Manchmal hält man einfach den Mund
Der Großbrand in Hongkong im November 2025 zeigt, was der „China-Stil“ für die Stadt bedeutet.
Der Bus von der U-Bahnstation Tai Po Market zum Wang Fuk Court hat den Betrieb schon seit einigen Tagen eingestellt, als ich mit Sammy Lau, einem alten Bekannten, zur Stelle des Unglücks fahre. Sammy will mit eigenen Augen sehen, was das Feuer angerichtet hat. Während er durch das von Dieselschwaden und Lärm erfüllte Parkhaus irrt, das als Bushaltestelle dient, meint er: „Lass uns hier lieber über etwas anderes reden. Du bist der einzige Weiße hier, und du siehst irgendwie schon von Weitem aus wie ein Journalist. Wir werden ganz schön angeglotzt.“
Schließlich finden wir einen geeigneten Bus. Von der Haltestelle am Fußballplatz, vorbei an einem Kanal, auf dem Fischerboote schaukeln, läuft ein stetiger, fast lautloser Strom von Menschen in dieselbe Richtung. Fast alle haben Blumen in der Hand. An jeder Ecke stehen Polizisten und bewachen den Weg zur ausgebrannten Ruine. Der Hochhauskomplex mit mehr als 4500 Bewohnern ging am 26. November 2025 in Flammen auf. Dabei starben über 160 Menschen; es gab 79 Verletzte und viele Vermisste.
Sammys Bemerkung, dass wir hier lieber über Unverfängliches reden sollten, ist durchaus schockierend. Vor wenigen Jahren wären solche Sorgen in Hongkong genauso abwegig gewesen wie in Berlin oder Kopenhagen. „Die haben die Hosen voll“, sagt Sammy später bei Tee und Nudeln in einem kleinen Restaurant, „dass das der Start für die nächste Runde von Protesten ist.“
Dazu, findet er, bestehe auch Anlass. „Ja, das Feuer in Tai Po war ein Unfall“, sagt er. „Aber der Unfall selbst ist nur die Spitze des Eisbergs. Die Basis ist ein Stil, der sich hier seit Jahren festsetzt. Ich nenne ihn den China-Stil.“ Dieser Stil sei gekennzeichnet durch Mauscheleien und faule Kompromisse – und durch den Unwillen, sich zu exponieren. Im Zweifelsfall halte man lieber den Mund.
Zum China-Stil gehört auch, dass das sogenannte Amt zur Wahrung der nationalen Sicherheit, das Peking 2020 in Hongkong einrichtete, internationale Journalisten einbestellt hat, um ihnen mitzuteilen, dass es keine „Hetze“ dulden werde, also keine kritische Berichterstattung zu dem Thema. „Das Amt wird Aktivitäten anti-chinesischer Elemente in Hongkong nicht dulden“, hieß es weiter. „Sagen Sie nicht, wir hätten Sie nicht gewarnt.“
In Hongkong gilt jeder, der eine unabhängige Untersuchung fordert, sofort als Bedrohung der nationalen Sicherheit. Es gab eine ganze Reihe von Verhaftungen. Unter anderem wurde Miles Kwan, ein 24-jähriger Student, festgenommen, nachdem er begonnen hatte, online Unterschriften für eine unabhängige Untersuchung zu sammeln.
Abwägen oder weggehen
Es gibt also guten Grund, den Mund zu halten. Sammy arbeitet seit knapp 20 Jahren in Hongkong als Ermittler bei einer auf Wirtschaftskriminalität und unternehmensforensische Untersuchungen spezialisierten Firma. Der von Sammy identifizierte China-Stil macht sich auch bei seiner Arbeit bemerkbar. „Man fragt sich heute schon, ob man mit Konsequenzen zu rechnen hat, wenn man einen Fall bei der ICAC melden will“, sagt er. Gemeint ist die Unabhängige Kommission gegen Korruption (Independent Commission Against Corruption), die lange zu den am meisten respektierten Institutionen der Stadt gehörte. „Niemand will sich zu weit aus dem Fenster lehnen.“
Dieser Geist, so Sammy, sei auch der Grund dafür, dass die Beschwerden der Bewohner der abgebrannten Wohnanlage ein gutes Jahr lang ignoriert wurden. Beschwerden etwa über fehlende Feuerwarnanlagen und über leicht entzündliche Materialien, mit denen Bauarbeiter bei Renovierungsarbeiten die Wohnblocks in eine Falle verwandelten, während das Geld, das die Anwohner für die Renovierung bezahlt hatten, versickerte, unter anderem auf Kosten der Feuersicherheit. „Früher hätte das eine Zeitung aufgegriffen, Apple Daily vielleicht“, sagt Sammy. Apple Daily war eine Boulevardzeitung, deren Führungspersonal seit 2020 im Gefängnis sitzt.
Inzwischen füllt sich das kleine Restaurant. Ein Mann Mitte 50 und eine junge Frau setzen sich mit an den Tisch. Ob sie schon an der Ruine gewesen seien, fragt Sammy. Nachher würde er hingehen, sagt der Mann, heute Nacht werde die Versammlung schließlich aufgelöst. „Warum eigentlich?“, fragt Sammy. Der Mann zögert, schaut vielsagend über seine Tasse mit Yin Yeung – eine Mischung aus schwarzem Tee, Nescafé und Kondensmilch –, gestikuliert wortlos mit einer Hand und seufzt: „Also … unsere Regierung.“ Die junge Dame neben ihm sieht das anders. „Das wird nur darum geräumt, weil die am Ende sonst noch den Verkehr behindern!“
Später kommt die Frage auf, wie es eigentlich so weit kommen konnte. Der Mann gestikuliert schweigend, als ob er etwas bereits Bekanntes implizieren würde, und wiederholt, „Hm, also … unsere Regierung?“ Die junge Dame widerspricht energisch. „Das Haus war eben alt. Überhaupt gibt es hier zu viele alte Häuser. Sie müssten mal nach Schanghai kommen, da sehen Sie eine wirklich moderne Stadt.“ Der Mann schweigt.
Die Versammlung an der Ruine löste sich in derselben Nacht tatsächlich auf – nachdem die voll ausgerüstete Bereitschaftspolizei mit Helmen, Schlagstöcken und Schilden angerückt war. Im Bus auf dem Rückweg zur U-Bahn sagt Sammy: „Weißt du, wer zu 100 Prozent nicht einverstanden ist, der hat die Stadt schon verlassen. Wenn man nur zu 50 Prozent nicht einverstanden ist, wie ich oder vielleicht der Mann im Café, dann muss man immer abwägen. Manchmal hält man einfach den Mund.“
Der Autor ist der Redaktion bekannt. Er lebt in Hongkong und möchte aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden.
Internationale Politik 2, März/April 2026, S. 114-115
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