Der Tag, an dem Amerika die Leichtigkeit verlor
25 Jahre 9/11: Notizen aus einem traumatisierten und verstörenden Land.
Seit 30 Jahren lebe ich in den USA. Ein Land, das für mich zur zweiten Heimat wurde, das mir viele berufliche Möglichkeiten geboten hat, die ich in Deutschland nie gehabt hätte. Drei Jahre wollte ich bleiben, 30 Jahre sind es schon geworden. Nach dem Journalistenvisum folgte die Green Card, dann die US-Staatsbürgerschaft.
Ich fand als Journalist meine Nische, berichtete viel über Themen, die mich selbst interessierten, die mich bewegten. Und an denen herrschte kein Mangel; in diesen Vereinigten Staaten gab es immer wieder Neues zu entdecken.
Für mich war es eine große Bereicherung, Menschen zu treffen, die ich so nie kennengelernt hätte und die mich an Orte führten, die ich nie gesehen hätte. „Mach einfach“, hieß es immer wieder, egal ob es Themen aus Politik, Geschichte oder Kultur waren. Für die kulturelle Arbeit mit meiner Radiosendung „Radio Goethe“ wurde ich sogar mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt.
Über die Hälfte meines Lebens lebe ich nun schon hier, aber angekommen bin ich nie. Irgendwie hänge ich zwischen den Kulturen und den Sprachen. Das muss kein Nachteil sein; mich treibt immer noch die Neugier des „Zugereisten“ an. Mehrmals bin ich mit dem Auto von Oakland aus in die Upper Peninsula von Michigan gefahren, 3500 Kilometer einfache Strecke. Diese Weite, die wunderbare und einzigartige Landschaft, immer geradeaus, auch das steht symbolisch für die USA. Zuletzt im vergangenen Jahr, in einer Zeit, in der „die Weite Amerikas wirkt, wenn es sich zurzeit zum Platzen eng anfühlt“, wie es eine Freundin umschrieb. Es ist ein Land geworden, das sich für mich immer verstörender anfühlt.
Ich erinnere mich an die Terroranschläge des 11. September 2001. Amerika rückte in dieser tiefen Krise zusammen. „We are all Americans“, hieß es damals, nicht Demokraten, nicht Republikaner. Auf den Stufen des Kapitols kamen die Abgeordneten und Senatoren zusammen, um gemeinsam die Nationalhymne zu singen.
Überall im Land wurden die „Stars & Stripes“ gehisst, Fähnchen flatterten in den Vorgärten. Ich war beeindruckt davon, wie diese Nation, trotz tiefer Gräben, in einer Krise wie dieser zusammenrücken konnte. Doch 9/11 war ein Wendepunkt für die USA, in vielerlei Hinsicht. Vor allem muss dieser Tag im Rückblick als jener Tag gesehen werden, an dem die Leichtigkeit, die dieses Land so lange auszeichnete, verloren ging.
Angst und Ohnmacht
Irak, Tea Party, Obama, Trump. In Trumps erster Amtszeit gab es noch den Versuch, den Präsidenten im Zaum zu halten. Doch damit war spätestens 2020 und mit der Corona-Krise Schluss. Der Präsident radikalisierte den Ton, verbreitete Verschwörungstheorien, die das Land noch weiter spalteten. Seine verlorene Wahl, der Sturm auf das Kapitol. Vor unser aller Augen wurde Geschichte umgedeutet und umgeschrieben.
Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus nach vier Jahren Wahlkampf und allgegenwärtiger Präsenz war unausweichlich. Mit einem deutlichen MAGA-Mandat trat er seine zweite Amtszeit an. Er sah sich in all dem bestätigt, was er über die Jahre erzählt, erstunken und erlogen hatte.
Trump begann am Tag eins mit der Umsetzung seines lange zuvor ausgearbeiteten Plans. Er regiert mit präsidialen Anordnungen, die Fakten schaffen, die weitreichende Folgen haben. Trump macht deutlich, dass er nicht der Präsident aller Amerikaner ist. Er wurde gewählt, um als Anführer der MAGA-Bewegung die USA in seinem Sinne umzugestalten und umzubauen. Die Vereinigten Staaten werden abgewickelt und sollen fortan auf ihn ausgerichtet werden, den „Commander in Chief“.
Mit einer Geschwindigkeit, die niemand erwartet hatte, wurden wichtige Ministerien, Behörden und Schaltzentralen des Staates auf Kurs gebracht. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn und muss gehen. Wichtige Programme in der Außenpolitik und im Inneren wurden als „woke“ denunziert, ausgesetzt, finanziell ausgetrocknet. Trump brachte Gefolgsleute in Positionen, die nicht durch ihr Fachwissen überzeugten, sondern damit, dass sie für Trump durchs Feuer gehen würden. 100 Prozent MAGA, wie es Trump verlangte. Seine Kabinettssitzungen sind zu huldvollen Veranstaltungen des „Führers“ geworden, die eher an Nordkorea oder Russland erinnern.
Die USA haben sich zu Trump-Country gewandelt. Jeder Bereich in der amerikanischen Gesellschaft wird mittlerweile von Trump kontrolliert. Ganz gezielt hat er Medien unter seine Kontrolle gebracht, Fördermittel für Bildungseinrichtungen, die vielseitige Kulturlandschaft. Umwelt- und Klimaschutz wurden abgeschafft. Er bestimmt nun, was amerikanisch, was patriotisch, was förderwürdig ist.
Es herrscht Angst und Ohnmacht, mittlerweile nicht mehr nur bei jenen, die gegen Trump votierten. Auch viele Republikaner merken, dass sie mit ihrer Unterstützung des Präsidenten die Büchse der Pandora geöffnet haben, denn das Beschneiden von Rechten, von Freiheiten, die Abschaffung und Aussetzung wichtiger Programme trifft auch sie.
Dieses Gefühl, wie eine Gefahr langsam näher kommt, sich wie eine Schlinge um den Hals legt, die sich langsam zuzieht, ist allgegenwärtig. Man ist angreifbar geworden. Jeder und jede von uns, die nicht auf Trump-Kurs sind.
In einem Gespräch mit einer lokalen Politikerin in Oakland, die ich seit Langem kenne und schätze, meinte diese, sie könne nun verstehen, was in Deutschland 1933 passierte. Sie hoffe nur, dass „wir“ hier drüben noch rechtzeitig die Kurve kriegen. Ich bin mir da nicht mehr sicher.
Internationale Politik 6, November/Dezember 2026, S. 110-111
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