Perspektiven

31. Aug. 2026

Mutter aller Deals?

Das EU-Handelsabkommen mit Indien könnte eine tragfähige Partnerschaft begründen. Die nächsten fünf Jahre entscheiden, ob am Ende ­Euphorie oder Ernüchterung herrscht.

Stefan Halusa
Mauritz Halusa
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Bild: António Costa, Narendra Modi und Ursula von der Leyen beim Handshake nach dem EU-Indien-Abkommen
Sechs Hände für ein Handels-Halleluja: Am 27. Januar 2026 verkündeten António Costa, Narendra Modi und Ursula von der Leyen in Neu-Delhi die Unterzeichnung des vielgepriesenen EU-Indien-Abkommens.
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Es ist der 27. Januar 2026, Hyderabad House in Neu-Delhi. Indiens Regierungschef Narendra Modi, EU-­Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa verkünden die Unterzeichnung des EU-Indien-Handelsabkommens, der „Mutter aller Deals“. Aber ist es das wirklich?

Ähnliche Bilder gab es schon einmal. Am 30. November 2007 empfing Indiens Premier Manmohan Singh im selben Haus den portugiesischen Ministerpräsidenten José Sócrates, der damals die EU-Ratspräsidentschaft innehatte, und Kommissionspräsident José Manuel Barroso. In der Abschlusserklärung lobten alle drei die Fortschritte der ersten Verhandlungsrunde vom Juni 2007. Bis zur Unterschrift vergingen danach gut 18 Jahre.

In dieser Zeit haben die deutsch-indischen Wirtschaftsbeziehungen durchaus Fahrt aufgenommen. 2025 handelten beide Länder Güter im Wert von 31,3 Milliarden Euro – ein Rekord. Doch der Vergleich relativiert ihn: Mit China kam Deutschland im selben Jahr auf 251,8 Milliarden Euro. Hier setzt das Abkommen an: Es senkt Zölle auf knapp 97 Prozent der Warenlinien; die EU-Exporte nach Indien sollen bis 2032 verdoppelt werden.

Ratifiziert ist das Abkommen noch nicht. Wie lange das dauern kann, hat Mercosur gezeigt. Das separate Investitionsschutzabkommen fehlt ganz. Dass beide Seiten nach fast zwei Jahrzehnten plötzlich pragmatisch wurden, hat weniger mit handelspolitischer Einsicht zu tun als mit den geopolitischen Beben der ­vergangenen zwei Jahre.

Trotzdem: Die Bedingungen sind günstig. Deutschland, das unter den EU-Staaten am meisten mit Indien handelt, hat am meisten zu gewinnen – und am meisten zu verlieren, wenn es die jetzige Chance verstreichen lässt. Ob daraus eine tragfähige Partnerschaft erwächst, entscheidet sich in drei Feldern, in denen Unternehmen und Verwaltung nun aktiv werden müssen: Verteidigung, erneuerbare Energien und Bildung. 


Zwei Pfade bis 2047

Im Wesentlichen gibt es zwei Pfade, wie sich diese Partnerschaft entwickeln kann. Den Zeithorizont dafür gibt Neu-Delhi vor: Indien plant nicht bis 2050, sondern 2047: Hundert Jahre Unabhängigkeit, „Viksit Bharat“, der Aufstieg zur entwickelten Volkswirtschaft. Wer mit Indien plant, sollte diesen Horizont kennen.

Der erste ist der Pfad der Komplementarität. Er tritt ein, wenn strukturelle Treiber ineinandergreifen. Deutschlands Bevölkerung altert, Indiens ist jung und immer besser ausgebildet. Knapp 60 000 Inderinnen und Inder studieren bereits an deutschen Hochschulen, die größte internationale Gruppe. 280 000 leben hier, über die Hälfte ist sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Fachkräfte aus Indien, ob hier oder dort ausgebildet, können zum wichtigsten Treiber der Beziehung werden.

Wer an Indiens Wachstum mitverdienen will, muss vor Ort investieren, nicht aus Deutschland  exportieren

Zugleich bleibt Indien mit 7,6 Prozent Wachstum im Finanzjahr 2025/26 die schnellstwachsende große Volkswirtschaft der Welt und dürfte Deutschland noch in diesem Jahrzehnt vom dritten Platz verdrängen. Wachsen muss es auch, um Hunderten Millionen junger Menschen Perspektive auf einen Arbeitsplatz zu bieten. Mit der Industrialisierung steigt der Energiebedarf massiv. Indien setzt auf einen historischen Ausbau der Erneuerbaren und will bei grünem Wasserstoff zum Exporteur aufsteigen.

Für all das braucht Indien Know-how, Technologie und Kapital – Felder, in denen deutsche Unternehmen weltweit führend sind. Beide Seiten haben sich ­vorgenommen, ihre Abhängigkeit von China zu verringern; Neu-Delhi mit Investitionsrestriktionen und Industrieprogrammen, Berlin mit De-Risking-Rhetorik. Das ist keine Einbahnstraße, sondern Komplementarität, die für gemeinsames Wachstum sorgt.

Der zweite ist der Ernüchterungspfad. Indien bleibt der ewige Zukunftsmarkt. Auch in den 2000er Jahren gab es bereits eine Indien-Euphorie. Sie hat Spuren hinterlassen: Rund 2000 deutsche Unternehmen sind heute in Indien präsent, etwa 800 mit eigener Produktion. Was sie aber nicht erzeugt hat, ist Skalierung. Der Handel wuchs langsam, die deutschen Direktinvestitionen in Indien lagen laut der Außenwirtschaftsagentur des Bundes (GTAI) im Jahr 2024 bei 28 Milliarden Euro, gegenüber 110 Milliarden in China.

Diese Lücke ist der entscheidende Mechanismus des zweiten Pfades. Indiens Wachstum ist binnen- und dienstleistungsgetrieben, nicht importintensiv wie es Chinas Industrialisierung war. Wer mitverdienen will, muss vor Ort investieren, nicht aus Deutschland exportieren. Das ist die Logik von „Make in India“.

Bekannte Hürden kommen hinzu: hohe Zollsätze auf deutsche Waren, die berüchtigte Bürokratie, komplexe Ursprungsregeln, protektionistische Reflexe. Vieles davon soll das Freihandelsabkommen abbauen. Doch das fehlende Investitionsschutzabkommen und ausgenommene Sektoren wie Milchprodukte und Getreide zeigen die Grenzen auf. Sie sind Folge von Innenpolitik: Genehmigungen und Landerwerb liegen bei den Bundesstaaten, Agrar- und Mittelstandslobbys begrenzen den Öffnungsspielraum. Hinzu kommt, dass die deutsche Wirtschaft ihre Abhängigkeit von China langsamer verringert als angekündigt: 2025 stiegen die Importe aus China laut GTAI um 9,1 Prozent, während die Exporte dorthin um 9,6 Prozent fielen. Diversifizierung sieht anders aus.
 
Der Ernüchterungspfad entsteht also aus beidem: Indien öffnet langsamer, als es ankündigt, und deutsche Unternehmen investieren zögerlicher, als sie könnten. Woran lässt sich erkennen, auf welchem Pfad wir uns bewegen? Drei Indikatoren genügen: ob das Investitionsschutzabkommen schnell zustande kommt, wann der deutsche Direktinvestitionsbestand in Indien die 50-Milliarden-Marke reißt, und ob Indiens Anteil an den deutschen Importen aus Asien steigt.

Am Ende ist es keine Prognosefrage, sondern eine Entscheidungsfrage, für Unternehmen und für die Politik. Beantwortet wird sie nicht 2047, sondern in den nächsten fünf Jahren.


Verteidigung: die Vertrauenswährung

In Sachen Verteidigung stehen beide Länder vor dem Abschluss eines Leuchtturmprojekts. Das deutsche Unternehmen ThyssenKrupp Marine Systems und die indische Werft Mazagon Dock haben die Preisverhandlungen für sechs U-Boote im Rahmen von Project 75 India (P75I) abgeschlossen. Der Vertrag über rund acht Milliarden Euro wird bis Ende 2026 erwartet. 

Er folgt der „Make in India“-Logik: Ko-Produktion und Technologietransfer statt Kaufvertrag. Gebaut wird in Mumbai, 45 Prozent lokale Fertigungstiefe beim ersten Boot und 60 Prozent beim sechsten. Dazu vollständiger Transfer der Antriebstechnologie. Das erste Boot soll 2033 in Dienst gehen, danach eines pro Jahr bis 2038. Wartung, Ausbildung und Ersatzteile hinzugerechnet, bindet ein 2026 unterzeichneter Vertrag beide Seiten bis in die 2060er Jahre. Außer bei Bahn-Deals, wie der von Siemens Mobility mit Indian Railways, erzeugt kaum ein anderes Feld eine derart lange Verpflichtung. 

Wer beim Thema Verteidigung als verlässlich gilt, wird auch bei anderen Themen gefragt sein

Bemerkenswert ist dabei, dass Deutschland Indien bisher nicht beliefert. Laut dem Forschungsinstitut SIPRI kamen Indiens Rüstungsimporte zwischen 2021 und 2025 zu 40 Prozent aus Russland, zu 29 Prozent aus Frankreich und zu 15 Prozent aus Israel. Deutschland taucht in der Statistik nicht auf. P75I ist daher kein Ausbau einer Partnerschaft, sondern ein deutscher Markteintritt.

Dass sich der lohnen kann, hat Frankreich vorgemacht. Über das Vorgängerprogramm lieferte die Naval Group ab 2005 sechs Boote an dieselbe Werft, ebenfalls mit Technologietransfer. Heute ist Frankreich Indiens zweitgrößter ­Rüstungslieferant. 

Darin liegt die Chance. Wer die Referenzarchitektur liefert, setzt den Standard: Zulieferer, Komponenten, Prüfverfahren und Ausbildungswege bleiben über Jahrzehnte deutsch geprägt, auch wenn die Boote in Mumbai vom Band laufen. Frankreich hat der Technologietransfer den Markt nicht gekostet, sondern erst geöffnet. Für deutsche Zulieferer entsteht ein Ökosystem, das weit über sechs Rümpfe hinausreicht. Erste Kooperationen mit indischen Partnern bei Schwergewichtstorpedos laufen bereits. Und wer im Verteidigungsbereich als verlässlich gilt, wird auch bei anderen Themen gefragt sein. Vertrauen dieser Art lässt sich nicht kaufen, es entsteht über Jahrzehnte – oder eben nicht.


Erneuerbare Energien

Der zweite Bereich läuft bereits auf Hochtouren, deutlich schneller, als die meisten in Deutschland wahrnehmen. Beide Seiten machen hier aus dem gleichen Grund Tempo: Ihre bisherigen Abhängigkeiten sind teuer geworden. Indien will bis 2030 eine nichtfossile Kraftwerksleistung von 500 Gigawatt aufbauen, davon rund 280 aus Solar- und 100 aus Windenergie. Zwischen April 2025 und März 2026 gingen über 55 Gigawatt neue Solar- und Windleistung ans Netz, deutlich mehr als im Jahr zuvor. Die Windkraft holt dabei am stärksten auf. Auch Offshore-Kapazität ist bereits angekündigt: 37 Gigawatt vor Gujarat und Tamil Nadu bis 2030. 

Dabei trifft Indien auf ein Problem, das Deutschland gut kennt: Der Netzausbau kommt nicht mit. Der deutsche Netzausbau ist teurer und langsamer als geplant, der Rückstand gegenüber der Erzeugung dauerhaft. Deutschland hat hier also einen Erfahrungsvorsprung, den es an ­Indien weitergeben kann. 

Hinzu kommt ein zweiter Strang, der geopolitisch mindestens genauso interessant ist: Indiens Photovoltaik-Modul- und Zellfertigung wächst zweistellig, das Land will seine Lieferketten von China lösen. Wer Fertigungstechnik liefert, verdient an dieser Diversifizierung mit und diversifiziert zugleich selbst.

In Zukunft kommt Wasserstoff dazu. Der Rahmen steht seit den siebten Regierungskonsultationen im Oktober 2024 mit der Indo-German Green Hydrogen Roadmap. Indien plant bis 2030 fünf Millionen Tonnen jährliche Produktionskapazität und erwartet rund 100 Milliarden US-Dollar mobilisierter Gesamtinvestitionen, mit dem erklärten Ziel, Export-Hub zu werden. Deutschland benötigt im selben Zeitraum 95 bis 130 Terawattstunden und muss davon 50 bis 70 Prozent importieren. Angebot und Nachfrage passen auf dem Papier perfekt zusammen.

Doch in der Praxis bahnen sich Probleme an. Wie der Wasserstoff nach Europa kommen soll (Form, Kosten, Zertifizierung), ist ungelöst. Und Indien verhandelt nicht nur mit Berlin, sondern auch mit Tokio, Seoul und den Golfstaaten.

Solar und Wind werden jetzt skaliert und sollen in beiden Ländern kurz- und mittelfristig zur Energiesicherheit beitragen; Wasserstoff ist die Option für 2047. Wer heute beim Netzausbau liefert, wird bei den Wasserstoffprojekten der 2030er Jahre vorne dabei sein können. Ähnlich wie im Verteidigungssektor gilt auch hier, dass andere Sektoren von dieser Zusammenarbeit profitieren können.


Bildung und Fachkräftemobilität

Das dritte Feld fand bei der Unterzeichnung kaum Beachtung. Parallel zum Handelsabkommen vereinbarten beide Seiten einen Rahmen für die Mobilität von Fachkräften und Studierenden. Langfristig könnte das der wichtigste Teil des Pakets sein.

Deutschland ist für indische Studierende längst ein Hauptziel: Drei Viertel von ihnen kommen für ein Masterstudium, mehr als die Hälfte in ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fächern, ein Großteil will bleiben.

Das ist die Infrastruktur, auf der ein Komplementaritätspfad aufbaut. Ein Handelsabkommen schafft Marktzugang; Menschen, die beide Seiten kennen, schaffen Marktverständnis. Die indische Community in Deutschland ist ein Standortfaktor, der in der Debatte über Indien-Strategien praktisch kaum auftaucht, obwohl er bereits seit über zwei Jahrzehnten wächst, ganz ohne aktive Steuerung. 

Selbstverständlich ist das nicht. Deutschland konkurriert mit den USA, Großbritannien, Kanada und Australien um Fachpersonal. Der Wettbewerb entscheidet sich nicht am Studienangebot allein, sondern an dem, was danach kommt: Anerkennungsverfahren, Visabearbeitung, Wohnraum, Familiennachzug. 

Mehr Studierende bedeuten aber noch keine Bindung. Ob aus einer Studierendengeneration eine Brücke zwischen zwei Volkswirtschaften wird, entscheidet sich nicht bei der Immatrikulation, sondern in den Jahren danach. Die relativ hohen Durchschnittseinkommen indischer Migranten sind ein positiver Indikator, reichen aber nicht aus, um sie in Deutschland zu halten.


Jetzt sind die Unternehmen am Zug

Heute ist die Ausgangslage für beide Seiten gut. Indien braucht Technologie, Kapital und Fertigungswissen, um seine Ziele bis 2047 zu erreichen. Deutschland braucht neue Absatzmärkte und Energiepartner sowie Fachkräfte. Verteidigung, Energie und Qualifikation stehen in Neu-Delhi wie Berlin ganz oben auf der Liste. 

Genau deshalb ist Zeit der entscheidende Faktor. Die Prioritäten müssen nicht dauerhaft übereinstimmen. Wer den P75I-Vertrag unterzeichnet, sitzt bis in die 2060er Jahre am Tisch. Wer Indiens Netzausbau heute beliefert, wird bei den Wasserstoffprojekten der 2030er Jahre gefragt. Wer indische Ingenieurinnen und Ingenieure jetzt hält, hat in zehn Jahren Mitarbeitende, die beide Märkte verstehen. Umgekehrt gilt dasselbe: Jeder dieser Plätze wird besetzt, ob mit deutschen Unternehmen oder ohne sie. Frankreich hat das im Rüstungsbereich vorgemacht, China im Energiesektor.

Welcher der beiden Pfade eintritt, hängt damit nicht an Brüssel und Neu-Delhi. Er hängt an Unternehmen beider Länder, die in den kommenden fünf Jahren entscheiden, ob sie investieren oder weiter beobachten. Die Gelegenheit ist jetzt günstig. Das wird nicht immer so bleiben. 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2026, S. 54-58

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Stefan Halusa ist Senior Associate Fellow im Zentrum für Klima und Außenpolitik der 
DGAP. Von 2020 bis 2025 war er Hauptgeschäftsführer der Deutsch-
Indischen Handels
kammer in Mum-
bai. Er ist Mitgründer der Beratungsfirma Halusa Advisors.

Mauritz Halusa ist Mitglied der Jungen DGAP und Mitgründer der Beratungsfirma Halusa Advisors. 

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