Emanzipation von den USA
Eine europäische Politik der Eigenständigkeit ist dringend notwendig, denn die Trump-Regierung bricht mit 80 Jahren amerikanischer Außenpolitik.
Die Außen- und Verteidigungspolitik der USA unterliegt radikalen Veränderungen. Die Hoffnung der Europäer, sie könnten den US-Präsidenten durch höhere Verteidigungsausgaben, Handelskonzessionen und Hofieren managen, hat sich als Illusion entpuppt. Dies zeigte sich mit dem 28-Punkte-Plan zur Beendigung des russischen Angriffskriegs in der Ukraine, mit der neuen Nationalen Sicherheitsstrategie, der Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und den Drohungen gegenüber Dänemark wegen Grönland.
Der ursprüngliche 28-Punkte-Plan kam nicht nur vielen maximalistischen Forderungen Russlands nach, sondern behandelte die USA auch wie einen Mediator zwischen Russland und der NATO – als sei das Gründungs- und wichtigste Mitglied der Allianz bereits ausgetreten und habe keine zentralen Sicherheitsinteressen mehr in Europa. Auch wenn das europäische Krisenmanagement die Umsetzung des Planes bislang verhindern konnte, zeigt er doch, dass es der Trump-Regierung um einen Friedensschluss um jeden Preis geht, nicht aber um die langfristige Sicherheit der Ukraine und Europas.
Die NSS kodifiziert die neue Grand Strategy der USA, die auf zwei zentralen Pfeilern aufbaut: Erstens beerdigt die Strategie den globalen Ordnungsanspruch der USA und das Leitmotiv des Großmachtwettbewerbs. An deren Stelle tritt die Wiederbelebung der Monroe-Doktrin aus dem 19. Jahrhundert, die ursprünglich darauf abzielte, die Einmischung europäischer Staaten in der westlichen Hemisphäre zu unterbinden. Die NSS skizziert eine von imperialen Großmächten geprägte Weltordnung, in der die USA, China und mit Abstrichen Russland eigene Einflusssphären besitzen, wo universale Regeln und Prinzipien keine Anerkennung finden. Dieses Dokument kann tatsächlich als Zugeständnis an einen russischen Hinterhof gelesen werden. Es verurteilt den russischen Angriffskrieg mit keinem Wort und setzt lediglich das Ziel, „strategische Stabilität mit Russland“ wiederherzustellen.
Gewiss sollte man nicht den Fehler begehen und Konsistenz auf die Trump-Regierung projizieren. Weder bedeutet die „Donroe-Doktrin“ das Ende von Interventionen außerhalb der US-Einflusssphäre, noch ist klar, inwieweit die USA Chinas beanspruchte Einflusssphäre akzeptieren werden. Die NSS sollte eher als Ausdruck von Prioritätenverschiebung denn als detaillierte Anleitung gelesen werden.
Die Kanonenbootdiplomatie gegenüber Venezuela, die Anfang Januar in der Entführung von Präsident Maduro gipfelte, ist der jüngste Ausdruck der zeitgenössischen Donroe-Doktrin. Losgelöst von der autokratischen Natur des Maduro-Regimes ist dies eine eklatante Verletzung der Souveränität des Landes. Und anders als in vergangenen Fällen von Völkerrechtsverletzungen ist das dieses Mal kein ungewollter Nebeneffekt, sondern Ausdruck des Weltbilds, das im Weißen Haus vorherrscht. Stephen Miller, einer der wichtigsten Berater Trumps, konstatiert infolge der Entführung, dass die Welt seit jeher von „Stärke, Gewalt und Macht“ regiert wird.
Die US-Strategie baut auf der Donroe-Doktrin auf sowie der Einmischung in europäische Innenpolitik
Venezuela könnte nur der Anfang sein. Im Nachgang zur Entführung Maduros bekräftigte Trump: „Wir brauchen Grönland, absolut.“ Bereits jetzt belasten die amerikanischen Drohungen gegenüber dem autonomen Teilstaat Dänemarks die Beziehungen zu Kopenhagen schwer. Im bis vor Kurzem unvorstellbaren Fall, dass die US-Regierung Ernst macht, würde dies eine beispiellose Aggression gegenüber einem NATO-Alliierten darstellen und gewiss das Ende der Allianz markieren.
Neben der Donroe-Doktrin bildet die kulturkriegerische Einmischung in die europäische Innenpolitik den zweiten Pfeiler der neuen Strategie. Die NSS verkündet das Ziel, „Widerstand gegenüber dem gegenwärtigen Kurs Europas zu kultivieren“, und ruft im Namen gemeinsamer zivilisatorischer Werte zur Unterstützung „patriotischer Parteien“ auf. Die Einmischung in europäische Innenpolitik (siehe dazu auch die Januar-Februar-2026-Ausgabe der IP) steht im Widerspruch zur erklärten „Prädisposition zur Nichtintervention“. Für die MAGA-Bewegung ist Europa aber mehr als nur eine ferne Weltregion, denn innerhalb der neuen Rechten herrscht eine weit verbreitete Romantisierung des gemeinsamen, voraufklärerischen westlichen Erbes, das geprägt ist von Nation und Christentum. Die angebliche Bedrohung dieses gemeinsamen zivilisatorischen Ursprungs durch das liberale Europa und insbesondere die EU rechtfertigt die Einmischung.
Verklärung und Alternativlosigkeit
Diese Bilanz wirft die Frage auf, wie die Europäer die US-Regierung so missverstehen konnten. Eine mögliche Erklärung ist, dass eine Kombination aus transatlantischer Nostalgie, falschen Rückschlüssen aus der ersten Amtszeit und überholtem Verständnis der amerikanischen Innenpolitik zur Verklärung der Trump-Regierung geführt hat. Für viele in der Zeit der amerikanischen Unipolarität oder im Kalten Krieg sozialisierten Politikerinnen und Politiker war es schlicht unvorstellbar, dass sich die USA von Europa abwenden würden. Ein oft bemühtes Argument ist, dass die Europapolitik der ersten Amtszeit Trumps ja trotz radikaler Rhetorik in der Praxis recht beständig war. Darüber hinaus wird häufig auf die anhaltende Unterstützung für Europa im Kongress verwiesen. Doch die transatlantische Elite in den USA wird immer älter und verliert an Einfluss. Heute ist Trump von Brandbeschleunigern umgeben, die seine Instinkte eher verstärken als einhegen. Zudem hat der US-Präsident im Stil einer Imperial Presidency seine Exekutivmacht im politischen System stark ausgeweitet, ermöglicht unter anderem durch die Selbstentmachtung des republikanisch kontrollierten Kongresses. Trump 2.0 ist nicht Trump 1.0, eher Trump².
Eine weitere Erklärung ist, dass sich europäische Politiker der Entwicklungen bewusst waren, aber aufgrund der enormen Abhängigkeit Europas vom Schutzschirm und der Ukraine-Unterstützung der USA keine Alternative zu einer „umarmenden Politik“ sahen (Sophia Besch und Liana Fix, IP 1/2026, S. 56 ff.). Die Befürchtung war, dass Widerstand gegen Trumps Ukraine-Politik, Zölle oder den Abbau der Demokratie im Inneren zu einem vollständigen Bruch des transatlantischen Verhältnisses geführt hätte. Die USA hätten die Ukraine fallenlassen und aus der NATO austreten können.
Der Schutzschirm ist beschädigt
Diese Sorgen hinsichtlich der amerikanischen Eskalationsdominanz sind berechtigt und es ist nachvollziehbar, dass europäische Politiker zunächst versucht haben, Trump zu beschwichtigen. Doch spätestens jetzt muss klar sein, dass dieser Ansatz nicht noch drei Jahre lang funktionieren wird.
Zum einen steigen die Opportunitätskosten. Signale der Schwäche oder Speichelleckerei befeuern Trumps Instinkte, auf weitere Zugeständnisse zu dringen. Zudem kostet das zeitintensive Trump-Management politisches Kapital und Aufmerksamkeit, die in die Planung und politische Mehrheitsgewinnung für den Aufbau eigener Stärke investiert werden könnten. Vor allem hat die fehlgeleitete Sorge vor einer selbsterfüllenden Prophezeiung bisher eine ernsthafte Debatte und entsprechende militärische Planspiele darüber verhindert, wie Europa ohne die USA zu verteidigen sei.
Zum andern ist der vermeintliche Erfolg dieses Ansatzes immer fragwürdiger. Zwar stellen die USA der Ukraine immer noch wichtige geheimdienstliche Informationen bereit und gestatten den Europäern, Waffen für die Ukraine zu kaufen. Doch die Stimmen in Washington werden lauter, die sich gegen weitere Verkäufe aussprechen. Zudem ist es ob der oben analysierten strategischen Verschiebungen höchst unwahrscheinlich, dass die USA eine signifikante Verantwortung für die Sicherung eines etwaigen Friedens übernehmen würden. Entsprechend gegenwärtiger Planungen soll die Rolle der USA sich vor allem auf die Überwachung der Waffenstillstandslinie mit Drohnen und Satelliten beschränken. Von Sicherheitsgarantien kann da keine Rede sein. Die realistische langfristige Unterstützung der USA für die Ukraine sollte nicht überzeichnet werden.
Dass die USA die NATO nicht verlassen haben, ist ein Strohmann-Argument. Es geht nicht um die formelle Mitgliedschaft der USA, sondern um ihren Beitrag zur verlässlichen Abschreckung Russlands. Und eine schonungslose Analyse muss zu dem Schluss kommen, dass die Glaubwürdigkeit des amerikanischen Schutzschirms nachhaltig, vielleicht sogar irreparabel beschädigt ist. Gemäß der wissenschaftlichen Literatur zur Abschreckung hat Glaubwürdigkeit zwei notwendige Quellen: die militärischen Fähigkeiten des Sicherheitsgaranten, die im Ernstfall realistisch gegen einen Aggressor eingesetzt werden könnten, und die Entschlossenheit, die entsprechenden Kosten eines Einsatzes dieser Fähigkeiten zu tragen.
Die Frage ist nicht mehr, ob die Amerikaner konventionelle Fähigkeiten aus Europa abziehen werden, sondern nur noch, wie viele und wie schnell. Im Oktober gab das Pentagon bekannt, dass eine zuletzt in Rumänien stationierte rotierende Brigade nicht verlängert wird. Laut Presseberichten hat das Pentagon die Europäer zudem darüber informiert, dass sie bis Ende 2027 den Großteil der konventionellen Verteidigung tragen müssten. Die USA würden sich auf die nukleare Abschreckung konzentrieren und nur ausgewählte „critical enabler“ zur Verfügung stellen. Die Gefahr eines Sicherheitsvakuums bei einem unkoordinierten oder rapiden Abzug ist angesichts der Abhängigkeit von den USA groß.
Noch kritischer als der Abzug amerikanischer konventioneller Fähigkeiten ist für die Europäer der Eindruck schwindender Entschlossenheit der USA, im Ernstfall Alliierte zu verteidigen. Entschlossenheit ist zwar im Vorfeld unmöglich zu messen, und die Hoffnung stirbt zuletzt. Aber selbst, wenn amerikanische Nuklearwaffen in Europa bleiben und der Abzug konventioneller Fähigkeiten durch den kürzlich vom Kongress verabschiedeten Verteidigungsetat erschwert wird, bedarf es immer noch eines US-Präsidenten, der diese Fähigkeiten einsetzt. In einer so existenziellen Frage wie der Verteidigung Europas ist es fahrlässig, sich auf Trump zu verlassen.
Politik der Eigenständigkeit
Die Alternative zur Beschwichtigungspolitik ist eine kluge Politik der Eigenständigkeit. Für europäische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger ist das zugegebenermaßen ein Drahtseilakt. Denn natürlich sollten sie nicht das transatlantische Verhältnis öffentlich begraben oder Trump unnötig provozieren. Selbst eine Resthoffnung auf den Schutzschirm oder geringfügige amerikanische Unterstützung für die Ukraine ist besser als gar keine. Doch je unglaubwürdiger der amerikanische Schutzschirm wird, desto weniger sind die Europäer erpressbar und desto mutiger können sie für ihre eigenen Interessen einstehen. Zudem können sie den Mythos ein für alle Mal begraben, dass eine eigenständigere Politik einen transatlantischen Bruch erst herbeiführen würde, denn dieser wird bereits vonseiten der US-Regierung vollzogen.
Konkret bedeutet das erstens, dass die europäischen NATO-Staaten dringend einen eigenen Plan entwickeln müssen, wie der Kontinent ohne die USA zu verteidigen ist – einen „European Way of War“, wie Torben Schütz und Christian Mölling es nennen. Denn die aktuellen Verteidigungspläne der NATO gehen immer noch von einem substanziellen militärischen Beitrag der USA von etwa 40 Prozent der Last aus. Ihre Überarbeitung wurde bisher aus Angst, eine selbsterfüllende Prophezeiung zu schaffen, sowie von Widerständen innerhalb der NATO-Bürokratie verhindert. Das heißt im Umkehrschluss, dass es dann nicht mehr darum ginge, den europäischen Pfeiler in der NATO zu stärken, sondern im Sinne der Europäisierung der NATO die USA in der Allianz zu ersetzen.
Nicht nur die USA, sondern auch Europa verfügt über diverse Druckmittel, die es einsetzen kann
Zweitens gehört dazu auch, konsequent in die europäische Verteidigungsindustrie zu investieren und Abhängigkeiten von den USA abzubauen. Einerseits ist der implizite Deal, dass sich die Europäer durch Waffenkäufe in den USA auch Sicherheitsgarantien erkaufen, obsolet. Andererseits sollten sich die Europäer berechtigte Sorgen machen, dass die US-Regierung im Falle eines europäischen Konflikts mit Russland Einfluss auf die Nutzung amerikanischer Geräte nimmt.
Drittens ist es überfällig, dass die Europäer den USA ins Gedächtnis rufen, dass auch sie über Druckmittel verfügen. Es ist Zeit, sich zu wehren. Insbesondere im handelspolitischen Bereich hat die EU eigene Hebel gegenüber den USA, die sie nutzen kann: angefangen bei Zöllen gegen ausgewählte amerikanische Güter über eine strengere Regulierung von Tech-Unternehmen bis hin zur Nutzung des Anti-Coercion-Instruments, um den Zugang zum Binnenmarkt zu beschränken. Darüber hinaus sind die USA für ihre Machtprojektion im Mittleren Osten auf ihre Militärbasen in Europa angewiesen.
Das erste Amtsjahr Trumps hat die Weltpolitik und die transatlantischen Beziehungen auf den Kopf gestellt. Das kommende Jahr verspricht keinen Unterlass. Trumps schwindende Zustimmungswerte könnten weitere Anreize schaffen, durch abenteuerliche Außenpolitik von innenpolitischen Problemen abzulenken. Und die im beängstigenden Tempo fortschreitende Autokratisierung schwächt mögliche Checks and Balances, um diese Politik einzuhegen.
So schwer es psychologisch und militärisch fällt: Die Emanzipation von den USA ist alternativlos. Die Frage lautet, ob die Europäer diesen Prozess selber gestalten oder ob er übergestülpt wird. Ohne den Bruch öffentlich zu vollziehen, sollten die Europäer entschieden in ihre Eigenständigkeit investieren.
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 80-83
Teilen
Themen und Regionen
Artikel können Sie noch kostenlos lesen.
Die Internationale Politik steht für sorgfältig recherchierte, fundierte Analysen und Artikel. Wir freuen uns, dass Sie sich für unser Angebot interessieren. Drei Texte können Sie kostenlos lesen. Danach empfehlen wir Ihnen ein Abo der IP, im Print, per App und/oder Online, denn unabhängigen Qualitätsjournalismus kann es nicht umsonst geben.