01. Mai 2013

Kühle Köpfe, maximale Kontrolle

Ein israelischer General über den Einsatz unbemannter Systeme

Wie verändern unbemannte bewaffnete Systeme den Charakter des Krieges? Um diese Frage adäquat beantworten zu können, müssen wir sie in den richtigen Kontext stellen und die Prozesse der Entscheidungsfindung berücksichtigen: Wer trifft die Entscheidungen? In welchem Umfeld werden sie gefällt? Und: Welche Informationen stehen dafür zur Verfügung?

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Der Einsatz von Drohnen oder generell unbemannter Systeme ist kein ganz neues Phänomen. Der große Vorteil dieser Systeme besteht darin, dass sie eine größere Effizienz in der Aufklärung ermöglichen als je zuvor.

Das Prinzip der Luftaufklärung geht auf den Ersten Weltkrieg zurück – allerdings war dies seinerzeit mit sehr viel größeren Mühen und Gefahren verbunden. Piloten erkundeten feindliches Terrain unter widrigen Wetterbedingungen, womöglich unter Beschuss, und sie konnten nur eine sehr begrenzte Zeit in der Luft bleiben. Unbemannte Systeme machen Einiges leichter. In den meisten unserer Nachbarländer müssen Soldaten Sechs-Stunden-Schichten auf Wachposten schieben. Wir erledigen das mit Systemen, die Videobilder in Kontrollräume liefern. Es ist weitaus effizienter und erfolgversprechender, diese Videobilder in einem geschützten Raum jenseits der unmittelbaren Gefechts­situation auszuwerten. 

Zum Vergleich: Natürlich kann man Polizisten losschicken, um auf Londons Straßen nach dem Rechten zu sehen. Aber niemand würde bezweifeln, dass die Auswertung der Bilder, die von den überall installierten Videokameras geliefert werden, mehr bringt als noch so viele Augenpaare noch so aufmerksamer Polizisten (und dass sie zuverlässiger ist als deren Erinnerungsvermögen). Ins Militärische übertragen kann man auch einen Aufklärungstrupp losschicken, anstatt sich einen Überblick mit Hilfe von Videobildern zu verschaffen. Doch auch wenn es natürlich wünschenswert ist, dass der Trupp kein Aufsehen erregt, so muss er doch für den Fall der Fälle gegen einen Angriff verteidigt werden, also mit Luftunterstützung ausgestattet werden. 

Was den Einsatz von bewaffneten unbemannten Systemen betrifft, so gilt das humanitäre Völkerrecht unabhängig von der Art des Waffensystems. Dabei dürfen wir nicht vergessen: Alles, was jetzt genutzt wird, wird auch von jemandem gesteuert. Die einzigen wirklich im Wortsinne „unbemannten“ bewaffneten Systeme sind Minen. Sie werden gelegt und danach kann niemand mehr sagen, wann und von wem sie ausgelöst werden. Hier ist als unmittelbarer Verursacher des Schadens tatsächlich kein Mensch mehr beteiligt. 

Um die Frage zu beantworten, ob und wie unbemannte bewaffnete Systeme den Charakter des Krieges verändern, müssen wir sie in den richtigen Kontext stellen: Welchen Nutzen haben die mir zur Verfügung stehenden technologischen Mittel? In welchem Zusammenhang stehen sie mit dem Ziel, das ich erreichen will? Was bewirkt ihr Einsatz auf der operativen, der taktischen, der strategischen Ebene oder im Zusammenhang mit meiner Grand Strategy? Ein unbemanntes bewaffnetes System ist nichts weiter als ein technologisches Instrument, dessen Nutzen von der Beantwortung dieser Fragen abhängig ist. 

Wer trifft die Entscheidungen?

Und das ist der Kernpunkt: Die Prozesse der Entscheidungsfindung sind sehr viel wichtiger als die Technologie an sich. Die erste Frage, die hier zu beantworten wäre, lautet: Wer trifft die Entscheidungen? Für uns ist es von größter Bedeutung, dass so genannte unbemannte Systeme von Menschen gesteuert werden, um maximale Kontrolle auszuüben. Gehen wir einmal von einer in unserer Region nicht unüblichen Situation aus: Wir entdecken eine gefechtsbereite Abschussbasis in Gaza, deren Raketen auf Bevölkerungszentren in Israel gerichtet sind. Gehen wir weiter davon aus, dass es die Möglichkeit gibt, diese Basis aus der Luft zu zerstören. Hier sind unbemannte Flugkörper natürlich sehr praktisch, denn sie liefern umfangreiches Bildmaterial; die Daten mehrerer Drohnen lassen sich miteinander abgleichen, ich kann mir buchstäblich ein Bild der Situation und des Umfelds machen: Liegt das Ziel in der Nähe einer stark frequentierten Straße? Ist es mit Absicht in der Nähe von Schulen, Krankenhäusern oder Moscheen installiert? Mit einem robusten und verlässlichen Aufklärungssystem, das Daten in Echtzeit übermittelt, lässt sich ein Ziel wesentlich besser in einem möglichst umfassend analysierten Umfeld identifizieren. Die Entscheidung, ob es angegriffen werden kann und mit welchem Mittel, wird damit einfacher.

Wäre es ein taktisches oder strategisches Ziel, dem Gegner möglichst umfassenden Schaden zuzufügen, dann müsste man keine so differenzierten Überlegungen über die Wahl des Zieles oder den Einsatz der Mittel anstellen. Dann könnte man mit heftigem Artilleriebeschuss operieren. Aber die Wahl der Mittel ist entscheidend, wenn es um Präzision geht und darum, größere Schäden zu vermeiden. Damit sind nicht nur politische oder diplomatische Schäden gemeint, sondern alles, was für eine demokratische Gesellschaft nur schwer erträglich ist. Dann muss sichergestellt werden, dass eine Operation auch in letzter Sekunde abgebrochen werden kann, wenn plötzlich Zivilisten auftauchen. Oder weil das Ziel bewegt wird. Wir haben solche Operationen in Dutzenden Fällen abgebrochen – und das hat nichts zu tun mit den jeweiligen Waffen, die wir eingesetzt haben. 

Die zweite Frage, die wir uns stellen müssen, ist die nach den Umständen, unter denen Entscheidungen getroffen werden. Eine Situation, in der jemand in einem abgeschirmten Raum sitzt und über ein vergleichsweise umfassendes Bild der Umgebung und des Zieles verfügt und, vielleicht in Kooperation mit seinen Vorgesetzten, eine Entscheidung fällt, ist ohne Zweifel günstiger als eine Situation, in der ein Soldat vor Ort entscheiden muss. Er hat nur ein eingeschränktes Sichtfeld, er steht womöglich unter Beschuss; der Stress und die Gefahr, unüberlegt zu handeln, sind ungleich größer. 

Natürlich können wir die Frage stellen: Wird es durch ein unbemanntes System einfacher, den Auslöser zu drücken, weil die physische Entfernung zwischen Entscheider und potenziellem Ziel so groß ist oder der Soldat „nur“ ein Video sieht und sich nicht in ziemlich mittelbarer Nähe zum Ziel befindet? Oder werde ich sogar vorsichtiger, weil ich diese Entscheidung in einer günstigeren Situation treffen kann? 

Im März vergangenen Jahres gab es wieder Raketenbeschuss aus Gaza auf israelische Bevölkerungszentren. Wir haben die Leute genau identifiziert, die diese Abschussbasis bedient haben. Und wir haben 22 von ihnen getötet. Unglücklicherweise haben wir auch vier Zivilisten getötet, die sich in der Nähe aufgehalten haben – unter Umständen, die wir nicht aufklären konnten. Feststellen lässt sich aber: Wir versuchen unser Möglichstes, Schäden zu minimieren und keine Zivilisten zu töten – doch es ist uns nicht gelungen. Was aber wäre die Alternative gewesen? 

Nehmen wir an, wir hätten die Raketenabschussbasis mit dem Einsatz von Bodentruppen ausschalten wollen. Damit hätten wir von Anfang an eine wesentlich prekärere Situation geschaffen – und nicht nur, weil wir unsere eigenen Soldaten gefährdet hätten. Jeder, der auf diese Soldaten geschossen hätte, wäre selbst zum Ziel geworden. Die Kampfzone wird automatisch größer und Verluste sehr viel wahrscheinlicher als in einer Situation, in der eine Abschussbasis per Luftschlag ausgeschaltet werden kann.

Eine Situation herzustellen, in der man einen möglichst kühlen Kopf bewahren kann, ist aber nicht nur für jene wünschenswert, die im Kontrollraum oder in der Einsatzzentrale die unbemannten Systeme steuern. Ein gutes Beispiel dafür ist der „Iron Dome“, das Raketenabwehrsystem, das während der jüngsten Gaza-Operation zum Einsatz kam. Die Tatsache, dass die meisten Raketen abgefangen wurden und ihr Ziel in den israelischen Bevölkerungszentren niemals erreichten, hat auch den politischen Entscheidungsprozess beeinflusst; die Atmosphäre war emotional weit weniger aufgeladen. Nicht zuletzt aus diesem Grund kam als Antwort auf die Raketenangriffe eine Option des „größtmöglichen Schadens für die andere Seite“ nicht in Frage. Anders als 2008/09, als Israel dann tatsächlich Bodentruppen in Gaza einsetzte, konnte dieser Konflikt früher gelöst werden, mit weit geringeren Verlusten für beide Seiten. 

Es gibt eine ganz klare strategische Implikation einer neuen Technologie, die paradoxerweise sogar beiden Konfliktpartnern dienen kann. Wir brauchen aber noch Zeit und vor allem auch einen informierten Diskurs in der Öffentlichkeit.

Und schließlich geht es darum, welche Informationen den Entscheidern zur Verfügung stehen. Es ist meine absolute Überzeugung, dass Aufklärung etwas mit Diversität zu tun hat. Jede Form der Informationsbeschaffung hat ihre Stärken und Schwächen; keine von ihnen schließt die Möglichkeit des Irrtums aus. Trotz der Vorteile der geschilderten Variante können und sollten wir nicht auf den Faktor Mensch verzichten. Wir mögen eine Adresse, vielleicht sogar Aufzeichnungen von Telefongesprächen über jemanden haben, aber was sagt uns das schon über den betreffenden Menschen? Wir müssen einer Adresse, einer Stimme ein Gesicht geben. Ich mag in dieser Angelegenheit altmodisch sein, aber ich glaube nicht, dass es einen wirklichen Ersatz für den spezifischen Wert der menschlichen Intelligenz gibt. Ich gehöre nicht zu jenen, die glauben, Technologie könne den Menschen in all seiner Komplexität ersetzen und Analysen könnten besser von einem Computer erstellt werden als von Menschen. 

Das gilt ganz besonders im Zusammenhang mit Krieg. Wenn wir heute von „moderner Kriegführung“ reden, dann ist wieder viel von der entscheidenden Rolle der Infanterie die Rede. Die Ausrüstung der Soldaten mag auf dem neuesten Stand der Technik sein – ihre Verpflegung und ihre Wasserflaschen müssen sie genauso schleppen wie zu Zeiten Alexanders des Großen. Das Führen von Kriegen ist eine der ältesten Aktivitäten des Menschen – keine „menschliche“, aber eine dem Menschen eigene. Und der Krieg und die Mittel, die man einsetzt, sollten in ihrem jeweiligen kulturellen Kontext betrachtet werden. 

Womit wir wieder beim Ausgangspunkt wären: Unbemannte Systeme an sich sind reine Technologie – völlig frei von einem Wertesystem. Doch diejenigen, die die Entscheidungen treffen, sind es nicht. Und auf die kommt es an. Die Entwicklung solcher Technologien setzt beträchtliche industrielle Ressourcen voraus, die im Grunde nur Staaten mit entsprechender Infrastruktur aufbringen können – auch wenn sich die Einzelteile für irgendein Flugobjekt in jedem Bastelladen finden lassen. Eine komplexe Technologie wie unbemannte Systeme ist nicht einfach von Milizen reproduzierbar. Andererseits wissen wir natürlich, dass Proliferation schon stattfindet, hauptsächlich durch die Unterstützung des Iran. Die Hamas ist im Besitz von unbemannten Flugkörpern; bewaffnete Drohnen der Hisbollah sind mehrfach in israelisches Territorium eingedrungen. Ist zu erwarten, dass diese Milizen Drohnen oder andere unbemannte Systeme so nutzen würden wie die israelische Armee, dass sie also versuchen würden, die zivile Bevölkerung in Israel zu schützen? Ganz gewiss nicht. Ihr Ziel ist es ja, möglichst viele feindliche Zivilisten zu treffen. Wir haben es mit völlig verschiedenen Philosophien über Krieg, strategische Ziele und politisches Handeln zu tun. 

Gibt es einen Zweifel, dass Milizen in den Besitz weiterer solcher Systeme gelangen werden? Nicht im Geringsten. Wir müssen also zusehen, dass wir unsere Verteidigungskapazitäten ausbauen. Und da sind Geheimdienstinformationen, gleich welcher Quelle, immer sehr nützlich.

Der Autor ist Brigadegeneral in den israelischen Streitkräften. Aufgezeichnet von Sylke Tempel.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai/Juni 2013, S. 32-35

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