Der globale Kompass muss nach Süden zeigen
Soft Power, das gilt traditionell als Sache des Globalen Nordens. Es geht um die kulturelle Attraktivität der Industrieländer, um ihre werte- und menschenrechtsbasierte Ausrichtung, um die Integrität ihrer globalen Politik. Kein Wunder, sind es doch diese Länder, die das Konzept der „weichen“ oder „sanften“ Macht überhaupt erst geprägt haben.
Aber ist es nicht geradezu ein Sinnbild von Härte, wenn etwa die amerikanische Regierung sich weigert, Hilfsgüter an hungernde Menschen im Globalen Süden zu verteilen, und gleichzeitig plant, 500 Tonnen in Dubai gelagerte energiereiche Kekse, die eigentlich für unterernährte Kinder in Afghanistan und Pakistan gedacht waren, nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums zu verbrennen?
Amerikas Abwicklung der Entwicklungshilfe, die heuchlerische Haltung des Nordens in geopolitischen Konflikten, die unzureichenden Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel, das Wiedererstarken nationalistischer Bewegungen und die egoistische Politik während der Corona-Pandemie – all das hat zur Erosion der Macht des Globalen Nordens beigetragen und Misstrauen geweckt. Zu oft haben es diese Länder an Aufrichtigkeit fehlen lassen, zu deutlich haben sie immer wieder ihre Vorbehalte gegenüber dem Süden gezeigt, bis hin zu offenem Rassismus.
So entstand ein Machtvakuum, das die Länder des Südens nun zu füllen versuchen. Die Soft Power verlagert sich Richtung Süden – und das aus gutem Grund.
Jahrzehntelang mussten die Staats- und Regierungschefs der Länder, die Auslandshilfe erhielten, ihre Politik stärker nach den Vorgaben der Geldgeber ausrichten als nach den Bedürfnissen der eigenen Bevölkerung. Da neben den USA mittlerweile auch Deutschland, Frankreich und Großbritannien ihre Auslandshilfe deutlich reduzieren, schwindet der Einfluss Amerikas und Europas.
Für viele Länder des Globalen Südens, die bislang am Tropf eines ungerechten Verteilungssystems hingen, ist das eine Chance auf echte Autonomie. Steigende Investitionen in die Süd-Süd-Kooperationen lassen darauf hoffen, dass die Bedürfnisse der Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen, die vom Globalen Norden gern ignoriert werden, nun endlich mehr Beachtung finden.
Da die Verwüstungen und das Erbe des Kolonialismus die Realität im Globalen Süden nach wie vor prägen, konnte China hier mit einer glaubwürdigen antiimperialistischen Gegenerzählung punkten. Peking hat zudem massiv in Klimamaßnahmen, Technologietransfer und Infrastruktur investiert. Der Erfolg: Auf dem Global Soft Power Index 2025 des Beratungsunternehmens Brand Finance grüßt China von Platz 2 – und hat erstmals Großbritannien überholt.
Bemerkenswerterweise sind nur sechs Länder aus Subsahara-Afrika unter den Top 100 des Reputationsrankings vertreten; Südafrika belegt mit Platz 41 den höchsten Rang. Auch bei der Soft Power zeigt sich also die Machtlosigkeit vieler Länder des Kontinents, die wiederum viel mit der Nachwirkung imperialistischer Strukturen zu tun hat.
Der Index zeigt daneben deutlich, dass Länder, die in militärische Konflikte verwickelt sind, einen spürbaren Einbruch ihrer Soft Power erleben. So steht Israel in der Gesamtwertung nur noch auf Rang 33 – ein historischer Tiefstand.
Europas Ruf ist auch durch das klägliche Versagen der EU, blutige Kriege wie den in Nahost zu befrieden, stark beschädigt. Die Lesart, dass Europa am Schutz der Menschenrechte und der Wahrung des Völkerrechts gelegen ist, lässt sich so kaum noch aufrechterhalten. Die bedingungslose deutsche Unterstützung Israels verdeutlicht diesen Widerspruch am besten. Wie die Journalistin und Analystin Shada Islam betont, geht die Komplizenschaft des Nordens im Gaza-Krieg aus Sicht vieler Menschenrechtsaktivisten in Afrika, Asien und dem Nahen Osten direkt auf koloniale Logiken zurück.
Soziale Netzwerke weltweit werden derzeit mit antieuropäischen Narrativen geradezu geflutet, wie Pierre Vimont von Carnegie Europe feststellt. Das führt dazu, dass viele Menschen im Süden mittlerweile davon überzeugt sind, dass die EU langfristig keine Rolle mehr spielen wird.
Europa ist schwächer geworden und hat an Vertrauen eingebüßt, weil es sich weigert, aus der Vergangenheit zu lernen. Der Kontinent setzt weiterhin auf Macht, Manipulation und Einschüchterung statt auf partnerschaftliche Beziehungen, kulturellen Respekt oder Verantwortungsgefühl. So wird ökonomisch aufstrebenden Ländern das Recht streitig gemacht, im internationalen Diskurs mitzureden.
Postkoloniales Helfersyndrom
Von dieser Doppelmoral haben wir im Globalen Süden mittlerweile genug. Wir wollen nicht mehr vom Norden als korrupt dargestellt werden, während die reichen Industrieländer ungeniert ihre Doppelmoral und ihre Profitgier ausleben. Wir haben es satt, dass internationale Konferenzen und Governance-Foren fast ausschließlich in den USA oder Europa stattfinden.
Und wir haben es satt, dass sich die multilaterale Zusammenarbeit mit vielen südlichen Ländern auf enge, vom Norden vorgegebene Rahmenbedingungen beschränkt, die von Vorurteilen, Alibipolitik und einer Attitüde der Anmaßung und Bevormundung geprägt sind, die man am besten als „postkoloniales Helfersyndrom“ bezeichnen könnte.
Kurz: Die Menschen im Globalen Süden haben kein Interesse daran, die Vormachtstellung des Globalen Nordens aufrechtzuerhalten. Die alte Einteilung der Welt in Ost- und Westallianzen ist zusammengebrochen; die Zeiten sind vorbei, als die reichen Länder ihre Finanzhilfen und Kredite an strenge Bedingungen koppeln konnten. Durch den Ausbau und die Stärkung der Süd-Süd-Kooperationen wird der Süden handlungsfähiger und kann sich besser gegen Kontrolle aus Brüssel oder, neuerdings, aus Peking behaupten.
Heute sollte es bei Soft Power weniger um Ideologie gehen als um die konkrete Erfüllung der Entwicklungsbedürfnisse des Globalen Südens – verbunden mit einer Stärkung seiner kollektiven Stimme und seines globalen Einflusses.
Länder wie Südafrika, Indien, China und Brasilien tragen immer mehr zur wissenschaftlichen Forschung bei; Indien, Südkorea und Singapur sind führend in der Informations- und Kommunikationstechnologie. Auch dank dieser Technologien haben die Menschen im Globalen Süden heute Zugang zu Informationen, die ihnen lange vorenthalten wurden.
Für den Norden ist es an der Zeit, Macht abzugeben. Wir im Süden dürfen nicht weiter darauf warten, dass einkommensstarke Staaten und westliche Institutionen die Realität anerkennen. Nur wenn der Globale Süden geeint und selbstbewusst auftritt, kann er den Norden dazu bringen, Verantwortung für vergangenes Unrecht zu übernehmen – und endlich aufzuhören, weiter Zerstörung zu säen.
Was es jetzt braucht, ist echte Reflexion, echte Kooperation und echte Partnerschaft – nicht in Form von leeren Worthülsen, sondern als gelebte Praxis. Wenn Offenheit, Mitgefühl, Gerechtigkeit und gegenseitige Anerkennung zur Grundlage globaler Zusammenarbeit werden, kann das gerade junge Generationen überzeugen: Soft Power entsteht nicht aus Dominanz, sondern aus einer bestimmten Haltung.
So lässt sich der Weg ebnen für eine neue Weltordnung – gerecht, inklusiv und vielfältig. Ob wir unsere gemeinsame Menschlichkeit bewahren, hängt davon ab, ob wir bereit sind, wirklich umzudenken. Es ist höchste Zeit, die globale Ordnung neu auszutarieren. Der Kompass muss dabei allerdings klar nach Süden zeigen.
Aus dem Englischen von Kai Schnier
Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 44-45
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