01. März 2020
Drei Fragen an...

Drei Fragen an ... Martin Wolf

Chefkommentator für Wirtschaft bei der Financial Times
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Bild: Porträt Martin Wolf
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Was ist mit Blick auf Europa der größte Schwachpunkt der deutschen Volkswirtschaft?
Das größte strukturelle Problem der deutschen Wirtschaft besteht darin, dass die Binnennachfrage in Relation zur Produktion außerordentlich schwach ist. Entsprechend produziert Deutschland einen gewaltigen Überschuss. Aufgrund der enormen Bedeutung Deutschlands sind Eurozone und die EU insgesamt stark auf Exporte angewiesen. Das heißt, man ist von einer liberalen Weltwirtschaftsordnung und außereuropäischer Nachfrage abhängig. Diese Strategie stellt sich gerade als nicht sehr nachhaltig heraus. Die Eurozone muss einen Weg finden, mehr Binnennachfrage zu generieren, sonst bleibt sie instabil.
 

Werden sich Großbritannien und die EU auf ein Handelsabkommen einigen können?
Ich denke, die Chancen stehen 50:50. Es ist sehr wichtig, dass beide Seiten eine Einigung finden. Sonst wären die Folgen ziemlich grauenhaft. Die Briten würden sich den Amerikanern in die Arme werfen; gemeinsam könnten sie dann die Kontinentaleuropäer in die Zange nehmen, und das Ergebnis wäre ein Riesenschlamassel – geopolitisch, geoökonomisch. Kurz: Die Kontinentaleuropäer müssen wirklich einen Weg finden, sich mit den „unmöglichen Briten“ zu einigen. Sie müssen schlicht ihre Wettbewerber davon abhalten, sich zusammenzutun.
 

Steuern wir auf eine neue Weltwirtschaftskrise zu?  
Zumindest nicht in den nächsten ein bis zwei Jahren. Natürlich können immer unvorhergesehene Dinge passieren: Wir könnten eines Morgens aufwachen und die Ölfelder Saudi-Arabiens wären durch einen iranischen Angriff zerstört. Der Preis für Rohöl würde auf 140 Dollar pro Barrel springen, wir hätten definitiv eine Krise. Oder China würde in Taiwan einmarschieren und der dritte Weltkrieg begänne. So etwas kann man nie ausschließen. Das größte systemimmanente Risiko für das Weltwirtschaftssystem ist derzeit ein Zusammenbruch der Schuldenberge, aber dazu müsste es schnell zu einer ganz anderen Zinspolitik kommen, und das sehe ich nicht. Für mich fühlt sich 2020 zumindest nicht an wie 2005.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, März/April 2020, S. 8

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