Donald Trumps Superglobalismus
Der US-Präsident will der Welt ein neues Wirtschaftsmodell aufzwingen. Es ist so globalistisch wie das alte. Als Reaktion könnte sich ein faireres System entwickeln.
Es gibt niemanden, der Globalisten und den Globalismus konsequenter anprangert als US-Präsident Donald Trump. Wenn das Lieblingswort in seinem Wörterbuch „Zölle“ ist, dann ist „Globalist“ sein bevorzugtes Schimpfwort.
Welch eine Ironie, dass Trump sich selbst – und damit die US-Regierung – zum Superglobalisten macht, und zwar zu einem, der den USA mehr schadet als anderen Ländern. Die längerfristigen Auswirkungen seines chaotischen Politikstils – für den es nur eine positive Interpretationsmöglichkeit gibt, nämlich dass er die Welt in einen solchen Schockzustand versetzt, dass sie zu einem neuen Paradigma findet – verstärken die Globalisierung.
Trumps Zölle
Trump ist wie der archetypische Schulleiter in dem berühmten Witz, der – um seine profunde Menschlichkeit zu zeigen – sagt, bevor er seine Schüler mit dem Rohrstock verprügelt: „Das wird mir mehr wehtun als euch.“ Dieses Diktum trifft gewiss auf das neue US-Handelsregime zu. Ja, es wird den Vereinigten Staaten mehr schaden als den meisten Ländern, die von den angeblich „reziproken“ Zöllen betroffen sind, die am sogenannten „Tag der Befreiung“, dem 2. April, angekündigt wurden.
Schon früher schien es so, als ob sich die USA mit dem Zollregime, das die erste Trump-Regierung eingeführt hatte und das bedauerlicherweise unter Präsident Joe Biden fortgeführt wurde, selbst ins Knie geschossen haben, in dem Sinne, dass – wie spätere wissenschaftliche Studien zeigten – diese Zölle keine neuen Arbeitsplätze schufen (obwohl die Maßnahmen einen politischen Effekt hatten, indem sie Kandidaten der Republikanischen Partei zu mehr Rückhalt verhalfen).
Das seit dem 2. April geltende Regime ist um vieles destruktiver. Es erhöht die Kosten für zahlreiche US-Unternehmen, darunter wichtige Exporteure. Stahl- und Aluminiumzölle schaden unweigerlich dem Werkzeugmaschinenbau, dem Maschinenbau und der Luft- und Raumfahrt, da sie die Importkosten (eine direkte Belastung für amerikanische Hersteller) um etwa 100 Milliarden Dollar steigen lassen. Automobilhersteller leiden unter den höheren Kosten für Teile, die aus Kanada und Mexiko importiert und zu US-Autos zusammengebaut werden, die dann wiederum exportiert werden. Mit diesen Zöllen schießt sich Amerika in den Kopf.
Mit der Verhängung von sogenannten „reziproken Zöllen“ schießt sich Amerika ins eigene Herz
Darüber hinaus berücksichtigt Trumps Konzept eines Handelskriegs nicht die Komplexität der modernen Globalisierung und insbesondere der sehr langen und komplizierten Lieferketten, die das alte Prinzip von Spezialisierung und komparativen Vorteilen erweitern. Ein iPhone wird nicht in einem einzigen Land hergestellt: Etwa 43 Länder sind an den unterschiedlichen Phasen des Produktionsprozesses beteiligt. Kleidung wird grenzüberschreitend gesponnen, gewebt und gefärbt. Bei Arzneimitteln werden häufig Rohstoffe und pharmazeutische Wirkstoffe (APIs) aus China verwendet, die dann in Indien zu Generika verarbeitet werden. Die Einführung einheitlicher Zölle führt lediglich zu einer Verschiebung der Lieferketten, zu strategischen Verlagerungen von Produktionsprozessen und damit letztlich zu mehr statt weniger Komplexität in der geografischen Verteilung der Produktion. Es geht nicht einfach nur darum, mehr iPhone-Komponenten in Indien und weniger in China herzustellen.
Besonders gravierend ist der Schaden, den die Trump-Zölle manchen armen Ländern zufügen, wie zum Beispiel Lesotho, das mit einem Zollsatz von 50 Prozent die Liste vom 2. April anführt und hochwertige Diamanten und billige Textilien in die USA verkauft. Die UNCTAD, die Handels- und Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen, hat erklärt, dass Madagaskar mit einem Zollsatz von 47 Prozent für den Verkauf von Waren besteuert wird, die in den USA selbst nicht hergestellt werden. Mit dem Zoll-Regime schießt sich Amerika ins eigene Herz.
Großmachtfantasien
Oberflächlich betrachtet geht es der „Make America Great Again“-Bewegung (MAGA) darum, dem Rest der Welt den Rücken zu kehren, was an das isolationistische „America First Committee“ des Flugpioniers Charles Lindbergh in den 1930er Jahren erinnert. Die MAGA-Bewegung fordert die Abkehr von sämtlichen Elementen der Globalisierung, die die Welt zur Jahrtausendwende in Bewegung hielten. In Wahrheit versucht sie, eine Welt ohne Herz oder Kopf zu schaffen, die allein von den Großmachtfantasien autokratischer Herrscher getrieben wird.
Vor MAGA gab es Freihandel. Neue Länder – China und Russland – wurden in die Welthandelsorganisation (WTO) aufgenommen, um sie von den Vorteilen einer offenen und liberalen Weltordnung zu überzeugen. An die Stelle des Freihandels ist nun eine verwirrende Vielzahl hoher Zölle getreten, die sich hauptsächlich gegen traditionelle Freunde und Verbündete der USA richten. Früher überquerten zahlreiche Migranten, Fachkräfte ebenso wie ungelernte Arbeiter, die US-Grenzen. Heute werden sie zurückgeschickt, oft auf brutale Weise. Früher gab es offene Kapitalmärkte. Jetzt denken Trumps Berater über außergewöhnliche interventionistische Maßnahmen nach. Dazu könnte gehören, Druck auf Gläubiger auszuüben, kurzfristige Staatsanleihen in sehr langfristige Anleihen umzuwandeln – ein disruptiver Schritt, der mutmaßlich einem Zahlungsausfall gleichkommt. All dies sind Formen der Störung mit dem Ziel, ein System zu beseitigen, von dem viele Amerikaner das Gefühl hatten und haben, dass es für sie nicht funktioniert.
Tatsächlich aber geht die Globalisierung weiter, nur eben in anderer Form. Der ehemalige Trump-Berater Elon Musk verfügt über ein riesiges internationales Portfolio an Geschäftsinteressen, insbesondere in China. Trump selbst besitzt weltweit Immobilien, und seine Familie ist eifrig dabei, die Präsenz des Unternehmens auszuweiten. Diese Interessen spielen eine Schlüsselrolle bei der Festlegung der US-Politik. Das einzige wirkliche Ass, das die Regierung glaubt, ausspielen zu können, um den russischen Präsidenten Wladimir Putin an den Verhandlungstisch über die Beendigung seines Krieges gegen die Ukraine zu bringen, besteht darin, ihm einen massiven Zufluss amerikanischer Investitionen in den Energie- und Rohstoffsektor in Aussicht zu stellen.
Sicherheit und der Nahe Osten
Wenige Monate nach dem „Tag der Befreiung“ lieferte die Verschärfung des Konflikts zwischen Israel, der Hamas und dem Iran ein weiteres Beispiel für den zwiespältigen Charakter von Trumps Vision einer internationalen Ordnung. Für viele Amerikaner war einer der Hauptanziehungspunkte der MAGA-Vision das Versprechen eines weltweiten Rückzugs, die Verurteilung von „ewigen Kriegen“ und die Behauptung, die erste Trump-Regierung sei die erste Nachkriegspräsidentschaft gewesen, die ausländische Militärinterventionen vermieden habe.
Im Jahr 2019 hatte Trump bezeichnenderweise verkündet: „Sich im Nahen Osten einzumischen, ist die schlechteste Entscheidung, die je getroffen wurde.“ Aber als der Meister der „Kunst des Deals“ („The Art of the Deal“ ist der Titel seines von einem Ghostwriter geschriebenen Buches) 2025 versuchte, eine Einigung zu erzielen, erforderte dies die gleiche Eskalation von Drohungen wie in der Handelspolitik und barg dasselbe Risiko, dass eine Eskalation großen Schaden anrichten könnte. Diesmal drohen sogar noch viel gefährlichere Szenarien, zu denen unkalkulierbare Militäreinsätze und möglicherweise sogar ein Atomkrieg gehören. Was passiert, wenn die Bombardierung dreier Standorte des iranischen Atomprogramms nicht ausreicht, um die Führung in Teheran einzuschüchtern? Der Einsatz einer taktischen Atomwaffe?
Eine gefährliche und schädliche Eskalation in der Handels- und der Nahost-Politik ist wahrscheinlich
Beide wahrscheinlichen Ergebnisse, eine Eskalation bis hin zum großen Konflikt oder eine Deeskalation durch amerikanischen Rückzug, schmälern die Glaubwürdigkeit und damit die Macht der Vereinigten Staaten. Diese Konsequenz wurde bereits in der Zollpolitik überdeutlich: Trumps Zickzackkurs – Zölle anzukündigen, die nach Protesten der Unternehmen über das Ausmaß des Schadens wieder zurückgenommen werden – schuf ein neues Narrativ, demzufolge Trump durch die scharfe Reaktion Chinas zum Rückzug gezwungen worden sei. Der Genfer Ökonom Richard Baldwin kam im Mai in einem Social-Media-Beitrag zu dem Schluss, man sollte Trumps Methode „Die Kunst der Drehung“ („The Art of the Reel“) nennen. „Hart zuschlagen. Selbst geschlagen werden. Nach Hause gehen. Einen riesigen Triumph verkünden.“ Robert Armstrong von der Financial Times griff die Analyse auf und schuf den Begriff TACO („Trump Always Chickens Out“), der Trump in rasende Wut versetzte. Dadurch wird eine gefährliche und schädliche Eskalation sowohl im Handel als auch in der Nahost-Politik jedoch nicht weniger wahrscheinlich, im Gegenteil.
Die Rückkehr des Globalismus
Diese neue Vorliebe für hohe Zölle und Deals ist nichts weniger als ein Globalismus unter neuem Namen. Sie entspricht genau der Analyse jenes Mannes, der dieses Wort in der Diskussion über die internationalen Beziehungen der USA als Erster verwendete. Es war der emigrierte Deutsche Ernst Jäckh, Wissenschaftler an der Columbia University, der 1943 das Wort „Globalist“ in seinem Buch „Der Krieg um die Seele des Menschen“ verwendete, um zu beschreiben, was er auch „Hitlerismus“ nannte. Hitler, so schrieb er, habe „als gottgesandter Führer eines ‚auserwählten Volkes‘, das nicht für den Imperialismus, sondern für den Globalismus gezüchtet wurde, einen ‚heiligen Krieg‘ begonnen, damit seine Welt kein Ende hat“. Hitler und Stalin waren Globalisten in dem Sinne, dass sie ihre Ideologie auf die ganze Welt projizieren wollten. Beide hatten auch wirklich einen Globus auf dem Schreibtisch stehen – ein Stück Inneneinrichtung, das Charlie Chaplin in seinem Film „Der große Diktator“ auf denkwürdige Weise persiflierte.
Schon bald wurde der Begriff in der intensiven Debatte über die Rolle Amerikas bei der Schaffung einer neuen Weltordnung verwendet. Kritiker einer zu weitreichenden Einmischung in der Welt verwendeten den Begriff als Schimpfwort – manchmal zu Recht –, um das US-Engagement in den Vereinten Nationen oder die Interventionen in Korea, Vietnam und später im Nahen und Mittleren Osten zu kritisieren. Der Begriff hatte eine gewisse Schlagkraft, weil er speziell dafür konzipiert war, ein Streben nach Weltmacht ohne zugrunde liegende ethische Prinzipien zu beschreiben. Hitler und Stalin waren eindeutig prinzipienlose, ja geradezu dämonische Globalisten. Trumps verbale Angriffe auf die Globalisten richten sich im Wesentlichen gegen eine abgehobene und amoralische internationale Elite, die sich dem „Wokeismus“ verschrieben hat. Er will sie durch eine alternative amoralische Gruppe ersetzen, die er um den „Anti-Wokeismus“ herum formiert hat.
Der Zufluss ausländischer Gelder zur Finanzierung von Unternehmensinvestitionen, aber auch des hohen Staatsdefizits, ist für Washington wichtig
Einige MAGA-Befürworter argumentieren, dass dem Versuch ihrer Bewegung, nicht nur Amerika, sondern die ganze Welt neu zu erfinden, tatsächlich ein tiefgreifendes ethisches Prinzip zugrunde liege. Es sei ein Grundsatz des Souveränismus, dass jedes Land – und insbesondere große und mächtige Länder – in erster Linie, ja sogar ausschließlich, den eigenen Einwohnern verpflichtet sei. America First!
In einem inzwischen berühmt gewordenen Interview mit Fox News erklärte US-Vizepräsident J. D. Vance: „Man liebt seine Familie, dann liebt man seinen Nachbarn, dann liebt man seine Gemeinde und dann liebt man seine Mitbürger im eigenen Land. Und danach kann man sich auf den Rest der Welt konzentrieren und dort Prioritäten setzen.“ Der Vizepräsident, der 2019 zum Katholizismus konvertiert ist, fügte zur Verteidigung dieser Aussage auf Elon Musks Plattform X hinzu: „Google einfach ‚ordo amoris‘.“ Auch wenn viele seiner Zuhörer diese Anspielung nicht verstanden haben dürften, schlug sie bei Intellektuellen hohe Wellen und löste schließlich die scharfe Kritik des sterbenden Papstes Franziskus aus.
Der Begriff ordo amoris bezieht sich auf den heiligen Augustinus und seine Darstellung der Folgen der Liebe Gottes. Es geht um die Pflicht, alle Menschen zu lieben, obwohl klar ist, dass eine solche Liebe oft dazu zwingt, eine Wahl zu treffen, oder, wie moderne Politikwissenschaftler sagen würden, Kompromisse einzugehen. Laut Augustinus sollen wir uns der Pflicht zur Nächstenliebe am meisten bewusst sein, wenn es um die geht, die uns am nächsten stehen. Allerdings findet sich weder bei Augustinus noch in der christlichen Tradition ein Hinweis darauf, dass dies bedeutet, dass die Familie an erster Stelle steht und der Nachbar im streng geografischen Sinne an zweiter Stelle und so weiter. Im Gegenteil, bei der caritas geht es um die Anwendung des Prinzips der göttlichen Liebe auf Fremde, mit denen wir zu tun haben. Und Globalisierung bedeutet, dass diese Interaktion über große Entfernungen hinweg erfolgen kann. Vance wollte die ordo an der amerikanischen Grenze enden lassen.
Ein ehrlicherer Multilateralismus
Globalismus, also das weder in Ethik noch Moral verankerte Streben nach Vorteilen und Interessen auf globaler Ebene, bildet den Kern der MAGA-Bewegung. Ihre Vision und ihr Ansatz erzeugen, wie es die Begriffe von Augustinus nahelegen, eher Unordnung als Ordnung. Jäckh hatte recht, dass es sich um einen Kampf um die Seele der Welt handelt. Vielleicht kommt jetzt die Zeit für eine „Make America Ethical Again“-Bewegung; doch formieren wird sie sich erst, wenn sich die ganze Welt ethischer verhält und ein ehrlicherer Multilateralismus einzieht.
Europa kommt hier eine wichtige Rolle zu. Seine politische und wirtschaftliche Elite spricht heute mit neuem Selbstvertrauen. Möglicherweise handelt sie auch selbstbewusster. Einer der größten Fehler der frühen 1990er Jahre war das Versäumnis Europas, eine enge Zusammenarbeit in Sicherheits- und Verteidigungsfragen aufzubauen. Genau in den Tagen des November 1991, als das Auseinanderbrechen der Sowjetunion beim Treffen russischer, ukrainischer und weißrussischer Staatschefs in Belowesch beschlossen wurde, bereiteten westeuropäische Politiker in Maastricht die Währungsunion vor.
Ironischerweise mag es sich heute als Vorteil erweisen, dass sie keine große, schwerfällige europäische Militärbürokratie errichteten, die die Mentalität des späten 20. Jahrhunderts verewigt hätte. Heute, nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine und besonders, nachdem die ukrainische Operation Spider’s Web im Juni 2025 so dramatisch ihre Wirksamkeit demonstrierte, liegt der Schwerpunkt auf billig produzierten Drohnen, dem Einsatz Künstlicher Intelligenz sowie auf sozialen Netzwerken von Freiwilligen, die militärische Informationen zusammenstellen und verbreiten (und Drohnen steuern): eine echte Zivilmiliz, die eine neue Art von Krieg führt.
Vom Handel zu den Finanzströmen
Auch wirtschaftliche Waffen können ein Instrument für Europa sein, um die Grundlage für einen neuen, besseren und universelleren Multilateralismus zu schaffen. In früheren Epochen der Globalisierung wurde die Handels- und Wechselkurspolitik in der Regel von verschiedenen Behörden, Handels- und Finanzministerien betrieben, zwischen denen es immer zu Reibungen kam. In den 1930er Jahren geriet die Welt in Zwiespalt und Konflikte, weil die Handelsdelegationen argumentierten, sie könnten keine Einigung erzielen, bevor der Wechselkurs festgelegt sei, während sich die Vertreter der Währungsinstitutionen einig waren, dass eine gewisse Wechselkursregelung zwar wünschenswert sei, aber nicht vor einer allgemeinen Liberalisierung des Handels erfolgen könne. So kam es zu einer Pattsituation, und der Protektionismus eskalierte.
Ein weiterer Mechanismus ist nun in den Vordergrund gerückt. Dieser lässt sich am besten anhand der Zahlungsbilanz verstehen. Ein Land mit einem hohen Handelsdefizit wie die USA muss einen Ausgleich erreichen, indem es sein Defizit finanziert. Dies gelingt, weil Ausländer US-Wertpapiere kaufen oder in Amerika investieren. Der Zufluss ausländischer Gelder zur Finanzierung von Unternehmensinvestitionen, aber auch des derzeit sehr hohen Staatsdefizits – über 7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts 2024, und dieses Jahr dürfte es ähnlich hoch liegen – ist deshalb so wichtig, weil die Amerikaner nicht viel sparen. Daher importiert das Land Ersparnisse aus der übrigen Welt, um sein Handelsdefizit zu finanzieren.
Die wirklich wichtigen Debatten werden sich um die Steuerung von Finanzströmen drehen
An dieser Stelle verschärften Trumps Zölle die Lage. Die USA streben nach ausländischen Investitionen als Schlüssel für künftiges US-Wachstum. Biden brauchte sie für die großen Infrastrukturinvestitionen im Rahmen des Inflation Reduction Act und des Infrastructure Investment and Jobs Act; und Trump braucht sie noch dringender für die Neugestaltung des Landes – sein „goldenes Zeitalter“ – durch KI. Worum es dabei geht, wurde bereits bei Trumps Amtseinführung deutlich. Einer seiner ersten Gäste im Weißen Haus war der CEO von SoftBank, Masayoshi Son, der zusammen mit den CEOs von Oracle und OpenAI kam. Ihr neues 500-Milliarden-Dollar-Projekt Stargate soll von Texas aus die KI-Revolution vorantreiben.
Es liegt eine gewisse Ironie darin, dass ein Projekt zur Rückgewinnung von Souveränität, das Trump als „eine aufregende neue Ära nationalen Erfolgs“ bezeichnet, von technischen Veränderungen abhängt, die mittels globaler Finanzmittel finanziert werden. Schließlich war es die Kombination aus Technologie und globalisiertem Finanzwesen, die die Arbeiterschaft und die Mittelschicht in den USA verletzlich gemacht hat. Arbeitsplatzverluste und Unsicherheit haben sie zu Trump-Wählern gemacht.
Diese Abhängigkeit ist nicht nur ironisch. Sie schafft auch eine grundlegende Anfälligkeit: Der Erfolg hängt von ausländischem Geld ab, doch wenn dieses nicht mehr fließt, schwindet auch die Hoffnung auf ein Wunder. Und man kann sich verschiedene Möglichkeiten vorstellen, wie die üppigen Finanzierungsquellen – die einst der Schlüssel zur Ära der Globalisierung waren – versiegen könnten.
Erstens könnte der Mittelzustrom enden, wenn die globalisierten Anleihemärkte sich um die Fähigkeit der USA zur Rückzahlung der enormen Schulden sorgen, die sie angehäuft haben. Seit 2022, als die Regierung von Liz Truss in Großbritannien ein ähnlich riskantes Spiel wagen wollte, um Wirtschaftswachstum zu erzielen, gilt der britische Anleihemarkt den Amerikanern als Warnung. Das Privileg, eine Reservewährung zu haben, bedeutet nicht, dass man sich alles erlauben kann. Irgendwann, und zwar meist sehr dramatisch, wie 1931 oder 1971, schlägt die Stimmung um. Abscheu und Fassungslosigkeit treten an die Stelle der Glaubwürdigkeit. Der Verwendung des US-Dollars als Instrument der Außenpolitik in einer gespaltenen Welt macht dieses Ergebnis noch wahrscheinlicher.
Zweitens könnten die Gelder aufhören zu fließen, wenn Zukunftsversprechen plötzlich als überbewertet erscheinen oder die Erwartungen an den technologischen Fortschritt enttäuscht werden. Viele Anleger befürchten, dass die steigenden Aktienkurse von Technologiefirmen auf eine Blase hindeuten, die kurz vor dem Platzen steht. Eine Wachstumswette erfordert enorme Investitionen, die sich aber, wenn die Blase platzt, als unfertig, nicht mehr nutzbar und vergeudet erweisen können.
Drittens könnte der Geldfluss versiegen, sollten wichtige Kapitalgeber intervenieren, um ihre Bürger und Unternehmen von Investitionen in den USA abzuhalten. Ein solches Vorgehen könnte durchaus eine Reaktion auf die Probleme sein, die weltweit durch das Zusammenspiel von amerikanischer Zollpolitik und starkem Dollar entstanden sind. Wenn die Hersteller französischer Weine, deutscher Autos oder chinesischer Flugzeuge und Solarmodule ihre Produkte nicht mehr in den USA verkaufen können, könnten ihre Regierungen in Erwägung ziehen, Investitionen in den Vereinigten Staaten zu beschränken. Persönlichkeiten wie Masayoshi Son, die Investitionen und Arbeitsplätze bringen, würden sich immer mehr Einschränkungen ausgesetzt sehen.
Die grenzüberschreitenden Kapitalströme können von Regierungen am leichtesten dadurch beeinflusst werden, dass sie die steuerliche Behandlung ausländischer Investitionen verändern. Eine der Triebfedern der neuen Trump-Initiativen ist der Druck der Tech-Giganten, von ihrer ungünstigen steuerlichen Behandlung vor allem in Europa wegzukommen. In der Folge ist die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ausgehandelte globale Mindeststeuer für Unternehmen in Gefahr. Eine Eskalation des Steuerkonflikts könnte dazu führen, dass die Europäer nicht nur ausländische Unternehmen in Europa besteuern, sondern auch ihre eigenen Unternehmen und Bürger, die in den USA investieren. Ein solcher Schritt würde den Ausgleich der US-Zahlungsbilanz erschweren, könnte aber auch europäische Gelder zurück nach Europa ziehen. Dies könnte sich als ein besonders schneller Weg herausstellen, wie die Trumpsche Schocktaktik den Niedergang Amerikas herbeiführen könnte.
Die Rückkehr der Globalisierung
Wirtschaftspolitische Moden sind ansteckend. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Logik des Zoll-Wirrwarrs offensichtlich wird und jemand „Make Europe Great Again“ zum Slogan europäischer Politik macht. Doch die wirklich wichtigen Debatten werden sich um die Steuerung und Kontrolle von Investitionen und Finanzströmen drehen, nicht um den Handel. Diese neue Diskussion wird das unbeabsichtigte Ergebnis der globalistischen US-Kampagne gegen den Globalismus sein. Die Alternativen zum Globalismus werden sich als ebenso global erweisen wie die Weltordnung, die ihre Anhänger ersetzen wollten. Die Globalisierung wird zurückkehren, in einer revitalisierten und stärker multilateral orientierten Form.
Aus dem Englischen von Bettina Vestring
Internationale Politik 5, September/Oktober 2025, S. 72-79
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