Brief aus...

01. Mai 2021

Party an der Mauer

Brief aus Rio de Janeiro: Im bislang eher Bolsonaro-freundlichen Stadtteil Urca stoßen im Lockdown die Fronten aufeinander

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Die ersten Corona-Flüchtlinge kommen zum Sonnenuntergang an die Mauer, die Rios Stadtteil Urca vom Meer trennt. Sie haben Klappstühle unterm Arm und schleppen Kühlboxen mit Dosenbier, einige haben Tischgrills dabei. Sie kommen aus dem armen Norden oder Westen von Rio, oft haben sie eine stundenlange Anfahrt hinter sich.


Die Mauer von Urca, die etwa 70 cm hoch ist und zum Sitze einlädt, ist ein Mikrokosmos von Rio in Corona-Zeiten. Von hier hat man einen der schönsten Blicke auf die Guanabara-Bucht und die Christusstatue. In normalen Zeiten ist das Bauwerk, das sich fast zwei Kilometer am Meer entlang zieht, ein Anziehungspunkt für Touristen, der Zuckerhut liegt um die Ecke. Die Touristen sind wegen Corona weggeblieben, dafür hat die Pandemie die Mauer zu einem Fluchtpunkt für Coronamüde aus der ganzen Stadt gemacht. Sie ist eine Art Vergnügungspark für jene, die es in ihren engen Wohnungen nicht aushalten. Wer in Urca lebt, vergisst schnell, dass die meisten Cariocas, wie die Einwohner von Rio genannt werden, in winzigen, stickigen Apartments leben. Etwa zwei Millionen hausen in Favelas.


Auf der Mauer können sie für ein paar Stunden die Pandemie vergessen. Obwohl in der Stadt offiziell ein Lockdown herrscht, wird hier geflirtet, geschmust und gegrillt, Angler werfen ihre Schnüre aus, Jogger ziehen vorbei. Fliegende Händler verkaufen verstohlen Bier aus dem Kofferraum. Das ist zwar verboten, doch die Polizisten, die an der Mauer patrouillieren, unternehmen nichts. Sie tippen auf ihren Handys herum, bei vielen hängt die Maske unterm Kinn.


Auch die meisten Mauerbesucher tragen keine Maske. Abends, wenn sich die Promenade füllt, bilden sich Menschentrauben. Am Wochenende werden die knapp zwei Kilometer zu einer einzigen Partymeile. „In der Westzone von Rio werden wir von der Polizei verscheucht“, erzählt ein junger Mann, „hier lässt man uns in Ruhe.“ Auch die Söhne und Töchter der Reichen kommen zur Mauer, deshalb hält sich die Polizei zurück.


Arme und Reiche sitzen zwar nebeneinander, aber sie mischen sich nicht. Benjamin Oliveira, 35, ist Arzt; er ist mit seiner Freundin Thiara Pandan, 33, einer Systemanalytikerin, und einem Freund, der Anwalt ist, gekommen. Sie wohnen im Nobelstadtteil Leblon, niemand trägt eine Maske. Er sei geimpft, sagt Oliveira, aber so schlimm sei die Corona-Krise in Rio gar nicht: „Die Krankenhäuser sind nicht voll.“ Sie habe schon Corona gehabt und sei immun, versichert seine Freundin.


Manche ihrer Äußerungen klingen wie die Sprüche von Staatspräsident Jair Bolsonaro, der sich unbeirrt gegen jede Beschränkung ausspricht, obwohl in Brasilien täglich über 3000 Menschen an Covid sterben und die Krankenhäuser Patienten abweisen müssen, weil die Intensivstationen überfüllt sind. Bolsonaro hat gerade unter Ärzten erstaunlich viele Anhänger. „Die Zweideutigkeit der Signale, die die Politik aussendet, hat dazu geführt, dass die Bevölkerung verwirrt ist und nicht weiß, wie sie sich verhalten soll“, sagt der Soziologe Sergio Abranches: „Der Bürgermeister von Rio ist für einen Lockdown, der Gouverneur ist dagegen, und der Präsident spielt die Krankheit herunter.“


Hinzu kommt, dass die Idee des Gemeinwohls in Brasilien nicht sehr ausgeprägt ist. „Die gesellschaftliche Hierarchie basiert auf Privilegien“, sagt Abranches. „Cariocas mögen keine roten Ampeln“, heißt es in einem bekannten Lied; es beschreibt den offen zur Schau gestellten Regelverstoß.

Eine doppelte Krise, die das ganze Land spaltet

Alle persönlichen, politischen und sozialen Konflikte, die die Pandemie in Brasilien mit sich bringt, bündeln sich an der Mauer von Urca wie unter einem Brennglas: die Furcht vor der Ansteckung und der Spott der Corona-Leugner. Die Angst der Reichen, die um ihre Wohlstandsinseln bangen, und die Unbekümmertheit vieler Vorstadtbewohner, für die Agonie ein Luxus ist. Corona hat Probleme in den Stadtteil gebracht, die hier ausgeblendet schienen: Drogenhandel und Vandalismus; Kriminalität, Lärm und Dreck. Urca ächzt unter der doppelten Krise, die das ganze Land spaltet – den Folgen der Pandemie sowie der politischen und sozialen Polarisierung, die sie mit sich bringt. Das Virus legt Konflikte offen, die seit Jahrzehnten von der Fassade gesellschaftlicher Harmonie übertüncht waren.


Urca war immer Bolsonaro-freundlich. Neben dem Viertel liegt eine Militärbasis, viele Soldatenfamilien leben hier. Der Soziologe Abranches und seine Frau kommen oft nach Urca, sie haben hier Freunde. Abranches ist mit Miriam Leitão verheiratet, Brasiliens bekanntester Wirtschaftsjournalistin. Fast täglich ist sie bei Globo zu sehen, dem größten Fernsehkanal des Landes. Sie ist eine erbitterte Bolsonaro-Gegnerin. „Wenn wir uns in Urca auf die Mauer setzen, werden wir von Bolsonaro-Anhängern beschimpft“, erzählt Abranches.


Doch auch in Urca wird neuerdings aus Protest mit Töpfen geklappert, wenn Bolsonaro im Fernsehen auftritt. Immer öfter schallt es aus den schicken Villen gegenüber der Mauer: „Fora Bolsonaro!“, „Weg mit Bolsonaro!“ Auch in Urca hört man immer öfter die Sirenen von Krankenwagen und sieht Ärzte und Schwestern in Schutzkleidung in die Häuser eilen.
Nur die partyfreudigen Mauerbesucher lassen sich davon nicht beeindrucken. Genervte Anwohner haben daher einen für Rio ungewöhnlichen Wunsch: Sie hoffen auf Regen. Wenn sich dunkle Wolken über dem Christus ballen und die ersten Tropfen fallen, verzieht sich die feiernde Menge. Dann sieht es an der Mauer wieder fast ein wenig aus wie früher.

 

Jens Glüsing ist seit drei Jahrzehnten Lateinamerika-Korrespondent des Spiegel mit Sitz in Rio de Janeiro.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 3, Mai-Juni 2021, S. 114-115

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