01. März 2019

Der Klötze-Clan

Kostenpflichtig

24 Kronen, heute umgerechnet 3,20 Euro, musste der dänische Tischlersohn Godtfred Kirk Christiansen Anfang 1958 für das Patent auf seine Plastikbausteine opfern. Über ein geschätztes Vermögen von 200 Milliarden Kronen (27 Milliarden Euro) konnten sich seine zehn Erben aus zwei Folgegenerationen beim 60. Lego-Geburtstag Anfang 2018 freuen. Gefeiert wurde im riesigen, den Klötzen nachempfundenen „Lego House“. Der größte Spielzeugkonzern der Welt hat es sich vom Stararchitekten Bjarke Ingels zum Jubiläum am Stammsitz Billund im Herzen Jütlands bauen lassen.

Die Sache mit dem runden Geburtstag war ein bisschen gemogelt. Spielzeug mit dem Namen Lego (zusammengesetzt aus dem dänischen „leg godt“ = „spiel gut“) gibt es bereits seit 1932. Und schon 1949 hatte der Schreinermeister Ole Kirk Christiansen mit der Produktion von Plastikbausteinen begonnen. Sie waren den heutigen ziemlich ähnlich, allerdings keineswegs Christiansens eigene Erfindung, sondern von Kiddicraft aus Großbritannien übernommen. Dort hatte man sich leichtsinnigerweise mit einem Patent für die Heimatinsel begnügt. Am 28. Januar 1958 meldete der Sohn des Lego-Urvaters ein weltweites Patent für etwas raffinierter konstruierte Klötze mit stabilisierenden Röhren an der Unterseite an.

Die Begeisterung für die Jubiläumsinszenierung im „Lego House“, nur drei Gehminuten entfernt vom Geburtsort der Klötze in der einstigen Dorftischlerei, hielt sich auch aus aktuellen Gründen in Grenzen. Zu frisch war die Erinnerung an die Ankündigung von Aufsichtsratschef Jørgen Vig Knudstorp, die wenige Monate zuvor wie eine Bombe eingeschlagen hatte: Das Unternehmen werde wegen Umsatzrückgangs umgehend 1400 der 18 000 Stellen im Konzern streichen. Gut 500 davon in Billund selbst, wo es für die 6000 Einwohner außer Lego keine nennenswerten Arbeitsmöglichkeiten gibt.

Dabei wies die Bilanz für 2017 immer noch einen Profit von zehn Milliarden Kronen (1,2 Milliarden Euro) vor Steuern aus – bei einem Umsatz von 35 Milliarden Kronen. Anderswo würden die Firmenchefs da den Champagner entkorken. Aber das Familienunternehmen hatte sich in den vorangegangenen zehn Jahren an geradezu märchenhafte Wachstumsraten im konstant zweistelligen Bereich gewöhnt. 2015 riss auch Knudstorp bei der Vorstellung der Lego-Bilanz 2015 erst jubelnd die Arme hoch, um dann tänzelnd vor staunenden Wirtschaftsjournalisten in Gesang auszubrechen. Auf Englisch, man ist ja Weltmarke, und natürlich ein Lied aus dem sensationell erfolgreichen „Lego-Movie“: „Everything is awesome, when you’re living in a dream.“


Wenn Lego ruft, kommt auch die Königin

Dass es sich in einem Traum ziemlich gut lebt, davon können die Angehörigen der Eignerfamilie auch bei deutlich schrumpfenden Zuwachsraten noch ein Lied singen. Nach globalen Maßstäben ist Lego zwar absolut kein großer Player, gehört aber auf der Forbes-Liste mit den wertvollsten Marken 2018 zu den Top 100, direkt hinter Volkswagen. Wenn Lego ruft, ist sich auch die königliche Familie in Kopenhagen nie für einen Werbeauftritt zu schade. Umgekehrt darf die bei Bedarf gern mal den Privatjet der Kristiansens nutzen (die ihren Namen inzwischen mit „K“ schreiben).

Vier der zehn reichsten Däninnen und Dänen kommen aus dieser Eignerfamilie. Sie entscheidet mit ihrer verschachtelten Investitionsgesellschaft Kirbki nach wie vor über Legos Wohl und Wehe. Neben massiven Investitionen auf den Immobilienmärkten und in Unternehmensbeteiligungen kanalisieren die Eigner fürstliche Beträge aus ihrem „Lego-Gold“, so der Titel der lesenswerten Familienchronik des Journalisten Søren Jakobsen, in extrem teure Privatinteressen. So macht die 42-jährige Sofie Kirk Kristiansen immer wieder Schlagzeilen mit einer riesigen Privatplantage rund um ihr Jagdschloss Klelund in Jütland. Das Areal ist viermal so groß wie der königliche Tierpark Jægersborg  (Dyrehæven) in Kopenhagen.

Ihr drei Jahre jüngerer Bruder Thomas, bis vor Kurzem Betreiber von Dänemarks größter Pferdezucht und einer Golfbahn, soll in der vierten Generation den Lego-Clan anführen. Vorerst hat er als stellvertretender Aufsichtsratschef noch den nicht zur Familie gehörenden Jørgen Vig Knudstorp neben oder eher über sich, der 2016 den Topmanager-Posten abgegeben hatte.
Der Chefsessel im Aufsichtsrat war auch eine Belohnung für Knudstorps Weichenstellungen zehn Jahre zuvor, als die Familie nach Jahren von immer bedrohlicheren Verlusten kurz vor dem Verkauf ihres Unternehmens stand. Die rasant wachsende Konkurrenz von Computerspielen hatte die Klötzebauer in Billund kalt erwischt und schon zum Verkauf der Legoland-Parks gezwungen.

Unter Führung des Gründerenkels Kjeld Kirk Kristiansen (heute 71 Jahre) hatte sich der Konzern heillos in allerlei kläglich gescheiterte digitale Abenteuer verzettelt. Der mit 38 Jahren zum Konzernchef aufgestiegene Knudstorp bewies den richtigen Riecher, als er Lego die Rückbesinnung aufs Kerngeschäft mit den Klötzen sowie die Nutzung weltweit erfolgreicher Filmserien, allen voran Star Wars, für Lizenz-Bausätze verordnete. Auch die erfolgreiche Erweiterung der Kundschaft auf das nicht unbeträchtliche „Segment“ Mädchen mit der Serie „Lego Friends“ gilt als Knudstorps Verdienst.


Am Markt vorbei produziert

Derzeit gibt es keine Erfolgsmeldungen dieser Art mehr. Star Wars und auch Harry Potter haben als Appetitwecker ausgedient, ohne dass Ersatz in Sicht wäre. Der Spagat zur globalen Befriedigung von regional sehr unterschiedlichen Kinder- und auch Eltern-Geschmäckern wird noch viel schwieriger, wenn jetzt das China-Geschäft neues Wachstum bringen soll.
Nervosität in Billund zeigen auch die Stabwechsel an der Spitze. Als Knudstorp 2016 in den Aufsichtsrat wechselte, wurde mit dem indisch-britischen Bali Padda erstmals ein Nicht-Däne Vorstandschef. Nur zehn Monate später löste ihn Niels B. Christiansen (52 Jahre) ab, der vorher den dänischen Wärme- und Kältetechnikkonzern Danfoss geführt hatte.

Sein Vorgänger musste sich im alles entscheidenden Weihnachtsgeschäft über mehrere Jahre für Lieferlücken entschuldigen. Welch ein Luxusproblem, auch wenn verzweifelte Eltern Lego verfluchten, weil sie zu spät in Aktion getreten waren für den dringendsten Wunsch eines Sprösslings. Über die vergangene Weihnachtszeit in der Spielzeugabteilung berichtet jetzt ein deutscher Händler, statt Lieferengpässen habe es auch ganz kurz vor dem Fest noch massive Rabatte gegeben: „Das Angebot wurde wieder am Markt vorbei produziert.“

Thomas Borchert berichtet für die Frankfurter Rundschau aus Kopenhagen. Sein Buch „Gebrauchsanweisung für Dänemark“ erschien 2017 bei Piper.

Bibliografische Angaben

IP Wirtschaft 01, März - Juni 2019, S. 10-12

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