Interview

15. Apr. 2026

„Washington kann Entwicklungen in der Region nicht diktieren“

Der Iran-Krieg begann, weil sich US-Präsident Donald Trump für Gewalt entschied – und verkalkulierte. Nun stehen die Europäer vor einem Dilemma, das sie nicht selbst verschuldet haben.

Karim Sadjadpour
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Karim Sadjadpour
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Herr Sadjadpour, wir sprechen kurz nach dem Scheitern der ersten Runde von Friedensgesprächen zwischen den USA und dem Iran unter Vermittlung Pakistans. Als Reaktion hat US-Präsident Donald Trump eine Blockade der Straße von Hormus verhängt. Dabei hatte er selbst die Iraner gedrängt, den Schifffahrtsweg wieder zu öffnen. Können Sie das erklären?

Nach meiner Einschätzung stehen die USA und der Iran vor einem Dilemma: Präsident Trump hat bereits über 50 Milliarden Dollar für diesen Krieg ausgegeben und kann es sich nicht leisten, weniger vom Iran zu fordern als vor dem Krieg. Die iranische Seite wiederum glaubt, gesiegt zu haben. Für sie ist es ein Kampf ums Überleben, und sie verlangt jetzt viel mehr als vor dem Krieg, da dem Iran Schäden in zwei­stelliger Milliardenhöhe entstanden sind. In gewisser Weise sind beide Seiten heute weiter voneinander entfernt als vor dem Krieg. 

Die Obama-Regierung brauchte mehr als zwei Jahre, um ein Atomabkommen mit dem Iran auszuhandeln. Wenn die Trump-Regierung erwartet, in kurzer Zeit nicht nur über das iranische Nuklearprogramm, sondern auch über die Raketen, Drohnen und Proxies wie die Hisbollah sowie über die Straße von Hormus verhandeln zu können, halte ich das für völlig unrealistisch. Das bestmögliche Ergebnis ist, von einem heißen Konflikt zu einem kalten zurückzukehren.

Ein Deal ist nicht vorstellbar?

Nein, eine echte Lösung ist nicht möglich, solange Ideologie und Identität der Islamischen Republik auf den Losungen „Tod für Amerika“ und „Tod für Israel“ beruhen. Das Regime ist der Überzeugung, dass es diese Identität nicht aufgeben kann, denn alles andere würde nicht sein Überleben sichern, sondern den Zusammenbruch beschleunigen. 

Das war die Obsession von Ajatollah Ali Khamenei – der 86-jährige Oberste Religionsführer, der am ersten Kriegstag getötet wurde – mit Blick auf das Ende der Sowjetunion. Nach seiner Überzeugung kam es zum Zusammenbruch, als Michail Gorbatschow versuchte, die Sowjetunion zu reformieren. Viele Menschen fragen: „Warum können die Amerikaner nicht einfach Frieden mit dem Iran schließen?“ Die Antwort darauf lautet, dass dies keine Entscheidung ist, die allein in ihrer Macht steht. Ich glaube sogar, dass Trump selbst einen großen Deal mit dem Iran wollte. Er wünschte sich ein Ergebnis analog zu US-Präsident Richard Nixons überraschendem Besuch in China 1972. Das war seine ursprüngliche Hoffnung. Doch als sich die iranische Führung nicht mit ihm treffen wollte – anders als der nordkoreanische Machthaber Kim Jong-un oder andere Gegner –, entschied sich Trump für Gewalt. 

Trump und seine Regierung haben eine Vielzahl von Kriegszielen genannt. Welches war Ihrer Meinung nach der Hauptgrund, warum er den Krieg Ende Februar begann? 

Man muss sich die Geschichte von Trumps Beziehungen zum Iran ansehen. 2018 stieg Trump aus dem Atomabkommen aus, dem Gemeinsamen Umfassenden Aktionsplan (JCPOA), das Barack Obama ausgehandelt hatte. Viele Menschen, auch seine Berater, hatten Trump vor den Folgen gewarnt. Als sich diese Folgen als nicht allzu schwerwiegend herausstellten, fühlte er sich bestätigt. Im Januar 2020 ließ er Qassem Soleimani ermorden, den Kommandeur der Quds-Einheit, dem Auslandseinsatzkommando der Islamischen Revolutionsgarden. Wieder warnten viele Trump vor schwerwiegenden Konsequenzen. Doch diese blieben aus, und Trump fühlte sich erneut bestätigt. Im vergangenen Sommer ließ er dann 14 bunkerbrechende Bomben auf iranische Atomanlagen abwerfen. Viele befürchteten, dies würde einen Krieg in der Region auslösen. Doch auch das passierte nicht. 

In Sachen Iran hat Trump also schon mehrfach hoch gepokert. Er ging Risiken ein und war überzeugt, dass ihm das Ergebnis recht gab. Trumps jüngste Entscheidung ist von dieser Vorgeschichte geprägt, ebenso wie von der Tatsache, dass er kurz zuvor erfolgreich Präsident Nicolás Maduro von Venezuela nach New York hatte verbringen lassen. Das Exempel Venezuela hatte ihn in einen Erfolgsrausch versetzt.

Nach meiner Einschätzung war es nicht einmal Trumps bevorzugte Wahl, Krieg gegen den Iran zu führen. Er hatte gehofft, den Iran durch die massive Aufstockung der US-Streitkräfte in der Golfregion zur Kapitulation zwingen zu können. Sein Sonderberater für den Nahen Osten, Steve Witkoff, hat dies wenige Wochen vor dem Angriff angedeutet, als er sagte, Präsident Trump sei überrascht gewesen und habe gefragt, warum der Iran nicht kapitulierte. Das war meines Erachtens der Moment, in dem Trump die Entscheidung traf, den Krieg zu beginnen. Zudem hielt er den Iran für militärisch geschwächt, ohne Kontrolle über den eigenen Luftraum. Das war der Kontext. Trump hoffte, derjenige zu sein, der einer seit 47 Jahren anhaltenden Bedrohung durch die Islamische Republik Iran ein Ende setzen würde.

Aber ganz so hat das nicht funktioniert. Was sagt das aus über die Macht der USA?

Wenn es eine entscheidende Lehre gibt, die wir aus den Erfahrungen der vergangenen 25 Jahre im Nahen und Mittleren Osten ziehen können, dann ist es die, dass Washington die politischen Entwicklungen nicht diktieren kann. In Afghanistan haben wir schätzungsweise eine Billion Dollar ausgegeben und Tausende amerikanischer Leben geopfert. Zwei Jahrzehnte später sind die Taliban wieder an der Macht. Im Irak gab es große Ambitionen, dem Land die Demokratie zu bringen. Heute blickt praktisch jeder auf die Erfahrungen im Irak zurück und sagt, dass es das Blut und das Geld Amerikas nicht wert war. Auch während des Arabischen Frühlings haben die USA versucht, die politischen Entwicklungen positiv zu beeinflussen, und sind gescheitert. Ich glaube, das war eine parteiübergreifende Lektion, die die meisten Amerikaner im vergangenen Vierteljahrhundert gelernt haben.

Trump jedoch, ermutigt durch den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, glaubte derjenige sein zu können, der den Kalten Krieg mit dem Iran beendet, welcher 1979 mit der Islamischen Revolution und der Geiselnahme von US-Botschaftsangehörigen in Teheran begonnen hatte. In Trumps Vorstellung war nicht der Irak, sondern Venezuela das Vorbild. Er hoffte schlichtweg darauf, die politische Führung zu enthaupten, um eine freundlichere Regierung an die Macht zu bringen, die eine Partnerschaft mit den USA eingehen könnte. 

Russland und China beobachten die Situation genau. Welche Rolle spielen sie?

Russland und China werden oft in einen Topf geworfen, wenn es um ihre Interessen in diesem Konflikt geht. Es ist aber wichtig, sie zu unterscheiden. Russland möchte das Regime aus mehreren Gründen an der Macht halten. Die Islamische Republik ist den USA ein Dorn im Auge. Das bedeutet, dass solange das Regime existiert, der Iran isoliert und auf die strategische und nukleare Unterstützung Russlands angewiesen ist. Tatsächlich ist der Iran inzwischen in hohem Maße von Russland abhängig. Und er kann seine riesigen Erdgasreserven nicht nutzen. Der Iran verfügt nach Russland über die zweitgrößten Erdgasreserven weltweit. Doch aufgrund seiner Isolation fehlt ihm die Technologie, um davon zu profitieren; er ist nicht einmal unter den 15 größten Gasexportnationen. Folglich ­konkurriert der Iran nicht mit Russland um die europäischen Gasmärkte. Auch konkurriert er nicht mit Russland um Einfluss in Zentralasien. Und der Iran hat Russland durch die Lieferung von Drohnen für den Krieg gegen die Ukraine sehr geholfen.

China fällt in eine andere Kategorie. Eine andere Regierung in Teheran – eine, die die nationalen Interessen über die revolutionäre Ideologie stellt – wäre für China von Vorteil, da der Iran sein Energiepotenzial bei Weitem nicht ausschöpft. Im Jahr 1978 produzierte der Iran täglich sechs Millionen Barrel Öl und exportierte fünf Millionen Barrel; heute sind es nur Bruchteile davon. Ein Iran, der sein enormes Energiepotenzial voll ausschöpft, wäre für China von großem Nutzen.

Peking unterhält auch enge Beziehungen zu Irans regionalen Rivalen und Gegnern, namentlich Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE), und strebt regionale Stabilität an. Russland hingegen profitiert von regionaler Instabilität, da diese die Risikoprämie bei den Ölpreisen hochhält. Aus diesen Gründen glaube ich nicht, dass die Interessen beider Länder deckungsgleich sind. Auf einer Makroebene ist es allerdings beiden Ländern recht, wenn sich die USA im Iran verstricken, weil sie dann ihren Fokus nicht so sehr auf die Ukraine und Taiwan richten können.

Apropos regionale Stabilität: Inwiefern hat der Krieg das Kräfteverhältnis in der Region verändert? 

In meiner Vorstellung unterteile ich die Länder der Region in Falken und Geier. Die Falken streben nach blühenden Gesellschaften und Volkswirtschaften, die Geier nähren sich vom Elend und Unglück anderer. Zu den Falken gehören Länder wie die VAE, Saudi-Arabien und Katar. Sie haben zukunftsorientierte Visionen, die regionale Stabilität, eine Partnerschaft mit den Vereinigten Staaten und eine Entspannung der Beziehungen zu Israel erfordern. Sie wollen internationale Zentren für Technologie, Finanzen und Verkehr werden, und all diese Ambitionen benötigen regionale Stabilität.

Vergleichen Sie das einmal mit der Islamischen Republik Iran. Wenn man sich die Länder ansieht, die Teheran vor dem 7. Oktober 2023 dominierte, handelt es sich im Wesentlichen um fünf gescheiterte Staaten: Syrien, Libanon, Jemen, Irak und Gaza. Irans Geschäftsmodell basiert auf Instabilität, nicht auf Stabilität. Wann immer ein Konflikt tiefgreifende Instabilität und Unsicherheit mit sich bringt, spielt das dem Iran in die Hände, nicht den Golfstaaten. In einigen dieser Länder, zum Beispiel den VAE, ist die Mehrzahl der Einwohner Ausländer. 

Wenn die Menschen dort das Gefühl bekommen, dass sie ihres Lebens nicht mehr sicher sind, kann dies eine Abwanderung von Fachkräften auslösen. Nehmen wir zum Beispiel die Rechenzentren, die derzeit gebaut werden: Wenn große internationale Unternehmen befürchten, dass diese Rechenzentren durch iranische Raketen und Drohnen gefährdet sind, werden sie ihre Investitionen überdenken.

Ich behaupte nicht, dass sich das Kräfteverhältnis zugunsten des Iran verschoben hat. Es trifft aber zu, dass Instabilität und Chaos bedeuten, dass die Islamische Republik ihre Stärken ausspielen kann.

Wo steht Israel? 

Das ist eine wichtige Frage, denn Israel verfolgt in Bezug auf den Iran andere Interessen als die USA oder die Golfstaaten. Das ideale Szenario für die meisten Länder der Region sowie für die USA und Israel ist ein Iran, dessen oberstes Prinzip das nationale Interesse ist und nicht die revolutionäre Ideologie; ein Iran, der danach strebt, wenn man so will, ein Falke zu werden. Aber wenn dieses ideale Ergebnis nicht erreicht werden kann, was ist dann der Plan B? Welches andere Szenario gibt es, mit dem man leben könnte? Für die Golfstaaten und die USA wäre ein Iran, der zu einem gescheiterten Staat wie Syrien wird, ein verheerendes Ergebnis. Für Israel hingegen ist ein Iran, der im Chaos versinkt und nicht in der Lage ist, Macht zu projizieren und Israel zu bedrohen, nicht unbedingt ein schlechtes Ergebnis. Zudem ist die Schließung der Straße von Hormus für Israel keine so existenzielle Bedrohung wie für die Golfstaaten, die auf freie Fahrt durch diese Meerenge angewiesen sind.

Wie ist die Lage im Iran selbst? Ist das Regime geschwächt oder gestärkt?

Militärisch hat der Krieg den Iran zweifellos geschwächt. Die Frage ist, ob das Regime heute gefestigter ist als noch im Januar, als es mit landesweiten Massenprotesten konfrontiert war. Damals gingen Millionen Menschen auf die Straße, auch in sehr traditionsbewussten Städten, und riefen: „Tod für Khamenei, Tod für die Islamische Republik!“ Damals argumentierte ich, die Regierung sei ein „Zombie-Regime“ mit einer sterbenden Ideologie, einem sterbenden Obersten Religionsführer und sterbender Legitimität. Die Frage ist, ob dieser Krieg dem Zombie-Regime neues Leben eingehaucht hat. Ajatollah Khamenei starb als Märtyrer und nicht als Verlierer, ebenso wie viele andere hohe Funktionäre. Hat dieser Krieg die verbleibende politische Elite davon überzeugt, dass sie getötet wird, wenn sie nicht selbst tötet? Hat er der revolutionären Ideologie neues Leben eingehaucht? Das muss sich noch zeigen. 

Die Geschichte lehrt uns, dass militärische Demütigungen im Spätstadium von Diktaturen deren Untergang beschleunigen können – man denke nur an die Erfahrungen der Sowjetunion in Afghanistan. Es ist also möglich, dass wir in fünf Jahren sagen werden, dass die bereits vorhandenen Probleme des Regimes durch diesen Krieg verschärft wurden und zu seinem Untergang führten. Doch die Geschichte zeigt uns auch, dass nicht nur Druck von unten, sondern vor allem Spaltungen an der Spitze notwendig sind, damit sich ein autoritäres Regime wandelt oder zusammenbricht. Bislang haben wir im iranischen System, insbesondere innerhalb der militärischen Elite, keine Risse gesehen.

Die Europäer haben sehr unterschiedlich auf den Krieg reagiert. Bundeskanzler Friedrich Merz unterstützte ihn zunächst, ruderte dann aber zurück. Verteidigungsminister Boris Pistorius forderte, sich aus dem Krieg herauszuhalten: „Das ist nicht unser Krieg.“ Was ist Ihre Sicht auf Europa, wenn es um diesen Konflikt geht? 

Nach meiner Einschätzung hat sich der europäische Blick auf den Iran nach dem russischen Großangriff auf die Ukraine 2022 verändert, als der Iran begann, Putin zu unterstützen und Drohnen zu liefern. Während man früher mitunter von Europäern hörte, Israel oder die USA seien die Aggressoren, öffnete Irans Unterstützung für Putin vielen Europäern die Augen für den bösartigen Charakter der Islamischen Republik.

Im Großen und Ganzen bevorzugten die Europäer eine Eindämmungspolitik gegenüber dem Iran, um das Problem möglichst so lange unter Kontrolle zu halten, bis das Regime schließlich zum Kurswechsel gezwungen wird oder – ähnlich wie die Sowjetunion – unter seinen eigenen Widersprüchen zusammenbricht. Ich habe Verständnis für das europäische Dilemma, denn Präsident Trump begann diesen Krieg aus freier Entscheidung. Inzwischen hat er sich zu einem Krieg aus Notwendigkeit entwickelt. Es liegt in niemandes Interesse – weder in dem Europas noch Asiens, und offensichtlich auch nicht dem der USA oder der arabischen Golfstaaten –, dass der Iran aus diesem Krieg als Herrscher über die Straße von Hormus hervorgeht und diese zu seinem Panamakanal macht. Das würde den wirtschaftlichen Interessen Europas zuwiderlaufen.

Der Iran fühlt sich durch die transatlantische Spaltung bestärkt und wird weiterhin versuchen, die Differenzen zwischen Amerika und Europa auszunutzen. Das JCPOA war ein Beispiel dafür, wie Amerika und Europa an einem Strang zogen – weil die Europäer sahen, dass Präsident Obama große Anstrengungen unternommen hatte, den Iran einzubinden, und der Iran nicht darauf einging. Dies brachte die Europäer dazu zu sagen: „Okay, hier müssen wir die Amerikaner unterstützen.“ Präsident Trump hat dieses Mal offensichtlich keine solchen Anstrengungen unternommen. Und nicht nur das: Viele Europäer sehen in ihm keinen Verbündeten, sondern fast schon einen Gegner, der territoriale Ambitionen gegenüber Grönland hegt. 

Ich verstehe also das Dilemma Europas. Eine militärische Beteiligung wäre in Europa auch nicht populär. Zugleich gilt allerdings, dass der Iran weiterkämpfen wird, wenn er den Eindruck hat, Teile Europas stünden auf seiner Seite. Und, wie schon gesagt: Ein Ergebnis, bei dem der Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus behält, ist auch den europäischen Interessen abträglich.

Die „E3“ – Frankreich, Deutschland und Großbritannien – sowie die EU spielten beim Atomabkommen JCPOA eine wichtige Rolle. Wie sieht die Lage hinsichtlich Irans nuklearer Ambitionen heute aus? Und allgemeiner: Gibt es da auch heute eine Rolle, die die Europäer spielen können?

Es existieren an die 450 Kilogramm hochangereichertes Uran, deren Verbleib nicht geklärt ist. Dieses Problem muss gelöst werden. Die iranischen Atomanlagen wurden schwer beschädigt, doch das Regime verfügt über das Know-how, um einige anderswo wieder aufzubauen. 

Zu seinen Lebzeiten verfolgte Khamenei das Ziel des „japanischen Modells“ – nämlich nur einen Handgriff davon entfernt zu sein, über Atomwaffen zu verfügen. Die neue Führung im Iran dürfte sich weitgehend einig sein, dass sie Atomwaffen als Abschreckungsmittel benötigt, ähnlich wie Nordkorea. Die Atomfrage ist nicht vom Tisch und erfordert eine einheitliche Haltung der USA und Europas. Ich bin mir nicht sicher, ob es diese gibt, ebenso wenig wie eine einheitliche Position der Europäer untereinander.

Ein Weg, um zu einer gemeinsamen Position der USA und Europas zu gelangen, besteht darin, den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Es liegt im Interesse Europas, dass der Iran keine Atomwaffen erwirbt. Es liegt im Interesse Europas, dass der Iran nicht die Kontrolle über die Straße von Hormus erlangt. Es wird Meinungsverschiedenheiten darüber geben, beispielsweise inwieweit wir den iranischen Proxies und deren Raketen und Drohnen wirklich Einhalt gebieten können. Aber in Bezug auf die beiden eben beschriebenen Säulen der Iran-Politik sind sich praktisch alle Europäer einig.

Was lehrt uns dieser Krieg über die Fähigkeiten von Mittelmächten, wenn man bedenkt, dass die Islamische Republik dem militärischen Angriff einer Großmacht standhält?

Es ist wichtig festzuhalten, dass die Islamische Republik nicht versucht hat, auf dem Schlachtfeld zu siegen. Stattdessen haben ihre Führer versucht, in den Wohnzimmern zu gewinnen. Irans Ziel war von Anfang an, die amerikanische Öffentlichkeit zu beeinflussen und Trump einzuhegen; dies gilt auch für die globale und die europäische Öffentlichkeit. Nicht alle Bürgerinnen und Bürger auf der Welt fühlen sich von Irans Atomprogramm bedroht. Doch wenn der Iran die Straße von Hormus schließt und die Ölpreise in die Höhe schnellen, betrifft das alle. 

Hinzu kommt ein Vorteil, den Diktaturen im Kampf gegen Demokratien haben: Sie müssen sich nicht um die eigene öffentliche Meinung kümmern. Man kann sehr hart verhandeln, wenn einem egal ist, welche enormen Schäden die eigene Sturheit der eigenen Bevölkerung zufügt.

In den Vereinigten Staaten hat sich gezeigt, dass die Unterstützung der Bevölkerung für diesen Krieg begrenzt ist. Er war von Anfang an nicht besonders beliebt, und die Zustimmung ist weiter gesunken. Dies gilt erst recht für Europa – auch dort findet der Krieg kaum Zustimmung. Genau hier liegt eine der Möglichkeiten, die Mittelmächte – insbesondere autoritäre Staaten – nutzen können: die westliche öffentliche Meinung zu beeinflussen.

Und dann gibt es noch eine der wichtigsten Lehren, die wir im Irak-Krieg gewonnen haben: Aufbauen dauert Jahrzehnte, Zerstören Wochen. Wer etwas aufbauen will, muss hohe Kosten, großes Engagement und langfristige Planung in Kauf nehmen. Zerstören ist viel weniger kostspielig und geht viel schneller. Ein Prozent einer Gesellschaft kann, wie wir im Irak gesehen haben, 99 Prozent der Gesellschaft das Leben zur Hölle machen.

Die Islamische Republik ist äußerst effektiv, wenn es um Sabotage und Zerstörung geht und darum, die Rolle des Störenfrieds zu spielen. Dies ist ein weiterer Vorteil, den ein autoritärer Gegner, selbst eine Mittelmacht, gegenüber einer großen demokratischen Macht haben kann. Für die Islamische Republik hat sich diese Strategie als erfolgreich erwiesen. Für das iranische Volk ist sie verhängnisvoll.

Die Fragen stellten Henning Hoff und Tim Hofmann. Aus dem Englischen von Bettina Vestring.

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Karim Sadjadpour ist Senior Fellow bei der Carnegie Endowment for International Peace in Washington, DC.