18. Dezember 2009

Die letzte Versuchung

Geo-Engineering als Ausweg aus der Klimapolitik?

Wo Tausende Delegierte an Verhandlungen beteiligt sind, wie in Kopenhagen, fällt ein Abkommen schwer. Grund genug, heißt es jetzt vor allem in den USA, das drängende Problem des Klimawandels allein mit Hilfe planvoll eingesetzter Technologie zu lösen. Geo-Engineering wird gesellschaftsfähig – aber welche Methoden wären auch ethisch zulässig?

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In Kopenhagen mühten sich Politiker um ein politisches Abkommen zum Klimawandel. In der Fachliteratur und unter vielen amerikanischen Think-Tanks hingegen intensiviert sich die Diskussion, welche mittel- und langfristigen Maßnahmen ergriffen werden können, falls der Ausstoß von Treibhausgasen nicht wirksam genug reduziert werden kann.

Dabei werden auch intensiv Möglichkeiten des Geo-Engineering also von Techniken erwogen, den Kohlenstoffkreislauf zu beeinflussen oder die planetarische Strahlungsbilanz zu manipulieren. Mittlerweile bewegt sich die Debatte innerhalb einer Struktur von drei Maßnahmenkomplexen: die Verringerung von Treibhausgasemission (Mitigation), Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel (Adaptation) und schließlich Geo- oder Climate-Engineering (CE).

Jede Positionierung zu dieser Struktur beruht auf wissenschaftlichen Befunden, auf energie- und klimapolitischen Szenarien, auf Einschätzungen zur Wirksamkeit und Machbarkeit. Wie kontrovers diese in ihrem Verhältnis zueinander auch diskutiert werden, es geht dabei immer um die Frage, welche Welt wir zukünftigen Generationen zu hinterlassen berechtigt oder verpflichtet sind.

Hier soll die Strategie des Climate-Engineering näher analysiert und im Verhältnis zu Mitigation und Adaptation auf ihre ethische Legitimität hin untersucht werden. Dies geschieht in kritischer Auseinandersetzung mit dem vor kurzem vorgestellten Bericht „Geo-Engineering the Climate“ der renommierten britischen Royal Society. Der Bericht gilt als maßgeblich für diesen Bereich, er befürwortet unter Vorbehalten ein Climate-Engineering und er kann durchaus als Eröffnung eines Diskurses über solche Optionen gelesen werden. Das macht die Aus-ein-andersetzung umso dringlicher.

Üblicherweise unterscheiden wir zwischen zwei Optionen des Climate-Engineering: Kohlenstoffsequestrierung beispielsweise durch Aufforstung, Kohlenstofffilterung der Atmo-sphäre oder Ozeandüngung (Carbon Dioxide Removal, CDR) sowie „Solar Radiation Management“ (SRM), Eingriffe in den planetarischen Strahlungshaushalt. CDR-Optionen stehen Anpassungsmaßnahmen nahe und versprechen wünschenswerte Synergieeffekte mit dem Naturschutz und einer ökologischen Landnutzung. Auch Mitigation und CDR ergänzen einander; ihr Ziel ist eine Reduktion der Konzentration atmosphärischer Treibhausgase. CDR-Optionen werden deshalb überwiegend positiv beurteilt.

Viele Optionen zur terrestrischen Kohlenstoffsequestrierung sind zulässig, wenn nicht wünschenswert. Landschaftsökologische Forschungen erscheinen lohnenswert und sollten Optionen wie Aufforstung, Bodenschutz, Moorschutz oder Renaturierungsökologie in den Mittelpunkt rücken. Eine Kombination mit lokaler Armutsbekämpfung, ökologischer Landnutzung und dem Schutz von biologischer Vielfalt würde allen Beteiligten Vorteile verschaffen.

Eingriffe in den planetarischen Strahlungshaushalt sind jedoch die eigentliche ethische Herausforderung. Ein Solar Radiation Management umfasst drei Optionen:

• Veränderung der Albedo, d.h. des Anteils an Sonnenlicht, der von Oberflächen aller Art reflektiert wird,

• Reflektoren im Orbit,

• Sulphataerosole in der Stratosphäre.

Optionen zur Veränderung der Albedo teilen sich auf in populistische Vorschläge zur farblichen Aufhellung von Siedlungsstrukturen und in befremdliche Gedankenexperimente, große, grüne Landschaften wie etwa Wälder (die eine niedrige Albedo aufweisen) in Grasland oder Ackerflächen umzuwandeln. (David G. Victor: On the Regulation of Geo-Engineering, S. 323; siehe Seite 140 in diesem Heft). Die „Aufhellungsideen“ werden im Bericht der Royal Society aus Effizienz- und Effektivitätsgründen abgelehnt. Eine großflächige Eliminierung von Waldflächen erscheint aus Gründen des Natur- und Artenschutzes abwegig. Albedo-Veränderungen sollten deshalb insgesamt nicht ernsthaft in Betracht gezogen werden.

Für die zweite Strategie, Reflektoren im Orbit zu installieren, setzen sich besonders Raumfahrtenthusiasten und die Organisationen des militärisch-industriellen Komplexes ein. Bei realistischer Kalkulation dürfte eine solche Unternehmung schlicht viel zu teuer werden. Sie ist nur interessant, weil sie Einblicke in die Denkmuster bestimmter Akteursnetzwerke gibt. Während Industrie und Energiewirtschaft und nun auch SRM-Befürworter die Kosten von Mitigationsmaßnahmen als unzumutbar darstellen, scheint dieser Faktor für Weltraumlösungen plötzlich nachrangig zu sein.

Orbit-Lösungen haben den entscheidenden Nachteil, dass sie nicht als Ergänzung, sondern als Alternative zu Mitigations- und Adaptationsmaßnahmen aufgefasst werden können. Bei ansteigenden atmosphärischen Treibhausgaskonzentrationen würde man die Sonneneinstrahlung mit einer Abschirmung kompensieren. In der unteren Atmosphäre träte man weiter auf das Gaspedal der Emissionen, während man in den obersten atmosphärischen Schichten mit Hilfe eines Schutzschilds zu bremsen versucht. Unter den Kriterien von Effizienz und Effektivität können diese Optionen als mangelhaft gelten und sollten deshalb verworfen werden. Die Debatte über ein Strahlungsmanagement verlagert sich hiermit unweigerlich auf die Sulphatoption. Die Royal Society erklärt stratosphärische Aerosole „zur vielversprechendsten Methode, die sich auch am schnellsten entwickeln und anwenden ließe“. Da sie aufgrund ihrer Eigenschaften die eigentliche Versuchung des gesamten Climate-Engineering darstellt, verdient sie eine detailliertere Betrachtung.

Wie funktioniert diese Option? Sulphataerosole würden per Flugzeug oder Kanonen in die Stratosphäre eingebracht, wo sie dann für einen näher zu bestimmenden Zeitraum verbleiben sollen. Unstrittig ist, dass Sulphataerosole eine abkühlende Wirkung entfalten. Grobe physikalische Berechnungen – wie sie die Gruppe um den Physiker Edward Teller in dessen letzten Lebensjahren anstellte – legen nahe, dass eine große Menge Sulphataerosole mindestens die Wirkung einer Verdoppelung von atmosphärischer Treibhausgaskonzentration kompensieren könnte. Im Prinzip ist die so bewirkte Abkühlung der Erde nur durch die Menge des zur Verfügung stehenden Schwefels limitiert. Während die Royal Society die technische Machbarkeit und geringen Einsatzkosten betont, argumentieren andere Befürworter, dass die Realisierung dieser Option keine Umstellung energieintensiver Lebensstile erfordern. Diese Methode könnte, so der Ökonom und Nobelpreisträger Thomas C. Schelling, komplizierte klimapolitische Verhandlungen durch einfache, womöglich unilaterale Maßnahmen ersetzen.

Ein solches Strahlungsmanagement birgt jedoch Gefahren von gigantischer Größenordnung. Dazu gehören die Möglichkeit einer Veränderung der Niederschläge, Auswirkungen auf Pflanzenproduktivität oder eine Verschiebung von Vegetationszonen und Nahrungsnetzen. Sulphataerosole verhindern die Versauerung der Ozeane nicht. Überdies ist nicht sicher, ob die physikalischen Berechnungen verlässlich sind. Angesichts der Risiken von Sulphataerosolen ist jedenfalls klar, dass deren Einsatz ohne gründliche, an Vorsorgeaspekten orientierte Modellierung der möglichen langfristigen Folgen und Nebenwirkungen nicht erlaubt ist.

Eine Frage der Ethik

Die Sulphatoption lässt sich einem Typus von Risiken zuordnen, vor dem schon der Philosoph Hans Jonas eindringlich gewarnt hat: Im Vertrauen auf wissenschaftliche und technologische Könnerschaft würde man das Wagnis eingehen, ein Folgeproblem des Industrialismus, den Klimawandel, wiederum technisch zu meistern. Jonas würde dies als klaren Fall von Hybris und Verblendung bezeichnen. Nun dominiert in der modernen Ethik die Semantik von Interessen, Rechten, Nutzen oder Wohlfahrt; es ist umstritten, ob und in welchen Fällen auf archaische Moralbegriffe wie Hybris zurückgegriffen werden kann. Dies schließt aber „starke“ moralische Wertungen wie Verwerflichkeit, Frevel oder Hybris nicht prinzipiell aus. Ebenso wenig ist ausgeschlossen, dass das technologische Denken der Moderne Ideen hervorbringt, bei denen derartige Begriffe angemessen sind. Selbst wenn man im Zusammenhang mit Solar Radiation Management nur hypothetisch von Hybris spricht, würde dies doch dazu dienen, die tieferen ethischen Fragen eines solchen Unterfangens zu thematisieren und die Größenordnung dieses Wagnisses vor Augen zu führen.

Die Royal Society unterscheidet zwischen technischen Kriterien wie Effizienz, Sicherheit oder Kosten und sozialen bzw. normativen Bewertungskriterien von CE-Optionen wie soziale Akzeptanz oder Legitimität. Aus ethischer Perspektive ist es allerdings bedauerlich, dass sie sich dem zweiten Aspekt nicht weiter widmet. Bemerkt wird nur, dass normative Kriterien einem Wertewandel unterlägen, der für technische Kriterien offensichtlich nicht gelten soll – und dass eine ausführliche Analyse der nichttechnischen Kriterien den Rahmen des Berichts gesprengt hätte. Eine Analyse normativer Kriterien steht also noch aus. Hier soll ein erster Versuch unternommen werden.

Unbefriedigend ist beispielsweise die Behandlung des Moral-Hazard-Problems durch die Royal Society, das sich bei Optionen wie dem Solar Radiation Management aber in aller Schärfe stellt. In Ländern, die eine solche Lösung akzeptieren, könnten hohe und steigende Emissionen gleichsam „guten Gewissens“ fortgesetzt werden; es stünde ja eine schnelle, billige und effektive technische Lösung zur Verfügung. Dass die Sulphatoption eine Kontrolle der Treibhausgasemissionen entbehrlich mache und emissionsintensive Lebensstile beibehalten werden könnten, gilt den Befürwortern ja gerade als Vorteil. Das setzt aber voraus, dass die Sulphatoption keinesfalls nur eine zeitlich eng befristete Ergänzung zu langfristigen Mitigationsstrategien ist, sondern dass Mitigation als Hauptstrategie gegen den Klimawandel aufgegeben werden könnte. Unter diesen Voraussetzungen würde sich die dreigliedrige Struktur des Maßnahmenkatalogs gegen den Klimawandel völlig verändern. Ein Solar Radiation Management wäre dann eben nicht mehr, wie die Royal Society beteuert, eine kurzfristige Ergänzung zu Mitigation und Adaptation. Es könnte im Gegenteil eine Mitigation entbehrlich erscheinen lassen. Warum sollten Industrieländer auf Kohleverstromung verzichten und regenerative Energieerzeugungen bevorzugen, wenn zu erwarten ist, dass eine Sulphatoption verwirklicht wird und zwar in einer Zeitspanne, die kürzer ist als die durchschnittliche Lebensdauer eines Kohlekraftwerks?

Das Moral-Hazard-Argument möchte die Royal Society empiristisch entschärfen. Denn auch wenn der Einwand begründet ist, dass eine solche technische Option eine Mitigationsstrategie ablösen könnte, so stünde ja noch nicht fest, ob Öffentlichkeit und Politik dies akzeptieren würden. Es sei ja auch denkbar, dass eine Debatte über Climate-Engineering zu einer Stärkung von Mitigation führe.

Auf jeden Fall ist die Forderung der Royal Society wichtig, mit den Methoden der empirischen Sozialwissenschaften zu erforschen, wie die SRM-Optionen von den Medien, in populärwissenschaftlichen Büchern und der Politikberatung dargestellt werden und wie sich dadurch die Konzeption des Verhältnisses zwischen Mitigation, Adaptation und CE verändern könnte. Dass sich das Moral-Hazard-Problem stellt, scheint mir durchaus plausibel. US-Bestseller wie „Superfreakonomics“ von Steven D. Levitt und Stephen J. Dubner verkünden schon jetzt die Sulphatoption als schnelle und effektive Lösung des Klimaproblems. Es wäre an der Zeit, Methoden des Climate-Engineering ernst zu nehmen und internationale Normen dafür zu entwickeln, forderte David G. Victor in Foreign Affairs (März/April 2009). Es wäre zu untersuchen, ob der Diskurs über Climate-Engineering die Strategien wichtiger ökonomischer Akteure beeinflusst.

Unstatthaft ist auch das Argument, die Sulphatoption sei im Vergleich zu einem ungebremsten Klimawandel irgendwann das kleinere Übel. Dies würde ja schon voraussetzen, dass alle Bemühungen im Bereich von Mitigation zum Scheitern verurteilt sind. Wenn die Sulphatoption politisch propagiert wird, könnte dies zu einer Self-fulfilling prophecy werden.

Als wichtigste Herausforderung erkennt auch die Royal Society das Problem der „Termination“ an. Es besagt, dass angesichts der vielen Unwägbarkeiten und Gefahren ein Abbruch oder eine kontrollierte Beendigung von SRM-Maßnahmen jederzeit möglich bleiben muss. Sie dürften nur kurzfristig und nur unter der Bedingung eingesetzt werden, dass eine klare und praktizierbare Exit-Strategie für den Fall unerwünschter Nebenwirkungen eintritt. Das gilt besonders für die Sulphatoption.

Bei der Behandlung des „Termination“-Problems verstrickt sich die Royal Society allerdings in Widersprüche. Während der Bericht zunächst recht klare normative Bedingungen für SRM wie eine Notsituation, eine belastbare Exit-Strategie, eine enge zeitliche Befristung und völkerrechtliche Legitimität vorgibt, muss er später zugestehen, dass die Sulphatoption sehr viel längerfristig angelegt sei. Um eine durch Treibhausgase erhöhte Sonneneinstrahlung auszubalancieren, müsste nämlich über Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte Schwefel in die Stratosphäre injiziert werden. Damit wird zugestanden, dass die Sulphatoption mit einer Erhöhung der Treibhausgaskonzentration einhergehen werde. Zwei einander entgegengesetzt wirkende Faktoren, so beschreibt es der Geologe Damon H. Matthews, nämlich eine erhöhte CO2-Konzentration auf der einen und die Climate-Engineering-Maßnahme auf der anderen Seite, müssten in einem instabilen Gleichgewicht gehalten werden, wobei diese gegenläufigen Faktoren sich mit der Zeit immer stärker auswirken.

Keine Notlösung

Die ökologischen Folgen dieses prekären „Gleichgewichts“ sind derzeit unabsehbar. Sollten sie sich bei der Realisierung der Sulphatoption als unannehmbar erweisen, stünden zukünftige Generationen vor einem Dilemma von ungeheurem Ausmaß. Modellrechnungen ergeben, dass die Einstellung der Sulphatinjektionen bei hohen Treibhausgaskonzentrationen zu einem Anstieg der globalen Temperatur um bis zu vier Grad pro Jahrzehnt führen könnte; das wäre zehn- bis zwanzigmal so stark wie heute. Die Auswirkungen einer derartig sprunghaften Temperaturerhöhung dürften (fast) alle Anstrengungen zu Anpassungen überfordern.

Ein solches mögliches Dilemma würde nicht nur die Handlungsfreiheiten zukünftiger Generationen massiv einschränken; der Risikotransfer in die Zukunft würde auch elementar deren Lebensaussichten und Freiheiten betreffen. Fast alle Ansätze der so genannten Zukunftsethik halten es für moralisch unzulässig, zukünftigen Generationen zusätzliche und im Prinzip vermeidbare Risiken aufzuerlegen. Es stehen zahlreiche Optionen im Bereich von Mitigation wie erneuerbare Energien, Einsparpotenziale, Carbon Capture Storage, die Veränderungen von Lebensstilen oder Technologietransfer und der Adaptation zur Verfügung, die diese Risiken nicht forcieren. Wird die Sulphatoption als Dauerlösung betrachtet, ist sie ethisch unverantwortlich. Sie sollte daher aus dem Portfolio legitimer klimapolitischer Maßnahmen entfernt werden.

Von ausschlaggebender Bedeutung ist jedenfalls, ob eine Injektion von Sulphat in die Stratosphäre als temporäre Notlösung oder als Dauerlösung in Betracht gezogen wird – was natürlich voraussetzt, dass aus einer temporären nicht doch unweigerlich eine dauerhafte Maßnahme wird. Zu Recht will die Royal Society die Sulphatoption als Notlösung verstehen und nur dann für diskussionswürdig halten, wenn sie mit einer wissenschaftlich plausiblen und politisch robusten Exit-Strategie verknüpft ist. Ohne einen klaren normativen Rahmen würden wir uns auch mit einer temporären Begrenzung auf gefährliches Terrain begeben. Aber auch in diesem entscheidenden Punkt verstrickt sich der Bericht in Ungereimtheiten. Er gesteht nämlich implizit ein, dass die temporäre Injektion großer Mengen Sulphat in die Stratosphäre praktisch einer Dauerlösung gleichkäme.

Diese Ungereimtheiten hängen mit den ambivalenten normativen und konzeptionellen Grundlagen des Berichts zusammen. Schließlich zieht die Royal Society vermeintlich „harte“ technische Entscheidungskriterien den „weichen“ normativen Kriterien vor und rechnet überdies viele der moralischen Bedenken, die sie selbst nennt, diesen randständigen „weichen“ Kriterien zu. Das einzige „harte“ Kriterium, nämlich Sicherheit/Risiko bleibt normativ unbestimmt, obwohl es ethisch relativ leicht wäre, Kriterien der Vertretbarkeit von langfristigen Risiken hypothetisch auf die Sulphatoption zu beziehen. Da die Society die Vernachlässigung der normativen Kriterien nur arbeitsökonomisch rechtfertigt (eine Analyse hätte „den Rahmen des Berichts gesprengt“), sollten zukünftige Forschungen in diesem Bereich auch im Sinne der Royal Society sein.

Ein Portfolio-Konzept hinsichtlich aller drei Optionen (Mitigation, Adaptation, CE) wäre für die Royal Society durchaus vorstellbar. In Verbindung mit den „harten“ Kriterien impliziert das aber eine Entscheidungsfindung im Sinne des Rational-Choice-Paradigmas. Es lässt eine Risikobehandlung anhand subjektiver Wahrscheinlichkeiten, eine Diskontierung zukünftiger Schäden sowie eine Orientierung an heute mehrheitlich vertretenen Präferenzen zu. In diesem Paradigma ist das Nutzen-Risiko-Profil der Sulphatoption selbst dann keineswegs unattraktiv, wenn man zugestehen müsste, dass eine temporäre Notlösung zu einer Dauereinrichtung werden würde. Die Idee einer solchen Portfolio-Theorie wäre konzeptionell mit derem führenden Vertreter, dem Direktor des Institute for Science, Innovation and Society an der Oxford University, Steve Rayner, kritisch zu erörtern. Alternativ sollten die Optionen eines Climate-Engineering in einem globalen interdisziplinären und interkulturellen Diskurs diskutiert werden. Selbstverständlich müssten auch nichtwestliche Akteure in die Debatte einbezogen und eine gründliche Prüfung aller ethisch relevanten Argumente vorgenommen werden.

In der Debatte über ein Climate-Engineering und dessen Folgen sollte man die Bürger nicht vor vollendete Tatsachen stellen. Unilaterale Schritte hin zu einem Solar Radiation Management sind aus diskursethischer Perspektive derzeit nicht erlaubt. Dies gilt a fortiori für Experimente im Realmaßstab in und mit der Atmosphäre. In einem zivilgesellschaftlichen Diskurs sollten auch Folgen solcher Maßnahmen zur Sprache kommen, die unsere Lebenswelt berühren: Eine Anreicherung der Stratosphäre mit Schwefel würde die Farbe des Himmels in ein milchiges Weiß mit Grautönen verändern. Das zu bewerten, fällt nicht in den Bereich der Wissenschaften. Ob die „liebliche Bläue“ des Himmels (Hölderlin) für uns etwas Unersetzbares ist, wäre kulturphilosophisch und anthropologisch zu erörtern.

Eine Hidden Agenda?

Zweifellos wird die Debatte über SRM von amerikanischen Autoren forciert. Für manche scheint sie ein Pferd zu sein, das man satteln könnte, nachdem der Gaul der Klimaskepsis abgehalftert werden musste.

Auch die Befürworter der Sulphatoption räumen ein, dass Mitigationsstrategien vorzuziehen seien. Allerdings bezweifeln sie, ob eine Mitigation angesichts der bislang ausgebliebenen Erfolge in der Klimapolitik erfolgreich sein könnte. Damit würde ein Eingriff in den planetarischen Strahlenhaushalt immer attraktiver. Dieses Argument ist pikanterweise bei jenen beliebt, die noch vor wenigen Jahren zu den Klimaskeptikern gehörten und einen Beitritt der USA zum Kyoto-Protokoll strikt ablehnten. Es könnte hier ein politisch relevanter Hintergedanke vorliegen mit dem Ziel, die Sulphatoption zunächst salonfähig zu machen, sie dann durch Forschungsinitiative mit der Autorität der Wissenschaft zu versehen, für die Umsetzung Verbündete zu gewinnen, das Problem der völkerrechtlichen Legitimität zu klären, Governance-Strukturen zu etablieren und ein Solar Radiation Management schließlich in die Tat umzusetzen.

Die anschwellenden Rufe nach „top/big/sound science“ entpuppen sich bei näherem Hinsehen als höchst fragwürdig. David G. Victor, Direktor des „Program on Energy and Sustainable Development“ der Stanford University schlägt vor, Forschungen über Climate-Engineering nicht beim Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), sondern bei nationalen Akademien in den USA, Russland, China und Brasilien anzusiedeln. Wer die Strukturen, Kapazitäten und politischen Kontexte der nationalen Akademien kennt, wird bezweifeln, ob gerade eine Forschung zu planetarem Strahlenmanagement dort besser institutionalisiert werden kann als in der vorhandenen Global-Change-Forschung und dem IPCC.

Gleichwohl ist eine solche Forschung nicht per se unstatthaft, wo-bei das Argument, sich für die Zukunft rüsten zu müssen, am stärksten ist. Damit wäre allerdings nur die Forderung verbunden, alle CE-Optionen mit den vorhandenen Global-Change-Modellen zu simulieren und eine umfassende Technikfolgenabschätzung vorzunehmen. Hierzu bestehen in Deutschland mit den Klimaforschungszentren, den institu-tionali-sierten Technikfolgenabschätzungen und einem Netzwerk der Global-Chance-Forschung gute Voraus-setzungen. Zudem herrscht in Deutschland Übereinstimmung, dass der Klimawandel viele moralische 
und ethische Fragen aufwirft. Forschungspolitische Initiativen zu Climate-Engineering sind begrüßenswert. Das Thema ist zu wichtig, um es nur den Befürwortern zu überlassen.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 1, Januar/Februar 2011, S. 58 - 69

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