Die neue Arithmetik des Krieges
Das Beispiel Iran zeigt, wohin sich die Kriegsführung entwickelt hat. Die meisten Streitkräfte Europas sind auf diesen Stresstest spektakulär unvorbereitet.
Wer zahlenmäßig überlegen angreift, gewinnt – lange Zeit war das eine Art Grundregel des Krieges. Die Entwicklung günstiger Drohnen hat diese Formel allerdings umgekehrt. Denn wer sich gegen solche Drohnen verteidigt, muss oft genug teure oder gleich mehrere Abfangwaffen einsetzen.
Der Krieg im Iran hat diese Veränderung eindrucksvoll bestätigt. Innerhalb der ersten acht Tage der iranischen Verteidigungswelle haben allein die Vereinigten Arabischen Emirate mehr als 1400 Drohnen und 246 Raketen gezählt. Patriot- und THAAD-Luftabwehrsysteme in den Emiraten haben etwa 90 Prozent davon aufgehalten. Der Rest traf militärische Ziele, kritische Infrastruktur und zivile Gebäude in der gesamten Region.
Auf den ersten Blick mag eine Abfangquote von 90 Prozent bei mehr als 1500 Zielen ein Erfolg sein. (Zum Vergleich: Die durchschnittliche Abfangquote der Ukraine bei russischen Drohnen und Raketen liegt bei etwa 72 Prozent .) Aber: Die wirtschaftliche Rechnung sieht schon anders aus. Für jede zerstörte iranische Shahed-Drohne gaben die VAE schätzungsweise das 20- bis 28-Fache ihrer Herstellungskosten aus. Der Iran baut diese Drohnen für weniger als 35 000 US-Dollar pro Stück. Die Patriot-Abfangraketen, die abgefeuert wurden, um die Shaheds zu stoppen, kosten rund vier Millionen US-Dollar – ebenfalls pro Stück.
In den ersten 96 Stunden des Krieges verbrauchten die USA und ihre Partner mehr als 900 Patriot-Raketen. Das Unternehmen Lockheed Martin produzierte im gesamten Jahr 2025 aber nur 600 Patriots: In einem großen modernen Konflikt kann die Produktion solcher High-End-Waffensysteme mit deren Verbrauch nicht Schritt halten. Zum Beleg eine weitere Zahl: Das US-Militär hat in den ersten vier Wochen des Krieges mehr als 850 Tomahawk-Raketen abgefeuert, Kostenpunkt etwa drei Millionen Dollar pro Stück. Raytheon produziert davon 90 Stück – pro Jahr.
Die militärische Vorherrschaft des Westens beruhte lange auf der Annahme, dass überlegene, teure Technologien stets die Oberhand über die Quantität behalten würden. Zwar gewinnt solche Technologie oft noch einzelne Gefechte, doch ist es nicht mehr klar, ob sie auch Zermürbungskriege gewinnen kann. Im Vergleich zu Langstreckenraketensystemen sind die meisten Drohnen keine hochentwickelten Waffen. Sie fliegen tief und relativ langsam, bestehen überwiegend aus kommerziellen Bauteilen, und sie lassen sich leicht kopieren und in Massen produzieren.
Russland, das zu Beginn seines Krieges gegen die Ukraine iranische Shaheds gekauft hat, arbeitet an der Produktion einer eigenen Variante und strebt derzeit eine Tagesproduktion von 1000 Stück an. Auch die USA bemühen sich, die Produktion von LUCAS hochzufahren, ihrer eigenen kostengünstigen Angriffsdrohne, die auch für Angriffe auf den Iran eingesetzt wurde. Polen, Bulgarien und andere Länder ziehen ebenfalls nach.
Zwar haben die Shahed-Drohnen Russland nicht unbedingt dabei geholfen, seine strategischen Ziele in der Ukraine zu erreichen, aber sie haben Tausende ukrainischer Zivilisten getötet sowie zivile und militärische Infrastruktur getroffen. Beim Krieg im eigenen Land war der Iran mit seinen Drohnen erfolgreicher als Russland, die USA und Israel mussten einen anhaltend hohen Einsatz bringen, um den Krieg fortzusetzen. Trotz dieser unterschiedlichen Ergebnisse kopieren die fortschrittlichsten Streitkräfte der Welt nun Waffen, die von hart sanktionierten Regimes entwickelt wurden – eine bedeutende Umkehrung im Fluss militärischer Innovationen.
Während des gesamten russischen Krieges in der Ukraine haben westliche Beobachter das Drohnenproblem als Warnung für die NATO gewertet, die jedoch wenig entsprechendes unternommen hat. Die Ukraine hat Jahre damit verbracht, kostengünstige Abfangdrohnen zu entwickeln, die nun von den USA im Nahen Osten eingesetzt wurden, zusammen mit mehr als 200 ukrainischen Spezialisten. Sie haben die Streitkräfte am Golf beraten, wie sie Shaheds abfangen können, ohne teure Patriot-Bestände aufzubrauchen. Die Tatsache, dass Kyjiw Personal von der eigenen Frontlinie abgezogen hat, um die USA zu beraten, ist eine weitere bemerkenswerte Umkehr der üblichen Richtung des militärischen Wissenstransfers.
Der Krieg im Iran birgt zudem eine gewisse bittere Ironie, was die Herkunft der iranischen Waffen anbelangt. Trümmer einer russischen Geran-2-Drohne, die bei Teherans Vergeltungsschlägen eingesetzt wurde, zeigen, dass der einseitige Technologietransfer, bei dem der Iran Drohnen an Russland lieferte, wechselseitig geworden ist. Hinzu kommt, dass westliche Komponenten in diesen Drohnen oft über Scheinfirmen mit Sitz in den Vereinigten Arabischen Emiraten und anderen Golfstaaten gekauft werden, die sodann den Zorn des Iran zu spüren bekamen. Die Drohnenkriegsführung ist zu einem globalen Problem geworden, das Sanktionen und Beschränkungen der Lieferkette umgehen kann – so offenkundig diese Hintertür-Transaktionen auch sind.
Software am Abzug
Seit dem Konflikt in Syrien ist Krieg sowohl auf dem Schlachtfeld als auch außerhalb transparenter geworden, weil eine kontinuierliche Überwachung der Frontlinien auch über Drohnen und Social-Media-Kanäle möglich ist. Das vielleicht folgenreichste Merkmal des jüngsten Krieges im Nahen Osten war aber gar nicht sichtbar. Am ersten Tag der Operation „Epic Fury“ griffen die USA innerhalb von 24 Stunden über 1000 Ziele an – ermöglicht durch Palantirs „Maven Smart System“, das Satellitenbilder, Drohnenaufnahmen, Radardaten und andere Geheimdienstquellen in einer einzigen Zielerfassungsschnittstelle zusammenführt und so die „Kill Chain“ von der Zielidentifizierung bis zum Angriff auf wenige Minuten verkürzt.
Daten des Pentagons deuten darauf hin, dass Maven Ziele mit einer Genauigkeit von etwa 60 Prozent korrekt identifiziert, verglichen mit 84 Prozent bei menschlichen Analysten. Ähnliche Software ist nun auch für die Kommunikation zwischen Drohnen verantwortlich, wobei auf den Schlachtfeldern der Ukraine allmählich Drohnenschwärme gebildet werden. Solche automatisierten Zielerfassungs- und Schwarmtechnologien werden beständige Merkmale künftiger Kriege sein. In Maven ist das KI-Modell Claude des Unternehmens Anthropic eingebettet, das die Informationen verarbeitet und die Ziele anschließend nach strategischer Priorität einstuft, während es (angeblich) auch rechtliche Begründungen für jeden vorgeschlagenen Angriff entwirft. Ein schwerer Streit zwischen Anthropic und dem Pentagon gipfelte jüngst darin, dass das Weiße Haus Anthropic als „Risiko für die Lieferkette“ auf die schwarze Liste setzte – das Unternehmen hatte sich unter anderem geweigert, eine vollautonome Zielerfassung zu genehmigen.
Das wirft Fragen auf, die weit über diesen Konflikt hinausreichen: Wer ist für die Folgen von Angriffen verantwortlich, wo KI-gestützte Zielerfassung in großem Maßstab Realität ist? Wenn Maven derzeit eine Genauigkeit von 60 Prozent aufweist, wird es dann weiterhin „Humans-in-the-Loop“ geben, wenn diese Genauigkeit 90 Prozent oder mehr erreicht? Was ist eine akzeptable Fehlerquote? Wer entscheidet das?
Jede Antwort, die suggeriert, dass Menschen weiter alle endgültigen Entscheidungen treffen werden, ist angesichts des Tempos und der Detailtiefe maschinell getroffener Entscheidungen tönern.
Vorerst keine Bodentruppen
Die USA und Israel haben den Iran-Krieg ohne Bodeninvasion geführt – die verführerische Logik reiner Luftangriffe hatte Bestand. Denn wenn Kriege fast keine Menschenleben auf der eigenen Seite kosten, lassen sie sich auch leichter beginnen. Was Regierungen in der Vergangenheit davon abgehalten hat, Konflikte zu initiieren, wurde systematisch beseitigt. Dennoch werden die hohen wirtschaftlichen Kosten solcher Konflikte bestehen bleiben, die sich in erschöpften Waffenvorräten ausdrücken und in schwer gestressten globalen Lieferketten. Reine Luftangriffe funktionieren trotzdem nach wie vor nicht. Luftstreitkräfte können natürlich nicht als Besatzungsmacht fungieren, Marinekräfte ebenso wenig. Der russische Krieg in der Ukraine unterstreicht das: Ohne entscheidende Kontrolle am Boden haben auch anhaltende Angriffe Russlands auf Infrastruktur und militärische Ziele die politische Führung der Ukraine oder ihre Bevölkerung nicht dazu bewegen können, irgendwelchen Forderungen Moskaus nachzugeben.
Luftüberlegenheit kann nur dann wirklich erfolgreich sein, wenn sie mit einer glaubwürdigen Androhung von Bodenoperationen oder tatsächlichen Bodentruppen einhergeht. Und selbst das garantiert keinen Erfolg.
Der am 8. April verkündete Waffenstillstand im Iran stellte zunächst eine Atempause dar, wenn auch keine grundsätzliche Lösung des Konflikts. Unabhängig vom weiteren Verlauf hat dieser Krieg zum einen gezeigt, dass echte Präzisionskriegsführung nicht mehr das Monopol der USA ist, und zum anderen, dass die Logik des Krieges im Grunde genommen weiterhin wirtschaftlicher Natur ist.
Jedes Militär auf der Welt wird diesen Krieg analysieren, um seine aus der Ukraine gewonnenen Annahmen über die moderne Kriegsführung zu aktualisieren. Vor allem Peking hat die immensen Raten be- und abgenutzter Rüstungskomponenten am Golf mit großem Interesse beobachtet – nicht, um iranische Taktiken zu kopieren, sondern weil jede Konfrontation um Taiwan eine Variante derselben Kalkulation beinhalten würde. Peking muss keinen einzigen Schuss abgeben, um von diesem Krieg zu profitieren. Es muss nur zusehen und abwarten.
Die Zukunft des Krieges
Der nächste Krieg, der die hier dargestellten Annahmen auf die Probe stellt, könnte im Pazifik, im Baltikum oder in der Arktis stattfinden. Die Frage ist nicht, ob sich dann eine neue Logik ausbreiten wird, denn das hat sie bereits. Michael Horowitz hat einen Ausdruck geprägt, der das treffend auf den Punkt bringt: „Wir befinden uns nun im Zeitalter der präzisen Masse im Krieg, des großflächigen Einsatzes kostengünstiger Drohnen.“ Präzisionswaffen erforderten früher die gesamte Macht einer fortgeschrittenen Industrienation. Jetzt können sie selbst von kleineren Staaten oder von nichtstaatlichen Akteuren in großer Zahl erworben werden.
Es ist nahezu unmöglich ist, die Zukunft der Kriegsführung exakt vorherzusagen. Trotzdem sieht alles danach aus, als könnten Kriege automatisierter, ferngesteuerter und zermürbender werden – und gleichzeitig im Ergebnis weniger entscheidend. Da der mäßigende Einfluss des Völkerrechts nachlässt und Kriege mit immer weiter entfernten Waffen über größere Entfernungen geführt werden können, werden Konfrontationen außerdem politisch weniger kostspielig und damit wohl häufiger.
Solche vorrangig ferngesteuerten Konflikte sind gleichzeitig weniger entscheidend als konventionelle, menschenzentrierte Kriege. Sie enden oft ohne eindeutiges Ergebnis. Und sie könnten die Welt in andauernde, niedrigschwellige Konflikte zwischen großen regionalen Hegemonen führen – in denen die Spannungen stets hoch sind, in denen hybride Kriegsführung an der Tagesordnung ist und in denen es immer wieder zu größeren Eskalationen kommt.
Übertragen aus dem Englischen von Martin Bialecki
Die in diesem Artikel geäußerten Ansichten sind die des Autors und spiegeln nicht unbedingt die offizielle Position von STARK, dem King’s College London oder dem NATO Defence Colle- ge wider.
Internationale Politik 3, Mai/Juni 2026, S.94-97
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