Titelthema

27. Okt. 2025

Das Ende der Neutralität

Spielt die Kulturpolitik in ihrer eigenen Sphäre, weitab von Ideologie und Parteienzwist? Nein. Wir müssen Wege finden, mit Kultur Zwecke zu verfolgen, ohne sie zu instrumentalisieren.

Michael Müller-Verweyen
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Bild: Männer in bayrischer Tracht eröffnen ein Oktoberfest in Venezuela
Wenn in Venezuela das Oktoberfest gefeiert wird, zahlt das auf ein positives Deutschland-Bild ein. Immer mehr Länder erkennen, wie wichtig ein gutes Image als Machtressource ist – und investieren dementsprechend.
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In die Auswärtige Kulturpolitik kommt Bewegung. Ralf Beste, seinerzeit Leiter der Abteilung Kultur und Gesellschaft im Auswärtigen Amt, hatte vor der Bundestagswahl 2025 für einen Begriffswechsel plädiert und erklärt: „Kulturpolitik ist Gesellschaftspolitik.“ Das Auswärtige Amt und seine Mittler betrieben keine Kulturpolitik, wie wir sie aus dem Inland kennen. Es gehe weder um eine Förderung von Kultur im Ausland noch um Regierungskommunikation oder ein die Außenwirtschaft flankierendes Engagement – für solche Kulturveranstaltungen gibt es Finanzmittel beim Wirtschaftsministerium –, sondern um „Außenpolitik mit Mitteln aus Kultur, Wissenschaft, Bildung usw.“ Die „Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik“ (AKBP), wie sie offiziell heißt, bestimmt sich nicht innerkulturell.

Die Heftigkeit, mit der solche Festlegungen in der Vergangenheit zurückgewiesen wurden, wirft die Frage auf: Wollten die Kritiker die Kultur vor Übergriffigkeit schützen – oder ging es ihnen in Wahrheit um eine Immunisierung gegen Kritik? Ganz so, als wäre der Kern der AKBP nichts ­Politisches – auch wenn sie das Politische in ihrem Namen trägt. 


Weitermachen, solange es geht

Das, was in der AKBP geschieht, wird gemeinhin mit dem Begriff Kulturaustausch beschrieben. In der praktischen Anwendung verführt der Begriff allerdings dazu, indifferent gegenüber im Ausland vorgefundenen autoritären oder demokratischen Verhältnissen aufzutreten. In gewisser Weise ist dieses, nennen wir es einmal, „Sauberhalten“ der Kultur durchaus ein Erbe der Nachkriegszeit und ihres Umgangs mit der Kultur der 1930er und 1940er Jahre. Es bringt den Vorteil, Kultur auch dort schützen zu können, wo Kulturschaffende von Seiten der Politik unter Druck geraten. 

Im Zweifelsfall gilt, dass man selbst da, wo gravierendere politische Divergenzen vorliegen, „unter dem Radar“ der schlechter werdenden Beziehungen weitermacht, solange das eben möglich ist. Und von solchen Fällen gibt es heute mehr als ­seinerzeit: Seien es Putins Russland, Lukaschenkos Belarus, Orbáns Ungarn oder Netanjahus Israel und der Iran. Dadurch wird allerdings der Eindruck erweckt, als sei Kulturpolitik etwas der weltanschau­lichen Differenz Enthobenes, etwas, das sich nicht auf der Höhe der politischen Beziehungen befindet. „Kulturpolitik ist gesellschaftsrelevant“, konstatiert und fordert demgegenüber der neue Koalitionsvertrag, und das muss auch für die Auswärtige Kulturpolitik gelten. 

Wie also sieht eine AKBP (oder in der neuen Terminologie: Auswärtige Kultur- und Gesellschaftspolitik, AKGP) aus, die mit Kultur Zwecke verfolgt, ohne sie zu instrumentalisieren? 

Zunächst fällt auf, dass die Sorge vor der Instrumentalisierung zaghafter ausfällt, wenn die Kultur bekenntnishaft im Dienst der Menschenrechte, des Minderheitenschutzes, der sozialen Gerechtigkeit und für sexuelle Selbstbestimmung in Anspruch genommen wird. Kulturpolitik ist aber etwas anderes als zur Schau getragene Haltung. Jürgen Kaube hat den Widerspruch in dieser Debatte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf den Punkt gebracht: „Sie“, die Kultur, „soll kein Mittel sein, wird aber dafür gelobt, höchsten Zwecken durch Nichtdienstbarkeit zu dienen.“ Das Argument einer die Kultur selbst nivellierenden oder gar zerstörenden Funktionalisierung verbindet sich überdies schwer damit, dass die Werke von Künstlern wie Georg Baselitz, Andreas Gursky und Wolfgang Tillmans auf internationalen Messen offenbar unbeschadet als Wertträger fungieren. Mit Kultur Zwecke zu verfolgen, führt keineswegs automatisch zu der verachteten „­Instrumentalisierung“ von Kultur.

Was also kann Kultur, was Politik nicht kann? Es war erstaunlicherweise Wladimir Iljitsch Lenin, der ein Gespür dafür gehabt zu haben scheint. Robert Minder berichtet, dass Lenin ins Exil „das Werk Puschkins und den ‚Faust‘ mitnahm. Was konnte er davon erwarten? Vermutlich: einen Kräftezuwachs“ – oder Resilienz, wie es neudeutsch heißt. 


Nicht nur Augentrost und Denkanstoß

Auch das Auswärtige Amt sieht Kultur als Teil einer nationalen Resilienzstrategie. Resilienz meint dabei eine fast naturhafte Widersetzlichkeit, die aus einer Balance von Elastizität und Regeneration erwächst. Allerdings sei solche Resilienz den Deutschen abhandengekommen, resümierte die ukrainische Schriftstellerin Oksana Sabuschko schon vor gut dreieinhalb Jahren in der Neuen Zürcher Zeitung. Unter der Überschrift „Lektionen aus einem großen Bluff – der Weg zum Massaker von Butscha führt auch über die russische Literatur“, beschrieb sie Deutschlands nie gelernte Lektionen über Russland. Die Deutschen, so Sabuschko, folgten nicht ihrem eigenen, sondern einem Weltbild der russischen Klassiker, das aber „den Verbrecher nicht verurteilt, sondern bedauert und Mitleid mit ihm hat“. 

Das hatte man so noch nicht gehört, entsprechend lebhaft waren die Reaktionen. Allein die Argumentation, man mag ihr folgen oder nicht, nimmt der Kultur ihre Harmlosigkeit. Sie ist, wie Andreas Kilb im November 2024 in der FAZ schrieb, eben nicht nur „Unterhaltung und Belehrung, Augentrost und Denkanstoß, sie ist auch ein Teil der Gesellschaft“. 

Für den Koalitionsvertrag der amtierenden Regierung ist die Auswärtige Kulturpolitik jedenfalls ein zielgerichtetes Unterfangen. Sie ist „ein zentraler Bestandteil der deutschen Außenpolitik, wichtiges Element der Soft Power Deutschlands und damit ein strategisches Instrument im globalen Wettbewerb um Ansehen, Einfluss, Narrative, Ideen und Werte. Sie stärkt den Wissenschafts- und ­Wirtschaftsstandort Deutschland“ – etwas ­verwunderlich, dass man hier den Kulturstandort Deutsch-land unerwähnt lässt. 


Netzwerke von Gleichgesinnten

In der Durchführung las sich das bislang so wie in der Broschüre des Goethe-Instituts „Visionen und Strategie 2026“: „Gemeinsam mit unseren Partnern richten wir den Blick auf globale Chancen und Herausforderungen und bringen unterschiedliche Perspektiven in einen vertrauensvollen Dialog.“ Da ist alles drin: gemeinsam, unterschiedlich und vertrauensvoll im Dialog. So entstehen, über Grenzen hinweg, Netzwerke von Gleichgesinnten. 

Das klingt, als bestätigten sich die, die sich ohnehin gut verstehen, im Anderen noch einmal ihres Einverständnisses. Dialogisch im eigentlichen Sinne ist das nicht. Doch wo es Partner gibt, gibt es auch Nichtpartner. Was ist mit denen? 

Unser Verständnis von Gesellschaft, ob im In- oder Ausland, ist nicht mehr das einer homogenen Gesellschaft, sondern grundlegend divers: Es ist das von Gesellschaften im Plural. In diesen Gesellschaften dominieren der Dissens, die Auseinandersetzung und der Konflikt das Zusammenleben; das macht sie bisweilen beschwerlich und in manchen Augen unerträglich. Das heißt aber, dass man sich auch als Institution nicht mehr neutral verhalten kann. Das Wort vom „ehr­lichen Makler“ wurde und wird hier gern bemüht, ohne zu erkennen, dass staatlich geförderte Institutionen wie die Mittlerorganisationen ohnehin – und das mit einem gewissen Recht – verdächtig sind, ideologisch gebunden zu sein. 

Dem lässt sich auch nicht dadurch Abhilfe verschaffen, dass man, etwa in Afrika, „jungen Kreativunternehmerinnen und -unternehmern“ durch den Einbezug in Netzwerke „die Möglichkeit“ eröffnet, „ihre Ideen so weit zu entwickeln, dass sie künstlerisch-kreativ wertvoll sind und sich gleichzeitig als nachhaltig auf dem Markt behaupten können“. Das schrieb im Jahre 2019 der Generalsekretär des Goethe-Instituts Johannes Ebert, und es klingt so, als könnten kulturelle Netzwerke ähnlich wie mobile Kommunikationsnetzwerke einfach auf vermeintlich unterentwickelte und entsprechend fragile staatliche Strukturen aufgesetzt werden. Hier wird das, was kulturelle Auseinandersetzung kann, unterschritten, zumal das Kriterium des Erfolgs in den Markt und seine Machtstrukturen ausgelagert wird. 


Kein vor Politik geschütztes Biotop

In einer divergenter gewordenen Welt wird auch die Religion wieder sichtbarer, und das macht ihre Vertreter zu notwendigen Partnern im Kulturdialog. Die Verhältnisse in Deutschland mögen erodiert sein, „christliche Kultur ohne Christen“ hat das Allensbach-Institut das einmal genannt. Doch die Mehrheit der Weltbevölkerung lebt Spiritualität, auch im kirchlichen Sinn; Gesellschaften ohne Religion sind unbekannt. 

Es bereitet ein gewisses Unbehagen, wenn man sich anschaut, wie lapidar etwa die Rückgabe der Benin-Bronzen an Nigeria abgewickelt wurde, ganz so, als handelte es sich neben der Frage eines legitimen Besitzes nicht auch um Gegenstände, mit denen ein spiritueller Geist verbunden ist. Die Rückgabe befreit nicht von der Aufgabe, sich mit der weltanschaulichen, spirituellen Seite dieser Objekte auseinanderzusetzen. 

Da Religion in Gesellschaften wie der nigerianischen als Stabilität vermittelnde Instanz erlebt wird, gehören religiös begründete Positionen zum Kulturaustausch dazu. Das hat für uns immer auch etwas Beunruhigendes, Ungezähmtes, weil solche Formen des Religiösen Potenziale haben, die sich nur schwer durch Institutionen domestizieren lassen. Man wird der bisherigen AKBP nicht unbedingt Religionssensibilität bescheinigen.

Religiös begründete Positionen haben für uns etwas Beunruhigendes, Ungezähmtes, weil sich solche Formen des Religiösen nur schwer durch Institutionen domestizieren lassen

Das betrifft vor allem eine nichtwestlich geprägte Religiosität. Die Form, in der diese Religiosität gelebt wird, spielt weniger eine Rolle als der Umstand, dass religiöse Normen für das eigene Handeln als verbindlich angesehen werden. Die Tatsache, dass es diese Verbindlichkeit in unserer Kultur nicht mehr gibt, wird von außen durchaus als Schwäche angesehen. Auch der religiös orientierte Bürger ist in seiner Religiosität als Bürger eines Landes zu sehen, der von seinem Recht auf kulturelle Teilhabe Gebrauch macht. Erst hier setzt der Dialog ein; erst eine Gegenposition löst ihn aus. Beschreibt man das in Termini der Soft Power, so geht es in der Auslandskulturarbeit nicht darum, das Verhalten der anderen durch militärischen Zwang oder durch wirtschaftliche Anreize zu beeinflussen – die AKBP setzt auf Attraktivität.

Natürlich bleibt es wichtig, im „Schaufenster“ einer Kulturveranstaltung das zu entdecken, was die geistige Produktion der eigenen wie anderer Kulturen und ­Länder umtreibt und wie es zu dem steht, was einen im jeweils eigenen Land beschäftigt. 

Zur AKBP gehört aber mehr: Sie setzt voraus, dass man in der Lage und willens ist, anzugeben, wie man etwas verstanden sehen möchte. In der Auswärtigen Kulturpolitik gibt es Akteure, die handeln und Verantwortung tragen; man muss sie daher auch mit Kategorien des Handelns und der Täterschaft – also der aktiven ­Urheberschaft – analysieren. Für eine AKBP muss es kulturpolitische Indikatoren und eine ebensolche Sprache geben, die über das individuelle Wohlbefinden beim Besuch einer Veranstaltung hinausgehen. Ihr Auftrag erschöpft sich nicht darin, eine Gruppe von Gleichgesinnten zu gründen.

Noch einmal: Hier der Konfrontation auszuweichen, unterläuft die Aufgabe. In einem Gutachten zur Documenta 2022 schrieb der Verfassungsrechtler Christoph Möllers: „Die Entscheidung über künstlerische Qualität muss einer künstlerischen Logik folgen“, auf die Organisatoren, Kuratoren etc. keinen Einfluss haben dürften. Die Logik der Kulturpolitik aber ist eine andere. Der Kulturbereich ist kein vor Politik geschütztes Biotop, jedenfalls nicht für die AKBP. Ist AKBP aber ein absichtsvolles Geschehen, braucht es ein politisches Mandat, denn nur dadurch ist es legitimiert. 

Dabei wäre es ein Missverständnis, das Mandat selbst als neutral zu sehen: Die Durchführungsorganisation ist neutral gegenüber dem politischen Mandatsträger, eben weil der ein parteilicher Mandatsträger ist. Dass die politische Entscheidung nicht in den Händen der Durchführungsorganisatoren liegt, kann nicht heißen, dass es diese Dimension als politisch sinnstiftende nicht gibt. Um derartige Mandate zu erteilen, bedarf es einer klugen strategischen Analyse von Seiten des politischen Entscheidungsträgers. Und Mut zur Durchsetzung.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 52-55

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Michael Müller-Verweyen war über 20 Jahre als Leiter von ­Goethe-Instituten im Ausland tätig, u.a. in Lagos, Hongkong, Budapest und Vilnius. 

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