Kommentar: Für eine neue Hanse der Mittelmächte
Die Warnung des kanadischen Premierministers Mark Carney auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos 2026, dass die regelbasierte Wirtschaftsordnung bröckelt und dass Mittelmächte zusammenhalten müssen, kommt zu einem Zeitpunkt, an dem wirtschaftliche Einschüchterung zum Standard-
instrument der Staatskunst geworden ist. Für Länder wie Kanada, Deutschland, Japan, Südkorea oder Australien, deren Wohlstand von offenen Märkten und berechenbaren Regeln abhängt, könnte die Lage nicht ernster sein.
Eine neue Hanse der Mittelmächte böte einen Ausweg. Die mittelalterliche Hanse verband Handelsstädte an der Nord- und Ostsee und bündelte ihren Einfluss, um die Seewege offen zu halten und sich gegen räuberische Monarchen zu wehren. Ein Pendant im 21. Jahrhundert wäre ebenfalls informell und flexibel, hätte jedoch einen anderen Schwerpunkt: die Koordinierung der Wirtschaftspolitik zwischen fortgeschrittenen Demokratien, die zwar anfällig für Zwangsmaßnahmen sind, aber gemeinsam über eine enorme Marktmacht verfügen. Es wäre eine Koalition, die darauf ausgerichtet ist, Reden über Regeln in konkrete, kollektive Einflussnahme zu übersetzen.
Als Gruppe erwirtschaften Kanada, die EU-Mitglieder, Großbritannien, Norwegen, Japan, Südkorea, Australien und Neuseeland etwa ein Drittel der weltweiten Wirtschaftsleistung. Sie beherbergen einige der weltweit größten öffentlichen Pensionskassen, Staatsfonds und offiziellen Anleiheportfolios. Gemeinsam beeinflussen sie die Kapitalkosten und den Zugang zu lukrativen Verbrauchermärkten in einer Weise, die keine Großmacht ignorieren kann. Diese Realität wird oft dadurch verschleiert, Macht allein militärisch zu denken.
Die USA sind der weltweit größte Nettoschuldner; ausländische Investoren – sowohl öffentliche als auch private – halten US-Staatsanleihen, Unternehmensanleihen und Eigenkapital im Wert von rund 27 Billionen US-Dollar. Diese Abhängigkeit von externen Finanzmitteln ist die Kehrseite der anhaltenden Leistungsbilanzdefizite der USA. Jahr für Jahr konsumiert und investiert Amerika mehr, als es spart. Die Differenz wird vom Rest der Welt durch die Übernahme von US-Forderungen ausgeglichen. Sinkt das Interesse ausländischer Investoren an US-Anleihen und Aktien, hat das einen direkten Einfluss auf den fiskalischen Handlungsspielraum Washingtons, die Kreditkosten für Haushalte und Unternehmen und letztlich auf die Durchführbarkeit politischer Konfrontationen. Einfach ausgedrückt: Die USA sind auf ihre Gläubiger angewiesen, um ihren Lebensstandard und ihre Fähigkeit, Macht zu projizieren, aufrechtzuerhalten.
Jüngste Ereignisse haben diese Hebelwirkung bereits offenbart. Die Reaktion der Märkte auf Trumps Drohung, Grönland zu beschlagnahmen, und die Möglichkeit, dass europäische Gläubiger beginnen könnten, US-Anleihen abzustoßen, sollte der Konflikt zu einem ausgewachsenen Handelskrieg eskalieren, zwangen den US-Präsidenten zum Kurswechsel. Für einen hoch verschuldeten Staat, der auf ausländische Ersparnisse angewiesen ist, kann selbst ein geringer Risikoaufschlag zu deutlich höheren Kreditkosten führen. Würden wichtige demokratische Gläubigerstaaten im Voraus signalisieren, dass wirtschaftliche Einschüchterung eine koordinierte Neubewertung der Risiken zur Folge hätte, würde dies die Kalkulation jedes Staatschefs beeinflussen. Die Märkte würden dann nicht nur die Launen einer einzelnen Großmacht, sondern auch die wahrscheinliche Reaktion einer großen Gläubigerkoalition einpreisen.
China weist eine andere, aber ebenso wichtige Schwachstelle auf. Peking ist weniger von ausländischen Gläubigern abhängig als von der Auslandsnachfrage nach seinen Industriegütern. Das chinesische Wachstumsmodell stützt sich stark auf den Export, der weit über den heimischen Verbrauch hinausgeht. Eine Gruppe von handelsabhängigen Demokratien, die gleichzeitig Beschaffungsvorschriften verschärft, Lieferketten diversifiziert oder als Reaktion auf Zwangsmaßnahmen vorübergehend Importe beschränkt, würde direkt die wirtschaftlichen Schwachstellen Chinas treffen: Überkapazitäten und den Beschäftigungsdruck in wichtigen Industrieregionen. Die Aussicht auf geschlossene Fabriken und soziale Unruhen ist das, was Peking in einer Phase langsameren Wachstums zu vermeiden sucht.
Die USA ihrerseits sind in Sektoren exponiert, in denen Exportmärkte und der Schutz geistigen Eigentums für ihren wirtschaftlichen Wohlstand von zentraler Bedeutung sind. Agrarproduzenten, Luft- und Raumfahrtunternehmen und schutzrechtsintensive Industrien sind von ausländischen Kunden und globalen Regelungen abhängig, die Patente, Marken und Lizenzverträge durchsetzen. Eine Koalition mittlerer Mächte, die als Reaktion auf Zwangsmaßnahmen gemeinsam den Marktzugang, regulatorische Prioritäten oder Beschaffungsentscheidungen anpasst, würde sich sowohl in der US-Wählerschaft als auch in den amerikanischen Vorstandsetagen bemerkbar machen.
Im Mittelpunkt einer modernen Hanse sollte eine klare Verpflichtung zu konzertierten wirtschaftlichen und finanziellen Maßnahmen stehen. Die Mitglieder würden sich verpflichten, dass, wenn eines von ihnen ernsthaften wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen ausgesetzt ist oder seine Souveränität bedroht ist, alle sofort Rücksprache halten und angemessene gemeinsame Gegenmaßnahmen erwägen. Diese könnten von synchronisierten Verschiebungen im Reservemanagement und Anleihekäufen bis hin zu koordinierten Exportkontrollen, Zollzuschlägen oder einem bevorzugten Zugang innerhalb der Gruppe reichen, um etwaige Rückschläge abzufedern. Genauso wichtig wie die Instrumente selbst sind klare Signale. Großmächte wüssten im Voraus, dass Versuche, eine einzelne Mittelmacht zu isolieren, eine breitere Koalitionsreaktion mobilisieren würden.
Institutionell muss die Liga weder groß noch bürokratisch sein. Ein schlankes Sekretariat, unterstützt von Beamten aus Finanzministerien, Zentralbanken und großen öffentlichen Fonds, könnte Szenarioübungen durchführen, gemeinsame Risikobewertungen vorbereiten und Kommunikationskanäle für Krisenzeiten aufrechterhalten. Deutschland und Kanada wären gut geeignet, eine solche Initiative zu verankern und ein Sondierungstreffen einzuberufen.
Natürlich gibt es auch Kosten und Risiken. Die skizzierten Maßnahmen können Vermögenswerte der Koalitionsmitglieder selbst mindern, Lieferketten destabilisieren und Vergeltung provozieren. Die Belastung wird niemals gleichmäßig verteilt sein; exportorientierte Regionen und Sektoren würden die Auswirkungen als erste zu spüren bekommen, und die Regierungen müssten ihren eigenen Bürgern diese Risiken offen kommunizieren. Die Alternative wäre jedoch eine Welt, in der Mittelmächte nacheinander von räuberischen Großmächten ausgeschaltet werden. Gemessen an der langfristigen Aushöhlung der Souveränität, die eine wiederholte Kapitulation mit sich bringt, sind die Kosten für ein gemeinsames Handeln einer zweckmäßigen Hanse für das 21. Jahrhundert gering.
Übertragen aus dem Englischen von Tim Hofmann
Internationale Politik, Mai/Juni 2026, S. 64-65
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