Schlusspunkt

25. Juni 2021

Pandemie-Improtheater

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Bild: Zeichnung einer leeren Theaterbühne
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Improvisationstheater ist grundsätzlich eine unterhaltsame Sache: Die Schauspieler haben keine Dialoge und kein Skript, nur eine Handvoll Ideen, die sie oft aus dem Publikum geliefert bekommen. Mit Kreativität und Schlagfertigkeit schafft ein gutes Ensemble das scheinbar Unmögliche: eine unterhaltsame Geschichte aus dem Stegreif zu erzählen.


Wer schon mal dabei war, kommt nich umhin festzustellen, dass das komplette vergangene Jahr ein globales Improtheater war. Teams aus verschiedenen Ländern improvisierten sich durch eine Pandemie, das Publikum sah atemlos zu, wie die Geschichte mit immer neuen Wendungen immer abstruser wurde, und manche Teams schlugen sich, wie bei Improfestivals so üblich, besser als andere.


Deutschland ging zu Beginn in Führung mit einem eindeutigen Helden, Christian Drosten. Rasch waren seine Gegenspieler definiert: die Verschwörungstheoretiker und die BILD. In der zweiten Halbzeit verpassten die Schauspieler dann manche Pointe, und im Publikum machte sich Murren breit.


Aber Deutschland wusste immerhin, welches Publikum es vor sich hatte: größtenteils Erwachsene. Anderswo glaubte das Team sich im Kindertheater; aber im Zuschauerraum saßen ausgesprochen ungehaltene Teenager, die weiter Ideen in den Raum riefen, auf die die Improvisten nur leider nicht immer reagierten. Bald flogen Eier und Tomaten. Es half nicht, dass Fehler nicht, wie sonst im Improtheater, offen zugegeben und in die Geschichte eingebaut, sondern verheimlicht wurden. Doch auf der Bühne kann man nichts verstecken und das Publikum fühlt sich schnell an der Nase herumgeführt. Lieber nimmt es am inneren Monolog des Helden teil, und eigentlich sind es meist die Fehler, die die Zuschauer besonders lieben. Und, die größte Sünde im Improtheater: Gleich mehrere wollten der Held der Geschichte sein. Trump mochte die Bühne nicht mit Fauci teilen, und Bolsonaro behauptete sogar, die Bühne sei gar keine.


Beim nächsten Pandemie-Improtheater gilt es, ein paar Grundregeln zu beachten: Ein guter Improvist muss zuhören können, um schlagfertig zu sein, er muss das Publikum ernst nehmen, seine Schwächen zeigen, und er darf nicht Hauptdarsteller sein wollen. Auch Improvisieren will gelernt sein.

 

Dr. Florence Gaub ist stellvertretende Direktorin des EU Institute for Security Studies (EUISS) in Paris.
Die Autorin dankt Florian Bartsch, künstlerischer Leiter von „NEW – la Comédie Musicale Improvisée“ für seinen Beitrag zu diesem Artikel.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2021, S. 128

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