01. April 2004

Europas Symbole

Integrationsgeschichte und Identitätssuche seit 1945

In der bisherigen Geschichte der EU wurde die kulturelle Integration vernachlässigt. Patel, Juniorprofessor
an der Humboldt-Universität, schildert anhand der politischen Symbole Europas,
wie mühsam die Suche nach gemeinsamer Identität ist.

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Wenn vom technokratischen Charakter, der fehlenden Transparenz und dem Demokratiedefizit der Europäischen Union die Rede ist, wird häufig ein Jean Monnet zugeschriebenes Bonmot zitiert: „Wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich von der Kultur her anfangen“. Ob der altersweise Monnet diese Worte wirklich gesagt hat, ist zwar umstritten. Eindeutig drückt sich in ihnen aber die Sehnsucht nach einem anderen Europa aus, wenngleich auch dieses damit nicht genau gefasst ist. Trotz aller Vagheit äußert sich darin ein Empfinden, dass es im Bereich der kulturellen Integration und der Identität Europas wesentliche Defizite gibt.

Tatsächlich konzentrierte sich die europäische Einigung seit ihren Anfängen auf den Bereich der Wirtschaft. Die sechs Gründungsmitglieder setzten auf jene Logik, die Montesquieu als „doux commerce“ umschrieben hat: „süßer Handel“ sollte demnach Motor der Integration sein. Diese zielte zwar immer auch auf kulturellen Zusammenschluss. Die Handschrift des Einigungsprozesses zeichnete sich trotzdem mehr durch nüchternen, interessengeleiteten Pragmatismus aus als durch tief schürfende Selbsterklärungen. Bis heute hat die EU diese Prägung bekanntlich behalten, während die Frage nach ihrer kulturellen und politischen Identität offen geblieben ist.

Zugleich stellt sich die Frage, was „von der Kultur her anfangen“ eigentlich heißt. Wer sich auf diese Formel beruft, hat damit zumeist ein bürgernahes Europa im Sinn und bemängelt das Fehlen einer ausgeprägten europäischen Identität. Das mag auf den ersten Blick einleuchten. Man kann in der Formulierung aber auch die Widerspiegelung eines technokratischen Machbarkeitsglaubens sehen, der zumindest einem alteuropäischen Kulturbegriff fremd ist. Denn ob die Politik im Bereich der Mentalitäten, der Identitäten und Sinnbezüge viel verändern kann und soll, ist fraglich. Zugleich hat sich in den europapolitischen Debatten gezeigt, dass der Bezug auf Europas geistiges und kulturelles Erbe keineswegs immer einen integrierenden, identitätsstiftenden Faktor darstellt, sondern auch sehr konfliktträchtig sein kann: Vor allem die Auseinandersetzungen um den Gottesbezug im Europäischen Konvent haben dies zuletzt sehr deutlich werden lassen.

Europa von der Kultur her anzufangen war und ist deswegen keineswegs unproblematisch. Wenn man einmal die historische Dimension der Suche nach Identität im Integrationsprozess ausloten möchte, bietet es sich besonders an, die politischen Symbole Europas zu untersuchen. Diesen wird die Aufgabe zugeschrieben, das komplexe Einigungsgeschehen für die Bürger Europas besser begreifbar und emotional erfahrbar zu machen. Symbole sollen nicht nur politische Ordnung repräsentieren, sie sollen auch zu deren Herstellung und Legitimation beitragen. Bekanntlich waren aber bislang alle Versuche einer Symbol- und Identitätspolitik auf europäischer Ebene nicht sehr erfolgreich, denn eine integrierende Kraft haben die Europa-Repräsentationen bisher kaum entfaltet. Die hier untersuchte Frage nach der Geschichte und den Ursachen der fehlenden Akzeptanz der politischen Symbole öffnet zugleich eine Perspektive auf die politische Repräsentation eines künftigen Großeuropas von 25 und mehr Mitgliedstaaten.

Anverwandlung und Neuerfindung

Das älteste Europa-Symbol ist die Figur der Europa, die im antiken Mythos gefasst und seitdem in der europäischen Geschichte immer wieder aktualisiert wurde. Es ist bemerkenswert, wie flexibel das Motiv von Europa und dem Stier über die Jahrhunderte war. Im Mittelalter zum Beispiel wurde der Mythos christlich umgedeutet: Der Stier stellte nun nicht mehr den Göttervater Zeus, sondern Christus dar. Neben dieser Anverwandlung war den antiken und den mittelalterlichen Europa-Vorstellungen gemeinsam, dass sie sich kaum auf eine gewünschte oder vorhandene politische Ordnung bezogen, sondern für Werte wie Glück, Fruchtbarkeit und Auserwähltheit standen. Stärker politische Bezüge erhielt die Allegorie der „Dame Europa“ erst im 16. Jahrhundert. Im frühen 20. Jahrhundert war Europa dann vor allem eine Figur der Satire und der Karikatur. Die innere Zerrissenheit, die ihr nun zugeschrieben wurde, unterschied sich deutlich von den vormals positiven Attributen. In den Europa-Repräsentationen nach dem Ersten Weltkrieg spiegelt sich so die tiefe Krise wider, die das europäische Selbstverständnis erfasste, als die jahrhundertelange globale Dominanz des Kontinents zu einem Ende kam.

Zum politischen Symbol für konkrete europäische Einigungsideen und -projekte des 20. Jahrhunderts taugten Europa und der Stier nur in begrenztem Maße: der Mythos ist Teil jenes humanistischen Bildungskanons, der nie eine große soziale Strahlkraft hatte und im Verlauf der letzten Jahrzehnte noch an Bedeutung verloren hat. Außerdem stellt der Mythos die symbolische Verdichtung einer Ursprungsgeschichte dar. Die politische Integration Europas, die historisch nicht sehr weit zurückreicht, lässt sich in diesen Formen zumindest heute nicht vermitteln. Denn anders als noch im 16. und 17. Jahrhundert, als sich Nationen, Städte und Adelsfamilien mythische Genealogien aufstellten, ist es in der Gegenwart bei den Gründern politischer Gemeinschaften aus der Mode gekommen, die eigene Herkunft auf antike Helden und Götter zurückzuführen.1

Vor diesem Hintergrund haben Europa und der Stier vor allem im 20. Jahrhundert vielfache Konkurrenz erhalten. Jetzt entstand eine Fülle politischer Symbole, die sich direkt auf einen geforderten oder später auf den sich vollziehenden Einigungsprozess bezogen. Viele dieser Symbole schöpften aus dem Kanon jener Formensprache, der sich vor allem im 19. Jahrhundert für die Nationalstaaten herausgebildet hatte. Deswegen wurde nun auch für Europa über Fahne, Hymne, Feiertag, Orden, Denkmäler und anderes mehr diskutiert. Geht man der Geschichte dieser Suche nach politischen Symbolen nach, so lassen sich insgesamt drei Charakteristika feststellen.

Erstens gingen die Vorschläge für eine Identifikationspolitik auf Grundlage politischer Symbole die längste Zeit nicht von den Institutionen der EU und ihrer Vorläufer aus, sondern von den intellektuellen Eliten der europäischen Zivilgesellschaft.2 Aus dieser Entstehungsgeschichte erklärt sich zugleich, dass nach 1945 zunächst eine ebenso unübersichtliche wie unverbindliche Symbollandschaft entstand. Das zeigt sich besonders an der Fahnenfrage. Bereits 1923 hatte der Gründer der Paneuropa-Bewegung, Richard Graf Coudenhove-Kalergi, ein Symbol für ein politisch geeintes Europa entworfen – ein rotes Kreuz innerhalb einer goldenen Scheibe auf blauem Grund. Nach 1945 brachte er seinen Vorschlag erneut in die Debatte ein, während daneben zum Beispiel die europäischen Föderalisten das „Hertensteiner Kreuz“ propagierten.

Eine wichtige Station der weiteren Diskussion war der Europa-Kongress in Den Haag im Sommer 1948, auf dem verschiedene proeuropäische Bewegungen zusammentrafen. Dort setzte sich als Fahnensymbol ein flächengreifendes rotes „E“ auf weißem Grund durch. Da dieses bei Windstille leicht mit einer roten Fahne zu verwechseln war – was freilich dem strikten Antikommunismus der Einigungsbewegungen widersprach –, wurde das Rot im darauf folgenden Frühjahr durch Grün als Farbe der Hoffnung ersetzt.

Der Vorschlag kam von Duncan Sandys, der nicht nur der Präsident des Internationalen Komitees der Europäischen Bewegung, sondern auch Winston Churchills Schwiegersohn war. Dieses E-Symbol hatte jedoch das Problem, dass man genauso gut das Grün als Grundfarbe identifizieren konnte – was sich dann als Emblem ergab, das hieß im Volksmund bald „Churchills Unterhosen“.

Trotzdem trat die Beratende Versammlung des Europarats im Sommer 1949 unter dieser Flagge zusammen. In den frühen fünfziger Jahren wurde das grüne „E“ deshalb häufig, aber fälschlicherweise als das offizielle Symbol des Europarats interpretiert. 1953 wählte der Europarat jedoch ein Banner mit 15 goldenen Sternen auf blauem Grund zu seinem Symbol. Die Sterne sollten die Mitglieder des Europarats verkörpern. Da dies die Souveränität des im Europarat selbständig vertretenen Saarlands implizierte, ließ Protest von deutscher Seite nicht lange auf sich warten. Schließlich änderte der Europarat 1955 seine Fahne zugunsten der heute noch gültigen Darstellung mit zwölf Sternen.

Daneben gab es eine ganze Reihe weiterer Embleme und Fahnen – zum Beispiel seit 1951 sechs in zwei Reihen angeordnete Sterne auf blauem und schwarzem Grund für die Montanunion, seit 1973 die goldenen Buchstaben „EP“ und „PE“ im Lorbeerkranz auf blauem Grund für das Europäische Parlament und für die Europäische Kommission lange Zeit eine stilisierte Karte der sechs Mitgliedstaaten, ab 1978 inoffiziell ein goldenes „E“ auf blauem Grund. So war schließlich die Unübersichtlichkeit der symbolischen Repräsentation Europas perfekt. Zugleich hatten sich bereits einige der ästhetischen und politischen Abgründe gezeigt, welche die Symbolsuche mit sich brachte.

Anerkennung „von oben“

Zweitens war für die Identitätspolitik mit politischen Symbolen charakteristisch, dass langfristig nur die Repräsentationen erfolgreich waren, die „von oben“, das heißt durch die intergouvernementalen oder supranationalen Institutionen Europas, anerkannt und übernommen wurden. Vorreiter war dabei der Europarat, wie das Beispiel der Fahnenfrage gezeigt hat. Allerdings unterließ auch er es lange, seine politischen Symbole zu propagieren und zu verbreiten. So hatte einer Umfrage aus dem Jahr 1961 zufolge selbst in Straßburg, wo der Europarat bekanntlich ansässig ist, die Mehrheit der Befragten dieses Symbol noch nie gesehen.

Die Vorläufer der EU öffneten sich einer aktiven Symbolpolitik noch viel zögerlicher. Für diese Zurückhaltung gibt es im Wesentlichen fünf Gründe. Erstens war man sich hier ebenso wie im Europarat der Nichtidentität zwischen der Reichweite der eigenen Organisationen und dem Territorium Europas sehr bewusst. Dass man immer nur für einen kleinen Teil des Kontinents sprechen konnte, lehrte Bescheidenheit auch in der Symbolfrage. Zweitens gab es auf europäischer Ebene lange Zeit eine Art Anti-Pathos-Reflex; darin ähnelte Europa ein wenig der alten Bundesrepublik. Da politische Symbole und Rituale im 20. Jahrhundert primär von diktatorischen und autoritären Regimen eingesetzt wurden, stieß jede symbolische Aufladung auf Skepsis.

Viel wichtiger als diese beiden war ein drittes Motiv: Eine ausgeprägte Symbolsprache hätte eine Ähnlichkeit der Gemeinschaften mit einem Nationalstaat insinuiert. In letzter Konsequenz hätte dies eine Gleich- oder sogar eine Überordnung der Gemeinschaft im Verhältnis zu ihren Mitgliedstaaten nahe gelegt. Nicht nur in Frankreich unter Charles de Gaulle gab es deutliche Widerstände gegen jede derartige Tendenz. Viertens – und dies stellte häufig nur den praktischen Ausdruck oder die Vorwegnahme intergouvernementalistischer Ängste dar – waren die europäischen Organisationen in diesen Fragen unglaublich schwerfällig. Ausschüsse tagten, Expertenrunden wurden einberufen, Rechtsabteilungen befragt, Wettbewerbe ausgeschrieben und deren Ergebnisse zumeist ignoriert. Die Symbolgeschichte verdeutlicht so den Charakter der Gemeinschaft als Wesen sui generis, bei dem die Übernahme nationalstaatlich konnotierter Merkmale auch im Bereich der symbolischen Repräsentation leicht zum hochbrisanten Politikum zu werden drohte. Die Institutionen reagierten häufig dilatorisch, was wiederum die Mobilisierungspotenziale der zivilgesellschaftlichen Akteure hemmte.

Fünftens schließlich sahen die politischen Eliten lange Zeit einfach keine Notwendigkeit für eine ausformulierte europäische Symbolsprache. Der Einigungsprozess kam bekanntlich als ein bürokratisches Projekt der europäischen Eliten zustande, die für ihr Handeln jeweils aus nationalen Quellen legitimiert waren. Europa selbst musste keine Massen mobilisieren, es wurde durch einen permissiven Konsens getragen – eine eigene Symbol- und Identitätspolitik erschien somit einfach als überflüssig.

Anerkennung „von oben“ erhielten in diesem Prozess außerdem lediglich die Symbole, die relativ vage waren. So stießen etwa in den Verhandlungen des Europarats Vorschläge, die ein Kreuz als zentrales gestalterisches Merkmal aufwiesen, auf deutliche Kritik. Vor allem das Europaratsmitglied Türkei sah darin eine unangemessene Festlegung auf das Christentum in einer Organisation, in der verschiedene Religionen zusammenträfen. Zum Misserfolg verdammt waren auch die Vorschläge, aus denen man irgendeine Form der Kritik am System der Nationalstaaten hätte herauslesen können. Es ist außerdem bezeichnend, dass keiner der bedeutsamen Vorschläge für eine Europa-Fahne auf das Vorbild der Trikolore zurückgriff. Offensichtlich wurde diese mit den europäischen Nationalbewegungen und -staaten verbunden. Eine Europafahne mit der gleichen emblematischen Struktur wäre so als Provokation empfunden worden.

Wenngleich letztlich die Übernahme durch die Entscheidungszentren ausschlaggebend war, konnten die ausschließlich von der Zivilgesellschaft getragenen Symbole zeitweise recht einflussreich werden. Briefmarken verschiedener europäischer Staaten popularisierten in den fünfziger Jahren zum Beispiel das grüne „E“, obwohl es nie das offizielle Symbol einer Gemeinschaftsinstitution war. So wurde das symbolische Defizit, von dem man in Brüssel, Straßburg und den Hauptstädten der Mitgliedstaaten damals noch nichts wissen wollte, aus anderen Quellen teilweise ausgeglichen. Langfristig konnte sich aber auch das grüne „E“ nicht durchsetzen – was wiederum verdeutlicht, wie entscheidend die Akzeptanz durch die Institutionen der Gemeinschaft war.

Krise der Symbole – Symbol der Krise?

Schließlich zeigt sich, dass alle Faktoren, die einer aktiven Symbolpolitik im Wege standen, überwunden werden konnten, als das Integrationsprojekt auf größere Akzeptanzprobleme bei seinen Bürgern stieß. Ausgangspunkt dafür war das „Dokument über die europäische Identität“ von 1973. Eine aktive Symbolpolitik setzte vor allem nach der enttäuschend niedrigen Wahlbeteiligung bei der Europawahl 1984 ein. 1986 übernahm die damalige EG die Fahne und die Hymne des Europarats. Bereits 1981 hatte daneben z.B. der Europäische Rat eine Vereinheitlichung der europäischen Pässe beschlossen, die in der zweiten Hälfte der achtziger Jahre auch umgesetzt wurde. Insgesamt kam es jetzt zu einer Harmonisierung der Europa-Repräsentationen und zu einer direkten Identifikation mit dem politischen Integrationsprozess. Eingebettet war diese Symbolpolitik in einen markanten Ausbau der Kulturpolitik der Gemeinschaft. Um ihre Unterstützung für den Integrationsprozess wieder zu erlangen, sollten die Europäer auf ihr gemeinsames Erbe aufmerksam gemacht werden.

Wenngleich es zwar seitdem eine aktive Symbolpolitik gibt, war diese bisher wenig erfolgreich. Viele Europa-Repräsentationen haben es zumindest bislang nicht geschafft, auch nur einigermaßen bekannt zu werden. Dies gilt in besonderem Maße für die Europatage: Dass es davon gleich zwei gibt – den 5. Mai vom Europarat und den 9. Mai als Gedenktag der EU –, wissen nur die wenigsten Europäer. Lediglich die Fahne hat sich mittlerweile durchgesetzt. Neuesten Umfragen zufolge kennen in der EU 87% und in den Kandidatenländern immerhin 69% aller Befragten dieses Symbol – einschränkend muss lediglich hinzugefügt werden, dass 13 bzw. 10% meinen, dass darauf 15 Sterne abgebildet seien.3

Eine qualitative Veränderung der Symbolpolitik der EU in doppelter Hinsicht, deren Auswirkungen sich noch nicht abschätzen lassen, brachte die Bargeldeinführung des Euro zum 1. Januar 2002. Freilich wird die Akzeptanz der Währung nicht durch ihre Symbolsprache entschieden. Bemerkenswert ist dennoch, dass erstmals eine Europa-Repräsentation geschaffen wurde, mit der die Bürger der Mitgliedstaaten täglich umgehen. Da der Euro direkt mit dem wirtschaftspolitischen Erfolg der Union verbunden ist, stellt er nun das wichtigste Symbol der Gemeinschaft dar.

Darüber hinaus wurde – zumindest bei den Münzen – erstmals eine Repräsentationsform geschaffen, die eine europäische Symbolik auf der einen Seite der Münzen mit jeweils nationalstaatlichen Repräsentationen auf der anderen verbindet. Dies stellt eine wichtige Neuerung dar. Wenngleich selbst das Bildprogramm des Euro, wie eine genaue semiotische Analyse zeigen würde, auch eine teleologische und föderalistische Tendenz aufweist: Insgesamt wird hier den Nationalstaaten eine viel größere Bedeutung beigemessen als in den anderen Europa-Repräsentationen. Dies scheint bei den Europäern gut anzukommen. Umfragen zeigen, dass rund 60% der Europäer in der Eurozone die nationale Symbolik auf ihren Münzen explizit begrüßen.4

Insgesamt hat die Symbolpolitik Europas eine wechselvolle Geschichte. Nach langem Zögern stieg die Gemeinschaft erst in den letzten 20 bis 25 Jahren aktiv in dieses Feld ein. Dies hat zu einer Homogenisierung, Professionalisierung und Politisierung der Symbole Europas geführt, die nun direkt mit dem politischen Charakter der Union verbunden sind. Damit haben sie nicht nur an integrierender Kraft gewonnen, sondern markieren zugleich auch stärker die politischen Außengrenzen jener Union, die heute nicht mehr nur einen Teil Westeuropas, sondern fast den ganzen Kontinent umfasst.

Defizite

Trotzdem leidet die EU weiterhin unter einem symbolischen Defizit. Bisher haben es nur wenige Europa-Repräsentationen geschafft, sich im Bewusstsein der Unionsbürger, aller Europäer und der Nichteuropäer einigermaßen zu verankern. Wenn man sich einmal auf das Verhältnis zwischen der EU und ihren Bürgern konzentriert, so erklärt sich dieser Mangel erstens aus der bereits dargestellten, erst seit kürzerem überwundenen Zögerlichkeit der Gemeinschaft, überhaupt eine klare Symbolsprache zu entwickeln.

Zweitens hat sich der Kanon der politischen Symbole der EU die längste Zeit am Nationalstaatlichen orientiert, was eigentlich dem Charakter der Union als Wesen sui generis nicht gerecht wird. Durch diese Übernahme wird eine Analogie zwischen den historischen Nationalstaatsbildungen und dem Integrationsprozess nahe gelegt, die in letzter Konsequenz auf ein Ende der Nationalstaaten hinausläuft. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, welche neue Dimension der Euro in die Debatte eingebracht hat: Hier wird erstmals neben dem supranationalen der intergouvernementale Charakter der EU herausgestellt. Nicht zuletzt die Beitrittsländer legen auf diese Dimension Europas viel Wert. Wer künftig nach einer Symbolsprache sucht, sollte deswegen nach solchen hybriden Formen Ausschau halten.

Der dritte und wichtigste Faktor zur Erklärung des geringen Erfolgs dürfte jedoch das bürgerferne Vorgehen der EU sein. Auch in die Planungen für die Ausgestaltung des Euro als dem jüngsten und bedeutsamsten Europa-Symbol wurden die europäischen Zivilgesellschaften und ihre Initiativen kaum einbezogen. Stattdessen setzte man auf aufwändige, der Wirtschaft entlehnte Marketing- und PR-Methoden. Diesem Vorgehen liegt ein instrumentelles Verständnis von politischen Symbolen und politischer und kultureller Identität zugrunde, das letztlich nur eine Modernisierung des alten elitär-bürokratischen Stils der Gemeinschaft darstellt. Offensichtlich unterschätzt man aber seine Bürger, wenn man sie damit zu erreichen glaubt.5

In der Geschichte der politischen Repräsentationen Europas spiegelt sich deswegen das Gefühl vieler Europäer wider, im Integrationsprozess nicht angemessen vertreten zu sein. Die Union setzt auch in dieser Frage im Umgang mit ihren Bürgern nicht auf einen ergebnisoffenen, diskursiven Stil. Resultat einer solchen Diskussion könnte übrigens auch sein, dass man bewusst weitgehend auf solche Symbole verzichtet – was sich nicht nur mit dem alten Technokratismus begründen ließe, sondern auch mit neuen, durchaus erwägenswerten Argumenten kulturwissenschaftlich-juristischer Provenienz.6

Außerdem verschließt sich die Union zu häufig den Initiativen aus den europäischen Zivilgesellschaften. Zugleich folgt sie zu sehr der Logik des „nation-building“ seit dem 18. Jahrhundert: Dort bildete sich breite politische Partizipation häufig erst parallel oder nach der Entstehung eines Nationalstaats aus, der zunächst von einer kleinen Elite getragen wurde. Unter solchen Bedingungen war es eher möglich, Gemeinschaft per Oktroi zu stiften – ganz, wie es in den sozialkonstruktivistischen Lehrbüchern der Nationalismusforschung steht, die bei vielen Symbolkreateuren Europas neuerdings en vogue sind.7

Heute dagegen stellt die politische Teilhabe eine Grundvoraussetzung des Integrationsprozesses dar. Eine Einigung, die ohne Beteiligung ihrer Bürger auszukommen glaubt, befindet sich auf dem Irrweg. Das zeigt sich besonders deutlich anhand der politischen Symbole der Union und ihrer Geschichte: Ein gemeinsames Erbe und eine gemeinsame Identität lassen sich nicht „von oben“ stiften, sondern es muss um sie gerungen werden. Mehr noch als im relativ homogenen, überschaubaren Europa der Sechs gilt dies heute, da die Grenzen der politischen Identität Europas durch die Vertiefung und vor allem durch die Erweiterung der Union neu ausgelotet werden. 1950 sagte Jean Monnet, dass man das wirkliche Europa erst schaffen müsse. Die Europäische Union wäre gut beraten, dieses Europa nicht nur für, sondern auch mit seinen Bürgern zu bilden.

Anmerkungen

1Vgl. Wolfgang Schmale, Geschichte Europas, Wien usw. 2001.

2Vgl. zum Folgenden auch Hartmut Kaelble, European Symbols, 1945–2000: Concept, Meaning and Historical Change, in: Luisa Passerini (Hrsg.), Figures d’Europe. Images and Myths of Europe, Brüssel usw. 2003, S. 47–61 (mit weiterführender Literatur), daneben v.a. Markus Göldner, Politische Symbole der europäischen Integration. Fahne, Hymne, Hauptstadt, Pass, Briefmarke, Auszeichnungen, Frankfurt/Main usw. 1988; Carole Lager, L’Europe en quête de ses symboles, Paris usw. 1995; ferner jetzt Thomas Meyer, Die Identität Europas. Der EU eine Seele?, Frankfurt/Main 2004.

3Vgl. Eurobarometer 4 (2003), Public Opinion in the Candidate States, Full Report, Brüssel 2004, S. 55. 1986 kannten laut Eurobarometer nur 58% in den Mitgliedstaaten das Symbol.

4Vgl. Eurobarometer 57 (2002), S. 723. Die übergroße Mehrheit der Übrigen ist in der Frage indifferent.

5Vgl. Cris Shore, Building Europe. The Cultural Politics of European Integration, London/New York 2000 sowie die Beiträge von Suzanne Shanahan und Jean-Michel Servet in: Passerini, a.a.O. (Anm. 2).

6Vgl. Ulrich Haltern, Gestalt und Finalität, in: Armin von Bogdandy (Hrsg.), Europäisches Verfassungsrecht. Theoretische und dogmatische Grundzüge, Heidelberg 2003, S. 803–845.

7Vgl. in diesem Zusammenhang Shore, a.a. O. (Anm. 5).

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, April 2004, S. 11-18

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