Methoden für morgen
Die Ansprüche an die Arbeit von Thinktanks sind gestiegen. „Thinking Communities“ können dazu bei tragen, alte Strukturen aufzubrechen, neue For mate zu etablieren – und damit den gesellschaftlichen Einfluss von Politikberatung zu erhöhen.
Thinktanks müssen in der Lage sein, verlässliche Zukunftsannahmen zu treffen. In einem komplexen und dynamischen internationalen Umfeld, das geprägt ist von neuen Playern, hybriden Bedrohungen und Multipolarisierung, wird das jedoch immer schwieriger. Gleichzeitig beschleunigen technologische Entwicklungen den Wandel und auch die gesellschaftlichen Erwartungen an Beteiligung verändern sich grundlegend. Viele klassische Analyse- und Beratungsansätze stoßen dabei an ihre Grenzen.
Vor diesem Hintergrund steigt der Handlungsdruck auf Thinktanks, ihre Methoden und Strukturen zu überdenken. Hier kommen sogenannte „Thinking Communities“ ins Spiel. Solche Gemeinschaften können zum Beispiel partizipative Netzwerke oder ergänzende Mitgliedervereine wie die Junge DGAP sein. Thinking Communities schaffen den Raum, um neue Methoden zu erproben und sie dauerhaft in Thinktank-Strukturen zu verankern. Sie ermöglichen es, etablierte Analysemodelle kritisch zu hinterfragen, neue Lösungsansätze zu entwickeln und Forschung praxisnäher in die Politikberatung zu übersetzen. In diesen „Werkstätten der Zukunft“ werden innovative Werkzeuge getestet, darunter unter anderem Serious Gaming, Design Thinking, Strategic Foresight und Storytelling – ein Methodenmix, der aktuelle Herausforderungen interdisziplinär mit konkreten Lösungsansätzen verknüpft.
Ziel dieser Methodenvielfalt ist es, Perspektivwechsel zu ermöglichen und Transformationsprozesse anzustoßen – hin zu einer Politikberatung, die nicht nur sendet, sondern zuhört und gemeinsam Lösungen entwickelt. Solche innovativen Ansätze zielen zudem darauf ab, neue und insbesondere jüngere Zielgruppen zu erreichen – auch außerhalb etablierter sicherheitspolitischer Diskurse.
Serious Gaming
Ein zentrales Element methodischer Innovation in der politischen Beratung ist der Einsatz von Simulationen. Sie bieten die Möglichkeit, komplexe Situationen realitätsnah durchzuspielen und Entscheidungen in einem geschützten Raum zu erproben. Ob mithilfe von Virtual-Reality-Brillen oder analogen Rollenspielen: Solche Formate fördern praxisnahe Lern- und Entscheidungserfahrungen.
Im Kontext von Thinktanks gewinnen insbesondere sogenannte War Games an Bedeutung. Dabei handelt es sich um simulationsbasierte Planspiele, die ursprünglich aus der militärischen Ausbildung stammen und inzwischen verstärkt in der sicherheitspolitischen Beratung eingesetzt werden – etwa zur Risikoeinschätzung oder Szenarioanalyse.
Was zunächst wie ein Spiel klingt, ist vielmehr eine strukturierte Methode, die Perspektivwechsel nicht nur ermöglicht, sondern geradezu erzwingt. Ausgehend von politisch kritischen Ausgangssituationen werden verschiedene Handlungsoptionen diskutiert, reflektiert und auf ihre Konsequenzen hin überprüft. So lassen sich politische Entscheidungsprozesse simulativ durchspielen und deren Wirkungen in geschütztem Rahmen testen.
Simulationen bieten die Möglichkeit, Entscheidungen in einem geschützten Raum zu erproben
In den vergangenen Jahren wurden vermehrt Simulationen in Zusammenarbeit unterschiedlicher Institutionen durchgeführt – unter anderem mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, Verwaltung und Militär. Ziel ist es, ein vertieftes Verständnis für mögliche Eskalationsdynamiken zwischen beteiligten Akteuren sowie für externe Einflussfaktoren zu entwickeln. Die Teilnehmenden übernehmen dabei verschiedene Rollen und müssen flexibel auf sich verändernde Ereignisse reagieren. So können neue Erkenntnisse über Entscheidungslogiken, Reaktionsmuster und Kommunikationsstrategien gewonnen werden. Die simulierten Szenarien orientieren sich an konkreten sicherheitspolitischen Fragestellungen und ermöglichen eine strukturierte Auseinandersetzung mit Zielkonflikten, Risiken und potenziellen Lösungsansätzen.
Die interaktive Gestaltung solcher Formate schafft zudem niedrigschwellige Zugänge und bezieht gezielt neue gesellschaftliche Zielgruppen in die Auseinandersetzung mit außen- und sicherheitspolitischen Themen ein. Neben dem Lerneffekt für die Teilnehmenden führt Serious Gaming auch zu konkreten Empfehlungen – etwa für Risikoanalysen, Mechanismen zur Eskalationsvermeidung und die Ausgestaltung diplomatischer Kommunikation.
Design Thinking
Design Thinking bietet einen nutzerzentrierten, integrativen Ansatz für Policy-Analysen und Problemlösungen, der verstärkt auch in außen- und sicherheitspolitischen Kontexten Anwendung findet. Anstatt sich nur auf das Wissen von Expertinnen und Experten zu stützen, bezieht Design Thinking gezielt die Perspektiven und Bedürfnisse jener Menschen ein, die von Maßnahmen oder Entscheidungen betroffen sind. Dieser methodische Perspektivwechsel ermöglicht es, komplexe Probleme anders zu strukturieren und praxisnahe Lösungen zu entwickeln, die sich stärker an der Lebensrealität und den Anforderungen der Zielgruppen orientieren.
Besonders in Policy-Lab-Formaten hat sich dieser methodische Zugang bewährt. Hier werden politische Herausforderungen in einem interdisziplinären Rahmen kollaborativ bearbeitet. Design Thinking wird dabei genutzt, um alternative Modelle für politische Dynamiken und Entscheidungsprozesse zu entwickeln. Die methodische Toolbox umfasst unter anderem qualitative Interviews, Mapping-Verfahren, systemisches Denken sowie das Erstellen und Testen von Prototypen. Ziel ist es, schrittweise konkrete handlungsrelevante Vorschläge zu erarbeiten, die institutionelle Routinen hinterfragen und Innovationspotenziale aufzeigen.
Design Thinking-Ansätze haben sich im Bereich der digitalen Verwaltung bereits als äußerst wirkungsvoll erwiesen, insbesondere bei der Entwicklung bürgerzentrierter Dienstleistungen. Auch im sicherheitspolitischen Kontext werden sie immer häufiger eingesetzt, beispielsweise bei der Gestaltung von Frühwarnsystemen, der Krisenkommunikation oder von Resilienzstrategien in hybriden Bedrohungslagen.
In Thinking Communities wird Design Thinking gezielt als methodische Erweiterung eingesetzt, um politische Beratung stärker zu öffnen, neue Zielgruppen einzubinden und interaktive Formate zu verankern. Solche Strukturen schaffen nicht nur Räume für kreatives Denken, sondern fungieren auch als Resonanzräume für Prototypen, Hypothesen und alternative Handlungsansätze. Damit leistet Design Thinking einen wertvollen Beitrag zur methodischen Erneuerung klassischer Thinktank-Arbeit.
Neue Ansprüche an Thinktank-Arbeit
Die genannten Methoden tragen dazu bei, Politikberatung vielfältiger und offener zu gestalten. Sie setzen nicht nur auf Effizienz und Expertise, sondern auch auf Prozesse, Inklusion und die Perspektiven junger Generationen. Auf diese Weise wird Beratung für mehr Menschen außerhalb der politischen Führungsebene zugänglich gemacht.
Gerade mit Blick auf gesellschaftliche Transformationsprozesse – etwa veränderte Wertehaltungen, Mobilisierungsformen oder Beteiligungserwartungen junger Generationen – wird deutlich, dass solche Ansätze im Thinktank-Bereich künftig stärker berücksichtigt werden müssen.
Design-Thinking-Ansätze werden immer häufiger im sicherheitspolitischen Bereich eingesetzt
Die Erweiterung klassischer Politikberatung um eine soziale, erfahrbare und emotionale Dimension schafft neue Zugänge und erhöht die Wirksamkeit politischer Kommunikation. Beratung wird damit nicht nur zur Wissensvermittlung, sondern auch zur Gestaltung von Beziehungsräumen. Narrative Formate und das Einbeziehen emotionaler Dynamiken tragen dazu bei, komplexe Themen verständlicher zu machen und politische Prozesse anschlussfähig zu vermitteln – insbesondere für neue oder bislang wenig eingebundene Zielgruppen.
Diese integrativen Herangehensweisen leisten einen Beitrag zur Reflexivität und Innovationsfähigkeit innerhalb der Thinktank-Arbeit. Sie stärken die gesellschaftliche Relevanz von Beratung, fördern die dialogische Auseinandersetzung mit Zielgruppen jenseits etablierter Expertenkreise und unterstützen eine diversere Perspektivbildung im politischen Diskurs.
Gleichzeitig erfordern interdisziplinäre und partizipative Ansätze spezifische Rahmenbedingungen: Sie sind ressourcenintensiv, benötigen ausreichend Zeit und methodische Kompetenzen – etwa in Konzeption, Moderation und Prozessgestaltung. Auch eine kontextspezifische Anpassung der Formate und eine klare Ergebnisorientierung sind notwendig, um die Potenziale dieser Methoden wirksam zu entfalten. Werden diese Voraussetzungen nicht erfüllt oder nur unzureichend berücksichtigt, besteht das Risiko, dass solche Verfahren weniger effizient wirken als klassische Beratungsmodelle.
Damit die skizzierten Methoden nicht punktuelle Experimente bleiben, sondern systematisch in die Arbeitsweisen von Thinktanks und Beratungseinrichtungen integriert werden können, braucht es dauerhafte institutionelle Rahmenbedingungen: Ressourcen, Ausbildung, aber auch eine strategische Verankerung in der Organisationskultur. Thinking Communities wie zum Beispiel die Junge DGAP zeigen, wie solche Strukturen aussehen können. Sie ermöglichen es, innovative Formate nicht nur zu testen, sondern als festen Bestandteil einer reflektierten, lernenden Politikberatung zu etablieren – eine Voraussetzung dafür, dass Politikberatung auch in Zukunft wirksam, inklusiv und gesellschaftlich anschlussfähig bleibt.
Internationale Politik Special 3, Juni 2025, S. 60-63