01. Juli 2019

Unsere eigene Wirklichkeit

Ein Überlebensbrief an Solongo, meine Schwester im Geiste – für den nervenaufreibenden Alltag von Deutschen mit zwei Identitäten

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Schwester, was ist mit uns geschehen? Warum finden wir uns in Deutschland wieder, du auf den Kopfsteinpflastern Münchens und ich auf den Straßen Berlins, wo es doch wie gestern schien, als wir zusammen, Arm in Arm, in New York unter der prallen Sonne auf der Amsterdam Avenue entlangschlenderten, freien und stolzen Schrittes Richtung der New School of Social ­Research, Deutschland innerlich den Mittelfinger zeigend?

Der Mittelfinger war an all diejenigen Deutschen gerichtet, die uns tagtäglich fragen, wo wir eigentlich herkommen, warum wir so gut deutsch sprechen, ob wir Milch trinken und Roggenbrot essen, den Geschmack von Rollmops kennen und ob wir jemals Hannah Arendt und Kleist gelesen haben. Die uns vorwerfen, Deutschland mit unseren dunklen Mandelaugen abzuschaffen und uns gleichzeitig mit einem Zwinkern entgegenflüstern, dass wir aber süße Asiatinnen sind, während wir uns nichtsahnend in einem formellen Seminar oder an einem seriösen Verhandlungstisch befinden. Und wir danach wie gelähmt versuchen, den Atem dieser Flüsterung wie einen tollwütigen Hundebiss abzuschütteln und dann doch, in unseren Badezimmern, hinter verriegelter Tür – damit unsere aufopfernden Mütter, die für ein besseres Leben in ihrer neuen Heimat ihre letzte Hautschicht abschrubben würden, nichts mitbekommen – auf dem glatten Fliesenboden zusammenbrechen.

Von diesem ganzen Mist konnten wir uns mit unseren amerikanischen Doktorarbeiten, Vollstipendien und dem Umzug nach New York triumphalisch losreißen. Wir konnten, wie in einem traumgleichen Stadium vor unserer deutschen Geburt, wieder schwerelos werden, unsichtbar sein und gleichzeitig unser authentisches Selbst der Welt wieder sichtbar machen. In New York mussten wir uns weder ständig erklären noch uns für unsere Existenz entschuldigen. Unsere Stimme war wieder unsere Stimme, unser Arm wieder nur ein menschlicher Arm, unsere Haare wieder nur ein Gestrüpp aus Keratinfasern, das sich in seiner Grundstruktur auf jedem Schädel auf der Amsterdam Avenue ungeachtet der Haar- und Hautfarbe des Trägers wiederfand.

Ich erinnere mich, wie wir bei unserer ersten Begegnung in der Upper West Side über genau diese Körpererfahrung sprachen, du in einem seidig angeschmiegten, ärmellosen Top, aufmerksam und aufrecht an der Bar stehend, die feine asiatische Haut deiner Oberarme reflektierte das letzte Licht des Sommerabends. Ich dachte mir, wie schön du bist, wie deutsch du aussiehst in deiner aufrechten Haltung, deinen Gesichtszügen.

„Kennst du das Gefühl, wenn du aus dem deutschen Flieger steigst und am JFK Airport ankommst, die Lunge sich auf einmal weitet und dein Atem länger wird“, begannst du zögerlich deine Frage, „… und du nach einer Stunde deinen Körper vergisst, weil du diesen doppelten Blick, diese doppelte Infragestellung deines ausländischen Körpers wie in Deutschland nicht mehr mitmachen musst? Weil die Andersheit deines Körpers nicht ständig zum Kommentar und zur Kritik für jeden anspruchsberechtigten Bürokraten und Fischhändler, jede Kaufhausverkäuferin und Radfahrerin bereitstehen muss? Weil hier den Leuten klar ist, wie beschissen ich mich bei so einem Kommentar fühle? Weil ich hier zum einfachen Menschsein mehr Platz bekomme?“, beendete ich erregt, atemlos deinen Satz.


Auf den Spuren Hannah Arendts

Und so begann unsere Freundschaft, diese ulkige deutsche Freundschaft auf amerikanischem Boden. Wir lachten gemeinsam über die linksliberalen Deutschen, die sich fortschrittlich wähnten und gleichzeitig nicht vorstellen konnten, dass wir als chinesische oder mongolische Deutsche von der Vergangenheitsbewältigung etwas verstanden, deren Augen, wenn sie bedeutende europäische Philosophen zitierten, bei unserem Anblick glasig wurden – weil unsere Körper nicht zu den Buchdeckeln passten, weil es ja nicht unsere Geschichte war, weil das deutsche 20. Jahrhundert ja unmöglich etwas mit uns zu tun haben konnte, weil es für uns im deutschen Geschichtsverständnis keine Erinnerungsstätte gab.

„Weißt du noch, die Frau an der TU Berlin, die mit dem bescheuerten ­Hannah-Arendt-Kommentar …“, gluckste ich dir zu, und du, ohne Worte, haktest dich bei mir ein und zogst mich entschlossen die Stufen zur New School of Social Research hoch. Ich verstand, was du sagen wolltest, nämlich, schau mal, wir sind jetzt diejenigen, die auf Arendts Spuren in New York wandeln, wir sind diejenigen, die ihrem Fluchtweg aus Europa folgen. Ein Blickwechsel zwischen uns – und die Ironie unseres unwahrscheinlichen Lebens war auf einmal festgehalten, es rann nicht mehr wie ein schlüpfriges Etwas durch unsere Finger.

In New York wurden wir gleichzeitig mehr chinesisch und mongolisch, und in einem unerwarteten Dreh, auch mehr deutsch. Ich konnte meine chinesische und du deine mongolische Identität unbeschwert erkunden und genießen, ohne Angst zu haben, dass wir wie in Deutschland verdächtigt werden, unser Deutschsein im Stich gelassen zu haben, die deutsche Kultur zu verwirren, die deutsche Sprache zu beflecken, oder angeklagt zu werden, Deutschlands Abschaffung und Untergang mit der anderen Identität in uns herbeizubringen.

Das Alltagsleben mit den zwei Identitäten in uns war auf einmal nicht mehr ein ständiger Kriminalfall, ein endloses Verhör im Vernehmungszimmer der deutschen Psyche: „Wo hast du, wann hast du, mit wem in dir, an welchem Ort uns etwas verheimlicht? Und wer bist du wirklich, aber wirklich, am wirklichsten und vor allem: Liebst du dieses Deutschland wirklich genug?“

Doch das war ja der traurige Witz: In New York vermissten wir Deutschland, mit einer Sinnlichkeit und Heftigkeit, dass es mich erschrak. Wir vermissten die deutsche Ernsthaftigkeit und Verweigerung der Frivolität – das prätentiöse Getue in New Yorks intellektuellen und akademischen Kreisen ging uns beiden auf die Nerven. Grow up, guys, dachte ich oft. Aber dieses Vermissen hätten wir uns gegenseitig nie zugegeben, dafür war der hart errungene Triumph unseres neuen Daseins zu fragil. Es zeigte sich wortlos in deinen Gesten, wenn du in der Küche deiner Brooklyner WG Königsberger Klopse für uns gekocht hattest und mir mit einem verschwörerischen Lächeln serviertest, in unseren selbstironischen, übertrieben entrüsteten Ausrufen „In Deutschland machen wir das aber ganz anders!“, in unserer Erregung, wenn wir sahen, dass ein deutscher Künstler oder Schriftsteller eine Ausstellung oder Lesung in New York hielt, in den Wortspielen innerhalb unseres deutschen Sprachkokons, den wir emsig bei jeder Begegnung weiterwoben, damit unser deutsches Dasein nicht verloren ginge.


Familiengeschichten aus Ost und West

Denn es wartete ja keine gutbürgerlich verankerte Familie in Deutschland auf uns, die unsere deutschen Kinder- und Jugendjahre wie in ein Bernsteinamulett fest hinein hätte konservieren und bei unserer Wiederkehr präsentieren können. Stattdessen, wie so viele Kinder der ersten, prekären Immigrantengeneration, in der die Kinder den Eltern beibringen, was es heißt, deutsch zu sein, trugen wir das Ich unserer deutschen Kinder- und Jugendjahre wie einen aufgelesenen Kameeanhänger unsichtbar um unseren Hals. Er gewann jedes Mal an Wirklichkeit, wenn ich mit dir sprach; er verlor an Glanz, wenn ich deine Abwesenheit fühlte.

Einmal, als wir an einem ungewöhnlich schwülen Oktobertag durch den Central Park joggten, hieltest du plötzlich an einer Parkbank inne und riefst beinahe irritiert aus, dass heute ja der Tag der deutschen Einheit sei. Es war drückend heiß, der Schweiß lief uns den Rücken herunter, wir mussten uns setzen. Zum ersten Mal erzählten wir uns auf dieser Bank unsere Familiengeschichten – deine im Osten beginnend, meine im Westen. „Wo wart ihr vor dem Mauerfall?“, wollte ich von dir wissen. Du kniffst deine Augen zusammen, sagtest erst nur lakonisch: „Ihr hattet Glück, ihr konntet im Westen anfangen.“

Deine Eltern waren aus der Mongolei in die DDR gekommen, dein Vater war ein Ingenieur, ein Akademiker, eine charismatische Figur. Er starb zu früh, kurz nach dem Mauerfall, und deine Mutter musste dich und deine Schwestern alleine in Plauen aufziehen. Der Osten war in dir, du hattest ein ­knochentiefes Verständnis für das Gefühl der Enttäuschung, der Verwahr­losung, der Wut auf beide Regimes, auf die Arroganz und Herablassung Westdeutschlands. Zuhause bei deiner Schulfreundin sahst du mit großen Augen zu, wie ihr Vater seine Hakenkreuzsammlung aus der Vitrine holte. Als die Mauer fiel, brach für deine Familie eine Welt zusammen. Dadurch, dass eure Geschichte im Osten begann, wart ihr doppelt belastet, als Ausländer und Ostdeutsche zugleich.

Als meine Mutter und ich, im Alter von zwei Jahren, am Schönefelder Flughafen in Ostberlin ankamen, stand die Mauer noch. Mein Vater, der von Westberlin nach Schönefeld gefahren war, um uns abzuholen, wurde wegen eines Parkverstoßes von einem DDR-Polizisten aufgehalten. Wir warteten vergeblich auf ihn. Meine Mutter entschied, abends mit dem letzten Bus nach Westberlin zu fahren, denn sie wollte nicht, dass wir unsere erste Nacht in Deutschland in der DDR verbringen.


Böhmen liegt am Meer

Später, Schwester, als wir uns schon gut kannten, das heißt, als wir unsere jeweiligen Verwundbarkeiten wortlos erahnen konnten, rettetest du mich vor einem weiteren Zusammenbruch. Dem Schneesturm draußen entfliehend, standen wir in unserem geliebten Metropolitan Museum an der Upper East Side, vor Anselm Kiefers massivem Gemälde „Böhmen liegt am Meer“.

Ein Ozean aus endlosem Klatschmohn füllt Kiefers Bild, eine einsame Straße führt in den Horizont, ins Nichts. In der von mir in Bayerns Grundschulen erlernten lateinischen Ausgangsschrift steht über dem Horizont das Unmög­liche: „Böhmen liegt am Meer“. Es ist Ingeborg Bachmanns Gedichtzeile, die die Kriegsverwüstung und Verwahrlosung beschreibt und zugleich den Verlust und doch die Hoffnung auf eine Utopie ausdrückt, auf einen Neuanfang nach der Zerstörung aller menschlichen Ordnungen. So hatte ich das Gemälde immer verstanden, so war es doch gemeint.

Und dennoch, als ich die Kinderhandschrift, die ja meine hätte sein können, auf der großflächigen Leinwand sah, liefen mir plötzlich die Tränen herunter. Böhmen am Meer drückte das Unmögliche aus, Böhmen war landumschlossen, es konnte niemals am Meer liegen, so sehr man es sich auch ersehnte und erwünschte. Mir wurde auf einmal bewusst, dass dieser Satz und dieses Gemälde unsere Beziehung zu Deutschland, zu unserem Deutschsein beschrieb. Warum war mir das nie zuvor in den Sinn gekommen?

Deutschland war der Ort, dem wir uns zugehörig fühlten, und das sich uns dennoch ständig entzog. Jeder Versuch war zum Scheitern verurteilt, war lächerlich. Unsere deutsche Identität war ein höhnischer Witz, über welchen ich in dem Moment in die Stille der Museumsgalerie selbst am lautesten und heftigsten gelacht hätte. Wir würden niemals wirklich als deutsch anerkannt werden, wir würden niemals wirklich in Deutschland dazugehören. Böhmen am Meer, das war die Utopie unseres verrückten Versuchs, unsere deutsche Lebensgeschichte und die unserer Eltern, unser deutsches Selbstbild und unsere politische Staatsangehörigkeit einer gesellschaftlichen und kulturellen Realität anzupassen, die es nie geben würde. Meine Tränen der Verzweiflung wandelten sich in Tränen einer unbändigen Wut. Ich hätte das Gemälde auf der Stelle von der Wand reißen können.

Die ganze Zeit über standest du still neben mir, deinen scharfen Blick nach vorne gerichtet. Ich dachte erleichtert, du hättest meine Tränen nicht gesehen. Doch dann lehntest du dich zu mir und flüstertest in mein linkes Ohr: „Weißt du noch, als wir als Abiturientinnen in Deutschland dachten, Ingeborg Bachmann sei die wichtigste Dichterin des letzten Jahrhunderts und Deutschlands Kultur sei am absoluten Nabel der Welt? Hier kennt doch niemand Bachmann. The world is always wider, Liebes.“ Du zwinkertest mir zu. „Komm, lass uns zu den Byzantinern gehen.“


Chinesische Füße auf deutschem Boden

Das ist die letzte Erinnerung, die ich von dir in New York habe. Deine Stimme in meinem Ohr, dein Versuch, mich vor mir selbst zu bewahren. Ich stelle mir vor, wie du jetzt in München die Straße entlangläufst, mit deiner üblichen Eleganz, deiner Haltung, deinem eiligen Schritt. Doch das Bild von dir verschwimmt, ich kann es nicht festhalten. Liegt es daran, dass nicht einmal unsere Körper als gleiche Körper zurückgekommen sind? Warum ist es immer so verflixt schwer für uns, etwas Gleichbleibendes zu bewahren? Warum löst sich alles wieder für uns in dieses schlüpfrige Etwas auf?

Ich weiß nur, dass wir Deutschland in unseren Mädchenkörpern verließen und jetzt als Frauen zurückgekommen sind. Unsere asiatischen, weiblichen Körper rufen immer noch, wie ein Jahrzehnt zuvor vor unserer großen Abreise, unangenehme Reaktionen hervor, jetzt, mit unserem neuen Selbstbewusstsein, vielleicht noch umso mehr. Nach unserer Rückkehr sind unsere Körper auf deutschem Boden wieder unsicher, peinlich betroffen, winden sich unter den täglichen Blicken und Fragen. Wir müssen uns aufgrund unserer physischen Andersartigkeit zurückhalten, erklären, verteidigen, entschuldigen, wieder den täglichen Kampf um grundlegendste Anerkennung und Minimalkomfort in zwischenmenschlichen Beziehungen aufnehmen. Ein Haar ist nicht wieder nur ein Haar, ein Arm ist nicht wieder nur ein Arm.

Ach, Schwester, sind wir denn verrückt, zurückgekommen zu sein in diese Räuberhöhle, in der uns die tägliche Hinterfragung unserer Existenz eines Tages den letzten Verstandsfetzen rauben wird? Warum sind wir nach unserem klaren Schnitt, unserer mutigen Geste des Mittelfingers, unserer großen Verwandlung wieder zurückgekehrt? Sind wir dabei, unsere neu errungene Menschlichkeit, die für uns innerhalb eines pulsierenden amerikanischen Post-Civil Rights Diskurses erst erblühen konnte, und die trotz Trump in den USA lebendig weiterlebt, in Deutschland wieder zu verlieren? Was, Schwester, steht für dich und mich auf dem Spiel – haben wir uns letztendlich doch verspielt?

Ich spüre wieder deine Stimme in meinem Ohr. Ich denke an die Weite der Welt, an die Enge unseres Daseinsspielraums zwischen Isar und Spree. Und eine Welle macht sich in mir breit, schwappt erst durch die Fußsohlen und dann mit einem Schwung durch mein Gehirn – eine Welle des Überflusses, eines Überflusses an Wirklichkeit, an der Realität meiner Selbst, eines Atom­übermaßes meiner chinesischen Füße auf deutschem Boden, eines Nervenüberschusses meines universellen Gehirns inmitten einer schwindelerregend differenzierten, gespaltenen Welt.

Es formt sich ein schlichtes Bild vor mir, aus einfachen Pinselstrichen. Ich sehe es und mir wird klar, dass wir uns doch nicht verspielt haben. Wir sind keine Kinder mehr, wir sind nicht als Kinder zurückgekehrt. Den ständigen Kampf darum, wer wir wirklich sind, der uns früher oder später zwang, alle Realitätsschichten unseres Selbsts bis zur Blutung abzuziehen, den haben wir bei unserer Abreise aus Deutschland vor zehn Jahren schon für uns entschieden. Die Eroberung unserer eigenen Wirklichkeit haben wir mit unserer Freundschaft errungen.

Schwester, wie dankbar ich dir bin, dass du die unheimliche Magie und einschüchternden Zaubersprüche von meinem Pfad entfernt hast, dass ich als Mensch allein auf der Amsterdam Avenue hinunterlief, dass mein Körper dies erfahren durfte. Auch wir als Immigrantinnen haben die Freiheit, uns neu zu bestimmen, Deutschland bestimmt uns nicht mehr. Und die Rückkehr ist kein Zwang, keine erneute Flucht, kein Pfandpakt, in dem die Wirklichkeit unseres Selbsts wahllos auf den Tisch gehauen wird. Wir sind kein Witz mehr, sind es vielleicht nie gewesen – denn wer überlebt hat, über den ist schwer zu lachen.

Dr. Liya Yu forschte an der University of Cambridge und der Columbia University zur politischen Neurowissenschaft des Rassismus und der Dehumanisierung. Sie lebt als Autorin in Berlin.

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/ August 2019, S. 126-131

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