NATO-Gipfel 2026: Drei Fragen an ... Patrick Keller
Stellvertretender Forschungsdirektor und Leiter des Zentrums für Sicherheit & Verteidigung der DGAP
1. Was steht für die Europäer beim NATO-Gipfel in Ankara auf dem Spiel?
Europa muss seine Sicherheit neu organisieren – und der Gipfel ist ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg. Es geht darum, unverzüglich eine glaubwürdige Abschreckung gegenüber Russland aufzubauen, die Arbeitsteilung zwischen den USA und Europa neu auszutarieren und ein klares Signal der Unterstützung an die Ukraine zu senden. Europa muss seine Verteidigung zwar selbst in die Hand nehmen, kann aber vorerst nicht ohne die USA und wäre auch in Zukunft stärker in einem funktionierenden Bündnis. Die Losung heißt: Durch mehr Einsatz Zusammenhalt ermöglichen.
2. Welche Ergebnisse sind realistisch, welche wären notwendig?
Erwartbar ist erstens eine Leistungsschau. Die Mitgliedstaaten haben sich auf die Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geeinigt. Jetzt werden sie aufzeigen, wie das schrittweise zu mehr militärischen Fähigkeiten führt. Zweitens eine Vereinbarung zur Lastenverteilung: Wenn Amerika sein militärisches Engagement in Europa geordnet und in Absprache reduziert, werden die Europäer (und Kanadier) entstehende Lücken schließen. Drittens die Bekräftigung, die bestehende Unterstützung der Ukraine fortzusetzen.
Wäre all das von wirklich kooperativem Geist getragen, könnte man viel konkretere Pläne für die militärische Entwicklung der NATO schmieden und drängende politische Fragen – von der Zukunft der nuklearen Abschreckung bis zum Umgang mit China – angehen. Aufgrund der Haltung der US-Regierung ist das aber zurzeit nicht zu erwarten.
3. Welche Rolle spielt der Gastgeber Türkei?
US-Präsident Donald Trump sagt, er reise nur aus Wertschätzung für den türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdoğan nach Ankara. Der Gastgeber spielt also eine erhebliche Rolle, um Geschlossenheit zu demonstrieren und gemeinsame Gespräche zu ermöglichen – auch wenn freiheitliche Demokraten Erdoğan nur zähneknirschend diese große Bühne zubilligen.
Die Türkei verdient allerdings erhebliches Gehör innerhalb der NATO: Ihre Streitkräfte sind die zweitgrößten im Bündnis, die Rüstungsindustrie ist leistungsstark und ihre geostrategische Lage besonders relevant. Davon kann die Sicherheit Europas profitieren, und bei aller Priorisierung Russlands werden viele Mitgliedstaaten es der Türkei danken, dass sie den Blick auch auf die Probleme der Südflanke – Instabilität, Terror, ungesteuerte Migration – lenken wird. Der schwierige Verbündete Türkei kann so tatsächlich verbindend wirken.
Internationale Politik, Online-Veröffentlichung, 3. Juli 2026