Bücher des Jahres 2025
Geboren 1928 in Warschau, der Vater Diplomat. Als die Wehrmacht 1939 in Polen einfällt, ist die Familie in Montreal. Der junge Zbigniew („Zbig“) Brzeziński ist ein herausragender Student, er wird „Sowjetologe“, die US-Außenpolitik seine Leidenschaft: Harvard, Columbia, State Department – und schließlich das Weiße Haus, als Nationaler Sicherheitsberater von US-Präsident Jimmy Carter. Edward Luces brillante Biografie „Zbig“ ist dieses Jahr das am häufigsten genannte Buch, zudem gibt es viel Neues (und Altes) zu entdecken.
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Adis Ahmetović Außenpolitischer Sprecher, SPD-Bundestagsfraktion
Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. Neu-Edition, Piper-Verlag 2023
In Zeiten wachsender autoritärer Tendenzen und geopolitischer Spannungen bietet Arendts Analyse der Ursprünge totalitärer Herrschaft eine hochaktuelle Orientierung, um Mechanismen von Machtmissbrauch und Ideologie zu verstehen. Ihr Werk schärft den Blick für Gefahren, die Demokratien heute weltweit bedrohen.
Marieluise Beck Mitgründerin, Zentrum Liberale Moderne
Franz-Stefan Gady: Die Rückkehr des Krieges. Quadriga Verlag 2024
Wir wollen es nicht wissen. Die politisch Verantwortlichen beschwören den Frieden und geben Hilfestellung beim Verdrängen. Doch es wird uns nichts nützen. Putin kann nicht aufhören – er lebt vom Krieg. Better be prepared!
Thorsten Benner Mitgründer und Direktor, Global Public Policy Institute
Sören Urbansky und Martin Wagner: China und Russland. Suhrkamp Verlag 2025
Ein unverzichtbarer Begleiter, will man die vielschichtige Geschichte der Beziehungen zwischen China und Russland und den Hintergrund der asymmetrischen Zweckpartnerschaft zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin verstehen. Beide leiten ihre neoimperialen Ambitionen aus ihrer Geschichte ab, wie Urbansky und Wagner eindrücklich zeigen.
Martin Bialecki Chefredakteur, IP
Markus Metz und Georg Seeßlen: Blödmaschinen II. Suhrkamp Verlag 2025
Mit das Klügste und Erhellendste, was man über eine der entzündeten Wurzeln dieser Zeiten lesen kann. Es geht um rechte Narrative und gesellschaftliche Regressionen, um Rückzug aus Angst, um die wütende Ablehnung der Wahrheit und, leider, die Bereitschaft zur Dummheit. Großartig geschrieben für alle, die wissen wollen, warum das Blöde auf dem Globus so mächtig geworden ist.
Liana Fix Senior Fellow for Europe, Council on Foreign Relations
Hans Morgenthau: Politics Among Nations. Alfred A. Knopf 1949
Deutschland und Europa dachten lange, sie leben in einem Paradies, in dem Großmachtpolitik keine Rolle mehr spielt. Jetzt, wo sich die USA vom Westen verabschieden, sind sie plötzlich wieder im Dschungel der Großmachtpolitik angekommen – und müssen anfangen, die Logik der Macht wieder zu verstehen. Niemand ist dafür ein besserer Lehrer als Hans Morgenthau. Der Begründer des politischen Realismus ist heute Pflichtlektüre.
Ulrike Franke Senior Policy Fellow, European Council on Foreign Relations
Jacinda Ardern: A Different Kind of Power. Macmillan 2025
Ardern wurde bekannt als die neuseeländische Premierministerin, die im höchsten politischen Amt ein Kind bekam. In ihrer Autobiografie schreibt sie über diese Herausforderung. Das Buch bietet aber auch spannende Einblicke in ein Politikerleben, in dem es nicht primär um Macht und Einfluss geht. Ardern fordert – und lebt – mehr Freundlichkeit in der Politik und der Welt. Ein wohltuender Ansatz, gerade in der heutigen Zeit.
Florence Gaub Forschungsdirektorin, NATO Defense College
Margaret Heffernan: Embracing Uncertainty. Bristol University Press 2025
Für mich ragt Heffermans Buch heraus, weil es einen ganz neuen Ansatz vorschlägt, wie man mit dem Chaos der Welt zurechtkommt – indem man von Künstlern lernt, kreativ Neues daraus zu schaffen.
Emily Haber Staatssekretärin und Botschafterin a.D.
Gary Gerstle: The Rise and Fall of the Neoliberal Order. Oxford University Press 2022
Ein faszinierendes Buch über Entstehen und Zerfall von gesellschaftlichem Konsens – für den Gerstle den Begriff der Ordnung verwendet. Seine Analyse der zwei Jahrzehnte langen, von einer Mitte der Gesellschaft getragenen amerikanischen „Ordnungsphasen“ – New Deal und Neoliberalismus – verhilft zu einem frischen Blick auf die heutigen amerikanischen Umbrüche als Periode zwischen Ordnungen.
Astrid Irrgang Geschäftsführerin, Zentrum für Internationale Friedenseinsätze
Sebastian Haffner: Abschied. Hanser Verlag 2025
Ein sensationeller Roman aus dem Nachlass Haffners. Frühjahr 1931. „Die Krise war noch nicht richtig erfunden.“ Der junge Haffner besucht Teddy, seine nach Paris emigrierte, vielfach umschwärmte Freundin. Leichtigkeit, Glück und die titelgebende Vorahnung. Geschichte vollzieht sich in Privatgeschichten. Wenn man die Zukunft doch nur aufhalten könnte. „Du hast Angst vor Berlin“? Und Teddy sagt darauf einfach „Ja“.
Wolfgang Ischinger Präsident des Stiftungsrats und Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz
Edward Luce: Zbig. The Life of Zbigniew Brzezinski. Simon & Schuster 2025
Während schwieriger transatlantischer Jahre (2001–2006) als deutscher Botschafter in Washington habe ich mich oft auf den Rat einiger weiser Freunde verlassen. Zbig war einer von ihnen. Jedes Mal verließ ich das Gespräch ein wenig klüger. Luces „Zbig“ ist eine Freude zu lesen und bietet eine gründliche Darstellung des analytischen Verstands von Zbigniew Brzeziński sowie seines enormen Einflusses auf die US-Außenpolitik.
Manuela Kasper-Claridge Chefredakteurin, Deutsche Welle
J.D. Vance: Hillbilly-Elegie. Yes Publishing 2024
Der amerikanische Traum – für viele existiert er nicht. US-Vizepräsident J.D. Vance beschreibt in seinem ursprünglich 2016 erschienenen Buch schonungslos die Resignation einer ganzen Bevölkerungsschicht. Armut, Alkohol und zerstörte Hoffnungen – „Hillbilly-Elegie“ ist ein ehrliches Porträt seiner Familie. Wer Trumps Amerika verstehen will, sollte dieses Buch lesen.
Thomas Kleine-Brockhoff Otto Wolff-Direktor, DGAP
Richard Holbrooke: To End a War. Random House 1998
Vor 30 Jahren wurde das Dayton-Abkommen geschlossen, das den Krieg in Bosnien beendete. Die Erinnerungen des US-Verhandlungsführers Holbrooke erzählen, wie man einen Krieg erfolgreich beendet: durch Waffenlieferungen, durch amerikanischen Druck, Drohungen und Anreize, durch minutiöse Vorbereitung und ein paar taktische Winkelzüge – jedenfalls nicht durch massenhafte Vorab-Zugeständnisse und orientierungslose Gipfeldiplomatie.
Jörg Lau Außenpolitischer Korrespondent, DIE ZEIT
Bastian Matteo Scianna: Sonderzug nach Moskau. C.H. Beck Verlag 2024
Scianna hat die Russland-
Politik der letzten zwei Jahrzehnte aufgearbeitet. Er zeigt, wie die „Utopie der Verflechtung“ die deutsche Außenpolitik in die Irre führte – ein Standardwerk, das darüber hinwegtröstet, dass es bis heute keinen Untersuchungsausschuss über dieses Politikversagen gibt.
Oliver Linz Leiter Planungsstab, Auswärtiges Amt
Taylor Downing: 1983: The World at the Brink. Little, Brown 2018
1983 drohte zum letzten Mal der Kalte in einen heißen Krieg zu münden. Diese (spannende) Geschichte ist leider in Deutschland noch immer zu unbekannt – obwohl die heutige Weltlage der damaligen immer ähnlicher zu werden scheint.
Kristina Lunz Mitgründerin und CEO, Centre for Feminist Foreign Policy
Kenneth Roth: Righting Wrongs. Allen Lane 2025
Das Buch des früheren Direktors von Human Rights Watch zeigt eindrücklich, wie mutiger Widerstand gegen autoritäre Regierungen Außenpolitik verändern kann – und warum die Verteidigung der Menschenrechte ins Herz von Außenpolitik gehört.
Carlo Masala Professor für Internationale Politik, Universität der Bundeswehr München
Edward Luce: Zbig. The Life of Zbigniew Brzezinski. Simon & Schuster 2025
Eine fantastische Biografie, geschrieben von einem der besten Journalisten, die uns einen der wichtigsten Politikberater des vergangenen Jahrtausends näher bringt – nicht nur als Menschen, sondern vor allem als Strategen amerikanischer Außenpolitik.
Hanns W. Maull Senior Associate Fellow, MERICS und Gastwissenschaftler, SWP
Edward Luce: Zbig. The Life of Zbigniew Brzezinski. Simon & Schuster 2025
Mit dieser eindrucksvoll recherchierten Biografie rückt Luce ein Geschichtsbild zurecht,das Jimmy Carter und seinen Nationalen Sicherheitsberater in den Schatten Richard Nixons und Henry Kissingers stellt. Luce bekam Zugang zu den Aufzeichnungen, die Brzeziński von 1973 bis 1977 Tag für Tag akribisch diktierte, er führt die Leser mitten hinein in die damaligen außenpolitischen Entscheidungsprozesse in Washington.
Almut Möller Director for European and Global Affairs, European Policy Centre
João Vale de Almeida: The Divorce of Nations. The History Press 2025
Aus dem Maschinenraum der noch jungen EU-Außenpolitik schreibt einer ihrer Pioniere: Vale de Almeida, ehemaliger EU-Botschafter in den USA, in Großbritannien und bei den UN, kennt die EU auch von innen, unter anderem aus seiner Zeit als Kabinettschef von Kommissionspräsident Barroso. Ein bisher zu seltener Einblick, wie die EU Außenpolitik macht, und ein Plädoyer dafür, dass sie dringend besser werden muss.
Nora Müller Leiterin des Berliner Büros der Körber-Stiftung
Herfried Münkler: Macht im Umbruch. Rowohlt Verlag 2025
Mit seiner Analyse trifft Münkler einmal mehr den Nerv der Zeit. Berlin muss (noch) stärker Führung in der Europäischen Union übernehmen, um die EU zu einem handlungsfähigen Akteur in einer unsicheren Welt zu machen. Mit diesem Plädoyer bringt er die Kernherausforderung deutscher Europapolitik auf den Punkt.
Sara Nanni Sicherheitspolitische Sprecherin, Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen
Sunzi: Die Kunst des Krieges. Nikol Verlag 2019
Eine Sammlung von Kalendersprüchen über Krieg und Frieden oder uralte Anleitung zur chinesischen Hegemonie im 21. Jahrhundert? Die Lektüre dieses Klassikers lohnt sich auch 2025 in jedem Fall.
Jana Puglierin Leiterin, Berliner Büro, und Senior Policy Fellow, European Council on Foreign Relations
Lea Ypi: Frei. Suhrkamp Verlag 2022
Ypis Buch ist fesselnd, klug und oft sehr witzig. Es wirft die Frage auf, was Freiheit wirklich bedeutet – und beantwortet sie mit einem autobiografischen Blick auf ihre Kindheit im kommunistischen und anschließend kapitalistischen Albanien.
Nils Schmid Parlamentarischer Staatssekretär, Bundesministerium der Verteidigung
Kevin Rudd: The Avoidable War. Public Affairs 2022
Trotz aller drängenden sicherheitspolitischen Risiken auf dem europäischen Kontinent bleibt der Umgang mit China langfristig die größte außenpolitische Herausforderung. Der ehemalige australische Premierminister analysiert mit großer Weitsicht die strategische Rivalität zwischen den USA und China und erläutert, wie ein militärischer Konflikt durch kluge Diplomatie und „kontrollierten Wettbewerb“ vermieden werden könnte.
Daniela Schwarzer Vorständin, Bertelsmann Stiftung
Edward Fishman: Chokepoints. Portfolio/Penguin 2025
Ein tiefer Einblick in die Art, wie die USA seit George W. Bushs Präsidentschaft sehr effektiv geoökonomisch Macht ausüben – mit vielen Lehre für Deutschland und Europa.
Linn Selle Alfred-von-Oppenheim-Leiterin Europa-Zentrum, DGAP
Radek Sikorski: The Polish House. Weidenfeld & Nicholson 1997
Ein berührendes Buch des heutigen polnischen Außenministers über die Restaurierung seines „polnischen Hauses“ und der damit verbundenen (Familien-)Geschichten. Sikorski erzählt die bewegte Historie der polnischen Nation und der Region um Bydgoszcz, gleichermaßen die so eng verwobene wie traumatische Verknüpfung zwischen Deutschen und Polen. Der konkrete Ort wird so zu einem Prisma europäischer Geschichte des 20. Jahrhunderts.
Wolf-Jürgen Stahl Präsident, Bundesakademie für Sicherheitspolitik
Steffen Mau, Thomas Lux und Linus Westheuser: Triggerpunkte. Suhrkamp Verlag 2023
Das Buch der drei Sozialwissenschaftler stellt Konsens- und Konfliktlinien in der deutschen Bevölkerung auf eine empirische Grundlage. Die ist demnach wesentlich differenzierter, als das tägliche Abbild in der öffentlichen Debatte oder Metaphern wie „Spaltung“ suggerieren. Das ist sicherheitspolitisch relevant, weil es einen Blick auf das Fundament demokratischer Resilienz gewährt.
Constanze Stelzenmüller Director, Center on the United States and Europe, Brookings Institution
Stephan Kieninger: Securing Peace in Europe. Strobe Talbott, NATO, and Russia after the Cold War. Columbia University Press 2025
Talbott war Journalist, stellvertretender US-Außenminister unter Präsident Bill Clinton, Russland-Kenner von Rang und vormals Präsident der Brookings Institution. Ohne ihn sähen Mittel- und Osteuropa heute sehr anders aus.
Internationale Politik 6, November/Dezember 2025, S. 120-126