Schattenmärkte und Schmuggelrouten
Die Pfade des illegalen Handels in Europa: Wo sie verlaufen, wie sie sich verändern und was man tun kann, um sie zu blockieren.
Die technologische Revolution der vergangenen zwei Jahrzehnte hat die Routen des illegalen Handels ebenso stark verändert wie die Art der Waren, die auf ihnen bewegt werden. Im Europa des 19. Jahrhunderts war die Organisierte Kriminalität überwiegend territorial begrenzt, und die bekanntesten kriminellen Gruppen wickelten ihre Geschäfte vor allem in Süditalien ab. Ein Jahrhundert später, am Ende des 20. Jahrhunderts, wurden dann die Niederlande zu einer der wichtigsten Anlaufstellen für organisierte kriminelle Gruppen. Die meisten der damals um die 100 Organisationen fanden dort die perfekten Bedingungen für ihre Operationen vor: Wohlstand und relative Bewegungsfreiheit. Weitere 30 Jahre später ist die Kontrolle über Territorien und traditionelle Handelsrouten nicht mehr ganz so wichtig.
Der jüngste Europol-Bericht zu organisiertem Verbrechen („EU Serious and Organised Crime Threat Assessment“) zeigt die zentrale Rolle, die neue Technologien mittlerweile für die Organisierte Kriminalität in Europa spielen. Technologiegestützte Verbrechen sind eine hybride Bedrohung, die nicht selten von Staaten unterstützt und orchestriert wird. Mobiltelefone und Computer sind für organisierte kriminelle Gruppen in Europa heute möglicherweise wichtigere Infrastrukturen als traditionelle Luft-, Land- und Seewege. Europäerinnen und Europäer werden digital angegriffen – oder rekrutiert –, und illegale Finanzströme werden immer öfter mit Hilfe von Kryptowährungen abgewickelt.
Organisierte kriminelle Gruppen handeln mit einer vielfältigen Palette von Gütern, die weit über ihre bekanntesten Betätigungsfelder – den Drogen- und den Menschenhandel – hinausgehen. Dazu zählen der Handel mit Ressourcen wie Holz, exotischen Tieren und Pflanzen, Öl aus sanktionierten Staaten oder Dual-Use-Güter, die zivil wie militärisch nutzbar sind. Hinzu kommen gefälschte Produkte, etwa Zigaretten oder Medikamente, illegal gehandeltes Gold und Diamanten sowie Elektroschrott und Giftmüll.
Einige dieser Güter stammen aus ehemaligen europäischen Kolonien, andere, wie der Elektroschrott, werden dorthin verschifft. Manchmal wird eine einzige Handelsroute auch für Güterbewegungen in beide Richtungen genutzt. So schicken vietnamesische kriminelle Gruppen in Asien hergestellte Fälschungen über die Tschechische Republik nach Europa, während sie Nashornhörner aus Afrika Richtung Asien verschieben.
Traditionsrouten des Verbrechens
Viele dieser Handelswege haben historische Vorläufer. Etwa die Mittelmeer-Routen, auf denen zwischen dem 17. und dem 18. Jahrhundert rund zwei Millionen Menschen als Sklaven verschifft wurden – von Nord nach Süd wie umgekehrt. Heute betreiben kriminelle Gruppen auf gleichem Weg den Menschenhandel von Süd nach Nord, nicht selten unter Beteiligung korrupter lokaler Regierungsbeamter. Damals wie heute war und ist Italien ein wichtiger Umschlagplatz für den Menschenhandel, obwohl die wichtigsten Häfen in früheren Jahrhunderten weiter nördlich lagen als heute. Während Livorno und Genua damals die wichtigsten Drehkreuze waren, sind es heute Lampedusa und Sizilien. Marseille und Malta, die früher die wichtigsten Ankunftshäfen für Sklaven aus Afrika waren, bleiben zentrale Knotenpunkte für die Einfuhr illegaler Waren nach Europa – und Malta ist ein bedeutender Umschlagplatz für Kokain und synthetische Drogen, illegale Zigaretten und den Treibstoffschmuggel aus Libyen. Marseille fungiert wiederum als zentraler Knotenpunkt des illegalen Zigarettenhandels nach Frankreich und als Einfuhrhafen für Kokain, Cannabis, Amphetamine und geschmuggelte Waffen.
Italien war und ist bis heute ein wichtiger Umschlagplatz für den Menschenhandel
Es gibt viele weitere historische Präzedenzfälle für die Schmuggelrouten, die von organisierten Kriminellen für ihren Handel genutzt werden. Die Balkan-Route zwischen der Türkei und Europa etwa gibt es seit den Zeiten des Osmanischen Reiches. Heute werden auf diesem Weg Menschen, Drogen und viele andere Waren nach Europa verschoben. Derweil fungieren Spanien und Portugal, die durch Sprache und Kultur eng mit ihren ehemaligen Kolonien in Süd- und Mittelamerika sowie der Karibik verbunden sind, als wichtige Einfuhrorte für Drogen, Zigaretten und Menschen. Viele dieser Waren werden direkt auf die Iberische Halbinsel verschifft – andere kommen auf Umwegen, etwa über Zwischenstationen in Afrika, nach Europa. Dieses System erinnert zuweilen an den atlantischen Dreieckshandel mit Sklaven.
Die größten Häfen Europas – Rotterdam in den Niederlanden und Antwerpen in Belgien – haben sich zu wichtigen Schmuggelknotenpunkten entwickelt, insbesondere für Drogen wie Kokain. Historischen Aufzeichnungen zufolge gab es in Amsterdam und Antwerpen zwar schon immer kleinere Verbrechergruppen, als Schmuggelknotenpunkte waren sie jedoch nicht bekannt.
Tatsächlich wurde der illegale Handel über diese nördlichen Häfen erst durch den Einsatz fortschrittlicher Technologien angetrieben. Kriminelle Gruppen heuern technisch versierte Menschen an, die sich in die Computersysteme der Häfen hacken und diese zeitweise außer Betrieb setzen können, um so die Verschiffung und Entladung von Drogen zu ermöglichen. Die Verbreitung von Berichten über angebliche Folterkammern, die von niederländischen Behörden auf Schiffen aus Lateinamerika entdeckt worden sein sollen, dient derweil dazu, Seeleute einzuschüchtern und so eine Zusammenarbeit mit den Strafverfolgungsbehörden zu verhindern.
Erleichtert wird dieser Schmuggel durch die verschiedenen Freihandelszonen innerhalb Europas, die nicht selten an Häfen und Flughäfen angrenzen. Eigentlich sollen diese Zonen den legalen Handel beschleunigen. In der Praxis können sie jedoch auch für den Transport von Zigaretten, geschmuggelten Kunstwerken und Drogen genutzt werden.
Kriminelle Fluggüter
Auch Verkehrsflugzeuge wurden bereits für den Schmuggel von Waren nach Europa genutzt; sogar Besatzungsmitglieder waren in Drogentransporte von Lateinamerika nach Europa verwickelt. Neben diesen größeren Maschinen landen auch Kleinflugzeuge und Hubschrauber auf weniger überwachten, kleineren Flughäfen in ganz Europa, um Drogen, Menschen und andere Waren in die EU zu bringen. Diese Maschinen werden von organisierten kriminellen Gruppen aus dem Balkan genutzt, um Güter und Menschen nach Ost- und Westeuropa zu transportieren. Zudem bedienen sie unzählige Flugrouten zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien, die von Kriminellen instrumentalisiert werden.
Mit der Entwicklung neuer Drohnen wird der Luftverkehr in Zukunft eine noch wichtigere Rolle beim Transport illegaler Güter innerhalb Europas spielen und dabei helfen, Geld in die EU zu schicken und es aus der EU hinauszubewegen. Da die Reichweite von Drohnen weiter wächst, werden sie schon bald auch aus dem nichteuropäischen Ausland bedient werden können, ohne dabei auf klassische Landebahnen angewiesen zu sein. Dadurch werden ihre Ladungen noch schwerer aufzuspüren sein als die von Kleinflugzeugen und Hubschraubern.
Für den Transport illegaler Güter in Europa wird der Luftverkehr künftig eine noch größere Rolle spielen
Gleichzeitig besteht in Europa weiterhin eine enge Verflechtung zwischen Kriminalität und Terrorismus. Die Islamischen Revolutionsgarden aus dem Iran (IRGC), die von der EU als terroristische Organisation eingestuft wurden, haben zuletzt organisierte kriminelle Gruppen angeheuert, um im Exil lebende Iraner und Juden zu ermorden, unter anderem in den Niederlanden, Spanien und Schweden.
Kriminelle helfen Terroristen zudem dabei, ihr Geld zu waschen und versorgen sie mit gefälschten Dokumenten, die für die Einreise nach Europa benötigt werden. Darüber hinaus sind sie auch im Cyberspace aktiv. Laut dem amerikanischen Cybersicherheitsunternehmen CrowdStrike haben „mit den IRGC verbundene Akteure Phishing-, Hack-and-Leak- und DDoS-Kampagnen (Distributed Denial of Service) gegen das Vereinigte Königreich, Deutschland und die Niederlande verübt“. Darüber hinaus „gaben sich mehrere Akteure mit Verbindungen zum Iran als Hacktivisten aus, um staatlich geförderte Spionageaktivitäten zu verschleiern“.
Digital illegal
Die wichtigsten Handelswege nach Europa sind heute für die Organisierte Kriminalität nicht mehr physischer, sondern digitaler Natur. Sie führen über soziale Medien, das Internet und Mobiltelefone, die sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen gehören. In einer Bedrohungsanalyse für das Jahr 2025 stellte Europol dazu fest: „Heute hinterlassen fast alle Formen schwerer und Organisierter Kriminalität digitale Spuren. Von Cyberbetrug und Ransomware-Angriffen bis hin zu Drogenhandel und Geldwäsche ist das Internet nicht mehr nur eine Plattform – es ist die Säule krimineller Unternehmungen.“
Insbesondere für jene OK-Gruppen, die mutmaßlich mit staatlichen Akteuren zusammenarbeiten, sind soziale Medien und Smartphone-Apps wichtige Werkzeuge. Die verschlüsselte Nachrichtenübermittlung wird dazu genutzt, Kontakte zu pflegen, die online geknüpft wurden. Sie kann dem Drogenhandel, dem Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung, dem Betrug und vielen anderen Formen der OK dienen.
Für die Opfer wirkt sich diese Digitalisierung der Organisierten Kriminalität in dreifacher Weise verheerend aus: finanziell, körperlich sowie psychisch. Das betrifft Betrugsmaschen und den Einsatz von Ransomware, vor allem aber die sexuelle Ausbeutung, gerade von Kindern. Diese Verbrechen fügen den europäischen Gesellschaften beträchtlichen Schaden zu, denn sie machen Bürgerinnen und Bürger zu Opfern und gefährden so das öffentliche Wohl. Da die Organisierte Kriminalität auch immer mit korrupten Netzwerken interagiert, untergräbt ihr Wachstum zwangsläufig die Rechtsstaatlichkeit und andere staatliche Funktionen.
Die wichtigsten Handelswege nach Europa führen für die Organisierte Kriminalität über soziale Medien, das Internet und Mobiltelefone
Die Darstellungen des sexuellen Missbrauchs von Kindern (CSAM) im Internet haben hochrangige europäische Behörden auf den Plan gerufen. Laut dem Wissenschaftlichen Dienst des Europäischen Parlaments konnten 70 Prozent aller weltweit bekannten CSAM-Fälle im Jahr 2024 auf europäische Länder zurückgeführt werden. Ein Großteil dieser Taten findet in Darknet-Foren und in sozialen Netzwerken statt, und User verwenden verschlüsselte Kommunikationsanwendungen, um ihre Aktivitäten vor den Strafverfolgungsbehörden zu verbergen.
Leider lässt sich dieses Problem nicht ohne Weiteres eindämmen. Laut Europol werden Daten im Zusammenhang mit CSAM-Fällen oft von kriminellen Netzwerken oder hybriden Akteuren gestohlen.
Ransomware-Angriffe sind insbesondere seit der Corona-Pandemie in den Fokus der Behörden gerückt. Damals legten Kriminelle, die nicht selten mit dem russischen Staat in Verbindung gebracht wurden, die Computersysteme von europäischen Krankenhäusern lahm.
Die Agentur der Europäischen Union für Cybersicherheit hat für den Zeitraum von Januar 2021 bis März 2023 ermittelt, dass 53 Prozent aller Lösegeldforderungen für vom Netz genommene Computersysteme Gesundheitsdienstleister betrafen. Bis heute verfügt allerdings nur rund ein Viertel der europäischen Gesundheitseinrichtungen über Pläne zum Schutz vor Ransomware.
Neue Bedrohungen
Über den Angriff und die Abschaltung von Computersystemen hinaus sind neue Gefahren aufgetaucht. So drohen Kriminelle damit, sensible persönliche und gesundheitliche Daten – sowohl von Einzelnen als auch von medizinischen Einrichtungen – zu veröffentlichen. CrowdStrike berichtet, dass derartige Drohungen seit Anfang 2024 ein Allzeithoch erreicht haben.
Großbritannien, Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien waren am stärksten von Ransomware-Angriffen betroffen und machten 92 Prozent der Fälle aus, die mit Datendiebstahl und Dateiverschlüsselung zu tun hatten. Das kann kaum überraschen, da drei dieser Länder zu den wirtschaftlich mächtigsten Staaten Europas gehören und Cyberattacken meist auch eine politische Dimension haben.
Von China gesponserte Akteure nahmen laut der allgemeinen jährlichen Bedrohungsanalyse der EU-Agentur für Cybersicherheit (ENISA Threat Landscape Report) zwischen Juli 2022 und Juni 2023 Branchen in elf europäischen Ländern ins Visier; dabei nutzten sie insbesondere Schwachstellen in der Cloud-Infrastruktur und in Software-Lieferketten aus, um geistiges Eigentum zu stehlen.
Viel Aufmerksamkeit widmen die Behörden heute auch sogenannten Scam-Fabriken, die aus Asien heraus weltweit operieren. Diese Callcenter und Onlinezentren, die mit chinesischen Syndikaten in Verbindung stehen, spezialisieren sich auf Liebesbetrug und Strategien, die unter dem Begriff „Pig Butchering“ bekannt sind. Dabei werden romantische Beziehungen ausgenutzt oder Investmentfonds beworben. Mitarbeiter dieser Zentren werden oft durch irreführende Stellenanzeigen angeworben und unter Zwang oder Täuschung in Betrugsdelikte eingebunden.
Dieses Problem beschränkt sich aber nicht auf Asien. Wie die Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) im April 2026 mitteilte, rekrutieren Scam-Fabriken auch auf europäischem Boden. Bislang wurden Betriebe dieser Art vor allem auf dem Balkan aufgedeckt.
Die Scam-Fabriken sind zudem untereinander vernetzt: Sie tauschen Ziellisten mit Opfern aus, teilen Betrugsmaschen und versetzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von einem Ort zum anderen. Die Anwerbung von Arbeitskräften erfolgt oft über öffentlich zugängliche Plattformen wie Facebook, Telegram, LinkedIn, WhatsApp und Viber. Gerade in Balkan-Staaten gelingt es dank des Jobmangels, auch gut ausgebildete Menschen anzuwerben.
Über PCs und Telefone lassen sich Menschen in ganz Europa auf Knopfdruck erreichen
2023 wurde in Serbien eine Scam-Fabrik zerschlagen, die über 100 000 Menschen betrogen haben soll. Später ergab eine Untersuchung des Organized Crime and Corruption Reporting Project, dass Callcenter in Israel, Zypern, Bulgarien und Spanien 81 gefälschte Investitionsplattformen betrieben und falsche Adressen in der Schweiz nutzten.
Die jüngste Razzia fand im April 2026 in der albanischen Hauptstadt Tirana statt, wo eine ganze Reihe von Betrügern festgenommen wurde. Insgesamt sollen sie ihre Opfer – unter anderem aus Italien, Deutschland, Griechenland, Spanien und Großbritannien – um mehr als 50 Millionen Euro betrogen haben. Dabei wurde ein Großteil der Überweisungen in Kryptowährungen getätigt, was nicht nur die Strafverfolgung, sondern auch die Entschädigung der Opfer erheblich erschwert.
Aufgedeckt wurden die Aktivitäten der Betrugsfabrik, die mehr als 450 Personen beschäftigt haben soll, von Europol und Eurojust in Zusammenarbeit mit der österreichischen und der albanischen Polizei. Kooperationen dieser Art können die Arbeit der Behörden einerseits erleichtern. Andererseits erfordern sie komplexe Abstimmungsprozesse, die sich nicht selten auf die Wirksamkeit von Einsätzen auswirken. Zudem werden so häufig Situationen geschaffen, in denen Kriminelle frühzeitig von korrupten Lokal- oder Polizeibeamten vor Razzien gewarnt werden.
Die Organisierte Kriminalität hat sich grundlegend gewandelt. Zum einen hat sie ihre althergebrachten Lieferrouten für den Drogen-, Menschen- und Waffenhandel weiter ausgebaut. Zum anderen breitet sie sich immer weiter in den Bereich der hybriden und technologiebezogenen Verbrechen aus. Dabei profitieren kriminelle Gruppen davon, dass es im digitalen Raum kaum Zugangsbarrieren gibt. Neue technologiebasierte Straftaten sind zwar oft weniger gewalttätig als andere Delikte. Dafür fallen ihnen jedoch weitaus mehr Menschen zum Opfer. Über PCs und Telefone lassen sich Menschen in ganz Europa auf Knopfdruck erreichen. Das erleichtert die Arbeit krimineller Gruppen und macht den Job der Strafverfolgungsbehörden um ein Vielfaches komplexer. Und: Eine Mischung aus Korruption und Arbeitslosigkeit in Teilen Europas bietet dem organisierten Verbrechen einen fruchtbaren Nährboden, um weiter zu wachsen.
Aus dem Englischen von Kai Schnier
Internationale Politik Special 4, September 2026, S. 48-53
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