Buchkritik

29. Aug. 2022

Ganzheitlich oder gar nicht

Um die Klimakatastrophe zu bewältigen, braucht es einen übergreifenden Ansatz und internationale Zusammenarbeit. Müsste eine Bundesregierung, die Klimaaußenpolitik zu einem Schwerpunkt erklärt hat, da nicht Vorreiter sein? Drei Neuerscheinungen.

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Bild: Illustration eines Buches auf einem Seziertisch
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Dürren, Überschwemmungen, Stürme und andere extreme Wettereignisse: Die Folgen der Erderwärmung sind schon jetzt deutlich zu sehen. Und mehr noch: Der Klimawandel ist das, was wir einen „Risikomultiplikator“ nennen – seine Folgen können Konflikte in Europas Nachbarschaft verschärfen und weltweit die Stabilität von Staaten und Gesellschaften gefährden.

Gesundheits-, Wirtschafts-, Energie-, Ernähungs- und Klimakrisen überschneiden und verstärken sich. Sie vertiefen die Ungleichheit innerhalb und außerhalb Europas und schwächen das Vertrauen in multilaterale Ansätze.


Was können wir der Klimakrise noch entgegensetzen, mit welchen Folgen werden zukünftige Generationen leben müssen? Schaffen wir es, den Planeten lebenswert zu erhalten? Und was ist dafür zu tun – in Politik, Wirtschaft, Gesellschaft? Antworten auf diese und andere Fragen liefert der Meteorologe und Klimaforscher Mojib Latif.


Der Titel seines Buches „Countdown. Unsere Zeit läuft ab – was wir der Klimakatastrophe noch entgegensetzen können“ spricht Bände: Zwischen Apokalypse und Hoffnung schwankend, beschreibt Latif eindrücklich, welche Folgen es hätte, würden wir das 1,5-Grad-Ziel dauerhaft überschreiten. Sein Fazit: Der Countdown läuft, denn die Durchschnittstemperaturen drohen bei einem „Weiter so“ schon bis 2026 zeitweise die Marke von 1,5 Grad zu überschreiten. Die Auswirkungen einer solchen Durchschnittstemperatur hätten das Potenzial, die Lebensgrundlagen der Menschheit massiv zu bedrohen, und das „überall auf der Welt“. Dabei zähle jedes Zehntelgrad, wie Vergleiche der 1,5-Grad- und 2-Grad-Szenarien zeigten. Der Unterschied im Ausmaß und der Frequenz der Auswirkungen sei enorm.


Das Umdenken hat begonnen

Schon heute liegt die globale Durchschnittstemperatur um 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau (1850–1900). Die vergangenen sieben Jahre waren die wärmsten seit Beginn der Messung; schon jetzt nähern wir uns den Belastungsgrenzen, so Latif. Der Klimaforscher fordert zum schnellen und radikalen Handeln auf: „Wir müssen komplett umdenken. Alte Denk- und Verhaltensweisen funktionieren nicht mehr. Das gilt für jeden Einzelnen von uns genauso wie für große Teile der Wirtschaft und ganz besonders für die Politik.“


Noch sei es möglich, das Ruder herumzureißen und die Erd­erwärmung auf deutlich unter 2 Grad zu begrenzen. Dafür bedürfe es allerdings des politischen Willens. Immerhin hat hier Latif zufolge ein Umdenken eingesetzt. Der Klimaschutz habe einen hohen Stellenwert in den Parteiprogrammen, „und Entscheidungsträger in der Wirtschaft beginnen zu ahnen, was da ohne Klimaschutz auf die Menschheit zukommen könnte. Es wächst die Einsicht, dass die Ökonomie in einem überhitzten Klima nicht florieren kann, in dem die Zerstörung von Infrastruktur und die Unterbrechung von Lieferketten an der Tagesordnung wären und politisch instabile Verhältnisse ob der chaotischen Verhältnisse herrschten.“


Grundvoraussetzung, um hier weiterzukommen, sei eine starke internationale Zusammenarbeit; national lasse sich die Herausforderung nicht bewältigen. Dafür brauche es Vorreiter, die ihr diplomatisches Geschick für die Bekämpfung des Klimawandels einsetzen und mit gutem Beispiel vorangehen. Ein Anspruch, den Deutschlands Ampelregierung eindeutig besitzt. Der Koalitionsvertrag verspricht eine „gemeinsame, konsequente Klimaaußenpolitik und Klimagerechtigkeit im Geiste des europäischen Green Deals, der 2030-Agenda und des Pariser Abkommens“, und derzeit erarbeitet das Auswärtige Amt federführend eine Klimaaußenpolitik-Strategie.


Latif hat hier eine eindeutige Handlungsempfehlung: Klimaschutz-Vorreiter zu sein, das „bedeutet auch, seine Außen- und Wirtschaftspolitik so anzupassen, dass ein Land wie China nicht einfach machen kann, was es will, soll heißen, die Umwelt nicht beliebig zu verschmutzen, um unsere Märkte dann mit ‚dreckigen‘ Produkten zu überschwemmen“.


Mit dem Klimawandel leben

All dies erscheint umso dringlicher, als die Klimakrise auch in Deutschland und Europa längst schmerzhaft angekommen ist. Die Flutkatastrophe im Juli 2021 im Westen und Südwesten Deutschlands hat mehr als 180 Todesopfer und massive Zerstörungen hinterlassen. Wir haben in diesem Sommer extreme Hitzewellen mit bis zu 45 Grad in Südeuropa erlebt. Das führte zu Dürren, Wasserknappheit, Ernteausfällen und verheerenden Waldbränden. Hitzewellen beeinträchtigen zudem die Gesundheit und ziehen mehr Todesfälle nach sich. Wir werden lernen müssen, mit Extremwetterereignissen und den daraus resultierenden Zer­störungen umzugehen.


Dass wir darauf in Deutschland bisher nicht ausreichend vorbereitet sind, zeigen Susanne Götze, Historikerin und Journalistin beim Spiegel, und Annika Joeres, Investigativ-Journalistin bei correctiv und Korrespondentin für die Zeit, eindrucksvoll. Für ihr Buch „Klima außer Kontrolle“ sind die Journalistinnen quer durch Deutschland gereist und haben mit Expertinnen und Beschäftigten aus verschiedensten Bereichen gesprochen, seien es Forstwirtschaft, Geologie oder Landschaftsökologie, sei es auf Bundes- oder lokaler Ebene.


Als Beispiel für Klimarisiken, die Götze und Joeres zufolge das Leben in Deutschland verändern könnten, nennen die Autorinnen Trinkwasserknappheit und Waldsterben durch Trockenheit, eine kritische Infrastruktur, die durch Hochwasser und Sturzfluten bedroht ist, Hangrutsche und Steinschlag in Hochgebirgen infolge von Starkregen und überschwemmte Städte und Dörfer durch höhere Meeresspiegel. Wie bedrohlich diese Klima­risiken für uns sein werden, hänge primär davon ab, wie gut wir vorbereitet sind.


Da sei Deutschland trotz eines gestiegenen Risikobewusstseins noch kaum gewappnet. Wir hätten bisher nur wenige Anpassungsmaßnahmen ergriffen und seien mangelhaft auf die Folgen der Erderwärmung vorbereitet, so die Autorinnen. Es fehle an langfristiger Planung, am politischen Umsetzungswillen, an Koordination und Verantwortlichkeit und vor allem an ausreichenden finanziellen Mitteln für Anpassung und Prävention.


Und das, obwohl die Kosten der Vorsorge weit unter denen lägen, die durch Nichtstun für Schadensbeseitigung anfallen würden. Zudem werde in Deutschland über die dringend notwendige Anpassung an Extremwetterereignisse nicht so recht gesprochen – weder in der Politik noch in den Medien oder unter Aktivisten. Mit „Klima außer Kontrolle“ wollen die Journalistinnen Zusammenhänge sichtbar machen und einen Beitrag zur rechtzeitigen und effektiven Vorbeugung leisten.


Götzes und Joeres Buch ist ein Versuch, ins Handeln zu kommen: Sie zeigen nicht nur auf, woran es in Prävention und Anpassung noch fehlt, sondern erarbeiten, aufbauend auf ihrer Analyse, eine Reihe konkreter Handlungsempfehlungen. Doch wie Mojib Latif sind auch die Journalistinnen überzeugt: Zu bewältigen ist die Herausforderung nur, wenn wir rauskommen aus alten Denkmustern. Dazu gehöre auch, „unsere Ideen von Wohlstand, Glück, Wachstum und Fortschritt zu überdenken“.


Dabei sei das reiche Deutschland noch in einer vergleichsweise privilegierten Lage. Konkret vergleichen Götze und Joeres unsere Situation mit der Kiribatis, einem Inselstaat im Pazifik. Während Kiribati und andere Inselstaaten nur über geringe finanzielle Mittel für die Anpassung verfügen und durch den steigenden Meeresspiegel sogar vollständig unterzugehen drohen, haben wir „alle finanziellen und organisatorischen Möglichkeiten, uns zu schützen“.


Migration als Anpassung

Von Inselstaaten wie Kiribati, wo der Klimawandel schon heute den Menschen die Lebensgrundlage entzieht, erzählt auch Kira Vinke. In ihrem Buch „Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns Menschen die Heimat raubt“ führt die Leiterin des Zentrums für Klima und Außenpolitik der DGAP den Leserinnen und Lesern die Auswirkungen klimatischer Extreme auf Flucht und Migration vor Augen.


Basierend auf eigener Forschung und persönlichen Gesprächen mit Betroffenen sowie Unterstützern und Gegnern von Migration zeigt sie die komplexen und multidimensionalen Zusammenhänge zwischen Klimawandel und Migration auf und lässt dabei keinen Zweifel an der Dramatik der Lage: „Ohne ein stabiles Weltklima kann es keine menschliche Entwicklung geben. Ohne Klimaschutz keinen Frieden. Ohne konsequenten Wandel keine Hoffnung.“


Zwar habe das Thema Klimaflucht in der öffentlichen Debatte der vergangenen Jahre vermehrt Aufmerksamkeit gefunden, so Vinke, aber: „Nicht selten driftet die Debatte in eine Angstkampagne ab, in deren Zentrum es um die Frage geht: Wie viele Menschen werden zu uns kommen?“ Dahinter stecke in der Regel die Sorge um den eigenen Wohlstand. Dass Menschen zumeist innerhalb der Grenzen ihrer Herkunftsländer oder in Nachbarländer fliehen, werde oft ausgeblendet. Zudem kümmere man sich nur wenig um die eigentlich Betroffenen, kritisiert Vinke. Ihr Buch kann auch als Beitrag verstanden werden, das zu ändern.


Kira Vinke nimmt ihre Leserinnen und Leser mit in unterschiedlichste Weltregionen – von den Inselstaaten über die Sahelzone, die Philippinen und Bangladesch in den Amazonasregenwald bis nach Deutschland und in die Schweiz. Sie zeigt die jeweils spezifischen Zusammenhänge von Klimawandel, Flucht- und Migrationsgeschichten auf und öffnet damit den Blick für das menschliche Gesicht des Klimawandels.
Anhand dieser Beispiele veranschaulicht Vinke die Multikausalität von Migration. Denn in der Regel entschieden sich Menschen aus mehr als einem Grund zu Flucht und Migration: Meist bestehe ein komplexes Zusammenwirken direkter Treiber wie Krieg oder Armut mit indirekten Treibern wie dem Klimawandel, etwa wenn Dürren zu Ernteausfällen führen.


Während Klimafolgen derzeit noch nicht als Treiber für Migrationsentscheidungen und -routen dominieren, könnten sie künftig zu einem weit größeren Faktor werden, schreibt Vinke. Ihre Forschung weise darauf hin, „dass die Klimaauswirkungen schon bei der derzeitigen Erwärmung von knapp 1,2° C die Lebensgrundlage vieler Kleinbäuer:innen und Fischer:innen zerstören und sie zur Migration zwingen“.


Die Folgen des Klimawandels machten Migration damit zu einem „unausweichlichen Mittel der Anpassung“. Doch ähnlich wie Götze und Joeres es in „Klima außer Kontrolle“ in Bezug auf Klimaanpassungsmaßnahmen schildern, sind wir auch hier nicht so recht vorbereitet, so Vinke. Für grenzüberschreitende klimabedingte Flucht und Migration fehlten bisher die gesetzlichen Richtlinien. Dabei führe „an der Zusicherung von mehr Freizügigkeit und der Verankerung von mehr Rechten auf der Flucht vor den Naturgewalten kein Weg vorbei“.


Neben deutlich mehr finanziellen Mitteln für Anpassungsmaßnahmen – damit Menschen gar nicht erst in die Lage kommen, fliehen oder migrieren zu müssen –, wäre die Einführung eines „Klimapasses“ ein Schritt in die richtige Richtung, empfiehlt Vinke. Am Vorbild des Nansen-Passes orientiert, der nach dem Ersten Weltkrieg ein Mindestmaß an Schutz bieten und grenzüberschreitendes Reisen ermöglichen sollte, könnte der Klimapass existenziell vom Klimawandel bedrohte Menschen mit international anerkannten Reisedokumenten ausstatten, um „frühzeitige, freiheitliche und würdevolle Migrationsoptionen zu eröffnen“.


Kein reines Umweltproblem

Das abschließende Kapitel von „Sturmnomaden“ ist den unterschiedlichen Dimensionen der mit der Klimamigration verbundenen Gerechtigkeitsfragen wie Rassismus und Sexismus gewidmet. Vinkes Fazit: Wir können den Klimawandel nur mit einem ganzheitlichen Ansatz effektiv bekämpfen: „Wenn wir den Klimawandel als reines Umweltproblem wahrnehmen, werden wir daran scheitern, effektive Lösungen zu finden. Es geht um ein Menschenrechtsproblem, eine Gender-Krise und eine Ungleichheitskatastrophe, um ein außen- und innenpolitisches Problem, das die Sicherheit unseres Landes bedroht“.


Dass Außenministerin Annalena Baerbock den Klimawandel auf dem Petersberger Klimadialog im Juli in Berlin als größtes Sicherheitsproblem weltweit bezeichnet und versprochen hat, alle diplomatischen Hebel dagegen in Stellung zu bringen, mag hoffnungsvoll stimmen. Damit ist Deutschland aber auch in der Pflicht, hier eine Vorreiterrolle zu spielen.


Die Ampelregierung hat die einmalige Chance, mit einer neuen Klimaaußenpolitik das regelbasierte System mitzugestalten und neue Formen der Zusammenarbeit bei der Bekämpfung des Klimawandels umzusetzen. Eine neue Vision für Klimaaußenpolitik kann zudem einen Weg durch die aktuellen geopolitischen Spannungen weisen und einen Beitrag zur kurz- und langfristigen Bewältigung von Mehrfachkrisen leisten.

 

Mojib Latif: Countdown. Unsere Zeit läuft ab – was wir der Klima­katastrophe noch entgegensetzen können. Freiburg: Herder Verlag 2022. 224 Seiten, 22 Euro.

Susannne Götze und Annika Joeres: Klima außer Kontrolle. Fluten, Stürme, Hitze – Wie sich Deutschland schützen muss. München: Piper 2022. 336 Seiten, 20 Euro.

Kira Vinke: Sturmnomaden. Wie der Klimawandel uns Menschen die Heimat raubt. München: dtv 2022. 320 Seiten, 23 Euro. Erscheint am 21.9.2022.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2022, S. 124-127

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Jule Könneke arbeitet als Climate Diplomacy Researcher beim gemeinnützigen Think Tank Third Generation Environmentalism (E3G) zu Klima­außenpolitik. Sie ist zudem Research Associate beim European Council on Foreign Relations (ECFR).

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