Gegen den Strich

25. Juni 2021

Mythen und Irrtümer zum Thema Klimapolitik

Weinanbau in Schleswig-Holstein, das klingt doch eigentlich verlockend, oder? Da die Leugnerei schwieriger geworden ist, sind mächtige Politiker und Wirtschaftsführer zur Verharmlosung der globalen Erwärmung übergegangen. Und damit die großen Energiekonzerne aus dem Visier verschwinden, macht man den „CO2-Fußabdruck“ des Einzelnen zum Thema. Die Liste an Taschenspielertricks und Täuschungen ist lang.

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Bild: Vier Löschschiffe bei dem Versuch die Bohrinsel Deepwater Horizon zu löschen (2010)
Schmutzige Tricks: Um von der eigenen Klimaschuld (hier im Golf von Mexiko 2010) abzulenken, propagiert BP den „persönlichen CO2-Fußabdruck“.
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„Das Klima hat sich immer schon verändert. Das ist kein Grund zur Sorge und birgt sogar Chancen“

Das ist bestenfalls pseudowissenschaftlich argumentiert. Den Klimawandel zu leugnen, ist schwieriger geworden.

Immer abenteuerlichere Verrenkungen sind dafür nötig, denn die Beweislage rund um den Globus ist erdrückend: Hitzewellen, Buschbrände, Dürren, Jahrhundertstürme schmelzende Gletscher, bröckelnde Polkappen, steigende Meeresspiegel.


Aber es gibt einen Ausweg für all jene Staaten, Konzerne, Organisationen und Personen, die davon profitieren, wenn die Menschheit weiter hemmungslos Treibhausgase in die Luft bläst: Sie können einräumen, dass das Klima sich verändert – und zugleich Zweifel daran säen, dass dieser Wandel mit dem menschlichen Verhalten zusammenhängt. Und wenn sich auch diese Argumentationslinie nicht mehr halten lässt? Dann kann man immer noch behaupten, dass der Klimawandel doch eigentlich ganz unproblematisch sei.


Denn hat sich das Klima nicht immer schon verändert? Ist so ein bisschen globale Erwärmung nicht besser als eine Eiszeit? Ist es nicht sogar ganz angenehm, ja, vorteilhaft, jedenfalls in unseren Breitengraden? Könnte es nicht, um nur ein Beispiel zu nennen, Schleswig-Holstein in ein exzellentes Weinanbaugebiet verwandeln?


Es sind mächtige Politiker und Wirtschaftsführer (eher Männer als Frauen), die so oder ähnlich argumentieren. Mit pseudowissenschaftlichen Argumenten beliefert werden sie von Organisationen wie dem amerikanischen Heartland Institute. Jedes Jahr veranstaltet der rechtskonservative Think-Tank eine „Internationale Konferenz über den Klimawandel“, wo vermeintliche Fakten wie diese verkündet werden: Die globale Erwärmung sei eine Gnade des lieben Herrgotts, weil sie dazu führe, dass Pflanzen besser wüchsen und somit mehr Nahrung für die Welt vorhanden sei.


Worum es dem Heartland Institute und seinen Freunden wirklich geht, offenbarte der US-Senator Jim Inhofe, Republikaner aus Oklahoma, vor einigen Jahren bei einem Auftritt als Stargast der Konferenz. Das Gerede von der globalen Erwärmung sei „der größte Schwachsinn“, sagte Inhofe unter dem Jubel der Anwesenden. Es handele sich dabei um eine Art Weltverschwörung gegen die USA.


Schauen wir auf die Fakten: Im späten 18. Jahrhundert entwickelte der schottische Ingenieur James Watt eine spektakulär effiziente Dampfmaschine; die industrielle Revolution begann. Fortan entwich aus Kraftwerken und Fabriken sowie aus sonstigen Gebäuden und Fahrzeugen zusätzliches Kohlendioxidgas in die Atmosphäre, zunächst wenig, dann mehr und schließlich

schwindelerregend viel. Im Jahr 1800 waren es 30 Millionen Tonnen CO2, 50 Jahre später 200 Millionen, heute sind es rund 40 Milliarden Tonnen – jedes Jahr. Der Gehalt von Kohlendioxid in der Atmosphäre hat sich seit der Industrialisierung um mehr als 40 Prozent erhöht. Die Gaspartikel sorgen dafür, dass sich die Wärmestrahlung der Sonne in der Atmosphäre staut – weshalb die globale Durchschnittstemperatur mittlerweile mehr als 1 Grad Celsius höher liegt als vor der Industrialisierung. So begann, vereinfacht gesagt, der menschgemachte Klimawandel, wobei ein anderer Begriff unser kollektives Werk deutlich treffender beschreibt: die Klimakrise.


Denn nein, es verbirgt sich keine Chance darin, dass die Temperaturen steigen, nicht einmal für Norddeutschland. Die Klimazonen – und damit auch Lebensräume von Pflanzen und Tieren – verschieben sich ja nicht nur, sondern das Klima wird insgesamt immer instabiler und extremer. Auch für Deutschland bedeutet dies mehr Stürme, Starkregen und Hagelschlag, zugleich steigt die Wahrscheinlichkeit von Hitzewellen und Dürren, und an den Küsten wird der Anstieg des Meeresspiegels zu einer Bedrohung.


Global betrachtet: Wer soll davon profitieren, wenn die Ozeane versauern? Wenn Wüsten wachsen und Süßwasservorräte schwinden? Wenn sich das Artensterben noch beschleunigt? Natürlich gibt es sie, die Profiteure der Klimakrise. Man erkennt sie daran, dass sie wissenschaftliche Forschung diskreditieren, Fakten verdrehen und versuchen, die Gesellschaft zu spalten. Eine Studie des Massachusetts Institute of Technology ergab, dass sich Lügen über soziale Medien wie Twitter rund sechsmal so schnell verbreiten wie die Wahrheit. Für Klimaleugner ist das eine gute Nachricht.


„Wir können uns Klimaschutz nicht leisten, weil er viel zu teuer ist“

Zu kurz gedacht. Behauptungen wie diese kursieren in unterschiedlichen Varianten. „Klimaschutzmaßnahmen sind ein Jobkiller“, heißt es, oder auch: „Maßnahmen wie eine CO2-Steuer sind unsozial, weil sie neue Belastungen für Geringverdiener mit sich bringen.“


Fakt ist: Nichts käme die Menschheit teurer zu stehen als die Auswirkungen eines ungebremsten Klimawandels. Und: Gerade die Ärmeren, die sich am wenigsten schützen können, trifft die Klimakrise am härtesten. Eine aktuelle Studie der Swiss Re, einem der größten Rückversicherer der Welt, kommt zum Schluss, dass der Klimawandel, schritte er fort wie bisher, dazu führen würde, dass das globale Bruttoinlandsprodukt bis 2050 um 14 Prozent zurückginge. In absoluten Zahlen: um 23 Billionen Dollar. Das Land an den Küsten würde weiter an Wert einbüßen, die landwirtschaftliche Produktion sänke, auch in anderen Bereichen wäre die Produktivität rückläufig. Dazu kämen Kosten, die durch häufigere und heftigere Naturkatastrophen verursacht würden.


Günstiger wäre es, sich so schnell wie möglich aus der Abhängigkeit von fossilen Energien zu befreien. Dazu brauchte es nach Einschätzung vieler Fachleute keine Zauberwaffen, die erst noch erfunden werden müssen. Mit einer entschlossenen Klimapolitik, die auf existierende Technologien wie Solarenergie, Windkraft und Erdwärme setzt, die richtigen Anreize schafft und Treibhausgasemissionen angemessen bepreist, wäre die Dekarbonisierung des Energiesystems bis 2050 womöglich zu schaffen. Bringt die Corona-Pandemie endlich den dafür notwendigen Schub? Viele äußerten zu Beginn diese Hoffnung, wie UN-Generalsekretär António Guterres, der von einem „Weckruf für die Welt“ sprach. Denn auch Seuchen sind ja ein globales Risiko, das durch die Klimakrise wächst. Und auch sie sind, wie wir gelernt haben, potenziell sehr viel teurer als Klimaschutz.


Aber je länger die Pandemie dauert, desto mehr schrumpft diese Hoffnung. Die Staatskassen leeren sich, Unternehmen leiden und gehen bankrott und die guten Vorsätze rücken in den Hintergrund. Seit Ende vergangenen Jahres ist der globale Ausstoß von CO2 wieder so hoch wie vor der Pandemie. Das UN-Umweltprogramm hat die Investitions- und Aufbauprogramme mehrerer Staaten analysiert und festgestellt, dass bislang weniger als ein Fünftel davon nachhaltig und grün seien.


„Die Lösung der Klimakrise besteht darin, dass jeder Einzelne sein Verhalten ändert“

Nein. Ein alter Trick, der aber immer noch zu funktionieren scheint: Jeder ist für sich selbst verantwortlich, folglich niemand fürs große Ganze, folglich braucht es kein staatliches Eingreifen in Form etwa von Steuern oder Gesetzen. Die Tabakindustrie hat vorgemacht, wie es geht, ebenso die Waffenlobby in den USA.


„Gewehre töten keine Menschen, Menschen töten Menschen“, lautete der Slogan, mit dem die National Rifle Association gegen Regeln und Restriktionen beim Erwerb von Waffen kämpfte. Oder die Zuckerverbände in Deutschland, ein aktuelles Beispiel in Form eines Werbetweets: „Zucker macht nicht süchtig. Sondern unsere Muffins lecker und locker. #GegenLebensmittelpopulismus“.
Was ist mit der Tatsache, dass parallel zum Zuckerkonsum das durchschnittliche Körpergewicht steigt, weshalb auch gesundheitliche Probleme wie Fettleibigkeit und Diabetes Typ 2 epidemische Ausmaße annehmen? Folgt man der Argumentation der Industrie, muss es daran liegen, dass jeder Einzelne, der zu viel Süßes konsumiert, sich halt einfach nicht im Griff hat. So ähnlich wie die Raucher, die sich dummerweise krank rauchen.


Kein Wunder, dass auch Erdöl-, Erdgas- und Kohleindustrie auf diese bewährte Taktik zurückgreifen. Wie ein Forschungsteam der Harvard University in einer im Mai publizierten Studie dokumentiert hat, kopierte der US-Konzern ExxonMobil über viele Jahre „Propagandataktiken“ der Tabakindustrie, um die Verantwortung für die Klimakrise auf Konsumentinnen und Konsumenten abzuwälzen. Das britische Unternehmen British Petrol (BP) warb seit den 2000er Jahren aggressiv für das Konzept des sogenannten „persönlichen CO2-Fußabdrucks“, der misst, wie viele CO2-Emissionen eine Person in ihrem Alltag erzeugt. Mindestens 100 Millionen Dollar pro Jahr, heißt es in der Harvard-Studie, habe BP zwischen 2004 und 2006 nur für Marketing in den USA ausgegeben.


Nichtsdestotrotz kann man sich fragen: Wäre die Klimakrise nicht eher zu bewältigen, wenn wir weniger fliegen würden? Wenn wir weniger Fleisch äßen? Oder wenn wir, wie manche Klima-Aktivistinnen und -Aktivisten fordern, ganz grundsätzlich weniger konsumierten?


Der Klimaforscher Michael E. Mann, Professor für Geowissenschaften an der Pennsylvania State University, nennt in seinem jüngsten Buch „Propagandaschlacht ums Klima: Wie wir die Anstifter klimapolitischer Untätigkeit besiegen“ folgende Zahlen zur Einordnung: Der weltweite Flugverkehr sei für rund 3 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Der Verzehr von Rindfleisch trage immerhin 6 Prozent dazu bei. Aber: Gut 70 Prozent der menschgemachten CO2-Emissionen ließen sich auf gerade einmal 100 Kohle-, Öl- und Gaskonzerne weltweit zurückführen.

Diese Konzerne wollten nicht, dass wir auf ihren CO2-Fußabdruck schauen, argumentiert Mann, deshalb versuchten sie, unseren Blick auf unseren eigenen CO2-Fußabdruck zu lenken.


Das heißt natürlich nicht, dass individuelles Verhalten bedeutungslos wäre, im Gegenteil. Es ist richtig und wichtig, im Alltag auf den Schutz des Klimas und der Umwelt zu achten. Doch es ist kein Ersatz für eine vernünftige Politik: Einer Kalkulation der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge könnten freiwillige, individuelle Verhaltensänderungen etwa ein Viertel dazu beitragen, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. Drei Viertel der nötigen Veränderungen, so die IEA, müssten durch gezielte klimapolitische Maßnahmen herbeigeführt werden.


„Deutschlands Anteil an den Treibhausgasemissionen beträgt rund 2,5 Prozent. Es ist für das Weltklima egal, ob das Land Klimaschutz betreibt“

Ganz im Gegenteil. Dazu gibt es drei Dinge zu sagen. Erstens: Deutschland gehört zu den größten Volkswirtschaften der Welt. Warum sollten Kenia oder Malaysia oder auch die viel kleinere Schweiz Klimaschutz betreiben, wenn Deutschland sich drückte? Positiv formuliert: Hätte Deutschland nicht beste Voraussetzungen, anderen Ländern zu zeigen, dass die Energiewende gelingen kann?


Zweitens: Deutschland hat, wie die übrigen Industrieländer auch, über den gesamten Zeitraum seit der Industrialisierung ungleich mehr von fossilen Energien profitiert als die meisten anderen Staaten der Erde. Und damit auch deutlich mehr akkumulierte Emissionen verursacht.


Aufschlussreicher sind deshalb andere Zahlen: 22 Prozent des bisherigen CO2-Anstiegs in der Atmosphäre haben allein die Staaten der Europäischen Union verursacht – obwohl nur 7 Prozent der Weltbevölkerung in der EU leben. Die USA, Heimat von 4 Prozent der Menschheit, sind für 30 Prozent des akkumulierten CO2 verantwortlich – und damit historisch der größte Verursacher von Treibhausgasemissionen. China, das 18 Prozent der Weltbevölkerung beherbergt und heute rund doppelt so viel CO2 ausstößt wie die USA – rund 30 Prozent der globalen Emissionen –, ist für 13 Prozent des akkumulierten CO2 verantwortlich. Ganz Afrika und ganz Südamerika zusammen für knapp 6 Prozent.


Hinzu kommt, drittens, die bereits erwähnte Perfidie der Klimakrise: Ärmere Länder im globalen Süden, die am wenigsten zu ihr beigetragen haben, leiden besonders schwer unter den Folgen.
Aus diesen drei Gründen ergibt sich eine moralische Verantwortung reicher Länder wie Deutschland, bei der Schadensbegrenzung ebenfalls voranzugehen. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie sich die Kosten einer globalen Klimapolitik gerecht verteilen lassen. Ärmere Länder sollen ja auch noch darauf verzichten, ihren wirtschaftlichen Aufstieg mit fossilen Energien zu befeuern, wie es die Industriestaaten getan haben.


In welchem Maße Staaten wie Deutschland dazu bereit sind, den globalen Süden beim Klimaschutz zu unterstützen, wird im November bei der UN-Konferenz in Glasgow ein zentrales Thema sein. Und ein kontroverses – denn auch die reichen Länder sorgen sich nach elend langen Pandemiemonaten um ihre wirtschaftliche Entwicklung.


„Klimapolitik gehört zu den Themen, bei denen Europa mit China zusammenarbeiten kann und muss“

Grundsätzlich ja. Die Kooperation mit China ist oft eine Herausforderung, weil sie selten auf der Basis gemeinsamer Werte stattfindet. Ein gemeinsames Ziel immerhin könnte die Stabilisierung des Weltklimas sein. Ohne Peking, soweit herrscht Konsens, kann dieses Ziel nur schwer erreicht werden. Denn China ist mit knapp 1,4 Milliarden Einwohnern immer noch das bevölkerungsreichste Land der Erde, auch wenn Indien ihm diesen Titel in absehbarer Zukunft streitig machen wird. Und es ist, mit weitem Abstand vor den USA und Indien, der größte Klimasünder der Gegenwart.


Zugleich ist China aber auch Teil der Lösung: als einer der größten Hersteller von Solartechnik und Windkraftanlagen. Allein 2020 nahm die Volksrepublik so viele Windenergieanlagen zusätzlich in Betrieb, wie in Deutschland insgesamt angeschlossen sind. Diese positive Entwicklung wird dadurch relativiert, dass Peking immer noch massiv auf fossile Energien setzt. Rund die Hälfte der weltweiten Kohlekraftwerkskapazitäten befinden sich in China. Und noch immer werden dort neue Kohlekraftwerke errichtet.


Im vergangenen Herbst überraschte Präsident Xi Jinping die Welt mit der Ankündigung, dass sein Land bis 2060 klimaneutral sein wolle, maximal zehn Jahre später als der Erzrivale USA. Wie genau die Chinesen dieses Ziel zu erreichen gedenken, blieb unklar. Einige Kommentatoren argwöhnten, die Ankündigung sei bloß Propaganda zur richtigen Zeit, ein Versuch des Regimes, von seinem fragwürdigen Verhalten beim Ausbruch der Corona-Pandemie in Wuhan abzulenken.


Eines aber ist offensichtlich: Chinas Führung hat längst erkannt, dass die grüne Transformation kommt – und dass sie wirtschaftliche und geopolitische Chancen bietet. Als die USA unter Donald Trump Abschied nahmen von der Klimapolitik, inszenierte sich Peking genüsslich als Gegenmodell: eine verantwortungsbewusste Großmacht, die innerhalb der Weltgemeinschaft für den Schutz des Klimas kämpft.


Als die USA sich nun unter ihrem neuen Präsidenten Joe Biden zurückmeldeten und der Welt ihre klimapolitische Führung anboten, reagierte der chinesische Klimagesandte Xie Zhenhua mit kaum kaschiertem Spott: „Wir begrüßen die Rückkehr der USA ins Pariser Klima-Abkommen“, sagte Xie, „und wir freuen uns darauf, dass die USA sich darum bemühen, ihren Rückstand aufzuholen.“


Europa müsse sich darauf einstellen, raten Fachleute wie Janka Oertel vom European Council on Foreign Relations, dass es in Zukunft ein noch komplexeres Unterfangen werde, bei der Klimapolitik mit China zusammenzuarbeiten. Denn die grüne Wende werde immer enger an wirtschaftliche Interessen gekoppelt sein. Europa und China würden darum zugleich kooperieren und konkurrieren – um Rohstoffe oder Marktanteile –, und dies vor dem Hintergrund einer fundamentalen Systemrivalität.


Das eine, Kooperation, ist unverzichtbar, während das andere, Konkurrenz, unvermeidlich ist. Wie kann Europa mit diesem Dilemma umgehen? Klare Ziele und rote Linien zu definieren, wäre ein Anfang. Allianzen mit anderen demokratisch gesinnten Staaten sind sinnvoll, um der aufstrebenden Supermacht gewichtiger gegenübertreten zu können. Ebenfalls hilfreich wäre die Stärkung des eigenen Systems, der Demokratie, von innen: durch Maßnahmen gegen wachsende Ungleichheit, gegen Korruption, Fake News und Politikverdrossenheit. Chinesische Erfolge bei der Entwicklung grüner Technologien müssten die Europäer dann nicht als Bedrohung sehen, sondern als Ansporn, ihrerseits konkurrenzfähig zu bleiben – zum Wohle der Demokratie, zum Wohle des Weltklimas.


„Wenn wir das 1,5-Grad-Ziel verfehlen, kippt das Weltklima, und die Erde wird in weiten Teilen unbewohnbar“

Jein. Es gibt sehr gute Gründe für das 1,5-Grad-Ziel. Die globale Erwärmung auf 1,5 Grad Celsius im Jahr 2100 zu begrenzen, wäre ungleich besser, als die Grenze des Aushaltbaren bei 2 Grad Celsius festzulegen, wie es die Weltgemeinschaft ursprünglich vorhatte. Noch besser wäre, man könnte jetzt sofort eine Stopptaste drücken, bei einer Erwärmung von etwa 1,1 oder 1,2 Grad Celsius. Die Schäden, die sich weltweit bemerkbar machen, sind ja längst katastrophal genug.


Außerdem weisen Klimawissenschaftler darauf hin, dass zu den bisherigen rund 1,1 Grad eigentlich noch mehrere Zehntel hinzugerechnet werden müssten, da die Luftverschmutzung für eine gewisse Abkühlung in der Atmosphäre sorge. Sie warnen, dass es so etwas wie Kippschalter im globalen Klimasystem gebe, von denen einige bereits kippten. Für Korallenriffe in den Tropen etwa könnte die Rettung zu spät kommen.


Warum spricht also niemand über ein 1,1-Grad-Ziel? Ganz einfach, weil dieses Ziel nicht erreichbar ist. Ebenso wenig wie 1,2 oder 1,3 Grad.


Und 1,5 Grad? Der Weltklimarat geht davon aus, dass die globalen Treibhausgasemissionen bis 2030 mehr als halbiert werden müssten, um das 1,5-Grad-Ziel noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 66 Prozent zu erreichen. Bis 2050 müsste die Menschheit vollständig klimaneutral sein. Die Chancen, dass dies gelingt, sind... wie soll man es sagen, ohne schwarzmalerisch, hoffnungslos, weltuntergangsgewiss zu klingen?


Nahezu alle Staaten der Erde hatten 2015 in Paris versprochen, dass sie ihre Emissionen nun wirklich reduzieren würden. Der Wirtschaftsnobelpreisträger William D. Nordhaus hat errechnet, dass die globalen Emissionen jährlich um mindestens 3 Prozent sinken müssten, wollte man zumindest die alte Grenze von 2 Grad einhalten. Tatsächlich seien die Emissionen in den vergangenen 20 Jahren aber um 2 Prozent pro Jahr gestiegen.


Anderseits: Die USA, die den Klimawandel ja nun zumindest bis zur nächsten Präsidentschaftswahl wieder ernst nehmen, haben ihre Klimaziele vor Kurzem deutlich verschärft. Sie wollen ihren Treibhausgasausstoß bis 2030 tatsächlich um 50 Prozent reduzieren, im Vergleich zu 2005. Die Europäische Union hat ihr Reduktionsziel sogar auf 55 Prozent erhöht, im Vergleich zu 1990. Die Anzeichen mehren sich, dass die Wende hin zu einer Null-Kohlenstoff-Wirtschaft möglich ist. Mehr noch: dass da gerade wirklich etwas in Gang kommt, nicht zuletzt dank der Klima-Jugendbewegung.


Dennoch braucht man erschreckend wenig Fantasie, um sich vorzustellen, wie die Weltgemeinschaft am 1,5-Grad-Ziel scheitert. Deshalb an dieser Stelle ein Wort der Hoffnung: 1,5 Grad sind kein harter, wissenschaftlicher Grenzwert, sondern eine Zahl, auf die sich Politikerinnen und Politiker verständigt haben, um noch Schlimmeres zu verhindern. Falls – falls! – wir das 1,5-Grad-Ziel verfehlen, kippt nicht gleich der ganze Planet um. Es wäre darum falsch und auch kontraproduktiv, diese Grenze als die absolut letzte zu betrachten, jenseits derer alles verloren ist. Aufgeben ist keine Option. Jedes Zehntelgrad zählt.


Samiha Shafy ist Umweltnaturwissenschaftlerin und Redakteurin mit Schwerpunkt Ausland im Politikressort der ZEIT. Zuvor arbeitete sie unter anderem als Wissenschaftsredakteurin beim Spiegel.

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik 4, Juli/August 2021, S. 102-107

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