eine noch zu beantwortende Frage.

 

Interventionstruppen ohne Respekt

Eine angemessene Exit-Strategie hätte offenbart, wie tiefgreifend die Präsenz der NATO-Truppen und anderer Organisationen afghanisches Regierungshandeln über die Jahre gesteuert und fremdbestimmt hat – durch spezifische Interessen und Absichten der jeweils eingreifenden Nationen und Organisationen auf allen Ebenen. Es waren maßgeblich US-Militärberater, die permanent in den Büros der zeichnungsbefugten Regierungsmitglieder sowie der militärischen Führungsspitze und zugeordneter Abteilungen hockten, um Informationen abzusaugen, Weisungen zu erteilen, Druck auszuüben, zu belehren, Vorgaben aus dem für Afghanistan zuständigen US-Zentralkommando (CENTCOM) in Florida abzusegnen, US-getreu zu entscheiden und an die Sicherheitskräfte befehlen zu lassen.

Vor allem die durchgängige Missachtung von „Afghan ownership“ beim allzu forschen Umgang mit der Afghan National Army (ANA) und der Afghan National Police (ANP) war ursächlich für den schnellen Siegeszug der Taliban im Juli und August 2021. Die permanent im Aufwuchs befindlichen afghanischen Sicherheitskräfte litten unter der selbstgerechten, diktierenden Mentalität, die dazu führte, dass diese letztlich in Hilflosigkeit verblieben. Nun werden sie als Schuldige für den Staatszusammenbruch verantwortlich gemacht.

 

Fremde Leben

Für die längste Zeit der Ausbildungsmission gilt: Zigtausende tapfere und kampfeswillige, aber nicht kampfbereite Angehörige der afghanischen Armee und Polizei, überwiegend im Eiltempo rekrutiert, verloren nach wenigen Wochen unzureichender Einweisung in überfordernden Gefechtshandlungen ihr Leben. Niemals wären Grundwehrdienstleistende der Bundeswehr vier Wochen nach der Einberufung auf offene Jeeps gesetzt und in Kampfeinsätze geschickt worden.   

Den NATO-Generalsekretären und den Alliierten wurden im NATO-Hauptquartier in Brüssel täglich aktualisierte Listen der Verluste vorgetragen. Mit anfänglicher Bestürzung, dann mit Abgestumpftheit verächtlicher Arroganz wurde den afghanischen Kräften von Beginn an immer wieder mangelnder Kampfeswille unterstellt. Dass heute von „Deserteuren“ die Rede ist, befremdet schon deshalb, weil die Koalitionstruppen der Operation Enduring Freedom sich mit dem Terminus „absence without leave“ (ständiges Fehlen von ca. einem Drittel des theoretischen Umfangs der Streitkräfte) lange um eine differenziertere Bewertung bemühten.

Zugleich wurde damit verschleiert, wie instabil und erfolglos die Einberufungsverfahren oft waren. Allerdings ließen sich mit den virtuellen Personalstärkelisten Anträge auf Gewährung von Wehrsold bei den US-Kommandobehörden vertreten. Damit sich Soldaten nicht nach Hause absetzen konnten, wurden Rekruten oft in Hunderte Kilometer entfernt gelegene Einsatzorte verlegt – und damit in die Kulturkreise anderer afghanischer Ethnien, ohne Kenntnisse der regionalen Besonderheiten (in Deutschland war die heimatnahe Einberufung lange Zeit ein Markenzeichen für einen attraktiven Wehrdienst).

 

Losgelöst vom afghanischen Bedarf

Auf dem Papier ersonnen, aber nicht mit den operativen und taktischen Erfordernissen abgeglichen, entstanden ganze Einheiten und Verbände mit Phantasiezahlen an Personal, Waffen, Gerät und Ausstattung. Gleichwohl wurden sie über das koordinierende US-Kommando finanziert und mit Material beliefert. „Afghanischer Bedarf“ für grob kalkulierte Truppenteile konnte so an den Schaltstellen in Generalstab und Ministerien bestätigt werden. (In diesem Zusammenhang sollte von zuständiger Stelle einmal erklärt werden, warum das afghanische Verteidigungsministerium unter Druck aufgefordert wurde, Verträge zur Lieferung von Munition mit mindestens 100-prozentigem Preisaufschlag zu unterzeichnen. Dort war durchaus noch in Erinnerung, welchen Marktpreis russische Waffen und Munition hatten.)

Einsatzgrundsätze, für die Afghanen gänzlich untauglich, orientierten sich an US-Einheiten und deren Doktrinen. Kriegsgediente afghanische Soldaten aller Ränge im Generalstab wunderten sich über diese Vorgehensweise. Vorschläge afghanischer Generale, für das komplexe Operationsgebiet Afghanistan geeignete, durchhaltefähige Einheiten und Verbände in spezifischen Truppengattungen zu planen und aufzustellen, ignorierten US-Berater weisungsgemäß.

Besorgte Sicherheitsexperten und amerikanische Steuerzahler kritisieren das Zurücklassen umfangreicher US-Bestände, die über Jahre konsequent aufgebaut wurden und nun einen unerwünschten Besitzerwechsel erfahren. Der Ausrüstungswechsel weg von russischen hin zu amerikanischen Systemen und Beständen, der 2007 erfolgte, deren fortlaufende Beschaffung und Modernisierung, die ebenfalls das Pentagon bewilligte, dürften mittlerweile sogar die Sicherheitsinteressen des russischen Präsidenten Wladimir Putin berühren. Man darf davon ausgehen, dass russische Truppenteile in den ehemaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken auch den Auftrag haben, verlustige Bestände aufzuspüren und zu sichern.

Man muss sich vor Augen halten, was die Einführung von neuen Waffensystemen bedeutet –selbst in regulären militärischen Strukturen. Die notwendige Etablierung komplexer Versorgungswege, Infrastruktur, Einsatzdoktrin, Taktik, Ausbildung usw. wird bei der Beurteilung der ANA allerdings verdrängt. Eine Stippvisite zum Abstellplatz der verrotteten T-62 der Sowjetarmee in Bataillonsstärke ostwärts Kabul reicht aus, um die realistische Lebensdauer von nicht versorgtem, nicht gewartetem Großgerät grob einschätzen zu können.

 

Das „Krebsgeschwür“ der Einsatzbeschränkungen

Unbestritten ist, dass jeder Truppensteller beim Kriegseinsatz in Afghanistan dem größten Verbündeten USA die Bereitstellung eines unverzichtbaren Rückgrats an komplexen Ressourcen verdankt (u.a. strategische Verlegefähigkeit von Truppen und Material, Einrichtung und Betrieb logistischer Drehkreuze und Flughäfen, biometrische Datenerfassung im Anti-Terrorkampf, Echtzeit Vernetzung der Operationsführung strategisch, operativ, taktisch auch auf Distanz, Aufklärungskräfte und -mittel, Kommandozentralen, Hauptquartiere, Operationszentralen und Gefechtsstände, Luftnahunterstützung, Nachtkampffähigkeit, Kampfdrohnen, massiver Rückgriff auf zivile Vertragspartner, Firmen, Subunternehmer einschließlich Sicherheitsdienste, flexible Verlegung von Truppenteilen und Schlüsselpersonal zwischen Operationsgebieten und Kampfzonen). Sonst wäre eine Beteiligung schlicht nicht möglich gewesen.

In den 20 Jahren des Einsatzes änderten sich die Mandate, Befugnisse und Restriktionen so regelmäßig wie die immer wieder angepassten Stärken militärischer Kräfte. Dass sich im Laufe des Kriegseinsatzes deutsche Kontingentführer zu Recht für eine Verbesserung der Kampf- und Schutzausstattung bis hin zu Schützenpanzern einsetzten, wurde trotz aller Berechtigung des Anliegens über Jahre hinweg als anmaßend und widersetzlich bewertet. Der friedliche Wiederaufbau stand im Vordergrund – und damit im eklatanten Widerspruch zur ereignisbezogenen, traumatisierenden Kriegslage.

Unterstützer solcher Forderungen wagten sich wider besseres Wissen nur zögerlich aus der Deckung. Zudem brauchten die Erfinder der Bundeswehr-„Transformation“ mit ihren experimentellen Versuchsanordnungen noch Zeit, um erst nach Jahren der längst evidenten Bedrohungslage bei den in Afghanistan Dienst leistenden Kontingenten einzugestehen, dass die „Transformation“ ein Flopp war. Vielmehr behinderte die Schwebephase der Zurückhaltung zwingend notwendige Kampfwertsteigerungen der Truppe. Diesen Luxus der Erkenntnissteigerung im Einsatz konnte sich die deutsche militärische Führung leisten, während die heute kritisierten afghanischen Soldaten und Polizisten an der Seite bestens vorbereiteter alliierter Kameraden im Anti-Terror-Kampf ihr Leben verloren.

 

Eine afghanische Perspektive

Auf einmal meinen viele, sie hätten schon 2011 vom Scheitern der Mission gesprochen. Dass der Auftrag erledigt gewesen sei, nachdem Al-Kaida-Oberhaupt Osama bin Laden getötet worden war, erschließt sich allerdings nicht. Vielmehr gab es noch 2011 einen anderen, durchaus plausiblen Weg, der allerdings „Afghan ownership“ hätte ernst nehmen müssen. Die Fähigkeit zum Zuhören hätte Handeln in eine andere Richtung lenken können. Das wurde zum Beispiel deutlich, als der brillante afghanische Generalstabschef General Sher Mohammad Karimi im Dezember 2011 das NATO-Hauptquartier in Brüssel besuchte. Damals sah die Lage seiner Darstellung u.a. so aus:

„Unsere Stärke liegt bei 176.000 (plus), was bedeutet, dass wir kein Rekrutierungsproblem haben. … Mentoren brauchen wir hauptsächlich in den Bereichen der Spezialisierung der Armee. Heutzutage ist die Armee gut grundausgebildet und kann im Anti-Terror-Kampf bestehen. 80 Prozent solcher Operationen führt die ANA eigenständig durch. Aber wir brauchen weiterhin Unterstützungskräfte („enabler“) für Feuerunterstützung, Evakuierung, logistische Unterstützung. Unabhängig davon wird der Kampf eigenständig geplant und geführt. Der einzige Koordinierungsbedarf mit ISAF besteht bei der Feueranforderung mit Luftnahunterstützung oder bei Evakuierungen, Bergungsoperationen, dann hilft ISAF. Die ANA verfügt über sehr hohe Kampfmoral, und sie kämpft sehr tapfer. Das erkennt die internationale Gemeinschaft an und zeigt, dass die Institution kosteneffektiv ist und Investitionen nicht umsonst sind. Unsere Sicherheitskräfte haben derartig große Expertise, dass sie Gegner auf Distanz ausmachen und erkennen können. Sie haben viele Angreifer gefangen und Selbstmordattentäter gefasst, bevor diese zuschlagen konnten.“

 

Auftrag nicht erledigt

Richtig ist: Vor zehn Jahren war die Mission des Anti-Terror-Kampfes eben noch nicht erledigt. Die Streitkräfteplanung für das Kriegsgebiet Afghanistan hatte in einer „Stunde null“ ohne vorhandene einsatzfähige Strukturen afghanischer Streitkräfte begonnen. Praktisch von Anfang an mussten sich diese dann im Kampf bewähren – unter dem Statut ausländischer Streitkräfte und unter dauerhafter Führung einer dominierenden Nation. Die wesentliche Leistung im Anschluss an einen wirksamen Anti-Terror-Kampf wäre gewesen, den strukturellen Aufbau der afghanischen Sicherheitskräfte so zu begleiten, dass er den zivilgesellschaftlichen Prozess selbsttragend abgesichert, geschützt und stabilisiert hätte.

Dies hätte allerdings weiterhin militärischer Expertise bedurft. Der „Exit“ hätte ja 2011 beginnen können, aber er wäre nur im Sinne einer „Afghan ownership“ durchhaltefähig gewesen und hätte noch mehrere Jahre gedauert – und als strategischer Kern über alle wechselnd mandatierten Operationsphasen hinweg respektiert werden müssen.

 

Konzept ohne Glaubwürdigkeit

Ein derartiges Verständnis bedeutet keineswegs, „Demokratie mit Waffengewalt exportieren“ zu wollen. Weder General Karimi noch irgendein Vertreter der afghanischen Regierung hat je gefordert, dass das US-Militär oder die ISAF-Mission der NATO „Demokratie“ in Afghanistan schaffen sollten. Vielmehr wird dieser Kontext heute konstruiert, um die chaotische Flucht zu begründen, und verstärkt den Zynismus der Schuldzuweisungen.

Nicht die gesamte Afghanistan-Operation unter den verschiedenen Mandaten Operation Enduring Freedom, ISAF oder Resolute Support ist gescheitert, sondern Regierungen und militärische Führungen der truppenstellenden Nationen sind gescheitert. Deshalb ist ein schonungsloser Auswertungsprozess der komplexen Zusammenhänge dieses Kriegseinsatzes der NATO so notwendig – auch wenn er der Ausformulierung des neuen Strategischen Konzepts der NATO möglicherweise in die Quere kommt und unbequeme Fragen aufwirft. Das Strategische Konzept wäre aber wenig wert, wenn es die jetzt schon offenkundigen Defizite des Afghanistan-Einsatzes ignoriert.

 

Dr. Holger Bahle war bis 2012 Oberst i.G. der Bundeswehr (Panzertruppe) und in verschiedenen NATO-Verwendungen insbesondere zuständig für Konzeptentwicklung, „Lessons Learned“ und den NATO-Streitkräfteplanungsprozess beim Allied Command Transformation / SHAPE, Mons und im NATO HQ, Brüssel. Danach war er Leiter eines Business Case im Rahmen der NATO-Agentur Reform und im Bereich Projektmanagement.

 

Bibliografische Angaben

Internationale Politik, Online exclusive, September 2021

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