Titelthema

26. Okt. 2026

Kalifornischer Fiebertraum

Hippies, Superintelligenzen, Mensch-Maschinen: Die Geschichte der Techbros-Ideologie gleicht einem psychedelischen Trip. Dahinter stehen knallharte Geschäftsinteressen.

Jannis Brühl
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Bild: eine Gruppe Hippies verlegen eigenhändig Rollrasen in einem öffentlichen Park
Gärtnern gegen das Establishment: Neben anarchistischem Libertarismus und einer digitalen Heilserwartung gehört auch das Hippietum zu dem Mix, aus dem das moderne Gründer-Denken entstand.
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Bei Donald Trump sitzen die Spitzen der US-Tech-Industrie buchstäblich mit am Tisch. Als Chinas Präsident Xi Jinping im September in Washington zu Gast war, kamen zum Dinner im Ostsaal des Weißen Hauses unter anderem die Unternehmer Mark Zuckerberg (Meta), Elon Musk, (Tesla/SpaceX) und Sam Altman (OpenAI). Fünf Tage später waren mehrere der Milliardäre wieder dort; dieses Mal versammelte Trump die Elite der Unternehmen, die die mächtigste Künstliche Intelligenz bauen, zum Lunch.

Der Pakt der Tech-Oligarchen mit dem Trumpismus ist ein Spektakel auf offener Bühne, das Gegenteil von heimlicher Lobbyarbeit in sprichwörtlichen Hinterzimmern. Die Allianz fußt zum einen auf Geschäftsinteressen – Musk will möglichst wenige Auflagen für seine Raketen, Zuckerberg möchte sich die Kosten für das Entfernen von Morddrohungen und rechtsextremen Hassbeiträgen auf Instagram sparen. Die KI wollen Musk, Altman, Zuckerberg und andere gemeinsam entfesseln, ohne Rücksicht auf Verluste wie jene spektakulären KI-Hacking-Vorfälle, die in den vergangenen Monaten Schlagzeilen gemacht haben.


Die Autorität von Orakeln

Doch die Tech-Oligarchen sind auch Ideologen geworden. Die legendären Risikokapitalinvestoren Peter Thiel und Marc Andreessen sind mittlerweile Vordenker. Wie Musk haben sie viele – meist männliche – Anhänger, die ihre X-Beiträge, Blog-Essays und Interviews wie Offenbarungen behandeln. Evgeny Morozov, einer der lautesten Kritiker des Silicon Valley, schreibt, die Unternehmer hätten heute die „Autorität von Orakeln“. Ihre technologischen Visionen gälten als „unausweichliche Prophezeiungen“.

Das Silicon Valley hat einen rechten Flügel ausgebildet, der sich aus mehreren geistigen Strömungen speist: Libertarismus, einer antidemokratischen Haltung und futuristisch-esoterischen Ideologien. Im Hintergrund steht die Vorstellung einer Disruption der etablierten Politik, die den Techbros folgerichtig erscheint: Schließlich hat die Erschütterung alter Industrien sie reich gemacht.

Ihre Philosophien – besonders Thiel sieht sich als Philosoph, der Ikonen der Antiliberalen wie Carl Schmitt und Leo Strauss huldigt – bezeichnen sie gern als „heterodox“: ein zusammengebasteltes Querdenkertum, das Widersprüche aushalten kann oder – so eine andere Lesart – in intellektueller Faulheit ignoriert.

Das eigentlich progressiv wirkende disruptive Denken erweist sich als überraschend anschlussfähig an die nationalistischen Bewegungen der Welt. „Make America Great Again“ und Big Tech finden unter Trump II zusammen: „Zwei Stämme“ nennt sie der Zögling des Oli­garchen Thiel in der Regierung, Vizepräsident J. D. Vance. 

Der eine Stamm, das sind demnach die nationalistischen Populisten, die Trump zu seiner ersten Amtszeit verholfen haben: konservativ, fremdenfeindlich, besessen von einer Rückkehr zum vermeintlich goldenen Industriezeitalter. Der zweite Stamm, das sind die Tech-Futuristen aus dem Valley: Musk, Thiel, Altman, Andreessen oder Palantir-Chef Alex Karp. Ihre volle Aufmerksamkeit gilt der Hochtechnologie und der Zukunft.


Sollen sie doch klagen

Im Zentrum des neo-oligarchischen Denkens steht der Libertarismus, besonders in seiner Cyber-Variante. Libertär zu sein bedeutet, zu glauben, dass persönliche Freiheit durch praktisch nichts eingeschränkt werden darf außer einem minimalen Grundstock an Gesetzen. Der Staat soll Polizei, Militär und Justiz übernehmen, sonst nichts. Märkte sollen radikal frei sein, frei vom Staat, der Regeln erlässt. 

Umweltschutz etwa wäre nach klassisch libertärem Verständnis nichts, was den Staat angeht. Fließen Chemikalien aus einer Fabrik in einen See, müssen die Anwohner eben klagen. Oder selbst eine Firma bezahlen, damit sie den See reinigt. Der Staat hätte keine Handhabe. Was der Öffentlichkeit gehört und nicht Privatleuten, ist im Libertarismus irrelevant. 

Damit steht der Libertarismus im Gegensatz zu dem ausgebauten, ausgleichenden Verwaltungsstaat der westlichen Länder, der die Freiheit der Firmen im Sinne der Allgemeinheit einschränken, armen Menschen helfen und ein soziales Netz garantieren soll.

Neuen Schub erhielt der Libertarismus, als er online ging. Der Cyberlibertarismus vertritt die Überzeugung, dass das Internet ein eigener Raum ist, auf den Staaten keinen Zugriff haben sollten.

Zunächst war der Cyberlibertarismus eher defensiv ausgerichtet: gegen staatliche Überwachung, für Privatsphäre und Selbstorganisation. Doch er transformierte sich unter dem Einfluss der Rechtslibertären: Elon Musk höhlte den US-Verwaltungsstaat im Auftrag von Trump mit der Kettensägentruppe DOGE aus. KI sollte Beamte ersetzen, die Exekutive, ihre Polizei und ihr Militär sollten gestärkt werden – auch durch die Oligarchenfirmen SpaceX, X und Palantir.

Kommunen, Computer, digitale Netzwerke – Hippies, Ingenieure und Forscher fanden durch ihr Interesse am radikal Neuen zueinander

Der Cyberlibertarismus hat die Elite des Silicon Valley geprägt. Dazu zählte auch PayPal, das Projekt, für das sich Thiel, Musk, Trumps späterer „KI-Zar“ David Sacks und andere zusammenfanden. Thiel fasste die Grundidee später so zusammen: „Die Gründungsvision von PayPal konzentrierte sich darauf, eine neue Weltwährung zu schaffen, frei von jeglicher Kontrolle und Verwässerung durch die Regierung.“ 

Geld ohne Zentralbank, Geld, das keiner Inflation unterliegt – ein lange gehegter libertärer Traum schien digital möglich zu werden. Das Interesse der Libertären am Digitalgeld dockt an ihre Vorliebe für Gold an. Es gilt ihnen als Absicherung gegen den immer wieder prophezeiten Crash des derzeitigen Systems. Auch die AfD, die 2013 in einem libertären Geist gegründet wurde, finanzierte sich dem Spiegel zufolge zu Beginn ihrer Existenz unter anderem über den Verkauf von Goldbarren in ihrem Online-Shop.

Thiel, Musk und der Rest der „PayPal-Mafia“ waren am Ende pragmatisch genug, das Bezahl-Unternehmen für 1,5 Milliarden Dollar an die etablierte Plattform Ebay zu verkaufen. Damit verzichteten sie darauf, weiter an einem alternativen Geldsystem zu arbeiten. Das ist typisch für das libertäre Denken: Ideologische Reinheit wird nicht mehr verlangt, sobald es ums Geld geht. Ganz anders als im linken politischen Spektrum, wo es sofort zu „Sellout“- und Korruptions-Diskussionen kommt, wenn Menschen derart ihre Ideale über Bord werfen. Der Libertarismus ist eben nicht nur, aber auch eine Unternehmer-Ideologie.


Von den Beach Boys zu den Techbros

Dass die mächtigsten Figuren des Silicon Valley politisch nach rechts gerückt sind, war lange nicht abzusehen. Die Branche hat auch progressive Wurzeln, die besser zu den Demokraten als zu den Republikanern passten. Die Gegenkultur, die in den 1960er Jahren in Kalifornien ihren Anfang nahm, im Sommer der Liebe und der rebellischen LSD-Trips, prägte das Silicon Valley. Sie ergänzte die Welt der Ingenieure und Forscher, die dort in den Jahrzehnten nach dem Krieg für Konzerne arbeiteten. Die lebten von der Forschung und den Aufträgen des Verteidigungsministeriums. Damit waren sie Teil des „militärisch-industriellen Komplexes“, den die Hippies eigentlich ein paar Kilometer weiter in San Francisco bekämpften.

Doch beide Gruppen fanden durch ihr Interesse am radikal Neuen zueinander – vom Leben in Kommunen bis zu Computerchips und digitalen Netzwerken. Die Sozialwissenschaftler Richard Barbrook und Andy Cameron tauften diese Avantgarde des Denkens „die kalifornische Ideologie“. Aus Hippietum, anarchistischem Libertarismus und einer Heilserwartung an digitale Technologie entstand das moderne Gründer-Denken. Künstlerische Kreativität plus Computer, das war die Formel, die Milliarden Dollar brachte.


Radikaler Individualismus

Besonders deutlich zu sehen war sie im unorthodoxen Stil von Steve Jobs, der mit seinem Apple-Cogründer Steve Wozniak die weltverändernde Macht des Computers im Hacker-Club erkannte. Diesem Denken verdankt die Welt das moderne, verspielte Design der Mac-Computer ebenso wie die ersten gut zu bedienenden Touchscreens in Smartphones.

Jobs ging im Büro barfuß, erzählte von seinen LSD-Trips, meditierte und wurde zum Prototypen des Tech-Milliardärs. Die riesigen Computer von IBM waren in den 1970er Jahren noch Symbole von Bürokratie und Maschinenherrschaft. In wenigen Jahren drehten Jobs, Microsofts Bill Gates und andere die Bedeutung des Computers herum: Nun sollten die Maschinen, die unter jedem Schreibtisch, später in jeder Aktentasche und dann in den Hosentaschen steckten, die Menschen befreien. Der Computer stand für unbegrenztes Wissen und die Vernetzung aller Menschen.

In dieser progressiven Gegenkultur war auch ein radikaler Individualismus angelegt, der sich gut mit libertären Gedanken verträgt. Der Einzelne entschied durch Kreativität und Cleverness über seine Zukunft, die Gesellschaft brauchte er in diesem Selbstbild nicht. Mit diesem Einzelgängertum ging das Misstrauen gegen das „Establishment“ einher. Das Wort war damals noch ein linker Kampfbegriff, der in den vergangenen Jahren von rechten Populisten übernommen wurde.

„Establishment“ – ein linker Kampfbegriff, der später von rechten Populisten übernommen wurde

Das gegenkulturelle Denken führte die Tech-Unternehmer in den 1990er und 2000er Jahren fast zwangsläufig zu den Demokraten. Wer derart an die Zukunft dachte und damit beschäftigt war, Internetfirmen aufzubauen, nahm die Republikaner als altmodische Herren wahr, die sich von ihren Sekretärinnen E-Mails ausdrucken ließen, statt selbst den Computer anzuschalten. 

Heute, mit dem Aufstieg der Tech-Oligarchen, hat die kalifornische Ideologie eine neue Häutung durchlaufen. Sie begegnet uns in ihrer offen rechtslibertären Form, die Staat und Gesellschaft von progressiver und sozialdemokratischer Politik „reinigen“ will. Sie kämpft nicht nur gegen jegliche Regulierung ihrer Geschäftsfelder wie die Privatisierung des Wissens durch Künstliche Intelligenz, die Privatisierung des Geldes mittels Kryptowährungen oder die Privatisierung des Weltalls via SpaceX. Sie kämpft auch gegen progressive Gesellschaftspolitik, die sie lange selbst mitgetragen hatte, wie Antirassismus und Gleichstellungspolitik.


Unbedingter Wille zum Regelbruch

Musk: eine Billion Dollar. Zuckerberg: 246 Milliarden Dollar. Thiel: 40 Milliarden Dollar. Warum sind die Tech-Oligarchen eigentlich so reich?   
     
Der Weg zu solchen astronomischen Wertsteigerungen führt über Disruption – den „Bruch“ mit unternehmerischen Traditionen, den Umsturz ganzer Branchen. Sie geschieht vor allem durch technologische Sprünge, wie sie heute in der ­Digitalwirtschaft möglich sind. Microsofts Personal Computer zerstörten IBMs Dominanz der riesigen Zentralrechner, die Zimmer füllten. Später zerrüttete Apple mit dem iPhone den Markt der frühen internetfähigen Handys und der Laptops – auf denen wiederum vor allem Microsofts Betriebssystem Windows lief. 

Netflix zerstörte die Videothekenkette Blockbuster – und alle anderen Videotheken gleich mit. Musks Tesla scheuchte die Automobilbranche von Detroit bis Wolfsburg auf. SpaceX drängte die Monopolisten Boeing und Lockheed im Markt der Raketenstarts und Satelliten an den Rand. Thiel und die „Mafia“ schufen das digitale Bezahlsystem PayPal, weil sie anders dachten als die mächtigen Banken und Kreditkartenfirmen.        

Die „kreative Zerstörung“, die der Harvard-Ökonom Joseph Schumpeter in den 1940er Jahren beschrieb, ist die heilige Kuh des Silicon Valley. Der Kapitalismus wird Schumpeter zufolge immer wieder durch technologische Revolutionen erschüttert, die alte Produktionsmethoden und Unternehmen pulverisieren und durch neue ersetzen. Unternehmer sind aus dieser Sicht kreative Zerstörer. Die disruptive Innovation ist eine Kraft, die die Welt aus den Angeln hebt, oder profaner: die Disruptoren steinreich macht.

Disruption kann auch politisch sein. Den Startschuss gab Peter Thiel 2016. Während heutige MAGA-Milliardäre wie Elon Musk oder Marc Andreessen damals noch den Demokraten als der progressiven Kraft die Stange hielten, erkannte Thiel in dem Präsidentschaftsbewerber Trump etwas, das er schon in Gründern wie Zuckerberg gefunden hatte: den unbedingten Willen zum Regelbruch und zur Radikalität, um Systeme umzustürzen. Bei Facebook-Gründer Zuckerberg waren es die Medien und die Kommunikationswelt, die er auf den Kopf stellte. Bei Trump waren es erst die Republikanische Partei, dann die USA, dann die ganze Welt. Mehr Disruption geht kaum, dürfte sich Thiel heute denken.


Geschäfte ohne Grenzen

Die Oligarchen sehen sich als Hüter der Hightech-Zukunft. Sie müssen diese Zukunft zur Welt bringen – gegen die Widerstände zurückhaltender Stimmen, die Menschen und Planeten schützen wollen, statt nur alles zu beschleunigen. In einem Text namens „Techno-optimistisches Manifest“ führt Marc Andreessen seine „Feinde“ auf: „Nachhaltigkeit“, „Vertrauen und Sicherheit“, „Risikomanagement“, „Wachstumsgrenzen“. 

Der Text fasst jenes Denken zusammen, das als „Akzelerationismus“ bezeichnet wird. Es soll keine Grenzen geben, nur noch Beschleunigung durch Technologie. Die Gesellschaft stehe ihrer eigenen Zukunft im Weg. „Unser Feind ist Anti-Leistung, Anti-Ehrgeiz, Anti-Aufstieg, Anti-Großartigkeit.“ Nun wird klar, was mit Zukunft gemeint ist: die ungehinderten Geschäfte der Oligarchen. 

Der düstere Thiel hält Andreessens demonstrativen Optimismus zwar für „typisches Silicon-Valley-Kauderwelsch“. Doch seine eigene, pessimistische Erzählung weist in dieselbe Richtung: Die Kräfte von Hardware und Software dürfen nicht politisch gezähmt werden. Thiel spricht vom „Antichristen“ als einer Macht, die den Fortschritt aufhalten will – durch KI-Regulierung, Zögern bei Raumfahrtplänen wie den Marsreisen von Musks SpaceX oder Bedenken gegen Palantirs Datensoftware, die Bürgerrechtler als Überwachungswerkzeug kritisieren. Als Kandidaten für die Rolle des „Antichristen“ sieht Thiel mal Greta Thunberg, mal die Vereinten Nationen und mal den Internationalen Strafgerichtshof.

Donald Trump, der über keine bekannte Computerexpertise verfügt, macht sich diesen Akzelerationismus zu eigen. Er kämpft mit Musk und Zuckerberg dafür, die Macht der KI ungehemmt von demokratischen Regeln freizusetzen. 


Der „digitale Gott“ aus dem Labor

Im Sommer 2026 zeigte sich, dass die Oligarchen keine geschlossene ideologische Front bilden. Sie mögen sich alle bei Trump einschleimen und zu seinen Dinnern kommen, aber ihre Weltanschauung und Interessen können auch gegenläufig sein. 

In der Diskussion um die Sicherheit von KI-Systemen, die sich selbständig machten und fremde Computer hackten, kam der Gegenspieler des Akzelerationismus ins Spiel: der Effektive Altruismus in seiner Silicon-Valley-Variante. Seine Anhänger sehen sich nicht nur als hochintelligente „Rationalisten“. Sie sind auch überzeugt, so etwas wie die Hüter der Menschheit zu sein. 

Der „Antichrist“, das ist für Peter Thiel mal Greta Thunberg, mal der Internationale Strafgerichtshof

Die Szene konzentriert sich auf das, was sie „existenzielle Risiken“ nennt. Dazu zählt sie derzeit vorwiegend eine unkontrollierte KI, die die Menschheit auslöschen könnte. Diese Angst war es, die vor mehr als einem Jahrzehnt Musk und Altman dazu brachte, OpenAI als unkommerzielles Forschungslabor zu gründen. Heute hasst Musk Altman, weil der einen Zwei-Billionen(!)-Dollar-Börsen­gang mit OpenAI anstrebt. OpenAIs vermeintlich zu laxer Umgang mit der Zukunft der Menschheit führte auch dazu, dass Dario Amodei und einige weitere Mitarbeiter des Unternehmens sich abspalteten und Anthropic gründeten. 

Anthropic präsentiert sich als Unternehmen voller vorsichtiger Verantwortungsträger, die KI behandeln wie ein wildes Tier, das im Käfig gehalten werden muss. Kritiker halten Anthropic für eine Art Sekte, die überzeugt ist, einen „digitalen Gott“ im Labor geschaffen zu haben und sich selbst maßlos überschätzt.


Besessen von Intelligenz und Technik

Die Idee einer Superintelligenz ist ebenso wie jene der Kolonisierung des Weltalls beeinflusst von noch esoterischeren Denkrichtungen, die im Silicon Valley Wurzeln geschlagen haben. Immer geht es darum, dass der Mensch Grenzen überschreitet. Das gilt für den Transhumanismus – die Erweiterung des Menschen durch Technologie – und den Longtermismus. 

Der ist eine Spielart des Effektiven Altruismus und hat sich unter einigen Unternehmern des Silicon Valley verbreitet. Er basiert auf einem verdrehten Verständnis von langfristigem Denken. Es geht ihm nicht um das Wohl heute lebender Menschen, sondern um alle theoretisch irgendwann lebenden Menschen. Die Zukunft wird verabsolutiert – auf Kosten des Humanismus für die lebenden Menschen.

Der Transhumanismus hat mit dem Longtermismus eines gemeinsam: Sie wurzeln in elitärem Denken, in einer Obsession mit Intelligenz und Technologie, deren Kehrseite die Ignoranz für akute Probleme ist, die die Menschen schon heute beschäftigen: Hunger, Armut, ­Kriege, Ungleichheit, ­Klimakatastrophen, Rassismus. Die hohen Formen der KI nehmen für Teile der Tech-Elite utopische Züge an. Eine Intelligenz, die besser als der Mensch sei, könne auch helfen, den Menschen zu verbessern.

Alle diese Ideen gipfeln darin, dass ein Teil der US-Elite sich selbst als „Gegen-Elite“ betrachtet

Im Moment der „Singularität“ werde KI sich selbst derart optimieren können, dass ihre Fähigkeiten exponentiell ansteigen. Das würde zu einem nie dagewesenen technologischen Sprung führen und schließlich den Menschen selbst verändern. Es wäre der Beginn der Verschmelzung von Mensch und Maschine. 

Davon träumen die Transhumanisten, die Anhänger einer cyberphilosophischen Strömung, die der Technologie eine fast religiöse Erlösungsfunktion zuweisen. Seit Jahrzehnten bewegen sie sich im Umfeld der Tech-Unternehmen. Elon Musks Neurotech-Unternehmen Neuralink lässt sich auch als Teil eines transhumanistischen Konglomerats sehen, zu dem Raumfahrt (SpaceX), Superintelligenz (SpaceXAI) und einer der großen Gedankenströme der Menschheit (die Social-­Media-Plattform X) gehören.

All diese Ideen gipfeln darin, dass dieser Teil der US-amerikanischen Elite sich nicht mehr mit dem politischen System identifiziert – er hat sich selbst als „Gegen-Elite“ erkannt. Für die Zeit nach Trump haben sie vorgebaut. Thiels Schützling Vance steht ihrem Denken noch näher als Trump. Und im Gegensatz zu seinem Chef versteht Vance auch, wie ein Computer funktioniert.    

Jannis Brühl: Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen. München: DVA 2026. 256 Seiten, 20,00 Euro
 

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2026, S. 27-33

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Jannis Brühl ist einer von Deutschlands führenden Digitaljournalisten und leitet das Team Geld & Tech der Süddeutschen Zeitung. Im Januar erschien sein Buch „Disruption. Die Ideologie der Tech-Oligarchen und das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen“.

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