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01. Febr. 2004

Das Netz

Die finanziellen Verflechtungen des islamistischen Terrorismus

Über das engmaschige und weltweit agierende Netz islamischer Stiftungen und Unternehmen
und deren finanzielle Verflechtungen mit dem internationalen Terrorismus ist in der Öffentlichkeit
nur wenig bekannt. Jürgen Turek stellt ein neues Buch vor, das diesen Verflechtungen in den
USA nachgeht und dort erhebliche Mängel bei der Bekämpfung des Terrorismus aufdeckt.

Die finanziellen Verflechtungen des islamistischen Terrorismus

Der Titel klingt reißerisch, der Stil gleicht einem Polit-Thriller. Die Lektüre des ursprünglich anonym verfassten Buches „Die Terroristenjägerin“ lohnt gleichwohl auch für den an handfester Information interessierten Leser. Es ist ein autobiografisch aufgemachter Teil der Geschichte einer jungen Frau auf den Spuren des Terrors. Mittlerweile hat die Autorin ihre Identität enthüllt. Ihre Motivation zu diesem Buch war ohnehin auch vorher klar. Sie tat was sie tat, weil sie die Ermordung ihres Vaters durch den gestürzten Diktator Saddam Hussein nicht vergessen konnte. Es handelt sich um die Direktorin des amerikanischen SITE-Instituts (The Search for International Terrorist Entities), Rita Katz. Sie deckt mit diesem Buch die finanziellen Verflechtungen islamistischer Organisationen in den USA mit dem internationalen Terrorismus und erhebliche rechtliche und politische Mängel bei der innenpolitischen Bekämpfung des Terrors in den Vereinigten Staaten auf.

Als Angehörige der jüdischen Minderheit in Irak geboren, floh die Autorin, nachdem ihr Vater unter der vorgeblichen Anschuldigung, ein „zionistischer Spion“ zu sein, hingerichtet worden war, nach Israel, wo sie Nahost-Politik studierte. Als im ersten Golf-Krieg irakische Raketen in Israel einschlugen, entschlossen sie und ihr Mann sich, aus Israel auszuwandern und in den USA eine neue Existenz aufzubauen. Dort hat dann die abenteuerliche Geschichte einer in wesentlichen Teilen verdeckten Ermittlung begonnen.

Als frisch eingestellte Mitarbeiterin eines amerikanischen privaten Instituts stieß sie Anfang der neunziger Jahre eher beiläufig bei der Analyse einer Broschüre der Holy Land Foundation auf die ersten Spuren eines engmaschigen und weltweit agierenden Netzes islamistischer Stiftungen und Unternehmen und ihrer Dependancen in den USA. Hierbei wertete die mit dem muslimischen Kulturkreis bestens vertraute und perfekt arabisch sprechende Autorin zunächst öffentlich frei zugängliche Quellen aus. Propagandabroschüren, Zeitungsartikel politische Magazine oder Steuerbescheide wiesen ihr dabei den Weg zu den Akteuren und Institutionen, die in den USA mit ihren finanziellen Transfers den Terror auf der ganzen Welt mit organisierten. Ein schier unfassbares Netz von Verbindungen zwischen Organisationen wie dem Islamic Committee for Palestine, dem Institute of Islamic Thought oder der mit saudischem Geld finanzierten Stiftung Saleh Abdul Aziz al-Rajhi kam da zum Vorschein. Verkleidet als Muslimin irakischer Herkunft spionierte Katz dann im oftmals nicht ungefährlichen Undercovereinsatz genaue Vorgänge und Kontakte in Stiftungen, Moscheen oder anderen muslimischen Einrichtungen zusätzlich aus. So konnte sie viele Insiderinformationen vor Ort authentisch ermitteln, die sich später, im systematischen Abgleich mit anderen Daten, zu einem Gesamtbild einer wie geölt funktionierenden Geldmaschinerie verdichten ließen.

Mit ihrem Bericht verdeutlicht die Verfasserin, wie diese Institutionen unter dem Deckmantel der Wohltätigkeit und vor den Augen des amerikanischen Staates unbehelligt große Summen direkt auf die Konten der Terroristen schleusen konnten. Besonders bemerkenswert dabei ist: Alle terroristischen Gruppen profitierten gleichermaßen vom System. Ob Muslimbrüder, Hisbollah, Hamas oder Al Khaïda, die ganze Internationale des islamistischen Terrors war gleichermaßen eng vernetzt in einem System des illegalen Geldtransfers vereint.

Einigermaßen erstaunt über die Gerissenheit und Chuzpe der handelnden Akteure, die die Religionsfreiheit in den USA auf schamlose und aggressive Weise für ihre Zwecke nutzten, bestürzt bei der Lektüre darüber hinaus die Untätigkeit oder Ignoranz der amerikanischen Behörden. Rita Katz war laufend mit ihnen in beruflichem Kontakt. Ihre Erkenntnisse, Hinweise oder Warnungen wurden jedoch offensichtlich von den Geheimdiensten oder dem FBI nicht ernst genommen, unterschätzt oder geflissentlich überhört. So schält sich mehr und mehr das Bild von überforderten oder ignoranten Agenten und Bürokraten heraus, die das Wesen und die Struktur des islamistischen Terrors nicht verstanden und die auch nicht in hinreichendem Maße miteinander kommunizierten. Hinzu kamen Mängel im politischen und rechtlichen System. So verweigerte das FBI in vielen Fällen Informationen mit dem Hinweis auf den Foreign Intelligence Surveillance Act (FISA). Die FISA ist das Gesetz, das die Maßnahmen der Gegenspionage und Terrorismusbekämpfung von Ausländern auf amerikanischem Boden regelte und dazu anwies, spezifische Informationen zu sammeln, die dann aber nicht in Kooperationen mit anderen Abteilungen des Büros oder Diensten einfließen durften.

Auch wenn man heute weiß, dass manches in den rechtlichen Regelwerken oder in der bürokratischen Struktur nicht mehr so wie früher oder die innere Sicherheit anders organisiert ist, so ist das hier gezeichnete Bild doch Besorgnis erregend. Und es beschleicht einen einmal mehr das ungute Gefühl, dass die Anschläge vom 11.September mit einem besseren Verständnis des radikalen Islamismus und einer anderen Kooperationspolitik der Regierung womöglich hätten verhindert werden können. Auch wenn einem die sehr persönliche Diktion, die zuweilen aufflackernde Eitelkeit oder die gelegentlich pointierende Subjektivität der Erzählerin missfallen mag, so sollte man, soweit noch nicht geschehen, aus diesen Erfahrungen radikale Konsequenzen ziehen.

Zum selben Thema sind zwei weitere lesenswerte Publikationen erschienen. Zum einen eine knappe, aber durchaus dichte Bestandsaufnahme terroristischer Bedrohungen der Gegenwart vom deutschen Terrorismusexperten Kai Hirschmann. Vor dem Hintergrund der Entwicklungsgeschichte des Terrorismus und der Grundelemente im terroristischen Kalkül widmet er sich besonders der multinationalen „Terror-Holding“ Al Khaïda. Auf deren Aufbau, Absichten und Techniken hat er besonders sein Augenmerk gelenkt, um anschließend die außen- und innenpolitischen Möglichkeiten der Terrorbekämpfung zu untersuchen. Das zweite Buch  ist der von Gerhard Kümmel und Sabine Collmer herausgegebene Band zum Umgang mit asymmetrischen Konflikten und Terrorismusbekämpfung. Hier gehen verschiedene Autoren den sehr unterschiedlichen Aspekten der Konfliktprävention und der Kriegsführung im 21. Jahrhundert nach.

Rita Katz, Die Terroristenjägerin. Wie ich das Netzwerk des islamistischen Terrors aufdeckte, München: Bertelsmann 2003, 415S., 22,90 EUR.

Kai Hirschmann, Terrorismus, Hamburg: Europäische Verlagsanstalt/Sabine Gronewold Verlag 2003, 94 S., 8,60 EUR.

Gerhard Kümmel/Sabine Collmer (Hrsg.), Asymmetrische Konflikte und Terrorismusbekämpfung. Prototypen zukünftiger Kriege? Baden-Baden: Nomos 2003, 168 S., 26,00 EUR.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 2, Februar 2004, S. 87-89

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