Es ist der Süden, Dummkopf!
Europa sucht nach Partnern für einen neuen, wirksamen Multilateralismus. Wo es sie finden kann? Das versteht sich fast von selbst. Doch jetzt muss es schnell gehen.
Dass die Weltpolitik sich derzeit grundlegend verändert, ist bekannt. Eine neue multipolare Ordnung hat sich etabliert, die geprägt ist von Machtkonkurrenz, unterbrochenen Lieferketten und Kriegen. Will man die Dimensionen der Polykrise aber wirklich begreifen, dann sei ein Blick auf aktuelle Zahlen empfohlen. So stiegen die weltweiten Militärausgaben einem Bericht des UN-Generalsekretärs zufolge im Jahr 2024 auf 2,7 Billionen Dollar – das entspricht dem Bruttoinlandsprodukt ganz Afrikas. Die Finanzierungslücke der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung wuchs derweil auf vier Billionen Dollar jährlich. Eine Prioritätensetzung, die aus Sicht vieler Entwicklungs- und Schwellenländer die Attraktivität westlicher Ordnungsmodelle mindert. Zugleich bröckelt die Geschlossenheit des Westens und damit die Grundlage europäischer Gestaltungskraft.
Der amerikanische Politikwissenschaftler G. John Ikenberry hat diese tektonischen Verschiebungen vor zwei Jahren in der Zeitschrift International Affairs als Wettbewerb dreier Welten beschrieben: Ein Globaler Westen, ein Globaler Osten (China/Russland) und ein Globaler Süden (Afrika, Lateinamerika, Teile Asiens) stehen sich gegenüber. „Global“ bezieht sich hier nicht auf geografische Räume, sondern auf die Reichweite, die bestimmte Player gleichsam systemisch haben.
Notfalls ohne Washington
Diese drei Welten konkurrieren um Regeln und Institutionen. Sie verkörpern unterschiedliche Vorstellungen internationaler Ordnung. Der Globale Süden ist die entscheidende Swing-Konstellation im Systemwettbewerb – wer ihn als Partner gewinnt, sichert sich Gestaltungsmacht. Sein Einfluss gründet auf seiner demografischen Stärke, seinem Ressourcenreichtum und seiner wirtschaftlichen Dynamik. Laut Weltbank und IWF wird er mittelfristig den größten Anteil der weltweiten Wirtschaftsleistung erbringen.
Seit dem Amtsantritt der zweiten Trump-Regierung hat sich die Lage für Europa verschärft: Washington verhandelt ohne Europa mit Moskau über die Ukraine. Die USA agieren allein – der Westen ist nicht mehr geschlossen. Doch wenn Europa und gleichgesinnte Partner den Süden als gleichberechtigten Mitstreiter anerkennen, eröffnet sich ihnen eine Chance: Sie könnten eine regelbasierte internationale Ordnung schaffen, die breiter legitimiert ist als das alte westliche Machtgefüge – notfalls ohne Washington.
Die BRICS-Erweiterung signalisiert eine Annäherung zwischen dem Globalen Osten und Teilen des Südens. Beim Gipfel der Schanghai-Organisation für Zusammenarbeit 2025 inszenierten sich China und Russland als Garanten von Stabilität, Souveränität und historischer Gerechtigkeit. Dadurch wächst der Druck auf den Westen, den Süden als Partner einzubinden.
Kooperation und Eigenständigkeit: Die Länder des Südens balancieren zwischen den Mächten
Der Süden jedoch wählt seinen eigenen Weg. Transatlantische Fragmentierung und Machtverschiebungen schwächen den Westen. Er verteidigt Regeln, die er nicht mehr allein setzen kann. Das eröffnet Ländern wie Indien oder Südafrika neuen Spielraum. Sie balancieren zwischen den Machtzentren und verbinden Kooperation mit Eigenständigkeit. Im Unterschied zur historischen Blockfreiheit verfolgen sie eine Strategie, die Politikwissenschaftler als „Multialignment“ bezeichnen: die Kooperation mit dem jeweils vorteilhaftesten Partner – nicht Neutralität, sondern selektive Partnerschaft. Ihre Entscheidungen prägen in wachsendem Maße die Normen und Institutionen der Weltordnung.
Für die EU ist das eine doppelte Herausforderung. Erstens hat Europa an moralischer Autorität eingebüßt. Viele Entwicklungs- und Schwellenländer sehen einen Doppelstandard: schnelle, harte Sanktionen gegen Russland, zögerliche Appelle in Gaza und im Sudan. Dieser Gegensatz nährt Zweifel an europäischer Verlässlichkeit und erschwert es, Partner im Globalen Süden zu gewinnen. Zweitens mangelt es an Kohärenz. Die EU-Mitgliedstaaten verfolgen eigene multilaterale Initiativen, während die EU als Ganzes meist nur reagiert. Ihre Rhetorik zur Reform globaler Institutionen bleibt folgenlos.
Es ist an der Zeit, dass Europa dem Globalen Süden ein neues, überzeugendes Angebot unterbreitet – eine Partnerschaft, die Mitsprache und Entwicklung verbindet und sich an Ergebnissen messen lässt.
Europas Bewährungsprobe
Der hier entwickelte Ansatz übersetzt Ikenberrys Analyse in politische Praxis. Dessen Kernthese lautet: Der Globale Westen kann eine Führungsrolle nur behaupten, wenn er Macht teilt und dem Süden greifbare Vorteile bietet. So ließe sich ein wirksamer Multilateralismus stärken. Zugleich gilt: Klimakrise, Migration und Instabilität kennen keine Grenzen. Die Entwicklung im Globalen Süden ist eine tragende Säule europäischer Sicherheit, gleichrangig mit militärischer Abschreckung. Beide Dimensionen sind untrennbar miteinander verknüpft und bilden die Grundlage für dauerhaften Frieden.
Aus diesen Gründen sollte Europa mit Ländern des Südens einen Pakt für Repräsentation und Entwicklung anstoßen. Bei der „Repräsentation“ geht es um eine fairere Vertretung unterrepräsentierter Regionen im Sicherheitsrat und reformierte Stimmrechte in internationalen Finanzinstitutionen. „Entwicklung“ steht für Themen wie Klimafinanzierung und Technologietransfer. Das Prinzip: Wer hilft, multilaterale Kooperation zu erneuern, erhält von Europa und seinen Partnern Unterstützung auf beiden Feldern.
Alternative zu Russland und China
Der UN-Zukunftsgipfel 2024 verband institutionelle Reformen mit Entwicklungszielen. Das Schlussdokument – der „Zukunftspakt“ – bietet zahlreiche Anknüpfungspunkte: Von Klimafinanzierung über Schuldenentlastung bis hin zur Reform globaler Institutionen enthält es Vorschläge, die Kooperation zwischen Europa und dem Globalen Süden zu konkretisieren. Es geht nicht um Multilateralismus um seiner selbst willen, sondern um Ergebnisse – bei Klima, Gesundheit oder Digitalisierung.
Im Grunde bedürfte es einer ganzen Reihe von thematischen Pakten mit Ländern des Südens. So würde ein Digitalpakt mit Lateinamerika EU-Investitionen in digitale Infrastruktur mit gestärkten Stimmrechten der Region in der Interamerikanischen Entwicklungsbank verbinden. Im Gegenzug gewänne Europa Partner für eine gemeinsame Agenda zu Datenschutz, KI-Regulierung und Cybersicherheit. Ein Klimapakt mit Afrika würde Investitionen in klimaresiliente Infrastruktur – etwa Hochwasserschutz und dezentrale Systeme erneuerbarer Energie – mit einer gestärkten Rolle der Afrikanischen Entwicklungsbank verbinden. Im Gegenzug würde sich Europa Verbündete in der WTO oder G20 sichern für gemeinsame Initiativen bei den UN-Klimaverhandlungen.
Solche Pakte stärken den Multilateralismus und sichern Europas geopolitische Handlungsfähigkeit. Doch das Zeitfenster schließt sich: Nur wenn Europa jetzt handelt, kann es zeigen, dass Partnerschaften auf Augenhöhe eine Alternative zu Einflusssphären Chinas und Russlands sind.
Entscheidend bleibt das Thema institutionelle Teilhabe: Die Diskrepanz zwischen globaler Realität und unzureichender Repräsentation bedroht die Legitimität internationaler Organisationen.
Europa sollte Reformen zur politischen Repräsentation in den UN und internationalen Finanzinstitutionen entschieden vorantreiben. Die EU bekennt sich zur Agenda des UN-Generalsekretärs und dem „Zukunftspakt“, doch auf Bekenntnisse müssen Taten folgen. Sie sollte mit Partnern darauf dringen, innerhalb von fünf Jahren zwei Länder des Globalen Südens als ständige Mitglieder des Sicherheitsrats aufzunehmen – ein wichtiger Schritt zur faireren Repräsentation.
Die EU setzt sich für eine Reform von Entwicklungsbanken und internationalen Finanzinstitutionen ein. Der Süden fordert vor allem eine Neuverteilung der Stimmrechte in Weltbank und IWF. Die EU sollte das unterstützen und auf Fortschritte drängen – auch wenn das eine Verringerung des Gewichts europäischer Mitgliedstaaten bedeutete. Die Wahl Europas liegt nicht zwischen Beibehaltung oder Verringerung der Stimmrechte, sondern zwischen marginalem Einfluss in alter und führender Rolle in erneuerten Institutionen.
Partnerländer messen Glaubwürdigkeit an Wirkung – bei Schuldenentlastung, Investitionen sowie Klima- und Gesundheitspolitik. Nur eine Minderheit der Ziele der Agenda 2030 ist auf Kurs; UN-Generalsekretär Guterres warnte im Juli 2025 vor einem „globalen Entwicklungsnotstand“.
Der UN-Gipfel zur Entwicklungsfinanzierung in Sevilla im selben Monat versuchte gegenzusteuern. Das Schlussdokument bekräftigte Reformziele und wertete die multilateralen Entwicklungsbanken auf. Eine neue Koordinierungsplattform soll Zusagen in konkrete Vorhaben überführen – von Schuldentauschprogrammen bis zu klimaresilienten Investitionen. Doch neue Finanzzusagen blieben aus. Umso wichtiger ist es, Erfolge sichtbar zu machen – auch da, wo sie noch im Entstehen sind. Der Lobito-Korridor, eine von der EU und den USA geförderte Bahnverbindung von Angola über den Kongo nach Sambia, steht exemplarisch für Europas Anspruch, nachhaltige Infrastruktur mit fairer Kooperation zu verbinden. Solche Projekte müssen Teil einer gemeinsamen Erzählung werden – nicht als Einzelfälle, sondern als Ausdruck eines neuen europäischen Angebots.
Europa genießt in wichtigen Ländern des Südens Anerkennung. Umfragen des European Council on Foreign Relations (2024) und des Pew Research Center (2025) zeigen etwa in Indonesien, Brasilien und Indien mehr positive als negative Einstellungen zur EU. Darauf lässt sich aufbauen. Wer glaubhaft globale öffentliche Güter bereitstellt, gewinnt Vertrauen und Gestaltungsmacht. Die Wirksamkeit der Pakte hängt von drei Voraussetzungen ab: finanzieller Entschlossenheit, politischer Einheit und strategischer Orientierung.
Global Gateway als Hebel
Die entscheidende Herausforderung liegt in der Finanzierung und einer breiten Lastenteilung zwischen Entwicklungsbanken, G7-Partnern und Ländern des Globalen Südens. Die EU-Initiative Global Gateway kann einen Beitrag leisten. Seit 2021 wurden über 300 Milliarden Euro mobilisiert; das Ziel von 400 Milliarden Euro könnte bis 2027 übertroffen werden.
Allerdings ist Global Gateway in erster Linie eine geoökonomische Investitionsstrategie, mit der die EU ihre strategische Handlungsfähigkeit in Schlüsselregionen stärken will. Der EU-zentrierte Ansatz und das Fehlen eines Mandats für institutionelle Reformen schränken ihre Effektivität als Partnerschaftsinstrument ein. Die Pakte dagegen zielen auf die Erneuerung des Multilateralismus durch geteilte Macht.
Um Global Gateway für die Pakte nutzbar zu machen, braucht es zweierlei: Erstens eine deutliche Aufstockung der Mittel – die EU sollte ihre Zusagen in den kommenden fünf Jahren um mindestens 50 Milliarden Euro erhöhen. Das erfordert, die klassische Finanzierung verstärkt durch Mischfinanzierungen, Garantien und privates Kapital zu ergänzen. Zugleich muss das auswärtige Handeln im EU-Finanzrahmen 2028–2034 solide ausgestattet werden, wie von der Kommission vorgeschlagen. Zweitens müssen Partnerländer die Umsetzung von Global Gateway mitgestalten. Regionalorganisationen wie AU, ASEAN und CELAC brauchen formale Mitsprache. Nur wenn Partnerländer Prioritäten und Durchführung mitbestimmen, kann Global Gateway zu einem Rahmen partnerschaftlicher Entwicklung werden.
Europa muss zeigen, dass Partnerschaft auf Augenhöhe nicht langsamer, sondern wirksamer ist
Der Zusammenhalt innerhalb Europas ist ebenso entscheidend. Divergierende Interessen der Mitgliedstaaten gefährden die Glaubwürdigkeit der Partnerschaftsrhetorik. Europa muss die Pakte als gemeinsames Vorhaben begreifen und sie durch abgestimmte Außen-, Handels- und Entwicklungspolitik absichern. Im globalen Wettbewerb der Narrative steht Vertrauen auf dem Spiel. Autoritäre Mächte verweisen auf schnelle Ergebnisse ohne politische Auflagen. Europa muss zeigen, dass Partnerschaft auf Augenhöhe nicht langsamer, sondern letztlich wirksamer ist – durch sichtbare und nachhaltige Resultate.
Eine kohärente EU-Strategie für den Globalen Süden ist überfällig. Sie sollte historische Sensibilitäten anerkennen, über Ad-hoc-Politik hinausgehen und die EU als verlässlichen Partner positionieren. Diese Strategie muss drei Aufgaben verbinden: erstens die Führung einer Reformkoalition, die multilaterale Institutionen stärkt und für den Globalen Süden öffnet; zweitens den Schutz dieser Institutionen vor ihrer Instrumentalisierung durch autoritäre Mächte – bei gleichzeitiger pragmatischer Kooperation, wo möglich; und drittens die Umsetzung konkreter Partnerschaften mit messbaren Fortschritten, um Vertrauen durch Ergebnisse zu schaffen.
Das erfordert einen institutionellen Rahmen. Der Europäische Auswärtige Dienst sollte eine Koordinierungsstelle schaffen, die EU-Institutionen, Mitgliedstaaten und Partnerländer verbindet und durch regelmäßige Evaluierungen Rechenschaft sicherstellt. Diese interne EU-Koordinierung muss mit internationalem Monitoring verzahnt werden – unter Einbindung der UN und der G20.
Der Systemwettbewerb zwischen Westen und Osten prägt die kommende Weltordnung und zwingt beide Seiten, um die Unterstützung ungebundener Staaten zu werben. Wirksamer Multilateralismus erfordert Partnerschaft mit dem Süden – die westliche Vorherrschaft ist passé. Pakte für Repräsentanz und Entwicklung können ein Schlüsselelement dabei sein. Sie verlangen politische Einheit, finanzielle Entschlossenheit, institutionelle Reformen und Mut. Das Risiko des Scheiterns ist real, doch das Risiko des Nichtstuns ist größer: eine Weltordnung nach Regeln, die andere setzen. Die entscheidende Frage ist nicht, ob Europa bereit ist zu führen, sondern ob Westen und Süden bereit sind zu teilen – Macht, Verantwortung und Gestaltung. Nur so kann aus Systemrivalität eine Ordnung gemeinsamer Verantwortung für das 21. Jahrhundert erwachsen.
Internationale Politik 1, Januar/Februar 2026, S. 60-64
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