01. September 2008

Die Zukunft sind wir

Peppers „Grüne Welt“ ist kein Szenario, sondern der einzig gangbare Weg

Wie wahrscheinlich ist Sandy Peppers Szenario einer „Grünen Welt“? Gleich zu Beginn verweist der Autor auf unsere Angewohnheit, das Risiko seltener Ereignisse bewusst aus unserer Zukunftsplanung auszublenden. Wie zutreffend das ist, zeigt ein für das „grüne“ Szenario relevantes Beispiel: Hätte Mohammed Atta am 11. September 2001 seinen ursprünglichen Plan mit dem Codenamen „electric engineering“ wahr gemacht und die Boeing 767 nicht ins World Trade Center, sondern in den 40 Kilometer entfernten Atomreaktor Indian Point gelenkt, wäre Atomkraft heute in keinem energiepolitischen Szenario mehr zu finden.

Doch selbst dieses wahrscheinlicher gewordene Inferno ist für die meisten Energieunternehmer und Energiepolitiker noch nicht Antrieb genug, den Ausstieg aus einer Hochrisikotechnologie voranzutreiben. Viele Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft sind – auch wegen ihrer Interessen – unfähig, Technologien, Produkte und Produktionsweisen strikt nach ihrer Zukunfts-fähigkeit zu bewerten. Diese Unfähigkeit ist ein erstes Hindernis, das die Realisierung von Peppers „grünem“ Szenario verhindert. Doch nicht nur die kurzfristige Umsatz- und Gewinnorientierung vieler Unternehmen, sondern auch das Denken in Legislaturperioden und die Verflechtungen der Politik mit der Wirtschaft stellen sich dieser nachhaltigen Entwicklung entgegen.

Die „Grüne Welt“ ist eine Welt der Unternehmensverantwortlichkeit im umfassenden Sinne. Sie schreibt Firmen verpflichtend vor, international vereinbarte soziale und ökologische Normen einzuhalten, und sanktioniert ihre Nichterfüllung. Ihre Umsetzung erscheint aus heutiger Sicht leider unwahrscheinlich. Die Orientierung vor allem großer Unternehmen am Leitbild sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit erschöpft sich meist in Nebenschauplätzen und Rhetorik. Freiwillige Selbstverpflichtungen der Wirtschaft sind das verbreitete Instrument. Brechen Unternehmen die selbst auferlegten Regeln, hat das kaum nennenswerte Folgen: 1998 verhinderte die europäische Automobilindustrie gesetzliche Regelungen und versprach dafür im Gegenzug, den Kraftstoffverbrauch ihrer Neuwagen bis 2008 auf durchschnittlich 5,8 Liter zu senken. Der Schnitt 2007 lag bei 6,8 Litern.

Es gibt auch andere Signale. Die Alarmrufe der Wissenschaft beim Thema Klimawandel und die „Watch-dog“-Arbeit von Umwelt- und Verbraucherverbänden haben vieles bewegt. Skandale um Nahrungsmittel, menschenunwürdige Produktionsbedingungen in Billiglohnländern und Raubbau an natürlichen Ressourcen haben die Defizite einer auf Freiwilligkeit basierenden Unternehmensverantwortung deutlich gemacht. Zugleich hat die wirtschaftliche Dynamik etwa bei den erneuerbaren Energien oder den Biolebensmitteln gezeigt, dass die an Nachhaltigkeit orientierten Branchen große Absatz- und Beschäftigungspotenziale bieten.

Das gilt jedoch nicht für die Mehrzahl der Konzerne. Je mehr diese an Einfluss gewinnen, desto wichtiger wird die Durchsetzung einer verbindlichen Unternehmensverantwortung. Peppers Prognose im „blauen“ Szenario ist längst Realität: Der Jahresumsatz einiger Unternehmen übersteigt das BIP vieler Staaten. Bereits 1997 fanden sich unter den 100 größten Budgets der Welt nur noch 34 Staatshaushalte, die restlichen 66 Plätze wurden von Konzernen belegt. Nachhaltiges Wirtschaften kann angesichts solcher Größenordnungen keine Frage von Freiwilligkeit sein und darf nicht vom guten Willen Einzelner abhängig gemacht werden. Es ist Aufgabe der Politik, einen verbindlichen Rahmen für unternehmerische Verantwortlichkeit einzuführen: National und zwischenstaatlich gültige Regeln müssen die Einhaltung sozialer und ökologischer Normen mit Rechenschafts- und Transparenzpflichten auf allen Ebenen verbindlich vorschreiben.

Die Politik muss aber auch Anreize für Unternehmen schaffen, sich in Richtung Nachhaltigkeit zu entwickeln. Umweltzerstörung und die Missachtung sozialer Standards dürfen nicht profitabler sein als nachhaltiges Produzieren. Deshalb müssen externe Kosten wie Umweltverschmutzung in die Preise eingerechnet und saubere Technologien, Produkte und Forschungszweige stärker als bisher gefördert werden. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Rahmenbedingungen ohne starken öffentlichen Druck zustande kommen. Dazu genügt die von Pepper genannte „Umweltlobby“ nicht, nötig ist ein breites Netzwerk gesellschaftlicher Organisationen und Konsumenten. Aber es braucht auch Vorreiter im Unternehmenssektor selbst: Freiwillige Initiativen Einzelner können verbindliche Regeln für Unternehmen nicht ersetzen – aber sie können im Wettbewerb die Entwicklung entscheidend vorantreiben.

Der viel beachtete Bericht des britischen Ökonomen Nicholas Stern hat ergeben, dass ein rasches Handeln gegen den Klimawandel etwa ein Prozent des globalen Bruttosozialprodukts kosten würde, Nichthandeln aber bis zu 20 Prozent. Gleichwohl ist der Verweis auf „hohe Belastungen“ noch immer einer der beliebtesten Abwehrreflexe einem „grünen“ Szenario gegenüber. Der explodierende Ölpreis hat hier mehr Dynamik entfaltet als alle noch so rationalen Argumente. Wir hielten hartnäckig an der Idee fest, künftige Entwicklungen aus der Vergangenheit ableiten zu können, so Pepper. Es wäre zu wünschen, dass sich entgegen der bisherigen Erfahrung ein Szenario der Nachhaltigkeit aus der Einsicht aller Beteiligten entwickelt. Zukunft kommt nicht nur „über“ die Gesellschaft, sie ist Objekt aktiver Gestaltung. Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sollten sich nicht nur an Wahrscheinlichkeiten orientieren, sondern selbst entscheiden, welche Entwicklung sie wollen.


STEFAN KRUG ist Leiter der politischen Vertretung von Greenpeace in Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 9, September 2008, S. 35 - 37

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