02. November 2017

Freundin Israels und Palästinas

Als Mittlerin im Nahost-Konflikt wird Sylke Tempel schmerzlich vermisst

Die jüngsten geopolitischen Verwerfungen von Syrien bis Nordkorea haben den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern aus den Schlagzeilen gedrängt; gelöst ist er dadurch nicht. Was die Friedensaktivisten in der Region jetzt brauchen, sind Unterstützer, die sich bemühen, beiden Seiten gerecht zu werden. Abschied von einer ehrlichen Maklerin.

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„Ein Staat mit jüdischer Bevölkerung und demokratischer Verfassung ist unvereinbar mit der Besetzung des Westjordanlands“, sagte Sylke Tempel in einem ihrer letzten Interviews. Diese einfache Aussage ist die denkbar klarste und zutreffendste Zusammenfassung des Dilemmas, in dem sich Israel heute befindet. Anders als viele Kommentatoren, die sich entweder auf das Problem Israels oder auf die Tragödie Palästinas konzentrieren, war Sylke Tempel in der Lage, beide Seiten mit unbestechlicher Klarheit zu analysieren.

Lassen Sie mich versuchen, diese Klarheit des Urteils nachzuzeichnen und zu würdigen, diesen unerbittlichen und mitfühlenden Realismus, der Sylke Tempel zur Vertreterin einer seltenen Gattung machte: die der wahren Freunde, der kritischen Freunde von Israelis und Palästinensern gleichermaßen.

Die jüngsten geopolitischen Verwerfungen – vom Arabischen Frühling über Syrien und die EU-Krisen bis hin zu Nordkorea – haben den israelisch-palästinensischen Konflikt aus dem Fokus der Öffentlichkeit gedrängt. Noch nie, jedenfalls nicht seit 1967, ist dieser weltbewegende Konflikt so marginalisiert worden. Viele sehen ihn nicht mehr als Quell aller nahöstlichen Übel. Politiker, Diplomaten, Intellektuelle und Journalisten sind anderweitig beschäftigt.

Man überlässt die Regierung von Benjamin Netanjahu sich selbst. Palästinenser-Führer Machmud Abbas und die Hamas – ob miteinander versöhnt oder nicht – stehen nicht mehr im Bühnenlicht des Weltdramas. Das könnte sich durchaus positiv auswirken; vielleicht ermöglicht diese wohlwollende Gleichgültigkeit eine praktische, allmähliche, lokale Annäherung. Andererseits können sich israelischer und palästinensischer Extremismus nun ungehindert entfalten.

Die neue Welt-Unordnung bringt alles so durcheinander, dass wir uns in unserem Teil des Nahen Ostens nicht einmal mehr sicher sein können, ob die Stimme Deutschlands weiterhin auf Frieden dringt. Wird die Alternative für Deutschland (AfD) demnächst auch für Deutschland sprechen? Wird eine künftige politische AfD-Stiftung Büros in Tel Aviv und Ramallah eröffnen? Was wird die mächtig gewordene extreme Rechte Europas den konfusen und widersprüchlichen Botschaften der Regierung von US-Präsident Donald Trump an Israelis und Palästinenser hinzuzufügen haben? Ja, die ehrlichen Makler und kritischen Freunde werden in diesen Tagen rar.

Die Freunde, die Israel und Palästina heute noch haben, sind wertvoller als je zuvor – besonders die, die noch immer von echtem Interesse und ehrlicher Sorge erfüllt sind und sich um Ehrlichkeit und Redlichkeit im Urteil bemühen. Wir haben Sylke Tempels Stimme verloren, aber wir müssen uns verpflichten, ihre unbequemen Wahrheiten weiterhin laut und deutlich ertönen zu lassen. Lassen Sie mich die gemeinsamen Überzeugungen und das Engagement schildern, zu denen sie und ich in den vergangenen Jahren durch Gespräche und Korrespondenz gefunden haben.

Die Siedler als Zerstörer des Zionismus

Da ist, an erster und wichtigster Stelle, die Feststellung, dass man ein Freund Israels und Palästinas zugleich sein kann. Im Grunde ist das der einzig faire und realistische Weg. Mein Vater Amos Oz sagte einst, er sei weder für die Israelis noch für die Palästinenser, sondern für den Frieden. Wahre Freundschaft verlangt einen scharfen und kritischen Blick, der nicht ohne Liebe ist, aber ohne Sentimentalität, der weder romantisiert noch dämonisiert. Ein unkritischer Freund ist überhaupt kein Freund, und ein einseitiger Friedensstifter ist kein Friedensstifter.

Echte Freunde, wie Sylke Tempel es war, müssen die intellektuelle und emotionale Fähigkeit haben, sich in die Gefühlslage beider Seiten hineinzuversetzen. Antiisraelische Haltung entsteht oft aus einer grob vereinfachenden Identifizierung des Volkes mit seiner Regierung. Genauso gilt für die Feinde der Palästinenser, dass sie die gesamte Nation mit dem Terror der Hamas oder den Machenschaften von Yasser Arafat identifizieren. Das ist genauso, als würde man das amerikanische Volk wegen Trump hassen – absurd.

Wie viele liberale Zionisten aus Israel war auch Sylke Tempel der Überzeugung, dass die Siedlungen im Westjordanland keine Fortsetzung des Zionismus sind, sondern ihn untergraben und möglicherweise zerstören. Sie hat immer wieder darauf hingewiesen, dass der Zionismus ursprünglich laizistisch, demokratisch und pragmatisch ausgerichtet war und weder imperiale noch messianische Ambitionen hatte. Gleiche Bürgerrechte waren von Anfang an Teil seiner DNA. Er akzeptierte die Zwei-Staaten-Lösung sogar schon vor 1948.

Aus dieser Feststellung folgt eine vernichtende Kritik an der Politik der Likud-Partei und der noch weiter rechts stehenden Parteien: Traum und Wirklichkeit des Zionismus werden in einen Kontext des Fanatismus eingebettet und dadurch in große Gefahr gebracht. Um es mit einfachen Worten zu sagen: Wer diese Entwicklung nicht deutlich anprangert, egal ob mit hebräischem, amerikanischem oder deutschem Akzent, ist kein wahrer Freund Israels.

Wenn es um die palästinensische Seite des Konflikts geht, so sind zwei Punkte wichtig. Wir müssen ebenso zwischen PLO und Hamas differenzieren wie auch dem Reflex widerstehen, uns naiv mit den Palästinensern als hilflosen und bedauernswerten Opfern zu identifizieren. Genau wie Sylke Tempel sehe auch ich das palästinensische Volk und seine Anführer als verantwortlich Handelnde, nicht als passive Opfer von Schicksalsschlägen. Die Entscheidung, Terror als Hauptinstrument einzusetzen, um dem eigentlich legitimen Ziel nationaler Selbstbestimmung näher zu kommen, wurde bereits in den 1960er Jahren getroffen – bewusst und mit tragischen Folgen.

Heute mag sich Abbas als moderat präsentieren und vielleicht sogar versuchen, die Politik der mörderischen Machthaber im Gaza-Streifen zu mäßigen, aber sein Engagement für Friedensverhandlungen war bestenfalls durchwachsen. Natürlich stimmt es, dass Netanjahu und seine rechtsgerichtete Koalition alles tun, um die Zwei-Staaten-Lösung zu verzögern, abzuwenden und zu untergraben, indem sie Siedlungen bauen und die Palästinenser unmenschlich behandeln. Aber können Sie sich vorstellen, wie wirkungsvoll und wie berühmt Abbas hätte sein können, wie ihn die ganze Welt unterstützt hätte, wenn er sich wirklich nachdrücklich für Frieden eingesetzt hätte?

Im erwähnten Interview sagte Sylke Tempel, die auch bei schmerzlichen Themen nie ein Blatt vor den Mund nahm, in den Palästinenser-Gebieten werde jemand, der auf Passanten in einem Café in Israel schießt, nicht als Terrorist gesehen, „sondern als Held und als Kämpfer im Widerstand gegen die Besatzung gefeiert. Diese Sichtweise gibt es, und die Palästinensische Autonomiebehörde scheut sich, dagegen vorzugehen.“ Ich darf hinzufügen, dass Abbas sich sogar scheut, dagegen vorzugehen, wenn Schulbücher und öffentliche Plätze die Selbstmordattentäter zu Nationalhelden machen. Um es mit einfachen Worten zu sagen: Wer diesen Mörderkult nicht laut verurteilt, ist kein Freund Palästinas.

Und so sind wir – Palästinenser und Israelis – durch den plötzlichen und schrecklichen Verlust Sylke Tempels um vieles ärmer geworden. Wir haben eine wirkliche Freundin verloren, die unerbittlich und verständnisvoll war, von vernichtender Schärfe und heilsamer Ehrlichkeit zugleich. So müssen diejenigen sein, die Friedensaktivisten wie mich und meine palästinensischen Freunde dabei unterstützen, diesen Konflikt eines Tages zu lösen, weil wir ihn lösen müssen. Es kann nicht anders sein; eine Alternative mag man sich nicht ausmalen.

Ich werde Sylke fürchterlich vermissen, und ich appelliere an jeden ihrer Leser und an jeden Leser dieser Worte, auf seine eigene Weise Sylkes Stimme weiterzutragen. Solange es Stimmen wie ihre gibt, gibt es Hoffnung. Wenn der Frieden endlich kommt, werden wir ihr einen kleinen Teil davon verdanken.

Prof. Fania Oz-Salzberger lehrt Geschichte an der Universität Haifa und Modern Israel Studies an der Monash-Universität, Melbourne.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November-Dezember 2017, S. 23 - 25

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