01. November 2015
Buchkritik

Lehrer, Helden, Überväter

Erdogan, Atatürk und die Zukunft der Türkei

Wenige Wochen nach dem verheerenden Terroranschlag in Ankara und kurz vor den Parlamentswahlen steht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan in der Kritik. Hat seine Strategie der Polarisierung zur Eskalation der Gewalt beigetragen? Drei Bücher schildern die Türkei unter Erdogan und betten seine Politik in den historischen Kontext ein.

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Schon der erste Satz in Ece Temelkurans „Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst“ erklärt einiges, was im Land falsch läuft: „Hier ist schließlich die Türkei.“ Ein Ausspruch, der, wie die Autorin zu Recht feststellt, für allerlei Erklärungen herhalten muss. 

Als am 20. Juli bei einem Terroranschlag in der türkischen Grenzstadt Suruç 32 Menschen ermordet werden, heißt es: „Hier ist schließlich die Türkei“, so etwas passiere halt, Leben habe keinen Wert. Türkische Nationalisten schreien: „Hier ist schließlich die Türkei“, während sie Brandsätze auf Büros der prokurdischen HDP werfen. Und Erdogan selbst wiederholt unentwegt den Satz, um seine Wut gegenüber Journalisten zu rechtfertigen. 

Diese Raserei bekam auch Ece Temelkuran zu spüren. Die türkische Journalistin verlor 2011 ihren Job beim Medienunternehmen Habertürk, nachdem sie einen regierungskritischen Artikel geschrieben hatte. Aus ihrer persönlichen Verbitterung über das System Erdogan macht sie keinen Hehl: „Tagtäglich müssen wir uns in Erinnerung rufen, dass das, war wir gerade erleben, wirklich geschieht“, schreibt sie fassungslos. Den Regierenden sei es gelungen, „dass sie uns Publizisten in Schwachköpfe verwandeln, indem sie uns durch ihre Taten zwingen, das Offensichtliche unablässig zu wiederholen. Wie etwa: ‚Journalisten dürfen nicht inhaftiert werden‘.“
 

Ein Wort kann Schicksale ändern

Temelkuran greift in ihrem Buch auf zahlreiche persönliche, teilweise sehr bittere Erfahrungen zurück. Und obwohl sie insgesamt einen eher sachlichen Ton anschlägt, gelingt es ihr immer wieder, die Stimmung im Land authentisch wiederzugeben. Etwa wenn sie von einer Freundin erzählt, die sich wegen des gesellschaftlichen Drucks das Leben nahm. Die junge Richteranwärterin wurde von konservativen Kollegen so massiv unter Druck gesetzt, dass sie den Freitod wählte. Temelkuran stellt frustriert fest, dass demokratische Prozesse einschließlich Wahlen zusehends an Bedeutung verlören, und dass auch aus den 2013 landesweit stattgefundenen Gezi-Prozessen keine wirkliche politische Bewegung hervorgegangen sei, denn „jeder Türke, ob arm oder reich, weiß, dass ein Wort aus dem Munde des Bosses sein Schicksal ändern kann“.
 

„Wir“ gegen „sie“

Die Gezi-Proteste werden auch ausführlich in dem Buch „Bosporus reloaded: Die Türkei im Umbruch“ behandelt. Die Autorinnen, FAZ-Journalistin Karen Krüger und Anna Esser vom Goethe-Institut Istanbul, betonen: „Wir schauen mit deutschem Blick auf die Dinge, die uns einerseits fremd, durch unsere Biografien aber auch sehr vertraut sind.“ Beide verbrachten als Kinder mehrere Jahre in der Türkei – eine Tatsache, die sich in ihren Texten niederschlägt. Denn die Autorinnen berichten zwar mit kritischer Distanz, aber auch fast schon mit zärtlicher Zuneigung in ihrem „Generationenbericht“ über das Leben unter Erdogan.

Dabei zeigen sie detailliert und anschaulich, wie der Staatspräsident durch seine „Wir-gegen-sie“-Rhetorik das Land gespalten hat. Etwa in dem Kapitel „Marx und Moschee“, in der sie die Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen schildern, von denen die eine ein Kopftuch trägt, die andere eine überzeugte „Nicht-Kopftuch-Trägerin“ ist. Oder wenn sie in dem Kapitel „Malt jetzt bloß nichts Nacktes“ über das „bizarre Kunstverständnis“ der AKP-Regierungspartei schreiben und Künstler aus allen Bereichen zu Wort kommen lassen.

Doch leider fehlen die Sicht- und Lebensweisen der weniger privilegierten Türken, die mehrheitlich AKP wählen und denen die Zensur der Kunst- und Meinungs-freiheit herzlich gleichgültig ist, weil sie mit Fragen des täglichen Überlebens befasst sind. Wer sich mit der Türkei beschäftigt, muss lernen, mit Widersprüchen umzugehen. Schade auch, dass sich die Autorinnen gelegentlich zu pauschalisierenden Allgemeinplätzen verleiten lassen, etwa wenn es um das Liebesleben der Türken geht: „Das Problem vieler Paare ist, dass eine Kultur des Sich-Aussprechens und des Ausdiskutierens in der Türkei kaum existiert.“
 

Lehrer seines Volkes

Wer die Gesellschaft unter Erdogan in einen historischen Kontext einordnen will, dem bietet M. Sükrü Hanioglu mit seiner nun ins Deutsche übersetzten Biografie „Atatürk: Visionär einer modernen Türkei“ einen soliden Hintergrund. Atatürk war unangefochten das größte politische Talent des Landes, bis heute wird er als „Vater der Türken“ verehrt. Erdo-gan versucht, die kemalistischen Zöpfe abzuschneiden, Atatürk ist sein historisches Vorbild – weil er selbst als Übervater der Türken in die Geschichte eingehen will. Atatürk ist aber auch sein Widerpart, weil es ihm bisher nicht gelungen ist, diesen vom Sockel zu stoßen.

Hanioglu, Professor für spätosmanische Geschichte in Princeton, tritt mit seiner Arbeit in große Fußstapfen. Denn der deutsche Turkologe Klaus Kreiser und der britische Historiker Andrew Mango haben exzellente Atatürk-Biografien vorgelegt, die bis heute als Standardwerke gelten.

Vielleicht auch deswegen stellt Hanioglu das Leben Atatürks noch detaillierter dar, als es Kreiser und Mango ohnehin schon getan haben. Etwa wenn er ausführlich über Atatürks Eltern schreibt – bis hin zu Details wie der Höhe der Witwenrente der Mutter – oder wenn er Atatürks spätere Westorientierung aus seiner Kindheit im kosmopolitischen Saloniki ableitet. Oder wenn er die Rhetorik Kemals so detailgenau untersucht, dass er dessen Reden über weite Zeiträume auf bestimmte Begrifflichkeiten wie etwa „Islam“ oder auf sozialistische Terminologie untersucht.

Atatürk, so schreibt Hanioglu, sei „beileibe kein Denker vom Rang eines Auguste Comte, Karl Marx oder Wladimir Iljitsch Lenin“ gewesen, sondern ein „Praktiker“. So weit, so richtig. Doch was diese Praxis angeht, so fehlt dem Autor doch stellenweise die kritische Distanz. Denn in der Forschung ist man sich einig, dass Atatürk ein großer, aber eben auch ein autokratischer Revolutionär war. Ein Lehrer seines Volkes, der sein Gesellschaftsbild den Massen aufzwang. Ganz sicher kein Demokrat und Pluralist, wie Hanio-glu Atatürk beschreibt. „Von Kriegen zum Weltkrieg: Ein Held betritt die Bühne“ lautet der Titel eines Kapitels, in dem Atatürk als „bodenständiger Anführer“ für die schiere Größe seines Lebenswerks gelobt wird. Insgesamt wäre etwas diskretere Sympathie in diesem rund 300 Seiten umfassenden Werk wünschenswert.

Çigdem Akyol ist Korrespondentin für die österreichische Nachrichtenagentur APA mit Sitz in Istanbul. Im März ist ihr Buch „Generation Erdog˘an“ bei Kremayr  cheriau erschienen.

Ece Temelkuran: Euphorie und Wehmut. Die Türkei auf der Suche nach sich selbst.Hamburg: Hoffmann & Campe 2015, 240 Seiten, 20,00 €

Anna Esser und Karen Krüger: Bosporus reloaded. Die Türkei im Umbruch. Berlin: Aufbau Verlag 2015, 353 Seiten, 16,95 €

M. Sükrü Hanioglu: Atatürk. Visionär einer modernen Türkei. Darmstadt: Konrad Theiss -Verlag 2015, 312 Seiten, 29,95 €

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2015, S.139-141

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