Pekings Streben nach KI-Dominanz
China treibt die industrielle Anwendung von KI gezielt voran. Europa stellt das vor gewaltige Herausforderungen. Hoffnungslos ist die Ausgangslage aber nicht.
Im Januar 2025 präsentierte die chinesische Firma DeepSeek ein neues KI-Modell, das fast mit dem des US-Konkurrenten OpenAI mithalten konnte, aber deutlich günstiger war. Seitdem hat Pekings Strategie, Künstliche Intelligenz stärker in der Realwirtschaft zu nutzen, deutlich an Fahrt aufgenommen. So fand im Januar 2026 in Suzhou der dritte Innovationswettbewerb zu Anwendungsfällen von KI-Technologien statt. Gezeigt wurden unter anderem autonome Bergbaufahrzeuge und ein Industrieroboter, der Leiterplatten in der Fabrik bewegen kann.
Die Regierung in Peking investiert schon mindestens seit 2017 deutlich in KI. Chinas Rolle als „Werkbank der Welt“ ist angesichts steigender Löhne und erwarteter demografischer Probleme längst nicht mehr nachhaltig. Anders als viele andere große Industrienationen möchte China den weniger kapital- und technologieintensiven Teil seiner Produktion jedoch nicht auslagern, sondern die eigene Industrie mithilfe von KI modernisieren.
Auch bei Forschung und Innovation setzt Peking große Hoffnungen in KI-Technologien. So experimentieren chinesische Unternehmen etwa mit dem Einsatz von KI beim Design von Kugellagern. Präzise Kugellager sind eine wichtige Voraussetzung für fast alle mechanischen Geräte, darunter Werkzeugmaschinen, Haushaltsgeräte und Elektromotoren. Noch ist China bei präzisen Kugellagern vollständig vom Westen abhängig.
Angesichts dieser Entwicklungen wächst in Europa die Sorge vor einem neuen China-Schock. Gelingt es Peking, seine Abhängigkeiten von Europa, vor allem im gehobenen Segment, mithilfe von KI abzubauen oder unwichtig zu machen, würde die Bedeutung westlicher Zulieferer für Chinas Industrie weiter sinken. Europas industrielle Stärke stünde noch mehr unter Druck und der Wettbewerb auf Drittmärkten würde sich intensivieren.
KI-Investitionen im Vergleich
Pekings Strategie zielt darauf ab, einen entscheidenden Vorsprung bei der industriellen Anwendung von KI zu erlangen. Im Mittelpunkt stehen dabei sowohl der Aufbau eines modernen Industriesystems mit Zukunftsbranchen wie KI als auch die Modernisierung traditioneller Industriezweige wie dem verarbeitenden Gewerbe durch den Einsatz von KI-Technologien.
China investiert dafür viel Geld in Förderungen. Beispiele hierfür sind der im Jahr 2025 gegründete Staatsfonds für die KI-Industrie mit einem Volumen von rund sieben Milliarden Euro sowie Fonds, die die Entwicklung verschiedener KI-Cluster vorantreiben sollen, darunter der staatlich initiierte Shanghai Guotou Pioneer Fonds für Künstliche Intelligenz (rund 2,7 Milliarden Euro) und der staatlich unterstützte Shenzhen Fonds für KI und Robotik (rund 1,2 Milliarden Euro). Entsprechende Regularien und konkrete Umsetzungspläne sollen eine kontrollierte, aber schnelle Anwendung von KI in der industriellen Fertigung ermöglichen. Bis 2030 will die Regierung eine KI-Industrie im Wert von rund 87,7 Milliarden Euro aufbauen und damit in anderen Branchen einen Mehrwert von 870 Milliarden Euro schaffen.
Für Deutschland und Europa ist das eine große Herausforderung. Da die EU bereits bei digitalen Diensten den USA hinterherhinkt, soll KI gezielt für die starke industrielle Basis nutzbar gemacht werden. Bereits im Jahr 2018 formulierte die EU-Kommission die Vorgabe, dass sich die KI-Adoption an den industriellen Stärken Europas orientieren müsse, etwa in der Fertigung, im Gesundheitswesen, im Transportsektor und in der Raumfahrt.
Auf dem KI-Aktionsgipfel im Februar 2025 kündigte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen die Mobilisierung von 200 Milliarden Euro im Rahmen der Initiative Invest AI an. Damit sollen neue KI-Gigafabriken mit einem Schwerpunkt auf industriellen und unternehmensrelevanten Anwendungen entstehen. Dabei soll die EU über mehrere Jahre 50 Milliarden Euro, der private Sektor nochmal 150 Milliarden Euro beisteuern. Verglichen mit den Summen, die in China und in den USA bereits tatsächlich investiert werden, sind 200 Milliarden Euro jedoch nicht viel. So stiegen allein die privaten KI-Investitionen in den USA im Jahr 2024 auf 92,2 Milliarden Euro.
Worauf Europa aufbauen kann
In der direkten Konkurrenz mit Europa hat China bei der industriellen KI entscheidende Vorteile. Durch die langjährige Förderung eigener KI und der dafür benötigten Hardware sind Huawei-Chips für viele industrielle KI-Anwendungen mehr als ausreichend. Außerdem hat das Land eine dominante Position in der Lieferkette von Rohstoffen aufgebaut, die für den Bau von Chips, Rechenzentren, Stromnetzen und anderen fortschrittlichen Technologien unverzichtbar sind. Dahinter steht ein staatlich orchestriertes Ökosystem, das Anreize für Unternehmen schaffen soll.
Dennoch ist der Einsatz von KI auch für China kein Selbstläufer: In der Fertigungsindustrie dominieren kleine und mittelgroße Unternehmen mit begrenzten Investitionsmöglichkeiten. Gleichzeitig führen politischer Umsetzungsdruck und starke Förderanreize häufig zu Verschwendung. Hinzu kommt, dass Firmen und Regierungsbeamte nicht immer in der Lage sind, die Qualität der gekauften Produkte richtig einzuschätzen.
Europas Ausgangslage bei KI ist nicht hoffnungslos. Der Kontinent verfügt über robuste Grundlagenforschung, ein großes Potenzial an KI-Wissenschaftlern, eine wachsende Zahl von Start-ups und industrielle Schwergewichte wie Bosch, Siemens und SAP, die die Integration von KI in ihre Produkte und Dienstleistungen vorantreiben. Zudem nutzt fast die Hälfte der europäischen Fertigungsunternehmen KI und Big Data; in den USA liegt der Anteil nur bei 28 Prozent. Auch bei der Automatisierung durch Robotik liegt Europa vorn: 55 Prozent nutzen Roboter im Vergleich zu 36 Prozent in den USA. Die EU unterstützt das gesamte KI-Ökosystem durch Initiativen wie die Apply AI Alliance oder die KI-Strategie „Anwenden“ und Projekte wie OpenEuroLLM.
Gleichzeitig tauchen europäische Firmen bislang nur selten in KI-Rankings auf. Im Digitalbereich gelten sie weiterhin als Nachzügler, nicht zuletzt wegen Defiziten bei Risikokapitalökosystemen, Geschäftsmodellinnovationen und der Vermarktung von Technologien. Es fehlt vor allem an risikoreichen Technologieinvestitionen, die Start-ups bei der Skalierung unterstützen.
Eine rasche und flächendeckende Einführung von Künstlicher Intelligenz in allen Branchen und Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft könnte China einen Vorsprung in Technologien verschaffen, in denen Europa traditionell führend ist, etwa in der industriellen Automatisierung. Schon heute liegt China beim Verhältnis von Fabrikrobotern zu Fertigungsarbeitern vor Deutschland: In China sind es 470 Einheiten pro 10 000 Arbeitnehmer, in Deutschland 429. Die im August 2025 in Peking zum ersten Mal ausgetragenen humanoiden Roboterspiele demonstrieren ebenfalls Chinas Fortschritte. Neben sportlichen Herausforderungen traten die Roboter auch in Industrie- und Gesundheitsanwendungen gegeneinander an, etwa beim Sortieren von Materialien und beim Packen von Medikamenten.
Chinas strategische Regulierung
Um heimische Firmen zu stärken, setzt China auf Standards und nichttarifäre Handelshemmnisse. Strenge Regulierungen erschweren den Einsatz ausländischer KI-Modelle. So müssen etwa große Sprachmodelle vor der Anwendung bei der Regierung angemeldet werden. Hinzu kommen Datenlokalisierungsregeln, die die Ausfuhr von Produktionsdaten genehmigungspflichtig machen. Die Bevorzugung heimischer Unternehmen bei der Beschaffung sowie der politische Druck, KI breit einzusetzen, sorgen dafür, dass sich chinesische Anbieter von industrieller KI auf eine sichere Nachfrage verlassen können.
In Europa stecken „Buy European“-Ansätze für KI und Softwareprodukte hingegen noch in den Kinderschuhen. Vor allem im öffentlichen Sektor gibt es großen Nachholbedarf. Während in China alle öffentlichen Aufträge in strategischen Sektoren an nationale Unternehmen vergeben werden, liegt dieser Anteil in einigen EU-Staaten bei nur 8 bis 12 Prozent. Die Europäische Union und ihre Mitgliedstaaten fördern daher immer häufiger Forschungsprojekte, die dezidiert Technologie „made in Europe“ herstellen. Ein Beispiel ist OpenGPT-X, das mit Teuken-7B ein multilinguales KI-Sprachmodell als europäische Open-Source-Alternative zu kommerziellen Modellen veröffentlicht hat. Es könnte unter anderem bei Wartungs- und Service-Assistenten in der Industrie zum Einsatz kommen.
„Buy European“-Ansätze für KI und Softwareprodukte stecken noch in den Kinderschuhen
Seit DeepSeek sind auch chinesische KI-Modelle immer öfter vollständig (open-source) oder teilweise frei (open-weight) zugänglich, sodass sie auch im Westen verstärkt verwendet werden. Der Einsatz dieser Modelle ist deutlich schneller und kostengünstiger als die Entwicklung eigener Alternativen – ein entscheidender Faktor für europäische Industrieunternehmen angesichts der aktuellen wirtschaftlichen Lage. Die Abhängigkeit von China wird dadurch allerdings verstärkt. Dies gilt insbesondere für europäische Firmen mit Standorten in China, die chinesische Modelle sowohl dort als auch in Europa einsetzen können, aber nicht umgekehrt.
Die EU-Regulierungen zum Datenschutz, die eher den Schutz der individuellen Privatsphäre als den Schutz strategisch wichtiger Daten in den Blick nehmen, sind nicht ausreichend, um KI-Entwicklungen in Europa zu unterstützen. Im globalen KI-Wettbewerb haben Länder und Blöcke die Nase vorn, die strategische Daten, wie etwa Produktionsdaten, im eigenen Land halten, strategisch nutzen und zusammenführen. Zwar arbeitet die EU mit „Datenräumen“ an der strategischen Nutzbarmachung von Daten in einem Binnenmarkt, hinkt aber China hinterher, das bereits im Jahr 2020 Daten als Produktionsfaktor benannt hat.
Regulierungsanspruch untermauern
Europa steht also nicht nur bei der Anwendung von industrieller KI, sondern auch bei deren Regulierung verstärkt im Wettbewerb mit China. Zwar wurde zuletzt viel über den „Brüssel-Effekt“ gesprochen, und die EU-Datenschutzgrundverordnung diente tatsächlich als Vorbild für Chinas eigenes Gesetz zum Schutz privater Daten. Allerdings ist Regulierung ohne eigene Produkte und Technologien nicht erfolgversprechend. Europa muss seine Prinzipien daher verstärkt durch technologische Versiertheit untermauern, um seinem Anspruch als globale KI-Regulierungs- und Normierungskraft gerecht zu werden.
Dies ist auch deshalb von Bedeutung, da Chinas Vorstoß, KI in großem Umfang zu integrieren, den Rest der Welt beeinflussen könnte. Erst kürzlich hat China in seinen Empfehlungen zum 15. Fünf-
jahresplan festgeschrieben, KI-Regulierung stärker nutzen zu wollen und entsprechende Gesetze, Vorschriften, Richtlinien, Systeme, Anwendungsstandards und Ethikkodizes zu verfeinern. Mit zahlreichen Initiativen ist China auch bestrebt, die globale KI-Governance mitzugestalten und eigene Modelle zu exportieren. Insbesondere für Länder des Globalen Südens ist Chinas günstigeres Angebot oft attraktiv, selbst wenn es datenschutztechnische Mängel gibt.
Europa benötigt jetzt einen strategischen außenpolitischen Ansatz, um eigene Stärken zu bewahren und auszubauen. Obwohl die EU über Vorteile in der mittel- bis hochtechnologischen Fertigung in Sektoren wie Maschinenbau, Elektrotechnik und Chemie verfügt, wurde die Produktion in kostengünstigere Regionen verlagert. Dies hat zu einem Rückgang der Wettbewerbsfähigkeit sowie zu einer Schwächung der Resilienz und strategischen Autonomie geführt. Die gezielte Nutzung von KI und Automatisierung in diesen strategischen Sektoren könnte dazu beitragen, Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit zu stärken, vor allem im Zusammenspiel mit Initiativen wie dem European Chips Act und EU-Programmen zur digitalen Transformation. Wie Chinas Beispiel jedoch zeigt, ist digitale Souveränität kein schnell zu erreichendes Ziel. Für Europa besteht somit weiterhin die Gefahr, dass schnellere und günstigere Angebote aus den USA und China die heimischen ausstechen.
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 40-43
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