IP Special

29. Dez. 2025

Krieg im Feed

Auf TikTok gibt es mehr propalästinensische Videos als pro-
israelische. Das hat viele Gründe. Blick in eine Welt diverser Bezüge, doppelter Botschaften und mehrfacher Ebenen.

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Bild: Das Logo von Tik Tok liegt wie ein Filter über einem Foto von Trümmern in Gaza
Der Angriff der Hamas auf Israel und der folgende Krieg in Gaza sind Gegenstand von Abermillionen von Videos auf TikTok. Laut Zählungen gibt es deutlich mehr propalästinensische als solche pro Israel.
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Wer sich mit dem israelisch-pa­lästinensischen Konflikt beschäftigt, sollte auch Gandalf und Frodo kennen. 

Eine Creatorin mit dem Handle @tineliest hat sich per Greenscreen vor das Foto der beiden Figuren aus „Herr der Ringe“ projiziert. „Auch wir leben ja in katastrophalen Zeiten und haben so ein bisschen die Tendenz, wegzuschauen, anstatt etwas zu tun“, sagt die Creatorin, „egal, ob es um so Dinge geht wie die Klima­krise, Rechtsruck oder den Völkermord in Gaza.“ Das Werk „Herr der Ringe“ könne man zum Anlass nehmen, sich im echten Leben zu engagieren. Eine Einordnung des Begriffs Genozid gibt es nicht. 

Eine der vielen parallelen Kämpfe zu dem Krieg auf dem Schlachtfeld findet auf TikTok statt. Die enorme Reichweite der Plattform macht sie politisch einfluss­reich. Rund eineinhalb Milliarden Menschen weltweit nutzen TikTok. Das sind immerhin halb so viele Nutzer, wie Facebook verzeichnet. In Deutschland nutzt knapp ein Viertel der Bevölkerung TikTok, wie das Unternehmen 2023 bekannt gab. Die Zahlen dürften inzwischen noch höher liegen. Auch wer TikTok nicht nutzt, sollte wissen, was dort passiert. Denn die Videos auf dieser App, manchmal nur sekundenlange Schnipsel, können sich rasend schnell verbreiten und hunderttausend- oder millionenfach aufgerufen werden.

Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine gilt als einer der ersten „TikTok-Kriege; die Panzer rollen nicht nur an der Front, sondern auch auf Bildschirmen auf der ganzen Welt. Der Hamas-Angriff auf Israel und vor allem der Krieg in Gaza sind ebenfalls Thema in Milliarden von Videos. Auf dem Schlachtfeld behielt Israel die Oberhand – doch auf TikTok hat es verloren. 

Das hat viele Gründe, wie ein Blick in die Forschung zeigt. TikTok-Videos arbeiten vielschichtig, mit Anspielungen und Insiderwissen. Wer die Videos zum israelisch-palästinensischen Konflikt verstehen will, muss die Plattformlogik begreifen. Je tiefer man in die Welt der Hashtags und Memes einsteigt, desto öfter stößt man auch auf die wirklich interessanten Inhalte: diejenigen, die sich keiner Seite eindeutig zuordnen lassen.

„Mein Booktok-Account wird langsam zu einem Palästina-Account“, sagt die Creatorin mit dem Handle @tineliest. In einer Strickjacke sitzt sie vermutlich bei sich zuhause und hält das Buch in die Kamera, das sie empfiehlt: „On Palestine“ von Noam Chomsky und Ilan Pappé. Die Creatorin namens Christine postet fast täglich ein Video, in den meisten Videos geht es um Bücher. Sie bespricht manchmal Romane, meistens Sachbücher, die sich mit Rassismus, Klassismus oder Kolonialismus auseinandersetzen – oder mit dem Gazakrieg. Sie hat rund 20 000 Follower und insgesamt eine halbe Million Likes.

Accounts wie dieser sind der Grund, weshalb kurz nach dem 7. Oktober 2023 Vorwürfe laut wurden, TikTok sei unausgewogen und verstärke antiisraelische und antisemitische Inhalte. Während Israel noch die Toten des Massakers der Hamas zählte, verbreiteten sich auf TikTok Videos, in denen zum Beispiel nahegelegt wurde, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe den Anschlag absichtlich zugelassen, um danach Gaza angreifen zu können.

Der Hashtag #standwith­israel zählt 60 000 Beiträge, #freepalestine kommt dagegen auf sechs Millionen

Kritik gab es rasch an der unausgeglichenen Zahl der Hashtags: #standwith­israel zählte ca. 60 000 Beiträge, #freepalestine dagegen sechs Millionen. Seitens der Politik, wie etwa vom republikanischen Abgeordneten Mike Gallagher in einem Beitrag für The Free Press, wurde TikTok die Schuld dafür gegeben, dass junge Amerikaner „verwerfliche Welt­anschauungen“ verträten. Auch in der TikTok-Belegschaft gab es Verwerfungen wegen der Hamas-Attacke und des Gaza­kriegs. Ein israelischer Angestellter ­verließ deshalb das Unternehmen, wie die New York Times berichtete.

TikTok äußerte sich schon im November 2023 zu den Vorwürfen. „TikTok ‚bevorzugt‘ keine Seite einer Debatte gegenüber der anderen“, schreibt das Unternehmen in einem Statement. TikTok zufolge ist ein Grund für das Ungleichgewicht der Hashtags, dass es Millionen von Nutzern im Nahen Osten und in Südostasien gebe. Sie machten einen großen Anteil der Aufrufe aus, weshalb es mehr Inhalte mit dem Hashtag #freepalestine gebe. Untersuchungen belegen, dass die internationale Meinung über Israel eher negativ ist. Das Pew Research Center hat Anfang 2025 Menschen in 24 Ländern befragt: In 20 davon hat mindestens die Hälfte der Erwachsenen eine negative Meinung von Israel. 

Eine Untersuchung der Northeastern University in Boston liefert genauere Daten zu dem Ungleichgewicht der Inhalte auf TikTok. Laura Edelson, Assistenzprofessorin am Khoury College of Computer Sciences, untersuchte im Zeitraum von Oktober 2023 bis Januar 2024 fast 300 000 Posts aus den USA zum Gazakrieg.

Ihren Ergebnissen zufolge gab es deutlich mehr propalästinensische Beiträge als proisraelische, die wiederum deutlich mehr Aufrufe erzielten. Aber heißt das, dass TikTok bestimmte Beiträge absichtlich verstärkt? Edelson wollte das herausfinden und verglich deshalb, ob die Anzahl der Beiträge und ihre Aufrufe proportional waren. Edelsons Untersuchung lässt darauf schließen, dass die Inhalte auf beiden Seiten verstärkt wurden. Zeitweise propalästinensische Inhalte, zeitweise proisraelische Inhalte, sodass es sich insgesamt ausgleicht. Das widerspricht der weit verbreiteten Vorstellung, TikTok würde systematisch eine Seite bevorzugen.

Zwar beschäftigen sich zahlreiche Untersuchungen mit TikTok-Inhalten, auch mit Fokus auf den Nahost-Konflikt. Doch es gibt keine vergleichbare Studie aus dem deutschsprachigen Raum, die untersucht, ob TikTok bestimmte Inhalte systematisch verstärkt. Das hängt vermutlich damit zusammen, dass die Firma Bytedance, der TikTok gehört, geheim hält, wie genau der Algorithmus von TikTok funktioniert.


Bezüge und doppelte Botschaften 

Videos und Hashtags zählen ist das eine – wesentlich komplizierter ist es jedoch, sich die Videos anzuschauen und ihre Inhalte zu analysieren. So wie es Lilly Boxman-Shabtai tut, Assistenzprofessorin in der Abteilung für Kommunikation und Journalismus an der Hebräischen Universität Jerusalem. Sie untersucht, wie sich der israelisch-palästinensische Konflikt auf TikTok widerspiegelt. 

Boxman-Shabtai kann noch nicht jede ihrer Aussagen wissenschaftlich belegen, darauf legt sie Wert. Jahre der Forschung und unzählige Stunden Videomaterial haben dennoch dafür gesorgt, dass sie Muster erkennt, wenn sie sich heute Videos auf TikTok anschaut. „Ich denke, dass die propalästinensische Seite Intertextualität sehr raffiniert einsetzt“, sagt sie. Intertextualität bedeutet, dass ein Text auf einen anderen Bezug nimmt, ihn zitiert, erwähnt oder parodiert. Memes sind ein Beispiel für Intertextualität: Bilder, Satzfetzen oder Sounds, die vielfach wiederverwendet und deshalb von allen verstanden werden.

Die Anziehungskraft von TikTok besteht zum großen Teil aus diesen Memes. Wer die App zum ersten Mal öffnet, versteht die Insider-Witze nicht – und damit auch nicht die politische Botschaft. Und propalästinensischer Content, so sieht es Boxman-Shabtai, spreche in dieser Hinsicht die Sprache der Plattform besser. 

Boxman-Shabtai nennt ein Beispiel: Ein Video zeigt propalästinensische ­Demonstrationen auf der ganzen Welt. Auf ein bestimmtes Schild wird näher herangezoomt, darauf steht: „We can’t breathe since 1948“. Eine intertextuelle Referenz zu George Floyd, der 2020 in den USA ums Leben kam, als ein Polizist auf seinem Nacken kniete, auch als Floyd mehrmals sagte: „I can’t breathe“. Der Satz wurde zur Parole der Black-Lives-Matter-Bewegung. „Das ist eine sehr wirkungsvolle Methode, um die beiden Bewegungen miteinander zu verbinden“, sagt Boxman-Shabtai.

Ein Video der Creatorin „tineliest“ zeigt ebenfalls, wie diese Intertextualität funktionieren kann. Videos auf TikTok können mit bestimmten „Sounds“ hinterlegt werden, also mit Liedern oder der Tonspur eines älteren Videos. In einem Video mit der Überschrift „Schnelle Runde: Buchempfehlungen Palästina“ hält die Creatorin verschiedene Cover in die Kamera, das Video ist unterlegt mit dem Song „Hind’s Hall“ von Macklemore. Der Titel „Hind’s Hall“ spielt auf ein von Studierenden eingenommenes Gebäude an, die es wiederum nach einem palästinensischen Mädchen benannten, das in Gaza starb. Macklemore veröffentlichte den Song 2024 und solidarisiert sich darin mit den pro­palästinensischen Campusprotesten. 

Wer sich diese Videos auf TikTok anschaut, sieht ein paar Sekunden Video­material, hört ein paar Klänge Musik, liest eine Zeile auf einem Plakat. Doch in diesen wenigen Sekunden passiert so viel, dass es viele Sätze braucht um zu erklären, was dahinter steckt. 

Weshalb nutzen propalästinensische ­Creators Intertextualität nun besser? Möglicherweise liegt es daran, wer genau die Personen sind, die diese Inhalte erstellen. „Die beliebtesten israelischen Inhalte sind in der Regel Inhalte, die von Israelis selbst erstellt wurden“, sagt Boxman-Shabtai. „Auf der propalästinensischen Seite sind es in der Regel globale Influencer oder Menschen, die nicht in Gaza leben und Inhalte aus Gaza neu formulieren oder weiterverbreiten.“ Man könnte es auch so interpretieren, dass propalästinensische Creators daran gewöhnt sind, über verschiedene Länder hinweg zu kommunizieren. Sie müssen daher Wege finden, sich so auszudrücken, dass Millionen Menschen auf der ganzen Welt sie innerhalb von ­Sekunden verstehen. 


Und wenn es zu keiner Seite passt?

„Gestern habe ich mich zu dem Vorwurf geäußert, dass ich Israel-Propaganda betreiben würde, heute muss ich mich zu dem Vorwurf äußern, dass ich Anti-­Israel-Propaganda betreiben würde“, sagt ein Creator, der sich @der_verrueckte_mutmacher nennt, in einem Video von Anfang April. Ironisch fragt er: „Was ist es denn jetzt?“

„Der verrückte Mutmacher“, mit bürgerlichem Namen Stefan Mutmacher, ist ein deutscher Creator, der fast täglich Videos auf TikTok postet. In ihnen geht es um Bundespolitik, um Rechtsextremismus – und sehr häufig um den Nahen Osten. Er hat mehr als 70 000 Follower und mehr als vier Millionen Likes. In den Wochen nach dem 7. Oktober 2023 äußert er sich in mehreren Videos, die – für TikTok untypisch – häufig mehrere Minuten Länge haben. Ebenfalls untypisch für TikTok und den Nahost-Konflikt lassen sich seine Videos meistens nicht eindeutig einer „Seite“ zuordnen.

Wer TikTok verstehen will, muss sehr genau hinsehen und alle Ebenen eines Videos berücksichtigen

Videos wie seine sind es, die Boxman-Shabtai besonders interessieren. Normalerweise seien die Videos ziemlich eindeutig, sagt sie, also klar pro Palästina oder pro Israel. Aber manchmal gebe es Meinungsverschiedenheiten bei der Interpretation der Videos. „Und das interessiert mich am meisten.“

Hier spielt die Zusammensetzung von Boxman-Shabtais Team eine wichtige Rolle. Ihr Team besteht aus zwei jüdischen Israelis, einer Palästinenserin aus Ostjerusalem und einer aus dem Westjordanland. Dieses Team sichtet und kategorisiert Videos für Boxman-Shabtai. In der quantitativen Forschung ist es meistens wichtig, dass verschiedene Menschen einen bestimmten Inhalt gleich interpretieren. Sie habe sich jedoch immer mehr dafür interessiert, wenn ein Inhalt von unterschiedlichen Menschen auf sehr unterschiedliche Weise interpretiert werden könne, sagt Boxman-Shabtai. „Daher habe ich mich diesem Projekt mit diesem Team von Frauen genähert, die wirklich unterschiedliche Erfahrungen und ­Wahrnehmungen haben.“

Ein Beispiel für ein Video, das ganz unterschiedlich interpretiert werden kann: Ein argentinischer Teenager spricht in einem Video über die Taten der Terror­organisation Hamas am 7. Oktober. Die einen aus Boxman-Shabtais Team interpretieren das als Kritik. „Andere werden sagen: Nein, sie stellt nur die Fakten dar, sie ist eine terroristische Organisation“, sagt sie. Das Gleiche gelte für den Ausdruck „israelische Besatzung“, so Boxman-Shabtai. „Ist das eine Darstellung der Fakten oder ist das eine kritische Sichtweise?“


Alles Interpretationssache

Zusätzlich zu den unterschiedlichen Per­spektiven, die ein Video verschieden interpretierbar machen, kommt auf TikTok noch die „Multimodalität“. Ein Post auf TikTok besteht aus einem Video, einem Sound, der nachträglich hinzugefügt werden kann, und einer Caption, also einem kurzen Text in der Beschreibung. Diese Elemente können sich widersprechen oder wechselseitig ihre Bedeutung verändern. Boxman-Shabtai nennt ein Beispiel: In der Caption steht ein sehr allgemeingültiger Satz, wie zum Beispiel „Wir wollen, dass alle sicher sind“. Das Video zeigt einen Mann, der in den Trümmern eines Hauses weint. „Ist das nun Kritik oder keine Kritik?“, fragt Boxman-Shabtai. „Wie interpretiert man das visuelle Element im Vergleich zum textuellen, verbalen Element?“

Grundsätzlich gilt alles, was für TikTok gilt, auch für Instagram; zwischen den beiden Plattformen gibt es viele Parallelen. Doch keine andere Plattform ist so schnelllebig wie TikTok: Viele Trends und Memes entstehen auf TikTok und landen erst Wochen oder Monate später auf Instagram. TikTok gilt auch als Plattform, auf der es besonders wahrscheinlich ist, viral zu gehen, unabhängig von der Anzahl der Follower oder der vorherigen Posts.

Wer TikTok verstehen will, muss also genau hinschauen und die verschiedenen Ebenen eines Videos berücksichtigen. Man braucht reichlich Kontextwissen, um etwa Anspielungen auf George Floyd oder einen Song von Macklemore einordnen zu können. Manchmal bedeutet es sogar, dass man die Figuren aus „Herr der Ringe“ kennen muss.    

Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 2, Januar 2026, S. 33-37

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Isolde Ruhdorfer arbeitet als Journalistin für das Online-Magazin Krautreporter in Berlin zu Themen der Außenpolitik.