Partner Philippinen
Europäische Staaten und die EU investieren stärker in die militärische Zusammenarbeit mit Manila. Das Land wird zum wichtigen strategischen Anker im Indo-Pazifik.
Am 3. Juni 2024 machte sich Wolodymyr Selenskyj auf eine geschichtsträchtige Reise nach Manila. Es war der erste Besuch eines ukrainischen Staatschefs seit der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen der Ukraine und den Philippinen vor über 30 Jahren. Am Tag zuvor hatte Selenskyj in Singapur im Rahmen des Shangri-La-Dialogs des International Institute for Strategic Studies eine Rede gehalten. Darin stellte er eine direkte Verbindung zwischen dem illegalen Krieg Russlands gegen die Ukraine und dem revisionistischen Gebaren Chinas im Indo-Pazifik her.
Bei dem philippinischen Präsidenten Ferdinand Marcos Jr. und anderen wichtigen Entscheidungsträgern fand die Darstellung, dass euro-atlantische und indopazifische Staaten den gleichen Kampf um Souveränität kämpfen, großen Anklang. Zugleich ließ sich das wachsende gegenseitige Interesse europäischer und asiatischer Regierungen an Selenskyjs Asien-Reise ablesen. Nicht umsonst schossen kurz nach seinem Manila-Besuch eine ganze Reihe neuer Verteidigungsabkommen, Dialoge, Militärkooperationen und anderer Initiativen aus dem Boden. So werden die Philippinen Schritt für Schritt zu einem euro-atlantischen Sicherheitspfeiler im Indo-Pazifik.
Eine neue euro-philippinische Ära?
Die Sicherheitszusammenarbeit zwischen den Philippinen und europäischen Staaten gibt es bereits seit Jahrzehnten – und sie geht weit über den Sicherheitsdialog zwischen der EU und dem Verband Südostasiatischer Nationen (ASEAN) hinaus. Die Kooperation in Sachen Sicherheit und friedlicher Entwicklung geht zum Beispiel auf ein Partnerschafts- und Kooperationsabkommen zurück, das 2012 unterzeichnet und 2018 umgesetzt wurde.
Das Abkommen wurde durch mehrere indo-pazifische Strategien und politische Leitlinien gestärkt, die zwischen 2018 und 2021 sowohl auf nationaler als auch auf EU-Ebene verabschiedet wurden. In den von der französischen, deutschen und niederländischen Regierung in diesem Zeitraum veröffentlichten Dokumenten wurden die Philippinen zwar nicht ausdrücklich erwähnt. Dennoch wurden darin immer wieder Themen angeschnitten, die für die philippinische Regierung von zentraler Bedeutung sind, darunter maritime Sicherheit, Seerecht, die Unterstützung der regelbasierten Weltordnung, Handel und eine engere Zusammenarbeit mit indo-pazifischen Staaten.
2021 tauchten die Philippinen erstmals ausdrücklich in der Indo-Pazifik-
Strategie der EU auf – gemeinsam mit anderen Staaten in der Region, die mit „zunehmend ähnlichen Sicherheitsherausforderungen und Bedrohungen“ konfrontiert sind. Ein tschechisches Strategiepapier kam kurz darauf zu einem ähnlichen Schluss. Gleichzeitig stärkte Präsident Marcos nach seinem Amtsantritt 2022 seinerseits die Verteidigungsbeziehungen zu mehreren europäischen Ländern.
Die verteidigungs- und sicherheitspolitischen Beziehungen zwischen Europa und den Philippinen werden seitdem immer enger und komplexer. So nahmen Paris und Manila in dieser Zeit Gespräche über ein Stationierungsabkommen auf. Gleichzeitig unterzeichnete die philippinische Regierung eine Absichtserklärung zum Kauf von Saab JAS 39 Gripen-Kampfflugzeugen mit Schweden und ein Abkommen zur Informationssicherheit mit Spanien. Die Tschechische Republik bekundete ihre Bereitschaft, die Modernisierung der philippinischen Streitkräfte zu unterstützen, und Deutschland bekräftigte die Zusammenarbeit mit Manila im Seerecht und der internationalen Ordnung.
Laut Selenskyj kämpfen euro-atlantische und indo-pazifische Staaten den gleichen Kampf
Darüber hinaus lieferte die Türkei vermehrt Hubschrauber an die Philippinen – und London und Manila unterzeichneten eine Absichtserklärung zur Intensivierung der Verteidigungszusammenarbeit. So hat sich das Netz der europäisch-philippinischen Beziehungen zuletzt Jahr für Jahr ausgeweitet – und durch den Selenskyj-Besuch hat die Kooperation weiter an Dynamik gewonnen.
Im Ausbau der Zusammenarbeit mit den Philippinen orientiert sich Europa in gewissem Maße an den Vereinigten Staaten. Als ehemalige amerikanische Kolonie ist der Inselstaat bereits seit 1951 eng in das Alliierten-Netzwerk der USA eingebunden. Zwar kühlten die Beziehungen in den 1990er Jahren kurzfristig ab, als Washington den Abzug seiner bis dahin permanent auf den Philippinen stationierten Streitkräfte vollzog.
Seit 2014 hat das Verhältnis mit der Unterzeichnung des sogenannten Enhanced Defense Cooperation Agreement (EDCA) aber wieder stark an Bedeutung gewonnen. Das EDCA vereinfacht die Entsendung von US-Truppen und die Einfuhr von Militärgütern, um auf „regionale Notfälle“ reagieren zu können. Zudem hat die Trump-Regierung kürzlich erneut erklärt, die Beziehungen zwischen Washington und Manila seien „unerschütterlich“. Verstärkte Übungen des US-Militärs in Nord-Luzón, in der Bashi-Straße südlich von Taiwan sowie auf der Insel Palawan unterstreichen diese Einschätzung.
Positive Signale
Seit Selenskyjs Besuch in Manila haben viele europäische Streitkräfte ihr bislang eher symbolisches Engagement durch einen aktiven Austausch mit den philippinischen Streitkräften ersetzt. Frankreich, das bereits seit mehreren Jahren an der Sama-Sama-Marineübung teilnimmt, intensivierte seine Kontakte und war zusammen mit Großbritannien und Deutschland als Beobachter bei den letzten Balikatan-Übungen dabei, die die Philippinen seit Ende der 1990er Jahre routinemäßig mit den USA abhalten.
Direkt nach Selenskyjs Besuch nahm im Juli und August 2024 zudem die italienische Carrier Strike Group (CSG) – inklusive des Flaggschiffs und Flugzeugträgers ITS Cavour – an ihrem ersten Einsatz im Indo-Pazifik teil: einem jährlichen Manöver namens „Pitch Black“, das von der Royal Australian Air Force veranstaltet wird. Es war zwar nicht das erste Mal, dass ein Flugzeugträger an der Übung teilnahm. Trotzdem war es ein klares Indiz für die immer engere Anbindung europäischer Streitkräfte an die Region – und an die Philippinen. Nicht umsonst legte die italienische CSG nach dem Einsatz in Manila an.
Anfang 2025 hielt eine französische CSG, angeführt von dem Flugzeugträger Charles de Gaulle, gemeinsam mit der philippinischen Marine Kampfübungen im „Westphilippinischen Meer“ ab. So nennt die Regierung jene Teile des Südchinesischen Meeres, die innerhalb der Wirtschaftszone des Landes liegen. Im Zuge der Mission legte die CSG erstmals in der Subic-Bucht auf der philippinischen Insel Luzón an. Im April starteten die Philippinen dann die Balikatan-Übung, an der auch Beobachter aus den Niederlanden, der Tschechischen Republik, Litauen und Polen teilnahmen.
Sowohl Großbritannien als auch Frankreich unterhalten eine ständige Militärpräsenz im Indo-Pazifik. Großbritannien hat Streitkräfte in Brunei und Singapur stationiert, Frankreich ist in seinen Territorien Neukaledonien und Französisch-
Polynesien präsent.
Im September 2025 legte die HMS Richmond als Teil einer von der HMS Prince of Wales angeführten CSG in Manila an. An Bord war der stellvertretende britische Verteidigungsminister Lord Coaker. Ziel seines Besuchs war es, Gespräche über ein künftiges Stationierungsabkommen zwischen Großbritannien und den Philippinen aufzunehmen. Währenddessen trugen die Besatzung der HMS Richmond und die philippinische Marine ein Fußballspiel gegeneinander aus. Die philippinische Regierung betrachtet diese Entwicklungen als ein Zeichen der „klaren Unterstützung“ für die Ansprüche der Philippinen im Südchinesischen Meer – und dafür, dass sich Europa langsam zu einer echten maritimen Präsenz im Indo-Pazifik und einem Partner entwickelt.
Geostrategische Konvergenz
Die geostrategische Annäherung wird immer enger. Im März 2025 hielten Großbritannien und die Philippinen die erste Sitzung ihres gemeinsamen Wirtschafts- und Handelsausschusses ab. Nur wenige Wochen später empfing Präsident Marcos erstmals den ukrainischen Botschafter in Manila – eine direkte Folge des Besuchs von Selenskyj. Wiederum zwei Monate später unterzeichneten Deutschland und die Philippinen nach dem Besuch von Verteidigungsminister Boris Pistorius ein Abkommen über Verteidigungszusammenarbeit. Auch Italien hat bereits die Absicht erklärt, ein bilaterales Verteidigungsabkommen vorantreiben zu wollen; und im Mai hat die Hohe Vertreterin der EU für Außen- und Sicherheitspolitik, Kaja Kallas, einen neuen Sicherheits- und Verteidigungsdialog zwischen der EU und den Philippinen angekündigt.
Auch die nordeuropäischen und baltischen Länder spielen eine immer wichtigere Rolle. Im März 2025 besuchten schwedische Parlamentarier die Philippinen, um ihr Interesse an engeren Verteidigungsbeziehungen zu demonstrieren. Im Juni ernannte Stockholm zudem einen neuen Verteidigungsattaché für die Philippinen und erklärte, dass die Philippinen „für Schweden ein natürlicher Partner bei der Förderung einer regelbasierten Weltordnung und der Verbesserung der Sicherheitszusammenarbeit“ seien. Ende Juni 2025 besuchte die litauische Verteidigungsministerin Dovilė Šakalienė die Philippinen, um eine Absichtserklärung zu unterzeichnen. Auch sie bekräftigte, dass Litauen „die Philippinen als wichtigen Partner“ bei der Stärkung der regionalen Stabilität, der Widerstandsfähigkeit der Bevölkerung und der Verteidigungsfähigkeiten betrachtet.
Die immer schneller voranschreitende sicherheitspolitische Zusammenarbeit zwischen Europa und den Philippinen hat mindestens sechs Triebfedern.
Erstens sind da die Faktoren Souveränität und Ordnung. Da Chinas expansionistisches Verhalten im westphilippinischen bzw. südchinesischen Meer in gewissem Maße Russlands Gebaren in der Ukraine widerspiegelt, haben sowohl Brüssel als auch Manila ein Interesse daran, Widerstand zu leisten. Beide wollen die regelbasierte internationale Ordnung aufrechterhalten und ihre Souveränität wahren.
Zweitens reagieren sowohl Europa als auch die Philippinen auf hybride Bedrohungen aus Russland und China, seien es Drohnenangriffe oder Cyberattacken. Eine enge Abstimmung bei der maritimen Lageerfassung, der digitalen Kriegsführung und bei Desinformationskampagnen wird deshalb immer wichtiger.
Die Europäer gewinnen Erkenntnisse, die auch bei Operationen in der Ostsee wertvoll werden könnten
Drittens spielen auch die Interessen der Verteidigungsindustrie eine wichtige Rolle. So wollen europäische Unternehmen wie Saab und Leonardo an der Modernisierung der philippinischen Streitkräfte mitverdienen, die sich mit ihrer „Re-Horizon 3“-Strategie grunderneuern möchten. Angesichts steigender europäischer Verteidigungsbudgets und neuer Technologien wird dieser Faktor in den nächsten Jahren noch weiter an Bedeutung gewinnen.
Viertens ist die Annäherung an die Länder des Globalen Südens ein wichtiger Faktor, insbesondere für Staaten wie die Ukraine. Die meisten europäischen Regierungen betrachten die Philippinen als einen demokratischen Brückenstaat in Asien – einen gleichgesinnten Partner, der den westlichen Einfluss im ASEAN-Verband verstärken und damit chinesischen und russischen Interessen entgegenwirken kann. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass die Philippinen die Ukraine bereits seit der russischen Annexion der Krim 2014 unterstützen.
Fünftens spielt Taiwan eine wichtige, wenn auch oft unausgesprochene Rolle. Seit 2022 werden europäische Politikerinnen und Politiker nicht müde zu erklären, dass ein Konflikt in der Taiwanstraße auch eine Gefahr für die euro-atlantische Stabilität sei. Die immer engeren Beziehungen zwischen Taiwan und drei mittel- und osteuropäischen Ländern (der Tschechischen Republik, Polen und Litauen) sind vor diesem Hintergrund kein Zufall.
Sechstens können Übungen in der „ersten Inselkette“ (so nennen Militärstrategen die Verteidigungslinie, die von Japan über Taiwan und die Philippinen nach Borneo reicht und die China bislang daran gehindert hat, den Pazifik zu dominieren) wertvolle Erkenntnisse über eine Art der Kriegsführung liefern, die auch bei Operationen in der Ostsee wichtig werden könnten.
Investitionen in die Zukunft
Die immer engeren Beziehungen zwischen europäischen Staaten und den Philippinen zeigen, dass das Interesse der Europäer und der EU an einem Engagement im Indo-
Pazifik nicht nur vorübergehender Natur ist. Durch den Ausbau ihrer verteidigungs- und sicherheitspolitischen Beziehungen in der Region wollen die Europäer eine Demokratie in Asien stärken und von ihren Erfahrungen mit hybriden Bedrohungen lernen.
Für Manila tragen die neuen Partnerschaften mit europäischen Staaten dazu bei, diplomatisches Kapital und Netzwerke jenseits von Bündnissen wie ASEAN oder bilateralen Beziehungen zu Japan und den USA aufzubauen. Dabei geht es nicht nur darum, politische Verbündete zu gewinnen, sondern auch militärische Partner. Engere Beziehungen zu Europa ermöglichen es Manila, Ausbildungsmethoden zu verbessern, bewährte Verfahren zu überprüfen und sich effektiver auf potenzielle Krisen vorzubereiten.
Für Europa liefert die Zusammenarbeit wiederum wertvolle Erkenntnisse in Bezug auf Abschreckung, die Verteidigung von Inselgruppen und Küsten, die Kooperation mit Staaten des Globalen Südens sowie die Vorbereitung auf eine mögliche Taiwan-Krise.
Die Kooperation zwischen europäischen Staaten und den Philippinen steht so auch stellvertretend dafür, wie Demokratien von der Ostsee bis zum Südchinesischen Meer voneinander lernen können – und warum noch mehr europäische Hauptstädte diesem Beispiel folgen sollten.
Aus dem Englischen von Kai Schnier
Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 95-99
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