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31. Aug. 2026

Goodfellas GmbH

Zwischen süditalienischen Dörfern und deutschen
Pizzerien haben sich Mafiabanden zu Organisationen 
entwickelt, die komplexer und gefährlicher sind,
als es Filmklischees vermuten lassen. Um ihnen ­beizukommen, müssen wir sie entschlüsseln.

Anna Sergi
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Bild: Historische Schwarz-Weiß-Aufnahme: Eine Gruppe von Männern steht dicht gedrängt hinter einem hohen Metallgitter, davor und dazwischen befinden sich mehrere uniformierte Sicherheitskräfte.
Der Begriff stammt aus Italien, aber man sollte sich hüten, Mafiagruppen durch die Brille der italienischen Migrantenidentität zu betrachten: früher Prozess gegen Mafiosi 1919 in Palermo.
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Ermittler aus sechs europäischen Ländern waren beteiligt, als 2021 im Rahmen der Opera­tion „Mineralöl-Mafia AG“ ein Fall aufgedeckt wurde, der sich einfachen Kategorisierungen entzog. Auf den ersten Blick handelte es sich um einen schlichten, wenn auch massiven Steuerbetrug. Der wurde aber mithilfe von ausgeklügelten Manipulationen staatlicher Kraftstoffvertriebsnetze abgewickelt und hatte europäische Regierungen rund eine Milliarde Euro gekostet. 
 

Strukturelle Allgegenwart

Die Behörden bezeichneten die Strippenzieher seinerzeit lapidar als die „italienische Mafia“. Tatsächlich handelte es sich um ein Netzwerk, dem mit ethnischen Zuschreibungen kaum beizukommen war und das sich auch auf nichtitalienische Komplizen stützte. Viele der Beteiligten waren Geschäftsleute, die legale Unternehmen führten und regulatorische Unstimmigkeiten nutzten, um sich zu bereichern. 

Der Fall der Mineralöl-Mafia ist nur eines von vielen Beispielen für eine unbequeme Realität: Das Phänomen, das wir in Europa als „italienische ­Mafia“ bezeichnen, ist längst viel komplexer, als es der Begriff vermuten lässt. Er suggeriert eine monolithische kriminelle Vereinigung mit italienischer Identität; die Realität aber ist weitaus differenzierter. Tatsächlich handelt es sich um viele, sehr diverse Organisationen, die ganz unterschiedlich operieren – und die nicht außerhalb der politischen Ökonomie Europas arbeiten, sondern auf verschiedene Arten in sie eingebettet sind.

Um das Phänomen besser zu verstehen, ­müssen wir kulturelle Stereotypen und verkürzte ­Erklärungsansätze überwinden. Wie Recherchen zeigen, haben diese mafiösen Gruppierungen in Europa längst eine Form der strukturellen Allgegenwart erreicht: Sie verlagern sich nicht einfach von Italien in andere Staaten, sondern sind parallel in mehreren Räumen präsent – in wirtschaftlichen Infrastrukturen, sozialen Netzwerken und kulturellen Kontexten.

Doch wie geht man gegen kriminelle Organisationen vor, die – wie es der ehemalige italienische Anti-Mafia-Staatsanwalt Roberto Scarpinato beschreibt – zu „strukturellen Bestandteilen des internationalen Finanzkapitalismus“ geworden sind? Und genügt es wirklich, ihre finanziellen Strukturen zu analysieren, um sie zu verstehen? 
 

Es bleibt nicht in der Familie

Der Begriff „italienische Mafia“ verstellt den Blick auf wichtige Unterschiede. Selbst in Italien gibt es mindestens vier verschiedene mafiöse Organisationen, die sich in Struktur, regionaler Verankerung und Vorgehensweise deutlich voneinander unterscheiden.

Die bekannteste dieser Organisationen ist die sizilianische Mafia, die Cosa Nos­tra. Zwar wurde sie dank jahrzehntelanger intensiver Strafverfolgung in Italien deutlich geschwächt, insbesondere durch die wegweisenden Großprozesse der 1980er und 1990er Jahre. Dennoch verfügt sie weiter über stabile internationale Verbindungen, vor allem nach Nordamerika. 

In Europa tritt die Cosa Nostra heute weniger offen in Erscheinung als andere mafiöse Gruppen. Ihre Aktivitäten in Ländern wie Deutschland, Frankreich und Rumänien konzentrieren sich in der Regel weniger auf klassische Gewaltkriminalität, sondern auf Geldwäsche sowie die Unterstützung und Beherbergung von flüchtigen Mitgliedern.

Die Camorra – im Plural oft auch als „Camorras“ oder „Camorre“ bezeichnet – hat ihren Ursprung in Neapel und der Region Kampanien. Sie ist nicht zentral organisiert, sondern besteht aus einem fragmentierten, clanbasierten System mit Dutzenden rivalisierender Familien. Diese Dezentralisierung bringt strategische Nach- wie Vorteile mit sich. In Europa ist die Camorra besonders sichtbar in Spanien – vor allem an der Costa del Sol – sowie in den Niederlanden, wo sie über den Hafen von Rotterdam ausgeklügelte Kokainhandelsnetzwerke aufgebaut hat. Aufgrund ihrer zersplitterten Struktur spiegeln die Aktivitäten der Camorra in Europa häufig eher die Initiativen einzelner Clans wider als eine koordinierte Gesamtstrategie.

Auf Schmuggelaktivitäten aller Art haben sich die apulischen Mafiagruppen aus dem Südosten Italiens spezialisiert. Zunächst waren es Zigaretten, später harte Drogen, und mittlerweile werden auch Menschen transportiert. Diese Gruppen sind international weniger bekannt als andere Organisationen. Doch gerade im Zigarettenschmuggel verfügen sie über breit gefächerte Netzwerke, die sich vom Balkan bis nach Osteuropa erstrecken. Neuerdings organisieren sie auch Migrantenschmuggelrouten von der Türkei über Griechenland nach Westeuropa.

Weitaus mächtiger und weiter verbreitet ist die ’Ndrangheta aus Kalabrien. Traditionell auf Blutsverwandtschaft und Familienbündnissen aufgebaut, operiert sie über lokale Ableger mit flexiblen hierarchischen Strukturen. Über die Jahre hat sich diese Organisationsform als so widerstandsfähig erwiesen, dass die Gruppe weltweit expandieren konnte, ohne ihre kalabrischen Wurzeln zu gefährden. In Europa finden wir sie derzeit vornehmlich in Deutschland, der Schweiz, Belgien, Frankreich und den Niederlanden.

Was diese Gruppen nach italienischem Recht zu „mafiaähnlichen Vereinigungen“ macht, ist nicht ihre Organisationsstruktur, sondern die sogenannte Mafia­methode: eine Kombination aus Einschüchterung, omertà (Schweigepflicht) und der gezielten Erzeugung eines Zustands der Unterwerfung und der Komplizenschaft. So sichern sich diese Gruppen eine politische und wirtschaftliche Wirkmacht, die über den Einfluss gewöhnlicher krimineller Organisationen hinausgeht.

Wendet man diese Definition außerhalb Italiens an, dann führt das jedoch zu einer ganzen Reihe von ­konzeptionellen ­Problemen. Immerhin streben mafiaähnliche Organisationen hier nur selten eine komplette territoriale Dominanz an, wie es für italienische Vereinigungen üblich ist. Im europäischen Kontext geht es den Gruppen vielmehr um das, was Wissenschaftler als „funktionale Diversifizierung“ bezeichnen: um spezifische wirtschaftliche Aktivitäten wie Drogenhandel oder Geldwäsche. Statt ganze Gemeinschaften einzuschüchtern oder lokale politische Systeme systematisch zu korrumpieren, operiert man hier weniger sichtbar – und ist dadurch schwerer zu greifen. 

Kein Wunder also, dass europäische Strafverfolger so oft in die sogenannte Ethnizitätsfalle tappen: Sie sehen diese Gruppen in erster Linie durch die Brille der italienischen Migrantenidentität, anstatt ihre Anpassung an transnationale Wirtschaftssysteme und globale illegale Märkte anzuerkennen, die ihre Aktivitäten mittlerweile „entitalianisiert“ hat. 
 

Erfolgsrezept für Europa

Doch wie schaffen es kriminelle Organisationen, die in bestimmten Regionen Italiens verwurzelt sind, eine dauerhafte Präsenz in ganz Europa aufzubauen? Erklären lässt sich dieses Phänomen durch vier miteinander verknüpfte Dimensionen, die ihre Omnipräsenz verstärken.

Erstens: Infrastrukturen. Mafiaähnliche Organisationen verfügen über die bemerkenswerte Fähigkeit, sich in legale kommerzielle Infrastrukturen einzunisten und dabei sektorenübergreifend zu operieren. Ihr wichtigstes Investitionsfeld ist der Kokainhandel. Die Clans der ’Ndrangheta und der Camorra haben sich längst zu zentralen Playern auf dem europäischen Kokainmarkt entwickelt, wo sie sich neben kolumbianischen Kartellen, niederländischen Netzwerken und Gruppen aus dem Westbalkan in bestehende Schmuggelstrukturen integriert haben.

Die Häfen von Rotterdam und Antwerpen dienen dabei als zentrale Einfuhrschneisen. Im Rahmen der Operation „Pollino“ wurde 2018 offenbar, wie ’Ndrangheta-Clans italienische Restaurants und Lebensmittelimportfirmen als logistische Knotenpunkte für Kokainlieferungen aus Südamerika nutzten, wobei sich die Vertriebsnetze insbesondere auf Deutschland konzentrierten. Auch Camorra-Clans bauten ähnliche Strukturen mit Rotterdam als Fixpunkt auf. Aufgedeckt wurden sie durch Operationen wie „Edera“ im Jahr 2016 oder die Zerschlagung des verschlüsselten Kommunikationsnetzes „Sky ECC“ im Jahr 2020.

Mithilfe von verschlüsselten Plattformen lässt sich der 
illegale Handel grenzüberschreitend kontrollieren

Für die Präsenz der Mafia sind Wirtschaftszweige wie das Baugewerbe von zentraler Bedeutung. Die Operation „Scavo“ enthüllte 2014 ausgeklügelte Systeme mit Scheinrechnungen, durch die Millionenbeträge über legale Bauunternehmen gewaschen wurden. Diese standen im Wettbewerb um öffentliche Aufträge und nutzten dabei kriminelles Kapital von ­Cosa-Nostra-Clans, um reguläre Unternehmen preislich zu unterbieten.

Auch mithilfe von Finanzdienstleistern wird Geldwäsche betrieben. Die Operation „Helvetia“ (2014) zeigte, wie ’Ndrangheta-Clans Schweizer Anwälte und Berater einsetzten, um Treuhandstrukturen und Briefkastenfirmen zu errichten, über die Erlöse in Offshore-Gerichtsbarkeiten transferiert wurden. 

Und im Rahmen der Operation „Galassia“ (2018) wurde offenbar, wie ’Ndrangheta-Clans in Malta ansässige Online-Wett­anbieter und nicht lizenzierte italienische Wettbüros nutzten, um Erlöse aus Straftaten in Höhe von insgesamt über einer Milliarde Euro zu waschen.

Verschlüsselte Plattformen wie Sky ECC und EncroChat, deren Entschlüsselung zu zahlreichen Festnahmen in mehreren europäischen Ländern führte, sind die neueste infrastrukturelle Ebene. Sie ermöglichen eine sichere grenzüberschreitende Koordination des illegalen Handels.
 

Das doppelte Dorf

Sogenannte Beziehungsmechanismen bilden, zweitens, das soziale Gefüge, das geografisch unzusammenhängende Unternehmen miteinander verbindet: etwa über Vertrauensbeziehungen, Verpflichtungsnetzwerke und Reputationssysteme. Das Konzept des „doppelten Dorfes“ ist hierbei von zentraler Bedeutung, insbesondere für die ’Ndrangheta. Kalabrische Gemeinschaften und ihre Diaspora-Ausläufer in Deutschland, der Schweiz oder Belgien funktionieren häufig als weitgehend einheitliche soziale Ökosysteme.

Die Mafiamorde von Duisburg im Jahr 2007, bei denen sechs Männer vor einer italienischen Pizzeria ermordet wurden, spiegelten diesen Mechanismus in brutaler Weise wider. Die Morde markierten den Höhepunkt einer Blutfehde aus San Luca (einem Dorf in Kalabrien), die sich bis nach Deutschland ausgeweitet hatte. Innerhalb weniger Stunden wurden Informationen nahtlos zwischen Nordrhein-Westfalen und Kalabrien ausgetauscht, sodass ­Mitglieder der Gemeinschaft, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort, durchgehend auf dem Laufenden blieben.

Die Mafia hat den strikt italienischen Charakter hinter sich gelassen, auch wenn sie kulturelle Elemente des Landes strategisch nutzt

Im Rahmen der Operation „Eureka“ (2023) fanden die Ermittler unter anderem heraus, dass ein aus San Luca stammender Mann in Belgien seinen einschlägig bekannten Nachnamen sowie seine Verbindungen nach Duisburg genutzt hatte, um sich bei seinen Komplizen Gehör zu verschaffen: „Geh auf YouTube, damit du siehst, wer ich bin! Kennst du Duisburg? Dort wurden Leute aus meiner Familie getötet.“ Bis heute nutzen Mafiamitglieder in ganz Europa das Stichwort „Duisburg“, um ihre Glaubwürdigkeit zu untermauern: Auch ein krimineller „guter“ oder, ganz wie man es sieht, schlechter Ruf muss in der europäischen Unterwelt immer wieder bestätigt werden.

In „gesetzlosen Milieus“, in denen Konflikte intern geregelt werden müssen, ersetzen bekannte Mafia-Nachnamen formelle Absicherungen. Sie schaffen Vertrauen, reduzieren Unsicherheit bei Geschäften und sorgen durch die Angst vor Reputationsverlust für Disziplin.

Beziehungen werden dabei auf klassische Weise aufgebaut und gepflegt – etwa über Verwandtschaft oder über strategische Ehen und Patenschaften, die Loyalität auch über große Entfernungen hinweg stärken können. Ebenso wichtig sind aber Kontakte zu Personen mit unterschiedlichem Hintergrund und Zugang zu legalen wie illegalen Märkten. Vertrauen entsteht hier vor allem durch wiederholten persönlichen Kontakt; es muss sich im gemeinsamen Handeln immer wieder bewähren.
 

Flexibles Rollen-Repertoire

Drittens: Identität. Mitglieder von Mafiaclans sind darin geübt, das zu entwickeln, was der Soziologe Alessandro Pizzorno als „Band der Ich-Entwürfe“ bezeichnet hat – ein flexibles Repertoire an Rollen oder „Masken“, die je nach Situation ein- bzw. aufgesetzt werden. Diese Masken ermöglichen es, mehrere Rollen gleichzeitig zu verkörpern: die des angesehenen Geschäftsmanns, des Wohltäters der Gesellschaft und des verdeckten Agenten. Möglich wird diese Anpassungsfähigkeit durch „Transkulturation“ – also das Aufnehmen, Umformen und Neuinterpretieren kultureller Elemente. So können Clanmitglieder traditionelle süditalienische Dialekte nutzen, um innerhalb der eigenen Herkunftsgruppe Legitimität zu erzeugen, während sie im Kontakt mit brasilianischen Kokainlieferanten, niederländischen Logistikpartnern oder deutschen Kunden andere sprachliche und soziale Codes verwenden.

Ein Camorra-Mitglied in Barcelona könnte sich innerhalb der italienischen Community authentisch neapolitanisch zeigen, bei Immobiliengeschäften auf spanische Geschäftspraktiken umschalten und für die Koordination des Kokainhandels eine Sprache und Haltung annehmen, die auf brasilianische Vermittler zugeschnitten ist – und dennoch stets seine Loyalität zum Clan wahren.

In Diaspora-Kontexten bewegen sich Menschen immer in einem komplexen Identitätsfeld. Die Verschleierung krimineller Aktivitäten innerhalb breiterer ethnischer Zuschreibungen (wie Sizilianität, Kalabrier- oder Neapolitanertum) ist vor diesem Hintergrund ein gefährliches Muster, das die Verletzlichkeit von Diaspora-Gemeinschaften ausnutzt.

Organisationen der 
italienischen Mafia waschen jährlich Dutzende Milliarden Euro

Das wirft wiederum Fragen zum Begriff „italienische Mafia“ auf. Wenn deutsch-italienische Nachkommen der zweiten Generation mit nur noch losem Bezug zu Italien in Operationen der ’Ndrangheta eingebunden sind oder wenn Nicht-Italiener für die Netzwerke der Camorra unverzichtbar werden, wird eine rein ethnische Einordnung analytisch problematisch. Mafiaorganisationen haben den strikt italienischen Charakter hinter sich gelassen, auch wenn sie weiterhin Elemente der süditalienischen Kultur als strategische Ressourcen nutzen.

Viertens: Narrative. Alle Mafiaorganisationen in Italien greifen auf historische Narrative zurück, die sich oft auf die Marginalisierung Süditaliens, wirtschaftliche Vernachlässigung und institutionelle Verfolgung beziehen. Das beruht auf realen Erfahrungen von Diskriminierung und struktureller Unterentwicklung nach der nationalen Einigung Italiens. Nach dieser Lesart sind die Mafia­organisationen Schutzstrukturen für die lokale Bevölkerung. Dabei werden Opferrollen überhöht und regionale Abschottungen befördert.

Derartige Deutungsmuster können Ressentiments verstärken. Eine staatskritische Rhetorik wird so übersteigert, dass sie bürgerliche Werte untergräbt und sich in Demokratiebashing, Steuervermeidung, Klientelismus und institutionellem ­Misstrauen äußern kann. Solche Narrative werden auch über Italien hinaus reproduziert und finden in gesellschaftlichen Gruppen Resonanz, die sich als marginalisiert erleben. Dadurch, dass sie Deutungsangebote liefern, die Regelverstöße relativieren oder normalisieren, können sie indirekt kriminelle Verstrickungen erleichtern.
 

Mafia als Teil des Finanzkapitalismus

Mafiagruppen sind heute strukturelle Bestandteile des internationalen Finanzkapitalismus. Die weltweite Geldwäsche macht nach Schätzungen rund 2 bis 5 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts aus. Organisationen der italienischen Mafia­ sollen dabei jährlich für Dutzende Milliarden Euro verantwortlich sein. Dieses Geld zirkuliert durch Banken, Immobilienmärkte, Börsen und legale Unternehmen und ist von sauberem Kapital kaum noch zu unterscheiden.

Eine Schweizer Bank, die Überweisungen eines scheinbar legitimen italienischen Import-Export-Unternehmens verarbeitet, könnte so zur Geldwäsche für Drogen­erlöse der ’Ndrangheta beitragen. Eine Londoner Immobilienfirma, die Luxuswohnungen an Offshore-Gesellschaften verkauft, könnte unbeabsichtigt Geldwäscheaktivitäten der Camorra ermöglichen. Ein rumänisches Agrarunternehmen, das EU-Subventionen erhält, könnte letztlich unter Kontrolle der Cosa Nostra stehen. All dies sind dokumentierte Fälle.

Die beteiligten Berufsgruppen – Banker, Anwälte, Wirtschaftsprüfer, Immobilienmakler – bewegen sich häufig in rechtlichen Grauzonen. Sorgfaltspflichten werden oft nur im Minimalmaß erfüllt, während formal korrekte Erklärungen zur Herkunft der Gelder und zur Legitimität der Geschäftspartner akzeptiert werden.

Mafiaorganisationen sind nicht allein durch geschickte Geldwäsche oder die Ausnutzung regulatorischer Lücken zu strukturellen Bestandteilen des europäischen Kapitalismus geworden. 

Sie haben sich diese Position auch dadurch „erarbeitet“, dass sie als funktionale kriminelle Netzwerke und als soziale ­Infrastrukturen zugleich agieren: Sie sind tief in bestimmte Gemeinschaften eingebettet, arbeiten mit komplexen Identitätsrepertoires und übersetzen historische Missstände geschickt in zeitgemäße Narrative, die Benachteiligung betonen und Rachegelüste wecken.
 

Zentraler Faktor Kultur

Im Kontext von Mafiaorganisationen in Europa, aber auch darüber hinaus (etwa in Kanada, den Vereinigten Staaten und Australien), sind kulturelle Mechanismen keine Randerscheinung, sondern zentrale Faktoren, die organisatorische Anpassung, Kontinuität und Reproduk­tion im Rahmen von Migrationsprozessen ermöglichen.

 Eine rein strukturelle Analyse kann nur schwer erklären, warum Begriffe wie „italienische Mafia“ selbst dort bestehen bleiben, wo nur geringe nachweisbare Kriminalität von „Italienern“ vorliegt; warum Diasporagemeinschaften Neuankömmlingen, die sich der Strafverfolgung in Italien entziehen, zumindest passiv Schutz bieten; oder warum jüngere Generationen trotz intensiven Ermittlungsdrucks weiterhin in mafiöse Strukturen eingebunden werden. 

Wirksame Gegenmaßnahmen müssen gleichzeitig auf Infrastrukturen, Beziehungen, Identitätsmechanismen und Narrative zielen

Diese Phänomene erfordern ein Verständnis von Kultur nicht als statischem ethnischem Marker, sondern als dynamischer, strategisch nutzbarer Ressource, die fortlaufend reproduziert wird. Solange das soziale Gefüge, das diese Organisationen trägt, im In- und Ausland intakt bleibt, sind sie stets imstande, ihre Aktivitäten selbst nach erheblichen Erfolgen der Strafverfolgung wieder zu starten.

Umgekehrt wäre ein rein kultureller Ansatz, der materielle und operative Dimensionen ausblendet, ebenso unzureichend. Das Konzept der „Allgegenwart“ legt nahe, dass wirksame Gegenmaßnahmen gleichzeitig auf Infrastrukturen, Beziehungen, Identitätsmechanismen und Narrative zielen müssen, was eine deutlich komplexere Aufgabe ist, als sich ausschließlich auf finanzielle Kanäle oder kulturelle Interventionen zu konzentrieren.

Europäischen Behörden außerhalb Italiens fehlt es zudem häufig an einem tiefgehenden Verständnis der Organisationskultur, Symbolik und Praktiken der Mafia. Solche Wissenslücken führen dazu, dass Mafiaaktivitäten oft erst dann erkannt werden, wenn sie offen kriminell sichtbar werden – etwa durch Drogenfunde, Gewalt oder offensichtlichen Betrug –, während der breitere organisatorische Kontext und damit auch präventive Ansatzpunkte kaum berücksichtigt werden. 

Selbst wenn Ermittler tiefergehende Strukturen aufdecken, stoßen sie oft auf verfahrensrechtliche Probleme: Unterschiede in nationalen Rechtssystemen, Ermittlungsbefugnissen und Beweisstandards, die illegale Kapitalflüsse mitunter überhaupt erst möglich machen. Die Bekämpfung grenzüberschreitender Mafia­aktivitäten erfordert deshalb vor allem eines: eine langfristig angelegte internationale Zusammenarbeit.

Aus dem Englischen von Kai Schnier              

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Bibliografische Angaben

Internationale Politik Special 4, September 2026, S. 36-42

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Prof. Dr. Anna Sergi lehrt Rechtssoziologie und Devianz an der Universität Bologna.

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