01. September 2019

Neues Geld?

Mit Libra will Facebook ein digitales Zahlungsmittel einführen. Bislang existiert es nur theoretisch. Kann es die globale Währungspolitik beeinflussen?

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Bild: Facebook-Verantwortlicher für das Libra-Projekt David Marcus bei einer Anhörung vor dem US-Senat
Facebook-Verantwortlicher für das Libra-Projekt David Marcus bei einer Anhörung vor dem US-Senat
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Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat ein Faible für den römischen Kaiser Augustus. Die Faszination geht so weit, dass er und seine Frau Priscilla Chan ihren ersten Sohn August nannten. Kaiser Augustus habe, sagte Zuckerberg in einem Interview mit dem New Yorker, der Welt 200 Jahre Frieden gebracht – wenn auch mit einer zugegeben „harschen Herangehensweise“. Tatsächlich fand die als Pax Romana bekannte Zeit nicht ohne externe Konflikte statt; die Neuordnung des Staates ging mit einer resoluten Expansionspolitik einher.

Mark Zuckerberg ist gewissermaßen ein moderner Kaiser. Mit Facebook, WhatsApp und Instagram hat er, mit Ausnahme von China, die Welt der digitalen Kommunikation und sozialen Netzwerke weitestgehend erobert. Mehr als zwei Milliarden Menschen sind allein auf Facebook angemeldet, eine Milliarde auf Instagram und noch einmal 1,5 Milliarden bei WhatsApp. Doch weil Nutzerzahlen nicht alles sind, muss Facebook weiter expandieren, neue Produkte und neue Anreize schaffen. Das jüngste Projekt ist eines der ambitioniertesten in der Firmengeschichte. Facebook möchte nichts Geringeres, als die globale Finanzbranche heraus­fordern.

Gelingen soll das mit Libra. So heißt die neue Kryptowährung, die Facebook im Juni vorstellte. Bislang nur in der Theorie, denn Libra soll frühestens im ersten Halbjahr 2020 verfügbar sein.

Ende Juli warnte Facebook die Investoren in einem Quartalsbericht, dass die Einführung der neuen Technik aufgrund der unsicheren regulatorischen Lage noch verschoben oder gar gänzlich verhindert werden könnte. Doch schon die Ankündigung hat Regierungen und Bankenaufsichten rund um den Globus aufgeschreckt: Eine neue, weltweit verfügbare Digitalwährung, die dank Facebook und WhatsApp plötzlich Milliarden von Internetnutzern zur ­Verfügung ­stünde? Das wäre revolutionär – wenn Libra denn hält, was es verspricht.


Bitcoins stabile Schwester

Wie Bitcoin ist Libra eine Krypto­währung, sie existiert ausschließlich in einer virtuellen Brieftasche, einer sogenannten „Wallet“, entweder auf dem Smartphone oder Computer. Um damit zu bezahlen, muss man zunächst eine bestehende Währung in Libra umtauschen.

Wie Facebook angekündigt hat, soll eine eigene Wallet namens Calibra direkt in den Facebook Messenger und WhatsApp integriert werden. Das würde bedeuten, dass sich Nutzerinnen und Nutzer über wenige Klicks Geld hin- und herschicken können. Auch auf Facebook aktive Onlineshops, Medien und Unterhaltungsangebote könnten Libra akzeptieren und der Währung somit einen Schub verleihen.

Libra ist deshalb aber noch lange keine reine Facebook-Währung. Zwar hat das Unternehmen die Entwicklung angestoßen, das Projekt an sich aber ist Open Source: Jeder kann eine eigene Wallet entwickeln, die völlig unabhängig von Facebooks Ökosystem funktioniert. Auch die eigens entwickelte Blockchain – eine Art virtuelles Kassenbuch, in dem alle Transaktionen kryptografisch abgespeichert sind – ist allen zugänglich. Allerdings sollen zu Beginn nur ausgewählte „Validator Nodes“ die Autorisierung von Überweisungen vornehmen. Trotzdem gilt: Wenn der Kiosk an der Ecke oder ein Onlineshop eines Tages Libra akzeptieren, ist für die Bezahlung weder ein Facebook- noch ein WhatsApp-Konto notwendig.

Während Bitcoin in den vergangenen Jahren vor allem durch seine starken Kurswechsel auffiel, soll Libra stabil sein. Der Wert der Kryptowährung soll an einen Korb aus mehreren Fiatwährungen, etwa US-Dollar, Euro und Yen, geknüpft werden. (Fiatgeld ist eine Währung, die keinen inneren beziehungsweise festen Wert hat und durch gesetzliche Bestimmungen als Zahlungsmittel festgelegt wird.) Ein Libra könnte somit immer ungefähr einen Dollar oder einen Euro wert sein – je nachdem, wie er zum Start gewichtet wird. Das würde den Umtausch und auch die Verwendung im Alltag deutlich vereinfachen.

Um die Stabilität zu garantieren, will Facebook für Libra ein komplexes Aufsichtssystem schaffen – und sich dabei selbst zurückhalten. Dafür hat man die Libra Association, eine Nichtregierungsorganisation mit Sitz in der Schweiz, gegründet. Zu den 28 Gründungsmitgliedern gehören, abgesehen von Facebook, Unternehmen wie Visa, Spotify und Vodafone, aber auch Risikokapitalgeber und NGOs.

Zum Start im nächsten Jahr soll die Anzahl auf bis zu 100 Mitglieder anwachsen. Sie stellen die ersten „Validator Nodes“ und entscheiden über die Zusammensetzung des Währungskorbs, an den der Kurs von Libra gebunden ist. Sie entscheiden ebenfalls über die Zusammensetzung der Libra Reserve, einer Art Geldspeicher im Hintergrund. Jeder ausgegebene Libra soll nämlich – auch das ist ein Unterschied zu Bitcoin – durch eine Rücklage in Form unterschiedlicher Vermögensgegenstände gedeckt sein. Sollte dieser Fonds eines Tages Zinsen abwerfen, werden diese an die Mitglieder der Association verteilt.


Angst vor einer neuen Geldpolitik

„Es ist denkbar, dass die Libra Reserve in kurzer Zeit zu einem der größten nichtstaatlichen Fonds der Welt wird“, sagt Michel Rauchs vom Center for Alternative Finance der Universität Cambridge. Dann nämlich, wenn tatsächlich Millionen Menschen auf der Welt anfingen, Fiatgeld in Libra umzutauschen. Damit beschreibt der Experte für Kryptowährungen bereits eine der größten Ängste, die Libra schürt: Könnte damit die globale Währungspolitik beeinflusst werden?

Theoretisch schon, glaubt Rauchs. So könnten Ankäufe von Staatsanleihen kleinerer Staaten Druck auf deren Währung und Zentralbanken ausüben. Wenn sich das Konsortium entscheidet, eine Währung wie den Yen oder Euro stärker bei der Kursanpassung des Libra zu gewichten, könnte das zudem die Zinssätze am Anleihenmarkt beeinflussen.

Und dann ist da noch die Unsicherheit, was eigentlich im Fall einer Finanzkrise passiert: „Sollte beispielsweise der Euro stark an Wert verlieren, wären nicht mehr alle Libra, die im Umlauf sind, durch die Rücklagen gedeckt. Im Fall eines Bankansturms auf Libra könnte keine Zentralbank einspringen“, sagt Rauchs. Denn Libra und das Prinzip der Blockchain basieren auf Dezen­tralität und unterliegen deshalb keiner nationalen Gesetzgebung.

Diese Szenarien seien derzeit aber rein hypothetisch, solange nicht klar sei, wie genau die Zusammensetzung der Libra Reserve überhaupt aussehe und welche Leitlinien die Mitglieder der Libra Association verfolgten, betont Rauchs. Ähnlich sieht das Philipp Sandner, Leiter des Blockchain Center an der Frankfurt School of Finance & Management: „Es gibt viel Panik­mache. Die ist weitestgehend unbegründet, solange der Libra 1:1 durch klassische Finanzanlagen gedeckt ist. Dann wird auch kein neues Geld gedruckt. Problematisch wird es, wenn die Libra Association die 100-Prozent-Deckelung aufhebt, denn dann würde Geld geschöpft werden und eine eigene Geldpolitik entstehen.“

So weit möchten es die Finanzaufsichten mehrerer Länder gar nicht erst kommen lassen. Sie fordern schon jetzt eine starke Regulierung der neuen Digitalwährung oder gleich einen kompletten Stopp. So hat die indische Regierung Anfang Juli angekündigt, dass Libra unter das bestehende Verbot für den Handel mit Kryptowährungen fällt. Facebook würde damit ein besonders großer potenzieller Markt verloren gehen. Jeff Powell, Chef der US-Notenbank, äußerte ebenso starke Bedenken wie sein chinesischer Amtskollege Mu Chang­chun. In Europa forderte unter anderem der französische Finanzminister Bruno Le Maire eine starke Regulierung.

Mitte Juli erschienen Vertreter von Facebook zu einer Anhörung vor dem US-Senat in Washington. Man wolle Libra erst dann starten, wenn „sämtliche regulatorische Bedenken“ beantwortet seien, antwortete Projektleiter David Marcus den Abgeordneten. Zudem sei man in ersten Gesprächen mit der Schweizer Finanzaufsicht. Den Vorwurf, die Kryptowährung begünstige durch ihre Anonymität und dezentrale Struktur Steuerhinterziehung und illegale Zahlungsgeschäfte, wies er ebenfalls von sich: So müssen sich die Nutzer der Calibra-Wallet bei der ersten Anmeldung mit offiziellen Dokumenten ausweisen, sodass eine Strafverfolgung bei Bedarf sehr wohl möglich sei.

Doch solche Schutzmechanismen sind vermutlich nicht verpflichtend für andere Wallet-Anbieter durchzusetzen. Libra mag vom Aufbau her stärker kontrolliert sein als etwa Bitcoin. Dass aber auch mit Libra ein gewisser Schwarzmarkt entstehen wird, ist kaum zu verhindern.


Skepsis bleibt

Die politischen und regulatorischen Hürden, die der Einführung von Libra im Weg stehen, sind entsprechend hoch. Kein Wunder, schließlich hat Facebook gerade im vergangenen Jahr durch seine Datenschutzskandale viel Kredit verspielt. Schon der Gedanke, dass das soziale Netzwerk künftig auch noch über die Finanzen seiner Nutzerinnen und Nutzer Bescheid weiß, ruft Kritiker auf den Plan. „Nur ein Narr würde Facebook sein finanzielles Wohlergehen anvertrauen“, schrieb der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz im britischen Guardian.

Zwar behauptet Facebook, die Finanzdaten der Calibra-Wallet nicht mit den Nutzerdaten des sozialen Netzwerks verknüpfen zu wollen. Und überhaupt könne man ja auch andere, von Facebook unabhängige Wallets nutzen. Doch eine Skepsis bleibt – auch beim Blockchain-Experten Philipp Sandner: „Ich würde mir wünschen, dass Regierungen und Zentralbanken klar vorgeben, welche Regeln für Facebook mit Calibra gelten. Es darf kein Kleingedrucktes in den Nutzungsbedingungen geben, das den Datenaustausch in irgendeiner Form legitimiert. Facebook darf hier keinen Vertrauensvorschuss genießen, sondern muss ganz klar ­reguliert und im Fall von Verstößen bestraft werden.“

Michael Rauchs ergänzt: „Es ist die größte Herausforderung, den Menschen klarzumachen, dass Facebook nicht gleichbedeutend mit Libra ist.“ Und fügt hinzu: „Deshalb ist es wichtig, dass die Mitglieder der Association so divers wie möglich sind.“

Zum einen helfe es der Dezentralität des Systems, wenn die Mitglieder aus verschiedenen Ländern mit verschiedenen Rechtsprechungen kämen und vielleicht sogar Konkurrenten sind. Zum anderen könne nur so überzeugend dargestellt werden, dass hinter Libra weder Facebook alleine noch bloß eine Gruppe amerikanischer Techfirmen steckt, die möglicherweise eines Tages die weltweit beliebteste Kryptowährung kontrollieren und dadurch die weltweite Währungs- und Zinspolitik gestalten.


Testgebiet Entwicklungsland

Gerade in den westlichen Industrie­ländern wird Libra deshalb besonders kritisch beäugt. Möglicherweise aber sind diese Länder am Anfang gar nicht so wichtig.

So zeigt das erste Werbevideo für Libra keine Menschen aus den USA oder Europa, sondern Menschen von den Philippinen, aus Indien, Laos und Mexiko. Mutmaßlich 1,7 Milliarden Menschen, schreibt Facebook in seinem White Paper, haben keinen Zugang zu Banken – aber immer häufiger zu Smartphones.

In Schwellen- und Entwicklungsländern könnte Libra deshalb zu einer Alternative werden: Sowohl als mobiles Bezahlmittel für die Menschen vor Ort, wo es kaum Banken gibt und die Inflation steigt, als auch für deren Verwandte im Ausland, die sogenannte Rück- oder Heimatüberweisungen tätigen – und für die derzeit Überweisungsgebühren von bis zu 20 Prozent des Betrags anfallen. „Es gibt hier das konkrete Problem eines ineffizienten Zahlungsverkehrs, das sich tatsächlich mit der Blockchain-Technologie lösen ließe. Außerdem ist es womöglich leichter, mit der Regulierung in diesen Ländern ins Gespräch zu kommen“, sagt Sandner.

Sollte Libra tatsächlich grenzübergreifende Überweisungen in Sekundenschnelle mit minimalen Gebühren zu einem stabilen Kurs ermöglichen, könnte es den Markt der Rücküberweisungen, die nach Schätzungen der Weltbank alleine in Sub-Sahara-Afrika rund 40 Milliarden Dollar ausmachen, kräftig durcheinanderwirbeln.

Der Fokus auf diese Regionen passt in Facebooks Strategie. Während die Nutzerzahlen in den USA und Europa stagnieren oder sogar sinken, steigen sie im Rest der Welt, vor allem in Asien und Afrika. Deshalb versucht das US-Unternehmen seit Jahren, Menschen in diesen Regionen online zu bringen: mit dem Ausbau technischer Infrastruktur, mit sozialen Initiativen, sogar mit Drohnen, die Internet per Funk bringen sollten. Denn wer online ist, so die nicht ganz unberechtigte Annahme, ist sehr wahrscheinlich auch bei Facebook. Ein integriertes Bezahlsystem schafft weitere Anreize. So könnten es Menschen in ärmeren Ländern sein, die als erstes Libra schätzen lernen. Menschen, denen der Datenschutz möglicherweise weniger wichtig ist als eine stabile Währung und der Zugang zu Finanzdienstleistungen.

Hierzulande scheinen die Vorteile von Libra weniger klar. Überweisungen an Freunde sind mit PayPal möglich, ohne dass vorher erst Geld umgetauscht und in eine virtuelle Brieftasche geladen werden muss. Für mobiles Bezahlen gibt es außerdem Angebote anderer Anbieter wie Google Pay oder Apple Pay. Statt eines großen Mehrwerts muss Libra den Menschen zunächst etwas anderes bieten: Bequemlichkeit.


Mehrwert? Bequemlichkeit!

Falls Calibra, wie angekündigt, schon im Facebook Messenger und in WhatsApp enthalten wären, hätten plötzlich hundert Millionen Menschen über Nacht eine Wallet auf ihrem Smartphone installiert. Plötzlich könnte es wirklich komfortabler sein, die zwei Bier vom Vorabend seinem Kumpel einfach direkt in WhatsApp über Libra zu bezahlen, als dafür extra die PayPal-App zu öffnen.

Datenschutzbedenken? In diesem Fall geschenkt, denn „convenience is king“, das beweisen digitale Plattformen immer wieder – heilige Bequemlichkeit, möglichst wenig Umstände. Mit der nahtlosen Integration von E-Commerce und sozialen Medien hat es auch das chinesische Netzwerk WeChat zu einer echten „Every­thing App“ geschafft. Dort nutzen mittlerweile 900 Millionen Menschen den integrierten Bezahldienst WePay direkt über die App – nicht nur für bargeldlose Einkäufe, sondern auch für Rechnungen und Mietzahlungen.

Auch die Blockchain-Technik von Libra könnte eines Tages komplexe Finanzdienstleistungen, sogenannte Smart Contracts, erlauben. Ob und wie diese tatsächlich umgesetzt werden, darüber müssen die Politiker und Finanzaufsichten entscheiden.

Spannend werde es dann, sagt Michael Rauchs, wenn Libra zu einer Rechnungseinheit wird – wenn also Privatpersonen, Händler und Unternehmen damit anfangen, Waren einen Wert in Libra anstatt in Euro oder Dollar zuzuweisen. „In den entwickelten Ländern wird das noch Jahre dauern, ich vermute sogar Jahrzehnte.“

Aber Libra könnte sich, sollte die Kryptowährung wirklich die erwähnten Hürden nehmen, nach und nach in den Alltag einschleichen. Bis wir eines Tages nicht mehr zuerst in Euro und Dollar denken, sondern in Libra. Dann hätte Mark Zuckerberg zwar noch keinen Weltfrieden geschaffen wie sein Idol Augustus. Aber eine Weltwährung ist ja auch nicht schlecht. Für den Anfang.

Eike Kühl schreibt als freier Journalist u.a. über Internet und Gadgets, Künstliche Intelligenz und die Mensch-Maschine-­Interaktion, über Netzkultur und den Medienwandel.

Autoren

Bibliografische Angaben

Internationale Politik 5, September/Oktober 2019, S. 116-121

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